GeburtsTodesTag

Mein Bruder würde heute 39 Jahre alt werden.
Ich kanns mir nicht vorstellen, wie er sein würde.
Seit sein Grab verschwunden ist, scheint mir auch sein Dasein langsam aus den Gedanken wegzuschwinden. Ich bin weniger traurig.

Heute vor zwei Jahren verstarb Tante Bibi.
Ich hab mich davor gescheut, sie nach Omis Tod anzurufen.
Ich wollte nicht die sein, die ihr sagt, dass ihre jüngere Schwester nun auch tot ist.
Dabei war sie da schon längst nicht mehr am Leben.

Ich frage mich, wie eng unser Kontakt hätte sein können.
Sie war sehr offen, herzlich und aufgestellt.
Als Omi noch lebte, hätte ich mir nicht vorstellen können,
eine andere ältere Frau neben ihr zu besuchen.

Es wäre mir wie ein Betrug vorgekommen.
Aber ich bin mir sicher, Bibi hat das verstanden.
Mit ihren damals fast 90 Jahren ermutigte sie mich, gut für Omi
zu schauen.
Man kann sein Herz nicht vierteilen. Ich zumindest kann es nicht.

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Trauer im Wandel

Trauer ist kein fester Zustand. Sie wandelt sich. Trauern erinnert mich an eine Schlange oder Spinne, die immer wieder aus ihrer zu klein gewordenen Haut ausbricht.

Vor einigen Tagen las ich einen Text von 2012 und ich erschrak, wie traurig ich war. Es kam mir für einen Moment vor, als würde mein jetziges Ich dem trauernden Menschen von damals über die Schulter streichen und sagen: „Es kommt alles gut.“

Ich bin keine Trösterin. Wenn mir jemand erzählt, er verliere gerade einen geliebten Menschen, dann beschwichtige ich nicht. Ich kann nicht sagen: „Das wird schon wieder.“ oder „Schau vorwärts.“ Das kommt mir alles blöd vor.

Wenn ich so einer Erzählung lausche, höre ich zu. Ich nicke, weil mir so viele der Emotionen meines Gegenübers bekannt vorkommen, auch wenn sie nicht meine eigenen sind. Ich kann gar nicht mehr sagen. Denn in Anbetracht der Schilderung komme ich mir sehr unwichtig vor. Wichtig ist, dass ein trauernder Mensch Gehör bekommt. Dass er nicht das Gefühl von aussen bekommt, er sei nervig und mühsam, denn vielleicht denkt er das schon von sich selber.

Immer wieder mache ich die Bekanntschaft von demenzkranken Menschen und ihren Angehörigen. Es rührt mich sehr, wenn ich die engen Bande zwischen Menschen erkenne. Wenn ich sehe, wie sehr sich das Gegenüber um seinen vergessenden Menschen kümmert und sorgt. Oftmals denke ich, wie viele Geschichten wohl der demente Mensch im Stuhl gegenüber wohl noch zu erzählen hätte? Am Ende bleiben doch nur die wirklich wichtigen Dinge übrig.

Vor 11 Jahren sass ich bei meiner Mutter im Pflegeheim. Sie war 56 und ich konnte mich nun endlich auf sie einlassen. Es war nicht einfach, denn ich war nie die von heute und auch nicht die von morgen. Ein sterbender Mensch sieht anders in die Welt. Sie konnte in jenen Tagen all das äussern, was ihr in diesem einen Leben wichtig war. Das waren kleine Dinge, wie Strickzeitschriften, die Musikwelle, das Streicheln der Katze.

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Manchmal bedauere ich, dass es von uns beiden keine Fotografie aus jener Zeit gibt. Aber ich weiss auch, wieso das so ist. Ich wagte es nicht, meine Mutter in ihren letzten Wochen zu fotografieren. Es gibt diesen Spruch, man soll die Menschen so in Erinnerung behalten, wie sie ihr Leben lang gewesen sind. Das ist Blödsinn. Das menschliche Gehirn bastelt sich seine Erinnerungen ganz selber zusammen. Es spielt keine Rolle, wie man am Ende aussieht. Aber es hilft einem, das Geschehene auf die Reihe zu kriegen.

Damals vor 11 Jahren sprachen wir darüber, dass meine Mutter wenige Tage vor 9/11, sie war im September 2001 gerade 50 geworden, im Cockpit eines Swissair-Fliegers sein durfte. Ich musste ihr im Pflegeheim versprechen, dass ich die Karte der damaligen Crew aus ihrer Wohnung hole, weil sie die so toll fand. Sie ist mit silbernem Stift geschrieben. Ich halte sie noch immer in Ehren.

Ein Traum von Omi

Letzte Nacht träumte ich, endlich mal wieder, von Omi. Plötzlich stand sie da in meinem Traum: Wir sassen in einem chinesischen Restaurant in Berlin. Sie war wieder Ende 60, ich 20. Omi sah aus wie der blühende Frühling und strahlte mich an. Ich dachte: „Du bist doch tot.“ Omi antwortete, während sie mit ihren Stäbchen geschickt Pouletfleisch aus dem Reis klaubte. „Ja, das bin ich.“

Ich musste daran denken, wie sehr Omi darunter gelitten hatte, dass sie nach Opis Tod nicht von ihm geträumt hatte. „Das mag mi“, hatte sie mir damals gesagt und geweint.

Ich strahlte Omi in meinem Traum an. Sie streichelte meine Hand mit ihren langen, eleganten Fingern.

„Ach du Liebe“, seufzte sie. „Ich hab ganz vergessen, dass ich gar nicht mit Stäbchen essen kann.“

Und dann wachte ich auf.

Sei.

In einigen Tagen, am 6. Mai, ist Omis 90ster Geburtstag. Ich hätte ihn so gerne mit ihr gefeiert. Sie fehlt mir sehr, besonders jetzt im Frühling.

Omi war bei meiner Geburt 49 Jahre alt, ein klein wenig älter als ich jetzt. Meine Mutter bekam sie mit 23 Jahren. Als ich 23 war, dachte ich gerade darüber nach, einen zweiten Beruf zu erlernen. Omi hat nie eine Lehre gemacht.

Ich gehe durch unser Haus. Es sieht nach uns aus. Doch immer wieder denke ich an sie, rieche ihren Duft. Frage mich, was sie von alledem hält, was wir hier so schaffen. Mein Omi. Alles ist anders, doch noch immer steckt viel von ihr in diesen Wänden.

Mein Berufsleben hat sich irgendwie verändert. Immer wieder werde ich angefragt, über unsere Erfahrungen mit Demenz, meine Erlebnisse als Angehörige zu erzählen. Ich denke: ich bin doch erst 40 Jahre alt. Demenz ist doch so weit fort von allem, in meinem Alter.

Omi sagte so Dinge wie: „Es ergibt sich immer ein Weg. Du brauchst nur den Mut, ihn zu gehen. Du bist nie alleine.“

Die Erfahrung, zwei Menschen bis in den Tod zu begleiten, hat mich nachhaltig verändert. Ich bin nicht mehr die Gleiche. Vielleicht bin ich heute mehr den je die Person, die ich sein werde.

Das Telephonat

Ich kriege selten noch Anrufe aufs Festnetz, weil praktisch keiner mehr von jenen lebt, die es gerne und häufig benutzt haben. Meine Nummer hatten lediglich meine Eltern, Omi Paula und – Mamis Freund W.

Heute abend nun ruft W., nach über zehn Jahren – unverhofft – an. Es ist so viel Zeit in unserer beider Leben vergangen. Er verlor vor zehn Jahren die langjährige Freundin, ich die Mutter.

Ich bin erstaunt, dass er ausgerechnet mich anruft, doch ich freue mich. Ich lächle am Telefon. Meine Mutter hatte ihn furchtbar gern. In ihren Tagebüchern schreibt sie immer wieder über ihn. Ist es überheblich, dass ich mich für sie freue?

Für einen Moment tauchen mir die Bilder ihres Sterbens vor meinem Augen auf. Meine Mutter, die röchelnd da liegt. W., der hilflos und trauernd neben mir sitzt. Ich, die spüre, dass nun alles anders wird, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Wie ich die ganze Nacht neben ihr wache, sie loslassen muss, obwohl ich es jetzt gar nicht mehr will.

Wir sprechen über vieles; ihren Tod, ihre letzten Jahre mit ihm und die Tatsache, dass sie ihn an Svens Grab mitnahm. Das konnte ich fast nicht glauben, denn sie hat mir gegenüber alles abgewehrt, was mit meinem Bruder zu tun hatte. W. gegenüber aber zeigte sie sich offen. Er beschreibt mir seine Hilflosigkeit im Umgang mit ihrer Trauer und ich denke: Auch du. Willkommen im Club.

Wir reden und reden und er rechtfertigt sich, dass er mich angerufen hat. Er sagt, er hat Mami versucht die Welt zu zeigen, auch wenn sie am 2. September 2001 in Wien für sie beide endete. Sie war 50 Jahre alt und danach ging die Welt beinahe unter und 6 Jahre später ist sie tot. Er war damals 65 Jahre alt und die besten Jahren erwarteten ihn noch. Er liebte sie und hatte seit ihrem Tod keine neue Beziehung mehr angefangen.

Er erzählt mir, eine alte Freundin meiner Mutter wollte Omis Grab besuchen und fand es nicht. Ausgerechnet! Omis Grab liegt zwei Meter von Mamis Grab entfernt! Lappi!

Da ist all die Jahre ein Mensch da, der an dich gedacht hat.
Der noch immer deinen Namen weiss, der wenig vergessen hat.
Der mit deiner Mutter am Grab deines Bruders war und seinen Namen noch weiss.
Der deinen Beruf kennt.
Der weiss, dass du irgendwo da draussen bist.
Der einige Tage nach seinem 75sten einfach deine Nummer wählt, weil er sie vor über 10 Jahren aufgeschrieben hat und sie immer aufbewahrt hat.

Mutterschaften

Bei Diskussionen über Mutterschaft fühlte ich mich lange Zeit aussen vor. Ich habe keine Kinder und bin nicht unglücklich darüber.

Meine Mutter pflegte während meiner pubertären Schübe jeweils zu rufen: „Du wirst nochmals an mich denken, wenn du selber Kinder hast! Ha!“ Vor einigen Monaten geriet ich in eine hitzige Diskussion mit einer sehr jungen Person. Plötzlich kamen mir Mutters Worte wieder in den Sinn.
„Ja, Mutter“, so dachte ich, „du hast recht. Ich entkomme dir nicht!“

Schon mit dreissig Jahren war ich in einer ähnlichen Situation. Meine Mutter, schwerkrank im Pflegeheim, Leberzirrhose, konnte sich kaum bewegen. Sie hatte einen Wasserbauch. Ihr Leben würde nicht mehr lange dauern. Die Pflegende rief mich an, weil meine Mutter unbedingt abhauen und „Autostöppeln“ wollte. Sie war durch nichts und niemanden zu bremsen. Also musste ich, die Tochter mit ihr reden.

Das Gespräch dauerte nicht lang, doch ich bemerkte sofort, dass meine Mutter nicht mit mir, der Tochter, sondern mit meiner Oma redete. Sie benahm sich wie ein Teenager und war recht angriffig. Ich blieb ruhig und konnte meine Mutter so abhalten, „abzuhauen“. Danach weinte ich.

Da war die Arbeit an meinen Büchern. Das erste Buch war eine schwere Geburt und ich war umso stolzer, als es da war. Das zweite Buch hingegen war leicht. Ich war nicht angestrengt und überglücklich, als ich es zum ersten Mal in Händen hielt. Jeder, der schreibt, weiss, dass der Prozess des Schreibens viel von einem abverlangt. Das Resultat ist das, was am Ende zählt.

Eine weitere Mutterschaft erlebte ich mit Omi. Die letzten Jahre ihres Lebens wurde sie kindlicher und ich fühlte mich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Oftmals sah sie in mir ihre Mutter. Am Ende ihres Lebens konnte sie nicht mehr sprechen und ich hatte den Eindruck, als würde ich nun ein sehr altes und gleichzeitig junges Lebewesen loslassen müssen.

Mutterschaft ist eine relative Sache. Man braucht dafür weder Geschlechtsorgane noch Babywindeln. Man braucht nur ein Herz.

Ein Jahr später

Meine Omi ist ein Jahr tot. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, so wie es Omi auch getan hätte. An Dienstagen mag ich nicht frei nehmen. Unser Tag war der Mittwoch.

Abends schaute ich Game of Thrones. Omi hätte es geliebt.
Mehr als einmal musste ich in den letzten Tagen an sie denken, als sie mir in den 80ern in bunten Worten die Handlung von „California Clan“ erklärte und ich nichts verstand. („Den Typen dort mag ich nicht. Der ist mir zu schön. Und den anderen mag ich auch nicht. Der ist einfach ein Schofseckel.“)
Heute ist das anders.

Ich habe heute morgen nur einmal kurz geweint, als diesen Song hörte.
Es ist seltsam, das zu schreiben, aber ich weiss, Omi ist wohlbehalten.
Alles wird so werden, wie es muss.