Puppenstube

Vor fünf Jahren um diese Zeit suchten wir gemeinsam mit Omi ein Heim. Fünf Jahre sind vergangen wie im Fluge. Omi ist nicht mehr und manchmal erscheint mir alles sehr irreal.

Seit zweieinhalb Jahren leben wir nun im Haus. In diesen Sommerferien haben wir es geschafft, alle Kisten im Estrich zu ordnen und zu entsorgen, was wir nicht mehr brauchen. Ich frage mich, was Omi sagen würde, wenn sie nun durch ihr Haus marschieren würde. Würde sie es noch erkennen?

Nun ist auch das Gästezimmer frei geräumt.
Es ist das modernste Zimmer von allen, denn dieser Hausteil wurde erst in den 50er Jahren angebaut.
Omis Buffett steht hier, ein Tisch, Stühle. Auf den Balkon geht man besser nicht.
Als Kinder haben wir hier gerne gespielt, denn in den Seitenschränken hatte Omi unser Spielzeug verräumt.

Vor über fünf Jahren standen Sascha und ich mit Omi hier und sie bat mich, alles mitzunehmen, was ich noch brauchen kann. Immer wieder hatte sie Angst, dass sie, wenn sie ins Pflegeheim ginge, alles abgerissen und entsorgt wird. Erst mit Verschlechterung der Demenz verlor sie diese Angst.

Ihre Angst nahm mich als Enkelin in die Pflicht, sorgsam mit ihrem Hab und Gut umzugehen. Ich fasse alles bewusst an und entscheide, was damit passiert.

Omis Puppenstube ist 80 Jahre alt. Ich versuche mir vorzustellen, wie die kleine Paula überglücklich damit gespielt hat. Sie hat immer wieder erzählt, wie sie sie von ihrem Arzt bekommen hat, als sie so krank war. Als Omi entschied, ins Pflegeheim zu gehen, übergab sie mir ihre Puppenstube und ermahnte mich, sie in Ehren zu halten. Das hab ich getan. Wie könnte ich auch anders?

Leitsätze

In jeder Familie gibt es mehr oder weniger offen deklarierte Leitsätze. In der Familie meiner Mutter war dies: „Wirf nichts weg!“

Ich bin mittlerweile das schwarze Schaf der noch verbleibenden Familie. Ich schmeisse viel weg. Ich hab den Haushalt meiner Mutter aufgelöst und den meiner Omi. Ich bin stolz auf mich.

Von meinen Kindheits-Spielsachen mag ich mich nur schwer trennen. Noch verstehe ich nicht, warum dies so ist. Ich werde ja nie Kinder haben und wohl auch schwerlich mit den Spielsachen spielen. Vielleicht kommt das mit der Zeit, dass ich die Kindheit loslassen kann.

Von Omis Sachen konnte ich mich gut trennen, obwohl gerade sie mir immer wieder und bis fast am Schluss eingebläut hat: Schmeiss nichts weg!

Ich habe mich von all den Zetteln getrennt, die mit ihrer Schrift vollgekritzelt waren. Auf vielen dieser Zettel stand: „Paula, erinnere dich! Du darfst nicht vergessen!“ Ihre legendäre Einkaufstütensammlung ist ebenso im Müll wie all die Bettelbriefe von katholischen Organisationen (ein grosses Fuck you an all jene, die demenzkranke Menschen mit sowas zumüllen!)

Ich trennte mich von Mamis Sachen. Dem Nippes. Von all den hässlichen Figürchen, die sie so geliebt hat und die ihr bis fast am Ende ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.

Marie Kondos Bücher haben mich auf diesem Weg die letzten paar Jahre begleitet. Vieles verstehe ich nun besser. Das Wegwerfen fiel immer leichter, aber der Weg geht noch weiter. Das Ziel ist doch wohl, wenn man selber stirbt, nicht mehr viel von einem übrig bleibt, nicht wahr?

Die Suche nach einem Grabstein für Omi

Omi Paula ist fünf Monate tot.
Jetzt ist die Zeit da, wo wir uns Gedanken über ihren Grabstein machen.
Ich hatte ehrlich gesagt, keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen sollte.
Da Omi aber immer so stolz auf Opas wunderschönen Stein war, fand ich die Vorstellung schön, dass in ihrem ein Stück davon enthalten sein sollte.

Ich wandte mich an die Bildhauerin in unserem Städtli. Ihre Werke waren mir aufgefallen, weil sie schlicht und schön sind. Würde sie uns helfen können?

Als wir in ihrem Atelier sitzen, überkommt mich mit einem Mal eine grosse Traurigkeit.
Omis Tod ist Realität. Wir suchen den Grabstein aus. Sie kommt nie mehr wieder.

Wir besprechen, was möglich ist, darüber, wie Omi war.
Stark war sie, fällt mir ein. Sie hatte einen Willen wie ein Stier.
Und dann muss ich an ihr Herz denken. Ihre Liebe zu mir.

Die Bildhauerin macht uns schliesslich einen Vorschlag, der so wunderbar ist, dass es mich tief berührt. Wieder weine ich.

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Dieses Bild hat Omi sehr geliebt. Es zeigt sie, während sie, ganz die vorbildliche Hausfrau mit Lappen und Grabsteinreiniger, Opas Grabstein putzt. Während sie dies tut, platzt es aus ihr heraus: „Schau mal, der daneben putzt seinen Grabstein auch nie!!“ Noch Jahre später, solange sie sich erinnern konnte, lachte sie schallend über dieses Foto.

Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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Vergessen

Omi ist jetzt fast fünf Monate tot. Es erscheint mir, als wäre es gestern oder nie passiert.

Ich sitze in Omis Garten, während ich dies schreibe. Der Wunsch, dass sie jetzt neben mir sitzt, so wie damals, als wir Foto für Foto aus der Familienkiste besprochen haben, ist riesig. Das wird sie nie mehr tun. Die Bank, auf der wir vor bald 20 Jahren gemeinsam sassen, ist längst verrottet und steht auf unserer Wiese.

Noch vor einem Jahr war sie im Pflegeheim und ich habe sie besucht.
Ich war nicht jeden Tag da. Auch nicht wöchentlich.
Es ist viel eher so, dass ein Pflegeheim seine eigenen Abläufe und Gesetze hat.
Es war immer jemand für Omi da.

Omi schloss ihre Pflegenden ins Herz und trotz aller Trauer meinerseits
tat mir das gut.

Es war sehr schmerzhaft, den eigenen Namen und die Geschichte in ihren Augen zu verlieren, gerade weil sie mich immer so sehr geliebt hat.
Aber all das hatte auch etwas Gutes.
Man ist austauschbar.
Ihre Gefühle für andere Menschen waren nicht mehr nur auf mich konzentriert.

Es hat mich immer sehr gefreut, wen sie mochte.
Das waren immer Frauen, mit denen auch ich sehr gut auskam. Die ich für besonders fähig und gut hielt. Es hat mich sehr gefreut, dass einige von ihnen an Omis Beerdigung kamen.

Einerseits war es schön, dass sie andere Menschen an sich heranliess, sie mochte und mit ihnen Beziehungen aufbaute.
Aber es tat mir immer wieder sehr weh, dass sie mich einfach vergessen hatte, so als wäre ich nicht fast vierzig Jahre an ihrer Seite gewesen.

„Lass los“, dachte ich mehr als einmal

Vor einem Jahr war alles anders.

Vor einem Jahr kam ich zurück aus Berlin.
Ich wollte Omis Geburtstag nicht verpassen.
Damals dachte ich: Du weisst nie, wann es das letzte Mal ist.

Jetzt, ein Jahr später ist alles anders.
Die Tulpen, haben erst vor einigen Tagen angefangen zu blühen.
Sie sind unter der Last des Schnees zerbrochen.
Einzig die Linde sieht aus wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals klein, und kein so grosser Baum wie jetzt, war.

Ich hab keine Ahnung, wie Omis Grab aussieht.
Morgen mache ich es nochmals neu.
Ich bin froh, dass Omi kremiert ist und ihr toter Körper nicht in dieser kalten Erde vor sich hin gefriert. Sie mochte es lieber immer warm.

Vor einem Jahr fuhren wir jeweils ins Pflegeheim, um mit Omi ihr Geburtstagsmahl zu essen.
Wirklich wohlgefühlt habe ich mich nicht. Das lag aber nicht am Heim oder an Omi, sondern daran, dass es mich sehr getroffen hat, als Omi nicht mehr selber essen konnte. Ich dachte daran, wie oft sie mich gefüttert hat, als ich noch ein kleines Kind war.

Ich hatte oft Angst, sie erstickt irgendwann, denn das passiert schwer demenzkranken Menschen manchmal. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass Ersticken für mich eine schreckliche Art und Weise zu gehen ist.

Ich versuche, mich an der Natur zu orientieren.
Ich freue mich über die Besuche der Kohlmeisen, Blaumeisen, der Spatzen, der riesigen Krähe und des Spechts. Dann denke ich: Vielleicht ist Omi jetzt ja eine wunderschöne Blaumeise, die sich über Futter und Zuspruch freut.

Umarmung

Vielleicht lichten sich jetzt endlich meine Schatten.
Ich habs nämlich heute geschafft, Omis erste Kiste aufzuräumen.

Omis letztes Hab und Gut steht seit ihrem Tod in unserem Vorratsraum, dem kalten Zimmer. Seit Januar besass ich null Energie, ihre Sachen zu sortieren und zu verstauen.
Jetzt fühle ich mich etwas anders.

Das liegt vielleicht auch daran, dass ich morgen „unser“ Auto weggebe und ein neues abhole. Es ist Frühling und alles verändert sich.

Mit dem alten Auto sind Omi und ich ab 2009 in der Gegend herumgegondelt, einkaufen oder Essen gegangen und nach Einsiedeln zur Klosterkirche gefahren. Omi mochte das Auto, weil es so bequem war für sie zum Sitzen. Ich hatte das Auto gekauft, damit Omi besser einsteigen und die Fahrt geniessen konnte.

Seit Januar hab ich das Gefühl, ich brauche den alten Mercedes nicht mehr. Omi ist nicht mehr da und für den harten Winter hier oben ist es leider vollkommen untauglich. Das Auto hat mich nie im Stich gelassen, sondern mir viele schöne Stunden beim Reisen durch die Schweiz beschert. In diesem Auto habe ich damals auch Omi ins Pflegeheim gefahren und ihre Sachen aus dem Pflegeheim abgeholt. Ich glaube, es hat seinen Dienst getan.

In der ersten Kiste stiess ich auf massenhaft Taschentücher, die Überbleibsel ihrer Plastiksacksammlung, einige Püppchen, ein Fotoalbum mit witzigen Fotos von uns und ihre Halstücher.

Als ich Omis Halstücher in die Hand nahm, durchfuhr mich ein warmer Schauer. Ihr mintgrünes hab ich immer besonders gemocht und darum wollte ich auch nicht, dass sie es im Sarg trägt. Ich faltete es auf und legte es mir um den Hals. Früher nämlich, wenn Omis Hände schmerzten, musste ich es ihr jeweils schön um den Hals drapieren und danach noch ihre Frisur kämmen. Das mochte sie sehr. Als ich das Tuch an meiner Haut spürte, musste ich weinen. Es fühlte sich genauso an wie damals. Ein wenig roch ihr Halstuch noch immer nach ihr, so als wäre sie nur kurz im Bad und käme gleich zurück.

Nein, ich weiss, sie kommt nicht zurück. Aber ich werde wohl nun öfters Halstücher tragen.