Tag zwei

Die Nacht war unruhig. Aber irgendwie bin ich erstaunlich wach.
Mein Körper fühlt sich noch immer wie durch den Wolf gedreht an.
Hunger verspüre ich keinen.
Ich gehe arbeiten und das Denken tut erstaunlich gut.

Am Vormittag meldet sich das Pfarramt.
Der Termin steht jetzt fest. Freitag in einer Woche.
Ich habe genügend Zeit für die Vorbereitungen.
Morgen früh um neun läuten für Omi die Glocken.
Am Samstagabend ist ein Gottesdienst.
Dann Beerdigung.
In einem Monat wieder ein Gottesdienst.

Vor zehn Jahren haben Omi und ich gemeinsam Mami beerdigt.
Gespräch mit dem Pfarrer.
Samstagabend-Gottesdienst.
Beerdigung.
In einem Monat wieder ein Gottesdienst.
Ich denke: damals warst du an meiner Seite.
Rituale geben Sicherheit.
Ich tus für dich.
Dir wars wichtig.

Anders als damals bei meiner Mutter
fühle ich, dass Omi nicht mehr da ist.
Sie ist einfach weg.

Ich rufe die Gemeindeverwaltung an, um die Beerdigung zu melden.
Ich muss entscheiden, was auf Omis Holzkreuz geschrieben steht.
Ihr Taufnahme war Paulina.
„Paula“, sage ich.
Wieder spreche ich aus, dass sie nicht mehr ist.
Ein Schritt weiter.

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Mein Name und der September

Mir geht in diesen Tagen viel durch den Kopf. Ich bin müde. Es zehrt an meinen Kräften. Der September ist nicht mein Monat. Selbstmordmonat. Das Leiden meiner Mutter steckt mir in den Gliedern. Die bunten Farben der Jahreszeit trügen noch immer.

Heute war einer dieser wunderbaren Spätsommertage. Es ist warm. Ich sitze an einem See, der so blau ist wie die Augen meines Grossvaters. Noch sind die Wiesen grün, doch die Blätter der Bäume verfärben sich bereits.

Die Menschen wirken glücklich. Der See ist warm. Ich bade, spüre das Wasser auf meiner Haut. Weit hinten sehe ich die Berge und irgendwo dazwischen steht mein Haus und wartet auf mich.

Ich hatte vor einigen Tagen eine Art Abszess am Hals. Mit einem Mal kamen mir all jene Gefühle wieder hoch, die ich längst vergessen, oder zumindest gut verstaut, glaubte: Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Wenn mein Körper aus irgendeinem Grund aufgibt?

Das Laufen habe ich zwei Mal gelernt. Das zweite Mal tat mehr weh. Eine Frau zu werden war auch nicht leicht. Jetzt zu verstummen ist mein Albtraum.

Manchmal denke ich an meine Mutter und die Art, wie sie meinen Namen gesagt hat. Sie wird ihn nie wieder sagen. Auch Oma kennt ihn nicht mehr. Für sie bin ich meine Mutter, ihre Schwester, ihre Mutter. Aber nicht ich. Warum also noch über mich und meinen Namen nachdenken?

Der einzige Mensch, der noch von Anfang an weiss, wie ich wirklich heisse, ist mein Vater. Er hat sich daran gewöhnt, dass mich mein Umfeld zora nennt. Alpha und Omega. Anfang und Ende. So ist es nämlich.

Und nun fallt über mich her wie Tiere und zerreisst meinen Namen. Denn ihr habt keine Ahnung von Verlust, Wut und Sterben.