Der 93ste.

Heute ist Opi Walters 93ster Geburtstag.
Vor drei Monaten ist sein Grab vom Friedhof verschwunden.
Seit bald drei Jahren wohnen wir hier im Haus seiner Eltern.

Opi Walter ist der Vater meiner Mutter.
Er wuchs im Toggenburg auf, lernte hier seinen Beruf.
Wie alle in diesem Familienstrang arbeitete auch er im Textilsektor.
Das war wohl auch der Grund, warum er in den 70er Jahren seine Arbeit verlor.
Er wurde zum Eigenbrötler. Er war ein Mann, der gerne gearbeitet hat.

Mit knapp 20 Jahren wurde er ins Militär eingezogen.
Das war 1944.
Er blieb Zeit seines Lebens ein Kriegsgegner.
Aber das Militär hat er nicht verdammt.
An seiner Beerdigung 1997 waren seine Freunde anwesend, mit denen er im Krieg seinen Dienst geleistet hatte.

Opi förderte meinen Wissensdrang. Für ihn war es gar kein Thema, dass ein Mädchen Naturwissenschaften NICHT verstehen könnte. Er sagte, mir stehe die Welt offen.

Ich sitze in der Stube, wo er vor über 20 Jahren verstorben ist. Es ist alles anders und doch vieles gleich. Ich vermisse seinen Blick, seine warme Stimme, den Geruch seiner Pfeife. Manchmal schliesse ich die Augen und höre ihm zu, wie er über den Lauf der Welt sinniert, wie er flucht und wie er lacht. Er fehlt.

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opa walter

heute ist also der 7. januar.
heute vor 16 jahren starb walter, mein opa.

ich bin natürlich nicht mehr so traurig wie damals.
walter war schwer krank. er litt an leber- und lungenkrebs und ist einfach so, ganz langsam, innerhalb von drei monaten gestorben. er wurde immer dünner, seine haut pergamentartig und am ende gelb. walter hatte strahlend blaue augen, ein wenig wie peter o’toole in „lawrence von arabien“. er hatte auch blondes haar.

walter bekam am ende morphium und ist, begleitet von paula, um punkt acht uhr morgens verstorben. paula war sehr verstört. sie und walter hatten jahrelang streit. zumindest hab ich es als das angeschaut. sie schrien sich gerne an. heute deute ich das als leidenschaftliches lieben.

paula sagte mir, am ende seien sie so nah beieinander gewesen wie damals, als sie sich in ihn verliebt hat und er sich in sie. sie sagte sogar, sie hätte sich wieder eine intime beziehung vorstellen können.

all das schwirrt mir heute durch den kopf.

ich denke an den schlichten, ja ärmlichen sarg, geschmückt mit gestanzten goldenen kartonblumen. wenig kränze. einige ältere herren, die mit ihm im aktivdienst waren,sind traurig. walter war ein lustiger, einer, der die musik im blut und den roséwein in den adern hatte. sie alle, die überlebt hatten, kamen an seine beerdigung. ich stehe zwischen meiner schwester und paula, meine mutter nebendran. meine schwester und ich weinen wie schlosshunde, als wir im trauerzug durch das städtchen laufen. ich weine, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass opa in dieser schäbigen kiste drin liegt. ich will mir nicht vorstellen, dass er nicht seinen blaumann trägt, sondern seinen anzug für den ausgang. das hier war alles andere, aber nicht ausgang.

für mich bleibt er mein lieber opa. schon früh hatte er wenig zähne. grauenvolle angst vor dem zahnarzt, weil ihm während des krieges einer wirklich weh gemacht hat. mit opa habe ich eisenbahn gespielt. über archäologie, physik, chemie und den zweiten weltkrieg diskutiert, werkzeuge geputzt und sortiert. geflucht. oh ja. wir beiden konnten wunderbar zusammen herumfluchen.

opa walter war wie alle männer meiner familie: sanft. lieb. friedlich. er hat uns kinder sehr gemocht. ich glaube, er war furchtbar stolz auf uns. am 25sten dezember 1996 bat er mich in die stube, wo er zwei wochen später sterben würde. er segnete mich und bat mich, alle meine träume zu leben. er sagte: „du kannst das. du bist wunderbar.“

dann ging ich. ich hab ihn nie wiedergesehen ausser in meinen träumen.