Dankbarkeit

Morgen vor vierzig Jahren hätte mein Geburts-Tag sein sollen.
Meine Eltern hatten mich auf den 7.7.77 geplant.
Aber weil es vor vierzig Jahren wohl sowas wie „Heute soll es sein!“ nicht gab, kam ich erst am 11. Juli zur Welt. Meine Mutter hat mir das bis zu ihrem letzten Tag vorgehalten.

Heute auf der Heimfahrt kam mir meine Mutter so unverhofft in den Sinn, dass es mich schmerzte.
Ich musste an ihren 40. Geburtstag denken und wie sie ihn mit Freunden gefeiert hat. Einige von ihnen leben auch nicht mehr. Ich dachte an meinen 30. Geburtstag und wie meine Mutter kurz danach verstorben ist. Diese schwierige Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin nicht daran zerbrochen.

Die Menschen, die mein Leben bereichert haben und jetzt nicht mehr sind, fehlen mir sehr. Omi und meine Mutter fehlen mir, besonders jetzt. Ich würde so gerne mit ihnen jetzt im Garten sitzen, Wein trinken und rauchen. (Ja, Omi, ich rauche auch nicht zu viel, nur Brissago im Sommer.)

Aber da gibt es auch andere Menschen, die nun in meinem Leben sind, die ich sehr gern habe, und die mir mit ihrer lieben Art Freude bereiten. Deren Gesellschaft geniesse ich nun in vollen Zügen. Denn ich weiss genau, irgendwann werden sie und ich auch nicht mehr sein.

zora sofa omi

Neun Jahre ohne dich

Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn der morgige Tag nicht der wäre, der er für mich geworden ist: dein Todestag. Manchmal denke ich dran, wie es wäre, wenn du noch lebtest.

Neun Jahre sind eine lange Zeit und ein Flügelschlag.

65 wärst du jetzt und ich stelle mir vor, dass du ein klein wenig aussiehst wie Connie Palmen. Eine rauhe Stimme vom vielen Rauchen und Trinken. Ein charmantes Lächeln. Viele Falten. Du wärst ne ziemlich coole Rentnerin geworden.

Doch dann stellen sich die Bilder in meinem Kopf ein, wie du gegangen bist. Dein Leiden. Dein Festhalten am Leben wie eine Ertrinkende. Sterben ist kein Ponyhof. Das Band zwischen Mutter und Tochter scheint in unserem Falle tiefer und enger zu sein, als wir es beide je erwartet haben.

In 16 Jahren bin ich so alt wie du, als du starbst. 16 Jahre sind nichts. Neun Jahre sind nichts. Das ganze Leben verläuft im Sand. Es geht viel zu schnell. Es bleiben nur die Erinnerungen und die Gedanken an jene Menschen, die einen geprägt haben.

Kraftquellen in der Sterbephase

Als meine Mutter im Pflegeheim lag, ging es mir schlecht. Ich hatte andauernd Angst, mich nicht mehr von ihr verabschieden zu können. Ich war am Ende meiner Kräfte, denn ich musste gleichzeitig auf Druck des Sozialamts auch noch ihre Wohnung räumen. Mir schien, als würde alles über mir zusammenbrechen. Ich allein auf weiter See. Meiner Mutter gegenüber aber durfte ich nicht zeigen, dass ich unsagbar traurig war. Sie mochte es nicht. „Noch bin ich nicht tot“, sagte sie.

Ganz so alleine, wie es sich anfühlte, war ich nicht. Rückblickend waren viele Menschen für mich da. Meine Stiefmutter hörte mir oft zu. Sie kannte meine Mutter ja auch gut und ich hatte das Gefühl, dass sie genau verstand, wie es mir ging. Auch mein Vater war für mich da. Doch ich verspürte Hemmungen, mit ihm über meine Mutter zu sprechen, denn ihre Scheidung war schwierig gewesen.

An meinem Arbeitsplatz konnte ich ebenfalls darüber sprechen, dass meine Mutter bald sterben würde. Das war eine Erleichterung. Ich hatte keine Kraft mehr, Theater zu spielen.

Mit Omi habe ich oft über Mami gesprochen. Omi war sehr traurig, aber auch sehr gefasst. Meine Mutter war ja ihr einziges Kind. Dieses zu verlieren, muss ihr wie ein einziger Hohn vorgekommen sein. Omi tröstete mich und nahm mich in den Arm. Sie sagte: „Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir haben nur noch einander.“

Meine Katze war ein sehr grosser Trost für mich.
Meine Mutter wünschte sich so sehr, nochmals mit einer Katze spielen zu dürfen, als sie im Pflegeheim lag. Ich hatte Angst, diesen Wunsch vor den Pflegenden vorzubringen, weil die schlechten Erfahrungen mit den Pflegenden im Kantonsspital Frauenfeld mich ernüchtert hatten. Aber Mami traute sich. Sie fragte einfach: „Darf meine Tochter ihre Katze mitnehmen?“

Am Ende des Lebens scheinen Wünsche schneller in Erfüllung zu gehen. Natürlich durfte die Katze ins Pflegeheim mitkommen. Wir blieben über eine Stunde bei meiner Mutter, die sich riesig freute, ihr weiches Fell zu streicheln und sie mit Keksen zu füttern. Zuhause schliefen die Katze und ich ein. Wir waren erschöpft.

Sie fehlt.

Als meine Mutter vor bald neun Jahren verstarb, hätte ich nicht gedacht, dass es jemals ein anderes Gefühl als Trauer und Leere für mich geben würde. Ihre letzten Tage hatten mir alles abverlangt. Ich hatte das Gefühl, einen Marathon absolviert zu haben.

Die Erleichterung darüber, dass sie „es“ geschafft hatte, herrschte nur am Anfang vor. Schnell einmal war der Alltag wieder da. Es war, als hätte es meine Mutter nie gegeben. Als wäre sie nie gestorben. Als wäre ich nicht dabei gewesen, wie sie ihren letzten Atemzug tat. Trauer ist ein gottverdammter Hemmschuh in einer Gesellschaft von allzeit fröhlichen Menschen.

Nichts war mehr wie vorher. Mir schien, als hätte ich all meine Zwiebelhäute auf einmal verloren. Als wäre ich ein Haus, das zwar aussieht wie früher, aber als wären alle Steine, aus denen ich erbaut worden war, neu aufgeschichtet und mit frischem Putz überzogen. Ich hatte Schmerzen. Mein Herz. Es schien mir, als wäre es von tausend feinen, kleinen Schnitten durchzogen und würde langsam ausbluten.

Ich las Bücher über Trauer. Einige waren hilfreich. Lyrik war ebenfalls ein gutes Pflaster. Manchmal schaute ich unsere gemeinsamen Lieblingsfilme an, nur um einfach weinen zu können. Manchmal schmunzelte ich auch über mich. Nie hatte ich um einen Mann, einen Liebhaber, so sehr getrauert wie um meine Mutter. Sie hätte das bestimmt witzig gefunden.

Durch die Strassen zu fahren, durch die sie einst gelaufen ist, tat mir weh. Noch heute erinnere ich mich daran, wie und wo wir uns in Frauenfeld getroffen hatten. Alles scheint präsent. Nur sie fehlt.

Alles ist anders

Vor vier Jahren um diese Zeit steckten wir mitten in den Vorbereitungen für Omi Paulas Eintritt ins Pflegeheim. Es war unglaublich emotional, und mehr als einmal dachte ich, wir schaffen das nicht. Ich hatte Angst, dass ihr im Haus was passiert. Dass sie überfallen wird. Dass sie sich nicht mehr wehren kann und ich spät komme.

Mehr als einmal träumte ich, wie ich in meinem Auto zu ihr hinfahre und nicht vom Fleck komme. Wie ich an der Haustür klingle und sie nicht öffnet. Wie ich ums Haus herum renne und nicht zu ihr reinkomme. Wie ich draussen stehe und langsam verzweifle.

Omi hat immer wieder erwähnt, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie hofft, dass der Herrgott sie zu sich holt und sie all das hier nicht mehr ertragen muss. Ich wusste darauf nichts zu entgegnen. Ihre Verzweiflung war auch meine.

Mein damaliges Gefühl glich jenem von 2007, als meine Mutter vom Spital ins Pflegeheim verschoben wurde. Meine Mutter war gerade 56 Jahre alt geworden. Kein Fall fürs Altenheim und trotzdem am Übergang zwischen Leben und Tod. Omi hingegen war lebensfroh, trotz Demenz, trotz Trauer und trotz Lebenszweifeln.

Ich kannte ja all jene Geschichten von Menschen, die ins Heim gehen und dann einfach schnell sterben. Ich wollte Omi nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte doch nur, dass sie zufrieden und behütet leben konnte.

Vier Jahre später ist alles anders.
Omi lebt in ihrem Pflegeheim, wird geliebt und behütet, so wie sie es sich immer erträumt hat. Sie hat mir sehr oft von ihrer Mutter, Omi Berti erzählt, die weich und zärtlich war und immer nur gute Worte hatte. In Omi Paulas jetziger Phase der Demenz wirkt sie so, als würde sie genau das dank der Pflegenden erleben, die sich so liebevoll um sie kümmern.

Die Rollen haben sich weiter gewandelt. Ich lebe im Haus und empfinde nun nach, wie es Omi all die Jahre hier ergangen ist zwischen all den Erinnerungen, alten Möbeln, Büchern und Werkzeugen. Anders als Omi habe ich die Freiheit mich von den Dingen zu trennen, die mich belasten, die mir nicht gefallen und die ich nicht mehr um mich haben will.

Alles ist anders. Alles ist gleich.

Was fehlt

Vor neun Jahren um diese Zeit war ich nicht guter Dinge. Ich war am Ende meiner Kräfte.
Darauf warten, dass jemand stirbt, ist brutal. Gleichzeitig zu hoffen, dass dieser Jemand nicht stirbt, gleicht einer seelischen Zerreissprobe.

Meine Mutter war im Pflegeheim. Der Herbst 2007 ist in meiner Erinnerung golden und tiefgrau zugleich. Ich war gerade 30 Jahre alt geworden. (Meine Güte, das ist fast 10 Jahre her.) Ich empfand es als Ungerechtigkeit, meine Mutter zu verlieren.

Es gab Momente der Innigkeit. Grosse Zärtlichkeiten beim Abschied. Wir wussten, vielleicht würden wir uns nie mehr wiedersehen. Das Gefühl ist seltsam. Man wartet gemeinsam an einer Bushaltestelle in dem Wissen, dass beide in unterschiedliche Richtungen fahren.

Ich wollte sie nicht loslassen. Nicht jetzt. Nicht so.
Wir hatten uns gerade wiedergefunden. Nach fast 30 Jahren.

Sie fehlt mir heute noch. Es gibt Momente, da seh ich sie vor mir. Sie lächelt mich an. Streichelt meine Schulter. Sagt was Nettes. Es gibt Momente, da vermisse ich sie noch mehr als sonst.

Am letzten Wochenende lernte ich Filochieren.
Zu gerne hätte ich sie abends einfach angerufen und ihr gesagt, was ich gemacht habe, wie toll es war und wie glücklich ich bin, dass ich diese Handarbeit jetzt ein wenig beherrsche.

Das Telefon bleibt an den Sonntagabenden stumm. Ihre Nummer weiss ich immer noch auswendig.

Nicht mein Sohn

Jedes Jahr holen mich die Gedanken und Erinnerungen an meinen kleinen Bruder Sven von neuem ein. Manchmal ging es mir wirklich schlecht damit. Ich bin von einer tiefen Trauer überflutet und weiss doch ganz genau, dass es nicht meine Trauer sein kann. Als er geboren wurde und drei Tage später starb, war ich gerade mal zwei Jahre alt. Trotzdem kann ich mich an viele Dinge erinnern.

Meine Mutter war so glücklich. Ich erinnere mich voller Zärtlichkeit an den Moment, als ich meinen Kopf an ihren Bauch halten durfte. Sie trug eine geblümte Hippie-Bluse. Ihr Haar war kinnlang geschnitten. Ihre Hände waren weich und sie streichelte meinen Kopf. Auf dem Tisch vor uns standen grüne Gläser.

Dann erinnere ich mich, dass plötzlich, mitten in der Nacht, mein Vater verschwand und meine Omi in unserer Wohnung auftauchte. Sie weinte. Ich erinnere mich an verzweifelte Umarmungen und viele Tränen. Weitere Tage später ist meine Mutter wieder da. Sie kommt alleine, ihr Bauch ist leer und mein Bruder verschwunden. Sie weint. Ich finde sie auf dem Klo, wohin sie sich zurückgezogen hat, um hemmungslos zu weinen. Die Kacheln sind dunkelgrün.

Immer wieder weint sie. Einmal bemerke ich, wie ihr beim Abwaschen ein Glas zerbricht. Sie schneidet sich. Das Wasser färbt sich rot.

Ich wollte nie Kinder. Heute weiss ich wohl, warum das so ist. Für mich bedeutet in meiner Erinnerung Schwangerschaft nicht etwa Glückseligkeit, sondern letztendlich nur Verderben und Tod. Meine Mutter leiden zu sehen, hat mich geprägt. Ich mag nicht leiden. Meine Angst, ein Kind zu verlieren und daran zugrunde zu gehen, war und ist gross. Ich mag mich selber nicht verlieren.

Heute weine ich nicht um meine Mutter und meinen Bruder. Ich mag nicht mehr trauern um ein Kind, das nie meines war. Ich bin betroffen, wie dieser Teil meiner Kindheit verlief. Ich frage mich heute, wie ich all das überlebt habe. Antworten gibt es viele.