Kälte im Herzen

Diese Adventszeit ist noch seltsamer als jene der letzten Jahre.
Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich Omi an Weihnachten nicht mehr besuchen.

Dabei scheint mir Omi präsenter in meinem Leben als zuvor. Ihr Bild hängt in unserer Stube, mit gutem Blick auf den Fernseher. Ihre Lieblingsdinge sind sortiert und verstaut im Estrich. Das Gästezimmer ist bereit für Gäste, so wie sie es sich immer erträumt hat.

Beim Dekorieren des diesjährigen Adventsfensters habe ich Omis Lieblings-Baumschmuck genommen. Mein Atelier, das zu ihren Zeiten im Haus eine Abstellkammer war, ist nun ein heller, warmer Raum.

Dieses Jahr findet das Weihnachtsessen in Omis Pflegeheim ohne uns statt. Ich bin nicht traurig. Es war eine Belastung für mich. Vor einem Jahr sass Omi in ihrem Rollstuhl und war in einem Dämmerzustand, während ich ihr das Weihnachtsessen eingab. Ich glaube, sie hat es schon genossen. Aber mir war klar, dass das unser letztes gemeinsames Essen in diesem Leben ist. Ich hätte nie gedacht, dass Loslassen so sein würde.

Manchmal, denke ich, war es einfach zu viel. Ich bin nicht gut im Loslassen. Mein Herz reagiert mit Schmerzen. Natürlich ist es einfacher, nicht mehr zu lieben. Aber das wäre auch falsch.

Ich vermisse Omi in der Vorweihnachtszeit am meisten. Sie hat all die Jahre dafür gesorgt, dass Weihnachten in unserer Familie etwas besonderes war. Sie hat uns alle verwöhnt und beschenkt.
Am Ende des Lebens zählen die Umarmungen, die Momente, wo man einander die Hände reicht, man zueinander hält. Und jetzt fehlt Omi so sehr.

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Gedenkfeier

Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass ich zehn Monate nach Omis Tod zu einer Gedenkfeier des Pflegeheims eingeladen würde. Es war kein leichter Nachmittag für mich.

Dass ich keinen Parkplatz mehr fand, als ich zum grossen Pflegeheim im Toggenburg fuhr, war eine Sache. Ich war ein wenig verzweifelt. In ganz Ebnat-Kappel prangen unfreundliche Parkverbotsschilder, die mich und mein Auto drakonische Strafen erwarten liessen. Dass ich schlussendlich bei der Gemeindeverwaltung (auf Nachfrage) parkieren durfte, fand ich grossartig.

Omi hat nicht im grossen Pflegeheim Wier gelebt, sondern im kleineren. Im Speer. So heisst nämlich einer der Berge im Tal. Vor über einem Monat wurde ich zur Gedenkfeier 2017 eingeladen.

Der Reihe nach wurden die verstorbenen Bewohner und Bewohnerinnen des Jahres erwähnt. Omis Name fiel ziemlich am Anfang. Die Pflegedienstleiterin Frau R. beschrieb in liebevollen und respektvollen Worten die Lebensgeschichte der Verstorbenen, erzählte Anekdoten, die schmunzeln und nachdenklich werden liessen. Für einige Momente waren all jene verstorbenen Menschen wieder in jenem Raum anwesend.

Ich empfand die Atmosphäre anfangs sehr drückend. Ich musste weinen. In diesem Raum waren lauter Menschen anwesend, die innerhalb der letzten Monate einen ihrer liebsten Menschen verloren hatten. Dank der spirituellen Begleitung der Pfarrerin, des Kaplans und des Predigers zerfloss die Schwere des Moments. Frau R. gelang es immer wieder mit ihren Worten, die geliebten Menschen vor Augen und ins Herz zu halten, sich ihrer zu erinnern, zu trauern und sich mit ihrem Tod zu konfrontieren.

Für Momente wurden all jene toten Menschen ihrer Anonymität entrissen. Sie erhielten einen Namen, eine Lebenszeit und eine Geschichte. Tränen flossen. Kerzen wurden angezündet. Umarmungen ausgetauscht. Wir alle erfuhren mehr über all jene letzten Monate und Tage jener Menschen, die in diesen Mauern gestorben sind.

Es war nicht erschreckend, sondern erstaunlicherweise mutmachend. Wir, die Überlebenden erfuhren von Kämpfen ums Leben und den Tod, von grossen Liebesgeschichten. Überhaupt, die Liebesgeschichten waren in der Überzahl. Dass Menschen so sehr lieben können, selbst und erst recht im Angesicht des Todes, hat mich sehr bewegt. Liebe hat kein Alter.

Mich berührte Frau R.’s kurze Geschichte über Omi Paula. Letzten Dezember kam der Samichlaus in Omis Pflegeheim vorbei. Er fragte, wer denn ein Sprüchli aufsagen könnte. Omi meldete sich.
Sie sagte zum Samichlaus: „Ta tamm ta tamm ta tamm ta tamm… und…? weisst du auch eines?“

Ich musste lachen und weinen gleichzeitig, als ich diese Geschichte hörte.
Das war Omi, wie sie leibte und lebte am Ende ihres Lebens, knapp einen Monat vor ihrem Tod.
Omi fehlt so.
Das hab ich bemerkt heute nachmittag.
Mir fehlt ihre liebe Art.
Ihre Sprache.
Die sanfte Berührung ihrer schönen Hände.

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Ich bin noch immer sehr dankbar, dass mein Omi Paula im Pflegeheim Speer, das zum Pflegeheim Wier Ebnat-Kappel SG gehört, sterben durfte. Sie wurde bis zu ihrem letzten Tag liebevoll begleitet. Ich weiss, das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Ich möchte all jenen Frauen und Männern meinen Dank ausdrücken, die ihre Lebenskraft für Menschen in Omis Alter einsetzen.

Dankbarkeit

Morgen vor vierzig Jahren hätte mein Geburts-Tag sein sollen.
Meine Eltern hatten mich auf den 7.7.77 geplant.
Aber weil es vor vierzig Jahren wohl sowas wie „Heute soll es sein!“ nicht gab, kam ich erst am 11. Juli zur Welt. Meine Mutter hat mir das bis zu ihrem letzten Tag vorgehalten.

Heute auf der Heimfahrt kam mir meine Mutter so unverhofft in den Sinn, dass es mich schmerzte.
Ich musste an ihren 40. Geburtstag denken und wie sie ihn mit Freunden gefeiert hat. Einige von ihnen leben auch nicht mehr. Ich dachte an meinen 30. Geburtstag und wie meine Mutter kurz danach verstorben ist. Diese schwierige Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin nicht daran zerbrochen.

Die Menschen, die mein Leben bereichert haben und jetzt nicht mehr sind, fehlen mir sehr. Omi und meine Mutter fehlen mir, besonders jetzt. Ich würde so gerne mit ihnen jetzt im Garten sitzen, Wein trinken und rauchen. (Ja, Omi, ich rauche auch nicht zu viel, nur Brissago im Sommer.)

Aber da gibt es auch andere Menschen, die nun in meinem Leben sind, die ich sehr gern habe, und die mir mit ihrer lieben Art Freude bereiten. Deren Gesellschaft geniesse ich nun in vollen Zügen. Denn ich weiss genau, irgendwann werden sie und ich auch nicht mehr sein.

zora sofa omi

Glück im Garten

Glücklich war Omi immer dann, wenn sie in ihrem Garten war. Irgendwie wuchs einfach alles, wenn sie es pflanzte. Erdbeeren, Bohnen, Kartoffeln, Salate, Johannisbeeren. Ihre Beete waren makellos.

Vielleicht hat es mich darum vor bald 12 Jahren so schockiert, als Omi von einem Tag auf den anderen einfach ihren Garten platt walzen liess. Die alten Terrassenmauern waren einfach weg. Ich verstand es nicht. Aber für Omi stimmte es. Heute denke ich, sie hat wohl gespürt, dass etwas nicht mehr mit ihr stimmt. Und weil sie ihren Garten so liebte, wollte sie ihn wohl nicht verkommen lassen.

Die Rosen blühen. Es ist, wie wenn nichts wäre. Ich hab heute fast geweint, als ich die vertrockneten Blüten wegschnitt. Ich dachte an Omi. Manchmal sitze ich in meinem Atelier und schaue zum Gartentor raus und denke: Sie kommt nicht mehr wieder. Ich vermisse ihre fröhliche Stimme. Ihr Gesicht, wenn sie mich erblickte und wenn wir uns in die Arme schlossen. Ich vermisse ihr krauses, grauschwarzes Haar, den gebückten, zarten Körper und ihre wunderbar langen Hände.

Ich habe weitere Rosen angepflanzt. Ich will, dass es in unserem Garten blüht. Der Garten soll ein Zuhause für Bienen, Hummeln und Vögel sein.

 

Der Garten und ich

Mein Garten und ich gleichen uns.

Nach diesem Winter, der fast alles Lebendige in uns zerstört hat, wächst alles nun umso schneller.
Ich bin zu langsam für meine Trauer.

Der Garten blüht.

Ich stehe da und schaue den Blumen zu, wie sie sich im Wind bewegen.
Ich denke, es geht alles so schnell. Zu schnell für mich.
Ein Monat, zwei Monate, drei Monate, vier Monate bist du schon tot und das Leben geht weiter.

Ich denke an die Spuren, die du in mir und im Garten hinterlassen hast.
Die Pflanzen, die du all die Jahre gehegt hast.
Die Bäume, die du geliebt hast.
Die Liebe, die du uns gegeben hast.

Ein geliebter Mensch hinterlässt immer Spuren.
In unseren Herzen.
In meiner Erinnerung.
Ach Omi, du fehlst mir so sehr.

omi auf der treppe
omi und zora

Schreibe.

Als ich nach Omis Tod ihre Sachen sortieren musste, fiel mir eine Kiste in die Hände.
Darin befanden sich Briefe und Postkarten, die ich Omi in den letzten Jahren geschrieben habe.
Es hat mich sehr berührt, dass sie alles von mir aufbewahrt hat.

Meine Kinderzeichnungen. Meine ersten Versuche als Schriftstellerin.
Ich war gerade mal sechs Jahre alt und schrieb mir die Buchstaben von der Seele.
Omi hat sich immer darüber gefreut und bestärkte mich darin, weiter zu machen.

Beim Durchschauen der Briefe und Karten entdecke ich mein eigenes Leben wieder.
Auf Ferienreisen oder Tagesausflügen schrieb ich Omi einige Zeilen.
Wenn ich irgendwo eine Postkarte mit einem Appenzeller Sennenhund sah, musste ich sie kaufen und sofort an Omi schicken. Omi liebte Hunde.

Auch ich habe Omis Briefe aufbewahrt.
Sie liebte es, auf kariertes Papier zu schreiben. Ihre Schrift war zart und edel.
Sie berichtete mir jeweils, wie es Opa und dem Hund ging.
Das tat sie auch lange nach deren Tod.

Beim Aufräumen im Haus entdeckte ich vor einigen Jahren einen Brief, den sie an meine Mutter geschrieben hat. Sie verfasste ihn wenige Tage nach dem Tod meines Bruders. Sie flehte meine Mutter darin an, nicht ihr Leben wegzuwerfen. Ich weiss nicht, ob meine Mutter diesen Brief je erhalten hat.

Nach Opas Tod schickte ich Omi jeden Freitag einen Brief oder eine Karte mit A-Post, damit sie am Samstag etwas Nettes zu lesen hat.
Dank der Unzuverlässigkeit der Post, manchmal kamen die Briefe am Mittwoch an, hörten wir irgendwann mit diesem Ritual auf.

Jetzt, wo Omi ist nicht mehr da ist, fehlt mir das Schreiben von Hand noch mehr als früher.
Dass ich die Dankesbriefe an die Trauergemeinde von Hand schreiben konnte, war befreiend.

Ich weiss nicht, ob Omi in ihren letzten Lebensjahren noch lesen konnte.
Aber das war mir egal.
Schreiben ist etwas, das man nicht nur mit den Händen tut und mit den Augen sieht.
Es ist Sprechen mit dem Herzen.
Der kurze Gedanke an den lieben Menschen ist wie eine Umarmung.
Sie ist zeitlos.

Sonntag – ein Nachtrag

Omi liegt in ihrem Bett.
Sie ist zur Seite gelagert.
Die Augen geschlossen.
Ihr Gesicht ist eingefallen.
Ihre Atmung geht schneller.
Ich streichle ihre Hand, die kühl wirkt.

Ach Omi. Ich hoffe nur, du kannst jetzt gehen.

Draussen ist alles weiss.
Es fällt weiter Schnee.
Auf dem alten Baum vor dem Pflegeheim haben sich grosse Krähen versammelt.
Ich will ihnen zurufen, denn ihr Gekrächze heimelt mich an.
Aber aus meinem Mund kommt kein Laut.

Als ich aus der Türe des Hauses trete, weine ich.
Die Schritte fallen mir schwer.
Ich bin müde und traurig.

Ich hab das Gefühl, dass ein Teil von Omi schon gegangen ist.
Wenn sie nicht mehr lebt, ist alles anders.