Gewöhn dich dran!

Ja, ich weiss. Ich muss mich dran gewöhnen.
Tu ich ja auch. Trotzdem tut es mir jedes Mal weh.
Ich weiss nicht genau, warum.

Ich meine, wir haben immer so viel gesprochen. Und jetzt reden wir wenig. Wir lachen oft. Ich versuch mich daran zu gewöhnen, dass Namen nicht mehr wichtig sind. Dass mein Name nicht mehr wichtig ist.

Ich mach ihr keinen Vorwurf. Aber es schmerzt mich trotzdem.

Sie wusste immer alles. Sie kannte jeden Namen. Sie arbeitete als Verkäuferin, da musst du dir sehr rasch alle Nachnamen und die jeweiligen Titel, besonders der männlichen Kunden, merken. Ihr Gedächtnis war phänomenal.
Sie kannte alle Haupt- und Nebendarsteller von „California Clan“, „Denver Clan“, der „Lindenstrasse“, „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ und „Dallas“. Sie verfügte auch über die aussergewöhnliche Fähigkeit, die Namen sämtlicher Adeligen Europas zu auswendig zu wissen.

Heute morgen besuche ich sie.
Sie sitzt da, sieht mich. Lächelt und sagt meinen Namen.
Ich steh da, weine nicht, sondern umarme sie.
Für einen Moment lang ist alles wie früher.
Ich halte Omi und den Augenblick fest im Arm.

Entmüllt.

Ich hab die letzte Nacht, wie schon die letzten Nächte, vom Haus geträumt. Immer wieder schleppte ich Säcke und Kartons weg. Doch der Berg wurde nicht kleiner. Ich roch die vergammelten Erinnerungen, den spröden Plastik, Gummiringe, Mottenkugeln.

Genug!

Wir fuhren ins Toggenburg zum Haus. Es zu sehen, war tröstend. Wie jedes Mal, wenn wir da sind, öffne ich Fenster und Läden. Lasse frische Luft hinein. Wie schon die letzten Tage stand plötzlich Röteli, Omis Gastkatze da. Sie miaute mich an, kam aber nicht ins Haus. Mir scheint, als wüsste die Katze genau, dass Omi hier nicht mehr wohnen wird.

Ich mache mich ans weitere Entmüllen. Zum Glück ist heute im Ort Müllsammlung. Wir packen also alles, was weg muss, in Müllsäcke, kleben Kehrrichtmarken drauf und weg damit. 12 Säcke à 35lt entsorgen wir. Der Vorratsraum sieht mit einem Mal wieder herrlich leer aus.

In Omis altem Schlafzimmer leere ich weitere Schubladen. Mehr als einmal finde ich kleine Zettelchen, die sich zur Erinnerung geschrieben hat. WC. Schlüssel! Paula!! Wäsche waschen! Essen kochen! Zora anrufen. Katzenfutter.

Ich weiss nicht, wie viele Zettel sie geschrieben hat und wie viele ich noch finden werde. Einige sind datiert.
Ich stelle fest, dass Paula sehr viel früher als ich gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Ich bin traurig, weil mir mit einem Mal bewusst wird, wie einsam ihre letzten Jahre im Haus gewesen sein müssen.

Ich finde in Kleiderschränken sorgsam in Plastik-Tiefkühlbeutel verpackte Werkzeuge. 10 Säcke à 60lt mit alten Kleidern finden ebenfalls ihren Weg in die Altstoffsammlung.

Die Krippe ist im Vorratskasten verräumt. Meine Kinderzeichnungen sind im Schlafzimmer in einer Schublade. Sie sind mit meinem Namen angeschrieben. Ich erinnere mich mit einem Mal, wie oft Omi erzählte, dass sie sich meine Bilder ansieht, wenn sie traurig ist. Ich brings nicht übers Herz, die Zeichnungen wegzuschmeissen. Ich lege sie wieder hinein in die Schublade. Morgen ist auch noch ein Tag.

Paula und die unbekannte Frau

Meine Oma Paula war immer ein aussergewöhnlicher Mensch. Mit ihr herumzureisen machte mir immer sehr Spass. Als Kind und später als Teenager war ich immer besonders stolz auf meine junge und liebe Omi.

Bei meiner Geburt war sie 49 Jahre alt. Sie befand sich im besten Alter, um ihrer Ansicht nach alle Fehler, die sie an meiner Mutter begangen hatte, wiedergutzumachen. Ich lüge nicht, wenn ich sage: kein Mensch hat mich jemals so gern gehabt wie sie. Ich war ihr grösster Schatz und sie meiner.

Aber ich bemerkte auch Schattenseiten. Omi konnte nie das Haus verlassen, ohne auf halbem Weg noch einmal zurück zu gehen. Sie eilte zur Haustüre und schaute nach, ob sie sie auch wirklich geschlossen hatte. Als Opi Walter noch lebte, kehrte sie zurück, um zu schauen, ob sie den Strom abgestellt und den Schlüssel mitgenommen hatte. Manchmal geschah dies mehrmals und es dauerte nur schon eine halbe Stunde, bis wir das Haus verlassen hatten.

Für uns Kinder war dieser Spleen einfach nur nervig.

Als Paula älter wurde und nur noch ich da war, versuchte ich, sie zu unterstützen. Geduld musste ich langsam lernen. Nichts ging mehr schnell. Ein kurzer Wocheneinkauf dauerte einen Tag. Ich bemerkte, wie ich jeweils wütend wurde, wenn sie wieder etwas suchte. Die Knöpfe in ihren Taschentüchern. Der heilige Christopherus. Alle sollten helfen, dass sie sich erinnert.

Aber wir wussten es wohl beide besser. Die Erinnerung kam nur noch so, wie sie es wollte. Das Portemonnaie finden? Keine Chance. Stattdessen lebte Oma in der Zeit, in der ihre Eltern noch lebten.

Ich verschwand langsam. Nach dem Tod meiner Mutter bleichte mein Name aus. Ich hiess nun Ursle wie meine Mutter in jungen Jahren. Den Namen der Toten zu hören, tat weh. Mehr als einmal bin ich weinend nach Hause gefahren.

Omi Paulas Erinnerung verschwand und mit ihr auch ich, Zora, aus ihrem Leben. Doch irgendwie machte etwas anderes Platz. Wir waren mit einem Mal Paula und ich ihr Gegenüber. Ich, die Frau ohne Namen, mit tausend Namen, ich auf der Suche nach mir selber. Danke, Paula.

 

zora sofa omi

Omi und ich ca. 1978