Umarmung

Vielleicht lichten sich jetzt endlich meine Schatten.
Ich habs nämlich heute geschafft, Omis erste Kiste aufzuräumen.

Omis letztes Hab und Gut steht seit ihrem Tod in unserem Vorratsraum, dem kalten Zimmer. Seit Januar besass ich null Energie, ihre Sachen zu sortieren und zu verstauen.
Jetzt fühle ich mich etwas anders.

Das liegt vielleicht auch daran, dass ich morgen „unser“ Auto weggebe und ein neues abhole. Es ist Frühling und alles verändert sich.

Mit dem alten Auto sind Omi und ich ab 2009 in der Gegend herumgegondelt, einkaufen oder Essen gegangen und nach Einsiedeln zur Klosterkirche gefahren. Omi mochte das Auto, weil es so bequem war für sie zum Sitzen. Ich hatte das Auto gekauft, damit Omi besser einsteigen und die Fahrt geniessen konnte.

Seit Januar hab ich das Gefühl, ich brauche den alten Mercedes nicht mehr. Omi ist nicht mehr da und für den harten Winter hier oben ist es leider vollkommen untauglich. Das Auto hat mich nie im Stich gelassen, sondern mir viele schöne Stunden beim Reisen durch die Schweiz beschert. In diesem Auto habe ich damals auch Omi ins Pflegeheim gefahren und ihre Sachen aus dem Pflegeheim abgeholt. Ich glaube, es hat seinen Dienst getan.

In der ersten Kiste stiess ich auf massenhaft Taschentücher, die Überbleibsel ihrer Plastiksacksammlung, einige Püppchen, ein Fotoalbum mit witzigen Fotos von uns und ihre Halstücher.

Als ich Omis Halstücher in die Hand nahm, durchfuhr mich ein warmer Schauer. Ihr mintgrünes hab ich immer besonders gemocht und darum wollte ich auch nicht, dass sie es im Sarg trägt. Ich faltete es auf und legte es mir um den Hals. Früher nämlich, wenn Omis Hände schmerzten, musste ich es ihr jeweils schön um den Hals drapieren und danach noch ihre Frisur kämmen. Das mochte sie sehr. Als ich das Tuch an meiner Haut spürte, musste ich weinen. Es fühlte sich genauso an wie damals. Ein wenig roch ihr Halstuch noch immer nach ihr, so als wäre sie nur kurz im Bad und käme gleich zurück.

Nein, ich weiss, sie kommt nicht zurück. Aber ich werde wohl nun öfters Halstücher tragen.

Schau hin.

Vor einer Woche habe ich sie das letzte Mal lebend gesehen.
Es scheint mir, als wäre es eine Ewigkeit her.
Ich hielt ihre Hände.
Einen Tag später ist sie tot.

Ich hab mich bewusst ihrem toten Körper gestellt.
Als nämlich mein Opa starb, verbot mir meine Mutter, dass ich ihn noch einmal sehe.
Sie sagte: „Behalt ihn so in Erinnerung, wie er war.“
Mir scheint rückblickend, dass mir dieses Bild, diese letzte Erkenntnis seines Nichtmehrseins, gefehlt hat.
Auch meine Mutter habe ich 30 Minuten nach ihrem Tod noch einmal gesehen, danach nicht mehr.

Die Begegnung mit Omis Körper war erschütternd, aber nicht erschreckend.
Ihre kalte Hand zu berühren war endgültig. Ein letztes Mal ihre Wange küssen, die jetzt nicht mehr warm war, war nicht schlimm, sondern tröstlich.
Mir scheint, dass ich nur dadurch letzte Woche begriffen habe, dass Omi nicht mehr ist.

Seltsamerweise machten sich diese Bilder ihres toten Körpers nicht in meinem Kopf fest.
Im Gegenteil. Ich konnte mich plötzlich wieder erinnern, wie Omi aussah, als ich noch ein Kind war. Und diese Bilder machten mich glücklich und ich muss lächeln, wenn ich daran denke.

Heute morgen schaute ich mir unsere Fotos an.
Ich habe fast alles digitalisiert.
Beim Anschauen wird mir klar, wie tief unsere Beziehung von Anfang an war.
Es gibt jede Menge Fotos von ihr und mir.
Aber es gibt nur zwei mit meiner Mutter und mir.
Ich hab irgendwie letzten Montag zum zweiten Mal meine Mutter verloren.

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Sonntag

Omi gings gestern wieder schlechter. Sie war sehr unruhig.
Immer wieder versuchte sie mit ihrer linken Hand die Decke wegzuschieben, aufzustehen, was ihr aber nicht gelang, weil sie zu schwach war.

Anders als die letzten Tage habe ich an ihrem Bett nicht geweint.
Ich bin innerlich ruhig und müde. Ich sprach ein wenig mit ihr.
Sagte ihr, wie sehr ich sie liebe.

Der kälteste Tag ist vorbei.
Als ich heute morgen anrufe, erfahre ich, dass es ihr nochmals ein wenig schlechter geht.
Sie macht sich auf den Weg.

Auf den Weg hat sie sich ja schon lange gemacht.
Demenz ist eine Einbahnstrasse und wer sich dorthin aufmacht, kehrt nicht wieder.
Ich vermisse ihr fröhliches Plappern. Ihre liebe Stimme.
Ihr Voressen mit den Rüebli, die sie nur für mich reintut und weichkocht, weil ich sie so gerne mag.

Trauern um jemanden, der noch da ist, aber doch nicht da ist, ist eine seltsame Sache.
Ich denke: 88 Jahre ist ein tolles Alter und niemand, vor allem du nicht, hätte je gedacht, dass du so alt werden würdest. Du hast den Krieg überlebt, deine Hirnhautentzündung, deine seelischen Verletzungen. Du hast deinen Ehemann und deine Tochter überlebt, deine Schwester und deine Brüder. So viele Menschen, die du gerne hattest, sind nicht mehr.

Ab morgen muss ich wieder zur Arbeit fahren. Wenn Paula dann stirbt, kann ich nicht sofort an ihre Seite eilen. Ich will sie nicht alleine lassen, auch wenn ich weiss, dass es ihr Weg ist und nicht meiner.

Ich bin sehr traurig.

Samstag

Den 7. Januar 1997 werde ich nie vergessen.
An diesem Tag, um Punkt acht Uhr, verstarb mein Opi Walter.
Ich war nicht dabei, Omi schon.

Es ging Opi nach Silvester und Neujahr immer schlechter.
Er wurde zunehmend schwächer. Er litt an Leberkrebs und sein grösster Wunsch, in seinem eigenen Bett zu sterben, wurde erfüllt. Täglich kam eine Pflegende der Spitex vorbei um Opa zu waschen und ihm Morphium zu geben.

Omi war einfach an Opas Seite.
Es muss sehr schwer für sie gewesen sein, zuzuschauen wie der Mann, mit dem sie fast 46 Jahre verheiratet war, langsam starb. Omi und Opa hatten die letzten Jahre oft gestritten. Ich weiss, beide waren unglücklich. Sie blieben zusammen. Eine Scheidung wäre für beide wohl nie in Frage gekommen. Sie hätten es sich nicht mal leisten können.

Opa hatte in der Nacht auf den 7. Januar grosse Atemprobleme. Seine grösste Angst war zu ersticken. Omi versuchte alles, um ihm die letzten Stunden erträglich zu machen. Sie hielt seine Hand. Sie streichelte ihn. Sie redete mit ihm, der nicht mehr sprechen konnte. Sie verzieh ihm alles und er ihr. Dann machte er seinen letzten Atemzug und starb.

20 Jahre später ist alles anders und doch gleich.
Omi lebt. Sie liegt in ihrem Bett, wirkt wacher, aber auch müde. Sie ist ruhig. Gestern nachmittag hat sie ein Schoggijoghurt gegessen. Sie kann zwar nicht reden, aber dafür zeigen, was sie nicht will.

Ich versuche an ihrer Seite zu sein. Nicht immer. Aber eine Stunde pro Tag bin ich da.
Es gibt nichts, was wir einander vergeben müssen. Wir haben immer geredet und sind nie im Streit auseinander gegangen. Ich bin ruhig, wenn auch sehr traurig. Ich bin Omi dankbar, dass das Loslassen von ihr nicht so schlimm ist wie damals bei meiner Mutter. Omi weiss, wie schrecklich das für mich war.

Am Ende eines Lebens haben viele Dinge ihren Wert verloren. Es geht nicht um Geld, Geschenke, Aussehen, sondern um Zeit und Liebe. Es geht um Berührung und unaufdringliche Präsenz.

Das Gefühl

Die Ferien sind vorüber.
Ich arbeite wieder. Ein seltsames Gefühl hängt seit Tagen wie eine dunkle Wolke über mir. Ich bin unruhig, was ich daran festmache, dass ich Fingernägel kaue.
Dann heute das Telefonat des Altersheims.
Omi ist sehr krank.

Ich fahre sofort hin und bin dankbar, dass sie nur 10 Minuten von mir entfernt lebt.
Trotzdem verfluche ich Ampeln, greise Velofahrer ohne Helme und das 45er Gefährt vor mir.
Das Gefühl von damals, als meine Mutter im Sterben lag, macht sich in mir breit. Ich habe schreckliche Angst, zu spät zu kommen.

Dann stehe ich vor ihrem Zimmer.
Ich habe Angst, sie zu sehen.
Ich habe mehr Angst vor meinen Erinnerungen an meine Mutter.
Ohne Vorwarnung einen sterbenden Menschen zu sehen, ist grausam.
Ich trete ein und sehe Omi.

Sie hat Fieber und wirkt leicht unruhig.
Aber sie lebt und sieht auch nicht so aus, als ob sie gleich gehen wird.
Ich stehe da und weine.
Sie sieht mich und weint auch.
Wir halten uns an den Händen.
Omi sagt etwas, das ich nicht verstehe, denn sie trägt ihr Gebiss nicht.
„Schön, dass du da bist.“
oder
„Du bist da.“
Ich aber stehe da und kann nicht mehr reden.

Nach einer Weile werde ich ruhiger.
Omi ist 87 Jahre alt.
Sie lächelt mich an.
Ich bin bereit zum Loslassen.

Vom Glück des Älterwerdens

Vor einigen Tagen las ich einen Beitrag im inspirierenden Blog von Jrene Rolli. Das Glück vom Erwachsenwerden. Der Text hat mich die letzten Tage über eng begleitet.

Als ich 30 Jahre alt wurde, dachte ich: Deine Kindheit und deine Pubertät hast du überlebt. Die Narben sind sichtbar. Jetzt kanns nur noch besser kommen. Eine Woche nach meinem 30sten Geburtstag kam meine Mutter ins Spital. Ihr blieben drei Monate.

Ich bin nun fast 38 Jahre alt. Ihr Tod ist bald acht Jahre her. Ich fühle mich zwar jünger, doch die Zeichen der Zeit sind sichtbar. Der Tod meiner Mutter hat mich mehr mitgenommen, als ich zunächst zugeben wollte.

Dennoch bin ich dankbar für diese Zeit. Anteilnehmen am Leben und am Sterben eines Menschen, verzehrt Energie, gibt aber auch neue Kraft. Nie werde ich die Worte meiner Mutter im Pflegeheim vergessen: „Lebe!“ oder „Kleide dich in Farben. Trag nicht immer Schwarz!“ oder „Geniess dein Leben. Du hast nur dieses eine!“

Meine Mutter hat das Leben geliebt. Dank ihr hab ich meines bekommen. Die Begleitung ihrer letzten Wochen hat mein eigenes Leben intensiviert. Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf, sozusagen.

Nach ihrem Tod war ich am Boden zerstört. Ich musste lernen, meine Trauer zuzulassen. Zu weinen. Über meine eigenen Grenzen zu sprechen.

Ihr Sterben hat mich sensibilisiert für die Lebenssituationen anderer Menschen. Ich spüre heute sehr viel besser, wie es anderen geht, gerade in Trauersituationen, weil ich selber die Sprachlosigkeit und die Verzweiflung erlebt habe. Sätze wie „es ist nicht so schlimm“ oder „das geht schon vorbei“ hab ich selber oft gehört, über meine Lippen jedenfalls kommen sie nicht.

Seit ihrem Tod habe ich den Mut gefunden, mich bunt zu kleiden. Ich trage wieder Ohrringe, schminke mich. Ich bin langsam zu meinem Ich geworden.

Die Tatsache, dass ich keine Kinder geboren habe, ist für einige meiner Mitmenschen ein trauriger Fakt. Ich jedoch sehe das nicht so eng. Die Pflege und Begleitung von Omi Paula scheint mir genau so anspruchsvoll und wichtig zu sein wie die Erziehung eines eigenen Kindes. Das Schreiben von Büchern hat ebenfalls was von Schwangerschaft und Gebären. Mein Körper mag vielleicht kein Kind in sich getragen haben, mein Kopf jedoch war mehr als einmal schwanger mit Gedanken, Buchplots und Dialogen.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass Altern trotz der körperlichen Vergänglichkeit etwas Schönes inne hat. Man besinnt sich auf sich selbst, vertraut und liebt sich selber.

Loslassen. Das Wort des Moments.

Omi wird in einigen Tagen 87 Jahre alt. Was für eine Zahl! Nie hätte ich gedacht, dass sie so alt wird. Niemand hätte wohl darauf gewettet, nachdem sie als Kind so schwer an einer Hirnhautentzündung erkrankte.

Ich sitze in meinem Atelier mit Blick auf den Garten, wo die Primeln blühen. Schaffe ich es, dass Omi noch einmal den Garten sieht? Ich habe Angst davor, dass sie nichts mehr erkennt, denn mich kennt sie ja auch nicht mehr.

Omi sprach, solange sie noch im Haus lebte, oft vom Sterben. Der Sehnsucht nach Ruhe. Schmerzlosigkeit. Das nicht Vorhandensein von Trauer und Verlust. Für sie ist diese Phase des Lebens, diese immensen Emotionen, wohl schon vorbei. Sie fühlt sich wohl und sitzt da, als warte sie auf den Bus, der sie bald abholen wird.

Ich sitze da und beende das Manuskript für das Buch über sie. Ich schreibe unsere Geschichte, weil nur noch ich diese Geschichten weiss. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es ist, wenn ich ihr im Juli das Buch zeige. Was wird sie dazu sagen?
Durch Omis Demenz und mein Schreiben darüber hat sich mein Leben komplett verändert. Alles scheint klar. Doch in meinem Innern ist das nicht so: Was wird sein, wenn Omi einmal nicht mehr ist?

Als meine Mutter starb, da war Omi für mich da. Wir haben gemeinsam getrauert. Omi war immer voller Hoffnung. Sie sagte: „Sei nicht traurig, es geht Urseli gut. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Trauer.“

Doch dann sagte sie: „Das Schlimmste ist, wenn die Mutter stirbt. Das weiss ich genau.“

Kurze Zeit später zeigte sich ihre Demenz immer stärker. Manchmal denke ich, dass nur das Sterben meiner Mutter sie vom Vergessen abgehalten hat. Es schien mir, als müsste meine Omi mit 79 diese letzte Aufgabe ihres Lebens, nämlich den Menschen, den sie 1951 geboren hat, bis zum Tod begleiten und wieder hergeben.

Ich stand daneben. Ihre Aufgabe war erfüllt. Doch was ist meine Aufgabe? Kinder kriegen ist es jedenfalls nicht.