Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

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Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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Vergessen

Omi ist jetzt fast fünf Monate tot. Es erscheint mir, als wäre es gestern oder nie passiert.

Ich sitze in Omis Garten, während ich dies schreibe. Der Wunsch, dass sie jetzt neben mir sitzt, so wie damals, als wir Foto für Foto aus der Familienkiste besprochen haben, ist riesig. Das wird sie nie mehr tun. Die Bank, auf der wir vor bald 20 Jahren gemeinsam sassen, ist längst verrottet und steht auf unserer Wiese.

Noch vor einem Jahr war sie im Pflegeheim und ich habe sie besucht.
Ich war nicht jeden Tag da. Auch nicht wöchentlich.
Es ist viel eher so, dass ein Pflegeheim seine eigenen Abläufe und Gesetze hat.
Es war immer jemand für Omi da.

Omi schloss ihre Pflegenden ins Herz und trotz aller Trauer meinerseits
tat mir das gut.

Es war sehr schmerzhaft, den eigenen Namen und die Geschichte in ihren Augen zu verlieren, gerade weil sie mich immer so sehr geliebt hat.
Aber all das hatte auch etwas Gutes.
Man ist austauschbar.
Ihre Gefühle für andere Menschen waren nicht mehr nur auf mich konzentriert.

Es hat mich immer sehr gefreut, wen sie mochte.
Das waren immer Frauen, mit denen auch ich sehr gut auskam. Die ich für besonders fähig und gut hielt. Es hat mich sehr gefreut, dass einige von ihnen an Omis Beerdigung kamen.

Einerseits war es schön, dass sie andere Menschen an sich heranliess, sie mochte und mit ihnen Beziehungen aufbaute.
Aber es tat mir immer wieder sehr weh, dass sie mich einfach vergessen hatte, so als wäre ich nicht fast vierzig Jahre an ihrer Seite gewesen.

„Lass los“, dachte ich mehr als einmal

Geschenke

Vor einem Jahr war alles anders, dachte ich vor einigen Tagen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne Omi aussehen würde. Oder könnte.
Zwischendurch überkommt mich die Trauer um Omi wie eine grosse, warme Welle.
Ein Bild. Ein Gedanke. Ein Lied.
Meine Tränen fliessen einfach.

Immer wieder verspüre ich den Wunsch, ihr zu zeigen, was wir mit dem Haus machen, wie wir leben und wie wir das Andenken an sie hoch halten. Es gibt noch soviel zu tun, dass wir eigentlich keine Zeit haben, Trübsal zu blasen.

Und doch: Sie fehlt.
Zwischendurch sehe ich mir Videos von ihr an, die ich im Pflegeheim gemacht habe, weil ich wusste, ich will und muss mich an ihre Stimme erinnern. Auf einem Video hat sie gesungen und Quatsch gemacht. Sie schaut schelmisch in die Kamera und zwinkert mir zu. Wenn ich wirklich traurig bin, schaue ich mir das an und lache und weine.

Omi hat mir zeitlebens so viele Geschenke gemacht. Sie hat mich vor allem, was nicht gut war, beschützt und mir immer gezeigt, dass ich liebenswert bin. Ich habe versucht, am Ende ihres Lebens einfach da zu sein. Es hat mir fast das Herz herausgerissen. Dank Omi habe ich viel gelernt über Langsamkeit, Geduld, Humor und die Liebe.

Vielleicht ist das grösste Geschenk von Omi jenes, dass ich heute über Demenz schreiben und sprechen darf. Dass ich so vielleicht anderen Angehörigen helfen kann, nicht zu verzweifeln, sondern einen Weg zu finden, mit dem Vergessen umzugehen. Dafür bin ich Omi dankbar.

Umarmung

Vielleicht lichten sich jetzt endlich meine Schatten.
Ich habs nämlich heute geschafft, Omis erste Kiste aufzuräumen.

Omis letztes Hab und Gut steht seit ihrem Tod in unserem Vorratsraum, dem kalten Zimmer. Seit Januar besass ich null Energie, ihre Sachen zu sortieren und zu verstauen.
Jetzt fühle ich mich etwas anders.

Das liegt vielleicht auch daran, dass ich morgen „unser“ Auto weggebe und ein neues abhole. Es ist Frühling und alles verändert sich.

Mit dem alten Auto sind Omi und ich ab 2009 in der Gegend herumgegondelt, einkaufen oder Essen gegangen und nach Einsiedeln zur Klosterkirche gefahren. Omi mochte das Auto, weil es so bequem war für sie zum Sitzen. Ich hatte das Auto gekauft, damit Omi besser einsteigen und die Fahrt geniessen konnte.

Seit Januar hab ich das Gefühl, ich brauche den alten Mercedes nicht mehr. Omi ist nicht mehr da und für den harten Winter hier oben ist es leider vollkommen untauglich. Das Auto hat mich nie im Stich gelassen, sondern mir viele schöne Stunden beim Reisen durch die Schweiz beschert. In diesem Auto habe ich damals auch Omi ins Pflegeheim gefahren und ihre Sachen aus dem Pflegeheim abgeholt. Ich glaube, es hat seinen Dienst getan.

In der ersten Kiste stiess ich auf massenhaft Taschentücher, die Überbleibsel ihrer Plastiksacksammlung, einige Püppchen, ein Fotoalbum mit witzigen Fotos von uns und ihre Halstücher.

Als ich Omis Halstücher in die Hand nahm, durchfuhr mich ein warmer Schauer. Ihr mintgrünes hab ich immer besonders gemocht und darum wollte ich auch nicht, dass sie es im Sarg trägt. Ich faltete es auf und legte es mir um den Hals. Früher nämlich, wenn Omis Hände schmerzten, musste ich es ihr jeweils schön um den Hals drapieren und danach noch ihre Frisur kämmen. Das mochte sie sehr. Als ich das Tuch an meiner Haut spürte, musste ich weinen. Es fühlte sich genauso an wie damals. Ein wenig roch ihr Halstuch noch immer nach ihr, so als wäre sie nur kurz im Bad und käme gleich zurück.

Nein, ich weiss, sie kommt nicht zurück. Aber ich werde wohl nun öfters Halstücher tragen.

Unterwegs

Schon seltsam. Ich fahre mit dem Zug durch den Thurgau. Das letzte Mal hab ich das getan, als Omi starb und es viel schneite. Ich lasse mein Auto heute erneut stehen. Am Freitag kann ich mein neues, voralpentaugliches Gefährt abholen. Bis dahin mag ich mich von dem verdammten Schnee nicht mehr stressen lassen.

Alles um mich herum blüht. So mag ich meine alte Heimat am liebsten. Der Duft der Apfelblüten ist der Geruch meiner Kindheit.

Omi und ich fuhren gerne miteinander im Zug. Damals durfte man nämlich noch rauchen und es gab keine Smartphones. Wir unterhielten uns stundenlang und entdeckten gemeinsam wundersame Dinge durchs Fenster.

In Wil fällt mein Blick in Richtung Iddaburg.
Dort haben Opi und Oma vor 65 Jahren geheiratet.
Omi und ich waren nie gemeinsam da. Der Ort hat auf mich eine magische Ausstrahlung.
Die Sicht von dort oben ist atemberaubend und ich fühle mich nach jedem Besuch frei und ruhig.

Ich muss da unbedingt mal wieder hin.

Ostern ohne Omi

Das erste Mal Ostern feiern ohne Omi. Wie soll das nur gehen?
Beim Nachlesen der Einträge der letzten Jahre weiss ich nicht recht, ob ich schmunzeln oder weinen soll. Feiertage ohne Omi sind einfach kacke.

Es ist seltsam, das erste Mal, seit ich lebe, Omi an diesem Feiertag nicht zu sehen.
Irgendwie krieg ich es nicht zusammen.
Auf den Friedhof mag ich nicht gehen. Was soll ich da? Ostereier verstecken?

Stattdessen werde ich mich wohl auf den Garten konzentrieren. Die Magnolien blühen. Die Primeli leuchten in allen Farben. Die Tulpen werden auch bald ihre Köpfchen gegen den Himmel wenden.

Ich bin sehr traurig. Omi fehlt mir einfach. Ihr Lächeln. Ihre träfen Sprüche. Ihre lieben Worte. Die Berührungen ihrer alten Hände. Mir bleibt nur die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit.