Wut

Ich sah heute auf Facebook den Anfang eines Videos, in dem eine weinende ältere Frau zu sehen war. Das Video stammte von einer amerikanischen Alzheimer-Seite. Ganz im Ernst? Es hat mir wehgetan und mich stinksauer gemacht.

Ich glaube nicht daran, dass wir Angehörigen das Leiden unserer demenzkranken Eltern, Grosseltern oder Partner vermitteln können, indem wir einfach jene Momente filmen, in denen es ihnen schlecht geht. Es ist entwürdigend, so wie die ganze Krankheit entwürdigend für einen Menschen sein kann.

Man(n) hat mir mehr als einmal vorgeworfen, ich würde „zu intim“ über die Krankheit schreiben. Im Gegensatz zu einer Filmaufnahme sind meine Texte nur Wörter. Es sind meine Worte und die Art und Weise, wie ich ihre Krankheit wahrnahm und verarbeitete. Aber es zeigt nicht auf, wie es ihr wirklich ging, was sie sagte oder ausdrückte.

Es gab viele Situationen, in denen Omi weinte, verzweifelt war oder aber schimpfte, weil sie nicht mehr einordnen konnte, was um sie herum passierte. Das letzte und abgefuckteste, was man in einer solchen schlimmen Situation einem Menschen antun kann, ist, eine Handykamera aufs Gesicht zu halten und zu filmen.

Der menschliche Kontakt, die Kommunikation, die Liebe macht uns zu dem, was wir sind. Das bleibt und das hilft schlussendlich auch, wenn ein Mensch alles vergisst.

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Warum über Demenz reden?

Seltsam, seit einigen Wochen spreche ich öfters mit Medienschaffenden übers Thema Demenz und meine Rolle als Angehörige einer Demenzkranken. Ich komme mir manchmal in der Aussensicht wie ein Alien vor. Ist es wirklich so aussergewöhnlich, darüber zu reden, dass in der Familie ein Mensch ist, der seine Erinnerungen verliert?

Wie intim ist es denn wirklich, darüber zu reden oder zu schreiben, was in einem vorgeht, wenn man seinen liebsten Menschen langsam verliert? Ist Trauer eine intime Sache? Ist Sterben das letzte Tabu? Ist Demenz die tabuisierte Krankung unserer Zeit?

Ich gehe offen mit meinen Themen um. Sterben gehört nun mal zum Leben. Altwerden mag eine heikle Sache sein, aber eigentlich sterbe ich doch seit dem ersten Tag meiner Geburt. Angst vor dem Tod ist eine schreckliche Sache, doch auch sie verliert ihren Schrecken, wenn man ihr ins Auge blickt und darüber nachdenkt, was wirklich dahinter steckt.

Ich weiss nicht, wie ich einmal sterben werde.
Aber eigentlich spielt das doch jetzt nicht mal so eine Rolle. Das Leben ist immer im Jetzt. Der Tod gehört dazu. Ohne Sterben hätte nichts einen Wert.