Raum schaffen

Heute, nach über zwei Wochen kam ich endlich dazu, mein Atelier einzurichten. Ich gebe es gerne zu: es hat mir davor gegraust. Es war mir zu kalt, zu dunkel und ich war zu erschöpft, um in der Kälte des Kellers Möbel herum zu rücken.

Heute findet in unserem Städtchen der Funkensonntag statt. Das ist ein heidnischer Brauch, eine Mischung aus Laternliumzug und Böögg-Verbrännis. Früher hat man so den garstigen Winter vertrieben. Ich dachte mir: das passt. Wenn der Winter heute gehen muss, kann ich mein Atelier aufräumen.

Zehn Kisten habe ich ausgepackt, Regale und Schubladenschränke an den richtigen Ort gerückt. Erstaunlicherweise hatte alles Platz. Mein PC ist installiert. Ich habe meine Steuerunterlagen wieder gefunden. Ich staune, wie viele Post-its sich in meinem Besitz befinden.

Dann stosse ich in einer unscheinbaren Schachtel auf Familienfotos. Sie gehörten meiner Uroma Röös, der zweiten Frau von Henri. Ich habe sie bisher nie angeschaut. Ich sehe mir Bilder von Babies an. Trauerbilder. Ich erfahre so, dass Röös‘ Enkelin 1971 mit neun Jahren gestorben ist. Und: ich erkenne auf Bildern aus den 30er Jahren ihren ersten Mann, den geheimnisvollen. Er schien ein wohlhabender Mann gewesen zu sein.

Beim weiteren Blättern stosse ich schliesslich auf Bilder meiner Urgrossmutter Anna. Sie sind uralt. Sie ist schwarz gekleidet und steht neben einer Frau, die ihr aufs Haar gleicht. Ich stelle die Bilder auf meinem Hausaltar auf.

Das habe ich mir nämlich vorgenommen: an dem Ort, an dem ich schreiben, nähen und malen werde, werden ihre Bilder stehen. Ich hege die Hoffnung, dass sie so alle immer bei mir sind und mir über die Schultern schauen.

Am späten Nachmittag erhellt die Sonne den Raum und alles der Schnee leuchtet hell. Ich verräume Nadeln, Wolle, Schnittmuster und Bücher und setze ich mich hin. Der Raum, in dem ich jetzt sitze, hat sich innerhalb zweier Jahre komplett verändert. Er ist wie neu geboren.
Ich bin müde, aber glücklich.

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Handarbeit. Herzarbeit.

In meiner Familie mütterlicherseits wurde Handarbeit seit Generationen gepflegt und gelebt.

Mein Urgrossvater Henri arbeitete in einem Spinnerei-Betrieb im Toggenburg, ebenso wie meine Stief-Urgrossmutter Rosa. Im Estrich zeugen mehrere alte Strickmaschinen vom privaten Interesse meiner Urgrosseltern an diesem Handwerk. Gewisse alte Schränke sind voll mit Stoffen und Fäden. Nadeln, Borten, Spitzen, alles ist im Haus meiner Familie zu finden.

Auch mein Grossvater Walter arbeitete in der Textilbranche. Von ihm habe ich jede Menge technischer Bücher über Webmaschinen und Schnittmuster vererbt bekommen.

Meine Oma Paula war und ist nicht besonders handwerklich begabt. Nein, sie mochte nie Handarbeiten. Ihre Qualitäten lagen in der Kommunikation und der Herzlichkeit ihres Wesens.

Wenn ich an meine Mutter denke, so sehe ich sie auf ihrem Sofa sitzend, umgeben von Wollknäueln, Nadeln und Mustern. Sie liebte es zu häkeln. Riesige Decken aus Wollresten hat sie angefertigt und verschenkt, eine jede ein Kunstwerk mit viel von ihr gemacht.

Ich muss daran denken, was sie alles ausprobiert hat. Sie konnte Kleider nähen, Patchwork, Socken und Pullover stricken, Deckchen häkeln. Sie war so geschickt. Sie liebte Farben über alles.

Als meine Mutter im Spital und später im Pflegeheim lag, strickte sie Babysocken. Sie konnte nicht damit aufhören. Sie hatte vor über dreissig Jahren damit angefangen. Das Muster konnte sie längst ohne Vorlage stricken. Sie sass in ihrem Bett und schaute auf ihre Arbeit. Dann sagte sie:

„Zora, wann strick ich für dich Babysocken? Wann kriegst du ein Kind? Wann machst du mich zur Grossmutter?“

Was hätte ich sagen sollen? Nie? Mutter, du stirbst?

Ich schwieg.

Vor ein paar Tagen räumte ich mein Nähzimmer auf. In einer Kiste stiess ich auf die hellblauen Babysocken. Sie sind noch immer nicht vollendet Ich musste mich setzen. Sieben Jahre ist sie tot. Ich weine.

Die Nachthemd-Herausforderung

Gestern kriegte ich in meinem Nähkurs eine sehr spezielle Situation mit, die mich noch bis spät in die Nacht beschäftigt hat.

Seit einigen Jahren gehe ich in einen Nähkurs, der von einer Hauswirtschaftslehrerin geleitet wird. Das tolle an diesem Kurs ist, dass die Atmosphäre entspannt und arbeitsam ist. Das Angebot wird mehrheitlich von Frauen Mitte 50 bis 70 wahrgenommen, aber immer mal wieder kommen auch jüngere Frauen, die gerade Kleider für ihre Kinder nähen.

Für mich ist der Kurs eines der wenigen Hobbies, welche ich mir so planen kann. Beim Nähen kann ich mich entspannen.

Gestern sass hinter mir eine ältere Frau, die nur ausnahmsweise in den Kurs kam. Sie hatte mehrere Barchetnachthemden mitgebracht, die sie unter Anleitung der Lehrerin abänderte. Ich kriegte mit, dass die Kleider ihrer demenzkranken Mutter gehörten.

Ich war neugierig und fragte die Frau, warum sie die Hemden zerschneide. Sie antwortete mir, dass ihre Mutter eigentlich immer lieber Pyjamas getragen habe. Nun, da sie schwer pflegebedürftig sei, müsse sie Nachthemden tragen. Da die Mutter aber plötzlich nachts stark schwitze, bewege sie sich mehr im Pflegebett, so dass es bei einem normalen Hemd Falten gäbe, die sich auf ihre Haut auswirkten.

Aus diesem Grunde hatte die Pflegefachfrau sie gefragt, ob sie die Nachthemden der Mutter abändern könne. Sie sollte auf dem Rückenteil den Stoff aufschneiden, damit der Rücken frei liege. Die Arme sollte sie weiten, damit die Pflegenden sie der Mutter besser anziehen könnten.

Ich war konsterniert.
Einerseits fand ich es schade, dass die Mutter, die wohl gerne Pyjamas getragen hatte, nun Nachthemden tragen musste. (Wie kommt das wohl mal raus, wenn ich ins Pflegeheim gehen sollte?? Ich schlafe nackt!!)

Andererseits fand ich es schön, dass die Tochter zumindest die gewohnten Kleidungsstücke der Mutter abänderte. Strange fand ich, dass dem Komfort der Pflegenden soviel Gewicht gegeben wurde. Meiner Meinung nach stellt es kein Problem dar, einer pflegebedürftigen Person ein nicht abgeändertes Kleidungsstück anzuziehen.

Fragen über Fragen…

ein abend ohne paula

alle zwei wochen gehe ich in den nähkurs. das ist mein freier abend, den ich mir jeden monat hart erkämpfe. im nähkurs treffe ich frauen zwischen 20 und 75, die sich alle demselben hobby, aber jede auf ihre weise, widmen.

dieses zweistündige hineinversinken in die handarbeit, das surren und brummen der maschinen beruhigt mich total. das leben verliert während des nähens seine schwere und gewinnt an tiefe. man setzt sich mit sich selber auseinander und man kann super nachdenken. die selbst angefertigten, massgeschneiderten kleider sind quasi das sahnehäubchen.

aber es geht mir auch noch um etwas anderes: wenn ich an der arbeit bin, drehen sich alle gespräche über die klienten und das ist gut so. zuhause dreht sich alles um paula, besonders, wenn sie eine krise hat. im nähkurs treffe ich frauen, die unbeschwert von ihren kindern erzählen, grossmütter, die kleidchen für ihre enkel nähen und von ihnen schwärmen. da werden beziehungsprobleme angesprochen, ratschläge geteilt und zusammen gelacht. ich sitze da und höre zu und das tut mir gut.