Donnerstag.

Omi liegt friedlich im Bett. Ihre Atmung geht ruhig, ab und zu ist ein Rasseln zu hören.
Anders als am Mittwochabend bin ich gestern morgen ruhiger.
Gleichwohl steigen mir die Tränen in die Augen, als ich sie sehe.

Fast 40 Jahre war sie an meiner Seite. Sie hat mich immer beschützt.
Sie war da, als mein Bruder starb. Sie hatte immer ein gutes Wort für mich.
Sie war immer stolz auf alles, was ich gemacht habe.

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omi und zora (2)

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Ich berühre ihre Hände. Sie sind kühler als noch am Mittwoch.
Omis Mund ist trapezförmig geöffnet.

Ich sitze da, streichle ihre Hand, ihre Wange.
Flüstere. Trockne meine Tränen.
Ich sage ihr wiederum, dass sie gehen darf. Dass ich zwar traurig bin, aber mich für sie freue, wenn sie es geschafft hat. Ich wünsche mir so, dass sie jetzt gehen darf.

Als wir das Pflegeheim verlassen, schneit es. Ich fühle mich müde, traurig und irgendwie ruhiger.

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Zügelfieber

Gestern sind wir nun also aus dem Thurgau ins Toggenburg gezogen. Der Tag ging vorbei wie im Fluge. Ich fühlte mich wieder kraftvoll.

Um viertel vor sieben kamen die beiden Zügelmänner an. Ich packte sofort die Katze ein, die das anfänglich gar nicht witzig fand. Fast zwei Wagenladungen voll mit unseren Kisten und den Möbeln stapelten die beiden Männer. Sie taten es aufgestellt und sehr freundlich, was in unserer Situation wohltuend war.

Sascha sorgte für die Katze und beantwortete Fragen der beiden Männer, derweil ich die Küche fertig ausräumte, mich von Geschirr trennte und anfing zu putzen. Draussen tobte ein kalter Wind. Durchzug. Abschied von den Nachbarn. Keine Tränen.

Um elf Uhr ging die Fahrt los.

Wir waren sehr dankbar, dass unsere neuen Nachbarn offenbar Saschas Flyer gelesen hatten und niemand die Einfahrt versperrte. Ich ging mit der Katze ins Haus, deponierte sie in ihrer neuen Stube und Sascha fing an, Schnee zu schippen.

Es war ein seltsames Gefühl, vor dem Haus zu stehen und sagen: jetzt bist du daheim. Das ist deins.

Das Haus war kalt. 5°C. Sascha feuert ein. Ich fange damit an, die Küche einzuräumen. Schmeisse weiter Sachen weg. Es ist ganz leicht. Was nicht passt, kommt weg. Mit einem Mal weiss ich, was wohin gehört.

Ich bemerke meine Müdigkeit. Jetzt in die Stube aufs Sofa liegen, neben die schnurrende Katze und schlafen. Das wärs. Aber das geht ja jetzt nicht. Später. Ich räume weiter aus.

Der Berg von Schachteln wird nicht kleiner. Aber immerhin ist die Küche jetzt ausgestattet und einsatzbereit. Vor lauter Auspacken vergesse ich das Essen. Das wird mir erst klar, als es mir trümmelig wird. Sascha kauft mir ein Sandwich. Ich esse. Packe weiter aus.

Die Katze darf schliesslich aus der Stube raus, als die Zügelmänner gegangen sind. Für sie ist es das erste Mal, dass sie in einem Haus mit Treppen lebt. Sie geht auf Entdeckungsreise. Sie ist neugierig. Ich erkenne sie nicht wieder. Mit einem Mal wird mein kleiner Stubentiger zu einem Raubtier. Das Estrichabteil, in dem ich Mäuse vermute, hat es ihr angetan. Kriege ich wohl bald kleine Geschenke von ihr?

Um Mitternacht falle ich ins Bett. Ich möchte lesen, aber die Nachttischlampe ist noch irgendwo im Haus. Aber ich weiss jetzt: Das Haus verliert nichts. Ich bin glücklich.

Mittwochsfreude

Zwei Tage vor Umzug stehen alle Zeichen auf Sturm. Ich bin müde, erschöpft und kann nicht mehr schlafen. Ich bin unruhig.

Wir fahren zu IKEA und kaufen Saschas Schreibtisch. Sein jetziger Arbeitstisch kommt in unsere Küche. Mit einem Mal interessiert mich die Küchenausstellung mehr als je zuvor. Schliesslich wollen wir, irgendwann, die über sechzigjährige Küche renovieren.Ich ignoriere sogar tobende Kinder, die ihre Mütter terrorisieren. Das muss die neue Gelassenheit sein.

Von St. Gallen aus düsen wir ins Toggenburg. Sascha will die Türen noch beschriften, damit die Zügelleute sich orientieren können und ich meinen Büroboden sehen. Wir waten durch tiefen Schnee. Mit einem Mal leuchtet mir unser Haus entgegen und ich muss dran denken, was ich an Weihnachten 2013 gehofft habe: im nächsten Jahr ist das Haus belebt.

Belebt war das Haus wohl: da waren wir, die wir sechzig Jahre Familienschrott entsorgten. Mein Vater und seine Frau, die uns immer wieder tatkräftig mit der Gartengestaltung unter die Arme griffen. Röteli und Simeli, die uns immer mal mit einem Besuch auf der Fensterbank erfreut haben. Ich erinnere mich auch noch an den Sektenheini, der zu Omi wollte und den ich zum Teufel gejagt habe. Und dann waren da noch die Schreiner letzte Woche, die den Boden meines Büros ersetzt haben.

Die alte Werkstatt, der versiffteste Raum im ganzen Haus, verschimmelt, vermodert, ist renoviert. Ich kanns gar nicht glauben. Ich bin nahe an den Tränen, weine aber nicht, weil ich dazu zu müde bin und später wieder in den Thurgau fahren muss. Der Raum ist wunderschön geworden. Nichts, schon gar nicht der Geruch, erinnert an die Unordnung, die wir langsam abgetragen haben. Ich weiss genau, wo welches Möbel hinkommen wird. In die Ecke der Arbeitstisch, das Schreibzeug. Dort die Regale für die Schnittmuster und Wörterbücher. Eine Sitzecke für die Katze.

Ich denke, während ich in dem Raum stehe: Das muss Omi sehen. Das glaubt sie mir nie.

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Sommer 2013

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Sommer 2014

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Weihnachten 2014

 

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Neujahr 2015

 

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Februar 2015

Züglete. Endspurt. Schlafmanko

Die Wohnung leert sich langsam. Nur noch Regale stehen herum. Einige Bilder. Die Spiegel. Die Katzenschlafplätze.
Ich bin müde. Jetzt könnte ich einfach einschlafen und erst wieder im Frühling erwachen. Wir brauchen noch einen Schreibtisch für Sascha. Und ich will den Boden meines Ateliers vor dem Einzug sehen.

Der Boden des Ateliers ist neu gemacht. Der Schreiner hat ihn in zwei Tagen neu gelegt. Es hat sogar eine Dampfsperre. Ich erlerne praktisch täglich neue Wörter.
Morgen nach meinem Feierabend fahren wir hin. Dabei wäre es gescheiter, wenn ich einfach schlafen ginge. Aber wahrscheinlich spielt das jetzt gar keine Rolle mehr. Schlafen kann ich später.

Kurz gesagt: der Thurgauer Estrich muss noch durchetikettiert werden. Ich muss mich entscheiden, was ich mitnehmen will und was nicht. Ha! Man gebe mir weitere zwölf Stunden pro Tag.

Die Katze, bald dreizehn Jahre, übrigens, geniesst den Kartonberg. Nachts besteigt sie ihn, gurrt, miaut und weckt mich. Mich nimmt ja nur wunder, wie sie das im Toggenburg noch toppen will.

Warten. Teil 724.

Nein. wir leben noch nicht im Haus.
Ja. Es ist eine seltsam langwierige Sache.
Ja. Es ist mir bewusst, dass der Winter im Toggenburg früher anfängt als im Thurgau.
Nein. Ich habe unsere Wohnung noch nicht gekündigt.

Fragen über Fragen. Freunde fragen uns, warum alles so schleppend vor sich geht.

Ich habe keine Antwort An meinen freien Tagen fahren wir ins Toggenburg. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Unsere ganze Freizeit geht drauf. Im Moment für nichts.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich momentan glücklich bin. Ich bin unglücklich. Unzufrieden. Müde. Traurig.

Es gibt so vieles, worauf ich, neben meinem Job, meine Energie konzentrieren sollte: Omi, meine Gesundheit, das Schreiben.

Dass ich seit Anfang Jahr schlecht schlafe und mein Leben nur noch aus Warten auf irgendeinen Entscheid des Amtes besteht, möchte ich verdrängen. Im Februar bin ich davon ausgegangen, dass ich jetzt im Haus wohnen würde. Freunde von mir haben innerst kürzester Zeit ein Haus gekauft und ziehen jetzt ein. Es ist einfach nur ungerecht und macht mich wütend.

Wir hingegen warten. Wir fühlen uns wie unwichtige Nummern. Unser Leben zählt nicht. Was passiert, wenn Paula plötzlich stirbt und ich den Kaufvertrag noch nicht unterschrieben habe, mag ich mir nicht vorstellen. Der blosse Gedanke bringt mich zum Erbrechen.

Der September ist ein voller Monat. Ich weiss nicht, woher ich die Zeit nehmen soll, ins Haus zu fahren. Vielleicht ist es nicht mal so wichtig. Schliesslich war unsere ganze Arbeit der letzten Monate „nichts wert“. So ist es nämlich.

Ich mag nicht verbittert klingen. Ich will nur endlich einmal eine Perspektive haben. Ernst genommen werden. Keine Nummer sein. Endlich in Paulas Nähe wohnen, solange sie noch da ist. Sie öfters sehen. Sich in Ruhe voneinander verabschieden.

Denn eines kann ich prophezeien: wenn Paula nicht mehr lebt, wird es auch keinen Amtsträger mehr interessieren, was mit dem Haus ist und für wieviel ich es kaufen soll. So einfach ist das.

paula sucht ein heim.

unser letzter ferientag im august ging für den besuch im pflegeheim X, wir nennen es „luegisland“, drauf. das heim liegt ein wenig oberhalb des nachbarorts von paula. die sicht ist toll. man übersieht das ganze tal.

wir kommen an und ich freue mich erst mal wie ein schneekönig darüber, dass alles rollstuhlgängig ist. paula, die zwar keine junge berggeiss mehr ist, aber auch nicht an krücken geht, gähnt schon beim eintreten. ihr ist zu warm. wir stehen in der cafeteria, die unglaublich clean ist. nach zehn minuten des wartens, paula beginnt währenddessen einen netten dialog mit einem fisch im aquarium, kommt die pflegedienstleiterin. sie ist nett, kurz gewachsen und eine langjährige pflegefachfrau.

nun kenne ich natürlich meine oma paula. ich sehe genau, wann sie jemanden sehr nett findet und wann sie höflich ist. und bei allem ernst: wenn paula höflich ist, ist es eigentlich eine beleidigung. paula gibt sich sehr damenhaft, fast ein wenig wie eine debütantin. sie geht mit uns durch die gänge, sieht sich die netten einzelzimmer an und nickt menschen zu, die sie von früher zu kennen glaubt und die wie gemüse in ihren rollstühlen im gang vor sich hin vegetieren. paula ist zuckersüss. lobt die ergotherapie. bemerkt die schöne deko. gähnt.

als uns die pflegedienstleiterin einen kaffee zum abschied anbietet, lehnt paula freundlich ab. sie habe schon so viel kaffee heute getrunken, dass sie keinen mehr möge. ich glaube, ich höre nicht richtig. aber nett sei es gewesen und die frau pflegedienstleiterin solle sich sorge tragen. dann watschelt paula davon. grüsst freundlich die gruppe von kettenrauchenden rentnern vor dem heim. meint verstohlen: „das sind denn arme.“

kaum hocken wir im auto meint paula: sie würde jetzt gerne ins café abc gehen. sie möchte einen milchkaffee und etwas feines, vielleicht einen toast hawaii essen. und dann meint sie: „also, das war ja nett. aber dahin möchte ich nicht.“