Leitsätze

In jeder Familie gibt es mehr oder weniger offen deklarierte Leitsätze. In der Familie meiner Mutter war dies: „Wirf nichts weg!“

Ich bin mittlerweile das schwarze Schaf der noch verbleibenden Familie. Ich schmeisse viel weg. Ich hab den Haushalt meiner Mutter aufgelöst und den meiner Omi. Ich bin stolz auf mich.

Von meinen Kindheits-Spielsachen mag ich mich nur schwer trennen. Noch verstehe ich nicht, warum dies so ist. Ich werde ja nie Kinder haben und wohl auch schwerlich mit den Spielsachen spielen. Vielleicht kommt das mit der Zeit, dass ich die Kindheit loslassen kann.

Von Omis Sachen konnte ich mich gut trennen, obwohl gerade sie mir immer wieder und bis fast am Schluss eingebläut hat: Schmeiss nichts weg!

Ich habe mich von all den Zetteln getrennt, die mit ihrer Schrift vollgekritzelt waren. Auf vielen dieser Zettel stand: „Paula, erinnere dich! Du darfst nicht vergessen!“ Ihre legendäre Einkaufstütensammlung ist ebenso im Müll wie all die Bettelbriefe von katholischen Organisationen (ein grosses Fuck you an all jene, die demenzkranke Menschen mit sowas zumüllen!)

Ich trennte mich von Mamis Sachen. Dem Nippes. Von all den hässlichen Figürchen, die sie so geliebt hat und die ihr bis fast am Ende ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.

Marie Kondos Bücher haben mich auf diesem Weg die letzten paar Jahre begleitet. Vieles verstehe ich nun besser. Das Wegwerfen fiel immer leichter, aber der Weg geht noch weiter. Das Ziel ist doch wohl, wenn man selber stirbt, nicht mehr viel von einem übrig bleibt, nicht wahr?

Ma pièce de résistance

Von allen Räumen im Haus ist das „kalte Zimmer“ mein pièce de résistance, also jenes, mit dem ich mich bisher am schwersten tat. Der Raum wurde angebaut und ist aus Holz. Er ist zugig und so kalt, dass er im Winter problemlos als begehbarer Kühlschrank dient.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, standen hier ein uralter Kühlschrank und Omis legendärer Tiefkühlschrank. Rechts hinten befand sich ein kleiner Raum; Barris Hundehütte. Jetzt stehen hier zwei Buffets, ein alter Kleiderschrank, unsere Recycling-Sammlung und über all dem: die Wöschhänki.

Das Tolle an der Kälte, besonders im Winter, ist nämlich, dass Kleider hier blitzschnell trocken werden. In diesem Raum wird mir auch immer wieder bewusst, dass dieses Haus hier einst auch als Wäscherei diente.

Vor anderthalb Jahren haben wir begonnen, Gegenstände zu sammeln, die wir ins Brockenhaus geben oder aber auf einem Flohmarkt verkaufen wollten. Den ganzen Frühling und den ganzen Sommer über konnte ich mich dazu nicht überwinden. Das Geschirr, all die Bücher und Stoffe schienen mir mit einem Mal nicht mehr geeignet, um sie zu verkaufen.

Heute morgen entschied ich mich, die Dinge zu sortieren und zu sortieren. Einige wenige Dinge verschenke ich weiter, anderes möchte ich weiter verwenden und den grössten Teil entsorge ich.

Nochmals nehme ich altes Geschirr in die Hand. Will ich es wirklich wegtun? Es ist Geschirr meiner Urgrossmutter. Augen zu und durch.

Die vielen Teller? Kein Thema! Weg damit!

Eine grosse Terrine mit Goldrand. Geht nicht. Kommt wieder zurück.

In einer Schachtel entdecke ich Mutters Puppen und Clowns. Seit jeher hasse ich Clowns. Ich hab diese Puppen nie weggeschmissen, weil ich dachte, ich muss sie ihretwegen behalten. Heute sind sie in den Müll gewandert. Sascha sortiert Karton, Geschirr und Elektroschrott und bringt alles in den Keller. Wir füllen gemeinsam drei 60lt und einen 35lt Sack Müll, zwei 60lt und einen 35lt Altkleider. Ich bin erstaunt, dass wir noch immer soviel Plunder finden.

Als die Ecke geleert ist, fühle ich mich richtig toll. Jetzt muss ich nur noch frisch streichen. Weiss. Die Balken lasse ich aus. Es wird eine schöne Ecke werden.

20160116_094458.jpg

20160116_100840.jpg

20160116_101907.jpg

20160116_102343.jpg

20160116_104356.jpg

Vom Entmüllen mit Konzept

Die @eifreen hat mich vor einigen Wochen auf twitter angefragt, ob ich einige Tipps in Sachen Entmüllen von Häusern habe. Sehr gerne gehe ich diesem Wunsch in Form eines Textes nach.

Das Entmüllen der Wohnung meiner Oma dauert nun schon mehrere Jahre an. Ich weiss nicht genau, wann wir wirklich damit angefangen haben. Begonnen hat Omi um ca 2009 damit, dass sie mir regelmässig Gegenstände mitgab, von denen sie wollte, dass ich auf sie „aufpasse“ und sie „in Ehren halte“. Die habe ich dann in meinem Auto vom Toggenburg in den Thurgau transportiert. Zu jenem Zeitpunkt ging ich davon aus, dass Omi das Haus verkaufen würde und alles darin bald verloren wäre.

Im Februar dieses Jahres habe ich dann ganz brav wieder alles, was Omi mir geschenkt hatte, zurück ins Haus gezügelt. Das war nicht nur anstrengend, sondern ging schlussendlich echt ins Geld. Zügelunternehmen sind nämlich wirklich teuer!

Das Sortieren des Haushalts ist wohl eine Sache, die man grösstenteils alleine vornehmen muss. Ich jedenfalls konnte dies nicht delegieren. Ich wollte selber entscheiden, was ich behalte und was nicht. Je nach emotionalem Stress reagierte ich nämlich äusserst allergisch auf Sätze wie „Brauchen wir das wirklich noch?“

Es ist so: ich habe für Omis Haus mehrere Jahre geschaut. Mir war klar, dass ich nicht einfach so drauf los entsorge. Schliesslich gehörte alles im Haus meiner Oma. Als dann klar war, dass ich es käuflich erwerbe, überlegte ich mir natürlich, was ich entsorgen muss. Ich wusste, um eine Mulde komme ich nicht herum.

Der Vorteil einer Mulde, es gibt sie in verschiedenen Grössen, ist, dass man alles rein schmeissen kann, was einem grad in die Hände fällt. Als Anhängerin von getrenntem Abfall fiel mir dies anfangs etwas schwer. Ich kann aber versichern, dass es auch sehr gut tut, alten, kaputten Plunder wegzuschmeissen. Wir hatten Glück, dass in unserer Stadt ein wirklich tolles Recycling-Unternehmen sitzt. Die Beratung und die Preise waren perfekt, weil transparent. Eine Offerte einholen lohnt sich!

Und dann gings los: Das unbrauchbare Zeug haben wir im Keller gelagert und gewartet, bis es Sommer wird. Entrümpeln macht im Regen nämlich nur wenig Spass. Bei grosser Hitze jedoch ist es wichtig, dass man frühmorgens anfängt und wenn möglich seine Nachbarn vorwarnt. Es ist nicht jedermanns Geschmack, um sieben Uhr mit Gescherbel geweckt zu werden. Oder aber man bietet der holden Nachbarschaft an, auch noch ein wenig Gerümpel in die Mulde zu schmeissen. Gemeinsames Entmüllen schweisst zusammen. Wenn man viel zum Entsorgen hat, macht es Sinn, Freunde anzufragen, ob sie mit anpacken würden. Handschuhe sind dabei ein Muss!

Ganz wichtig am Schluss einer solchen Entrümpelungsaktion: Feiern!

Schliesslich haben wir über drei Jahre Warten abgeschlossen. Wir haben uns um viele hundert Kilo erleichtert. Der Keller ist wieder begehbar und wir fühlen uns frei und bereit, das Haus weiter zu renovieren.

Lillette gefällig?

Omi, der Müll und ich

Es ist schon seltsam. Omi lebt seit zweieinhalb Jahren nicht mehr hier, doch ihr Dasein hat Spuren hinterlassen. Ihre Schränke sind leer, ihre alten Kleider verschwunden, ebenso ihre Schuhsammlung. Ich habe ihr Lieblingsgeschirr behalten. Ihr Lieblingsglas. Ihre Heiligenbilder.

Gestern haben wir den alten Komposthaufen befreit. Ich hab mich drauf gefreut, seine Erde für die Blumen zu gebrauchen. Leider dauerte die Freude nur kurz. Omi hat den Haufen offenbar nicht nur für verderbliche Reste gebraucht, sondern vor allem als Müllkippe. Tonnenweise Joghurtpapier, Katzenfutterdosen, Plastiksäckchen und Folien kamen zum Vorschein. Teilweise hat die Erde eine ockergelbe Farbe, so dass ich sie wohl oder übel entsorgen muss. Ein Trauerspiel.

Aber es wundert mich nicht. Omi hat sich die letzten Jahre im Haus nicht mehr gut orientieren können. Die offiziellen Müllsäcke waren ihr zu teuer. Einen Teil des Mülls hat sie verbrannt, was der Kaminfeger rasch gemerkt hat. Wo der andere Teil steckt, weiss ich jetzt.

Im alten Hühnerstall stossen wir auf Eternit-Blumenkästen. Die kann ich für die Bepflanzung brauchen. Warum Omi ein WC-Beseli (angeschimmelt) in einem der Kästen verstaut hat, werde ich nie erfahren.

Nachdem gestern meine Freundin Daniela vorbei kam und sich Stoffe ausgesucht hat, kann ich den Rest entsorgen. Ein Teil der Stoffe ist „rostig“ oder brüchig. Nicht mehr zu gebrauchen. Das gibt (mindestens) eine Fuhre zur Altkleidersammlung. Einige Stoffe sind bestimmt fünfzig Jahre alt und stammen von meiner Uromi Röös. Hosenstoffe und Anzugsstoffe behalte ich. Aber alles, was nicht mehr gut beisammen ist, kommt weg. Und das ist gut so.

Das Debrunner-Dilemma

Am Freitag ist es soweit. Wir ziehen weg von hier. Doch vorher müssen wir noch den Estrich sortieren und entscheiden, was mitkommt.

Ich weiss genau, was ich ins Haus mitnehmen will und was nicht. Mein alter Kinder-Kleiderschrank geht ins Sperrgut, ebenso das Sofa. Mein Barbie-Haus ist abbruchreif. Müll. Der Christbaumschmuck kommt mit. Meine Autöli-Sammlung auch. Die Kommode bleibt hier. Meine Spick-Sammlung verschenke ich.

Aber da ist mein pièce de résistance: Eine Kiste voller Gegenstände meiner Schwester.

Es ist nämlich so, dass ich diese Kiste damals mitgezügelt habe, als mein Vater und seine Frau aus ihrem Haus in eine Wohnung umzogen. Ich wollte die Kiste für meine Schwester retten. Doch seither ist recht viel Geschirr zwischen uns zerbrochen.

Ich habe Lust, ihre dämlichen Take-That-Kassetten, mit denen sie mich 1994 genervt hat, wenn ich in Ruhe Gedichte lesen wollte, zu zerdeppern. Ihre Schulsachen, ihren Nippes, alles aus dem Fenster schmeissen, darauf hab ich Lust.

Ich muss daran denken, dass meine Schwester den Schwanz eingezogen hat, als unsere Mutter starb. Sie hat mich im Stich gelassen, als es ums Pflegen, die Sterbebegleitung, die Auswahl des Grabes und die Bezahlung des Grabsteins ging. Das war ihr alles scheissegal. Sie hat einfach ihr Handy ausgeschaltet. Tant pis! Aber als es einige Jahre nach dem Tod der Mutter unerwarteterweise ein wenig Geld zu erben gab, da war meine Schwester plötzlich wieder da. Sie wusste meine Telefonnummer und meldete sich wieder, als wäre nie etwas passiert.

Die Wunden sind nicht verheilt. Beim Hauskauf wurden meine Narben jäh wieder aufgerissen. Plötzlich brauchte es auch von ihr Zustimmung, dass ich Omas Haus kaufen darf, beziehungsweise die Bestätigung, dass sie es nicht kaufen will. All die Jahre hat es sie nicht interessiert, wie es Omi geht. Ich finde es unfair von meiner Schwester. Vielleicht will ich deshalb ihren ganzen Kasumpel nicht im Haus haben.

Ich muss mich entscheiden: verzeihe ich und schleppe einmal mehr den Ballast eines anderen Menschen mit, der dies wohl gar nicht zu schätzen weiss, oder befreie ich mich von der Vergangenheit und werfe alles von ihr weg. Schwierige Frage.

Neue Nachbarschaft

Die Ruhelosigkeit ist im Moment meine beste Freundin. Zwar kann ich seit kurzem wieder durchschlafen, doch tagsüber wünschte ich mir, der Tag hätte mehr (helle) Stunden.

Unser heutiger Plan war klar: zwei Mal das Auto mit Sperrmüll füllen und ab in die Recyclinganlage. Insgesamt 200kg Holz und Platten haben wir heute entsorgt. Der Keller scheint langsam wieder begehbar.

20150112_102624[1]

Wir entrümpeln weiter. Langsam lichtet sich der Berg von unbrauchbaren Sachen. Ich verstaue meine Kochbücher. Fülle ein Gurkenglas mit Schlüsseln, die ich im ganzen Haus gefunden habe. (Der Schlüssel für die Toilette ist jetzt übrigens auch wieder da, liebe Gäste)

Für einmal ist das Haus nicht kalt, sondern fast schon gemütlich warm. Sascha feuert den Ofen an. Wenn wir dann mal endlich richtig hier wohnen, wird er uns wärmen.

Omas Ehebett lässt sich tatsächlich in zwei Autoladungen entsorgen. Es ist ein seltsames Gefühl, wie das Möbel zerkleinert auf der Müllhalde landet. Aber traurig bin ich nicht. Unser Schlafzimmer muss noch frisch gestrichen werden. Das geht besser, wenn es leer ist. Ich stecke Omis Daunenduvets und die Kissen ebenfalls in einen Sack für die Kleidersammlung. Es muss weg. Ich weiss nicht warum.

20150112_125848[1]

Draussen befreie ich den Abfluss vor dem Haus von Blättern. Ich höre ein dumpfes Quaken. Zuerst halte ich es für den Ruf einer Kröte. Dann bemerke ich: es kommt von den Bäumen herab. Ein Kolkrabe.

Für einen Moment lang möchte ich weinen und rufen: Sei willkommen, mein Freund! Doch dann gehe ich wieder ins Haus. Ich will meinen neuen, schwarzen Nachbarn nicht unnötig erschrecken.

Frühlingsgefühle im Dezember

Zuerst dachte ich heute, als wir zum Haus liefen, ich sehe nicht richtig: auf der Wiese wachsen Primeln. Sogar die Forsythie treibt erste gelbe Blüten. Dabei haben wir Dezember.

Die Sonne scheint. Es ist fast frühlingshaft warm. Perfektes Wetter, um weiter zu entrümpeln. Wir bringen Bücher und Küchengeräte ins Haus. Wäsche. Eine Schachtel voller Photos und Dekogegenstände, die ich hier nicht mehr brauche.

Dann entsorgen wir die alte, defekte Kommode. Opas Schreibtisch. Ein Bein fällt ab. Leider ist der Schreibtisch nicht mehr zu reparieren. Eine kleine Kommode. Schrott. Alte Haushaltsgeräte. Einen Mixer aus den 60er Jahren. Elektroschrott. Einen blinden Spiegel. Zerschlissene Teppiche.

Das Entsorgen im Recyclingcenter geht ganz schnell. 60 Jahre Familiengeschichte in einer Mulde. Es tut noch nicht mal weh. Dann entdecke ich das Herz.

20141213_102725[1]

Wir räumen Opas Kommode in die Stube. Weiteres Entrümpeln. Der Keller füllt sich rasch wieder mit Dingen, die hier bei uns keinen Platz mehr haben. Da ist eine alte, kleine Kommode, die ich immer gemocht habe. Leider hat die Feuchtigkeit des Kellers ihr den Garaus gemacht.

20141213_134210[1]

Endlich ist die alte Werkstatt, die einmal mein Büro werden soll, ausgeräumt. Das Gefühl ist sonderbar. Nie habe ich diesen Raum leer gesehen. Opa arbeitete jahrelang hier. Oma hat hier ihren Müll zwischen gelagert.

20141213_113726[1]

Ich packe die Schwingschleifmaschine aus, ziehe die Maske an und fange an zu schleifen. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Ich schleife Farbe ab, die wahrscheinlich noch vor 1955 aufgetragen wurde. Die Wand lichtet sich langsam. Das seltsame Blaugrün verschwindet. Ich schleife den Rahmen und schliesslich die Tür.

20141213_131214[1]

Nach zwei Stunden bin ich müde. Und glücklich.

20141213_122854[1]