Lesen.

In meinem Blog pflegeundbetreuung.wordpress.com habe ich heute eine Liste all jener Bücher veröffentlicht, die mir in den letzten zehn Jahren bei der Bewältigung meiner Trauer halfen.

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Glückspilz

Ich bin ein Glückspilz, denke ich.
Dank Omi lese ich heute jede Menge Bücher über Demenz und vergleiche deren Inhalte mit dem, was ich die letzten Jahre an ihrer Seite erlebt habe. Ich lerne, dass es verschiedene Arten von Demenz gibt und das Ziel von uns Angehörigen sein muss, dem betroffenen, geliebten Menschen die Selbstständigkeit zu ermöglichen. Ah ja.

Ich lerne auch, dass es gegen Ende des Lebens eher schwierig wird, dies zu gewährleisten. Menschen mit einer schweren Demenz verlieren ihr Erinnerungsvermögen und leben ganz in der Gegenwart.

Ganz im Ernst? Ein wenig habe ich Omi darum beneidet, in der Gegenwart zu leben. Sie war nie so entspannt und glücklich wie damals, als es weder Vergangenheit noch Zukunft für sie gab. Omi hat nicht mehr getrauert. Die Verluste unserer geliebten Menschen stellten für Omi keine tiefen Narben mehr dar. Es war eher so, als hätte es sie nie gegeben. Omi hat zwar täglich SRF geschaut, und allein dafür gebührt ihr der Tapferkeitsorden, aber Kriege und Katastrophen haben sie nicht mehr berührt.

Manchmal, so denke ich, ist Demenz nicht der Schlimmste aller Wege. Vergessen ist eine schöne Sache, eine Art ewiger Schlaf.

Zugeschnürte Kehle

Langsam aber sicher leert sich die Wohnung. Derweil ich brav Dienst tue, räumt Sascha Bücher und Zeugs in Kisten. Bis zur grossen Zügelei hab ich genau noch einen Tag frei. Ganz im Ernst: ich bin froh drum, denn eigentlich bricht es mir das Herz, noch länger in diesem Haus ein- und auszugehen.

Nur schon wenn ich am Abend auf den Parkplatz fahre, muss ich fast weinen. Hier werde ich fast 18 Jahre neben wunderbaren, mir ans Herz gewachsenen Menschen gewohnt haben. Ich sah über all die vielen Jahre mein Nachbarskind aufwachsen. Ich durfte viele nette Katzen und Hunde kennenlernen. Viele Abende verbrachten wir gemeinsam im Garten. Die Sonne schien auf unsere Gesichter. Mein Nachbar macht das Feuer in der Feuerschale an. Wir trinken Wein und reden. Schauen zum Himmel und sehen die Sterne. Meine Nachbarn werden mir so sehr fehlen.

Ich war heute bei meinem Arzt. Seit bald zwei Monaten plagen mich Halsschmerzen, Schluckstörungen und Atemnot. Ich habe das Gefühl, als schnürt es mir den Atem und die Stimme ab. Immerzu dieses seltsame Gefühl im Hals, als ob ein Gegenstand, eine feine Nadel, darin stecken würde.

Das Gefühl, nicht mehr reden zu können, begleitet mich schon lange. Und manchmal habe ich Angst, dass es wirklich so sein wird. Heute hatte ich plötzlich Angst. Was ist, wenn meine Stimme verschwindet und ich einen Text nicht mehr laut vorlesen kann, um zu überprüfen, ob er gut ist? Spielt sich in einem solchen Falle Sprache nur noch im Kopf ab?

 

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September 2014

Ich kanns kaum glauben, dass ich vor sieben Jahren das letzte Mal mit meiner Mutter Geburtstag gefeiert habe. Es scheint mir manchmal, als wäre es schon hundert Jahre her. Oder erst gestern.

Sie fehlt mir. Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier und würde mich unterstützen. Als ich 2006 in ein Theaterprojekt involviert war, meinte sie lediglich: „Du schaffst das schon, Meitli..“ Ihre Worte fehlen. Ihre trockene Art und Weise und gleichzeitig das Vertrauen in mein Können, das wäre jetzt in dieser Phase von Nöten.

Sie hat es nie verstanden, dass ich schrieb. Sie sagte oft: „von mir hast du das nicht, Meitli.“
Ich weiss es echt nicht. Wenn ich ihre Aufsätze durchlese, erkenne ich meine Schrift wieder. Ihre Zeichnungen. Ihre klaren Gedanken. Ihr Suchen nach Worten und Beschreibung. Nein. Von ihr hatte ich es nicht, denn sie hatte es bis zuletzt.

Meine Mutter lag vor sieben Jahren bereits im Pflegeheim. Sie war keine 56 Jahre alt. Um sie herum waren steinalte Menschen, die dort lebten. Nur sie war zum Sterben hier her gekommen.

Manchmal wünsch ich mir, ich hätte damals ein eigenes Haus gehabt und sie pflegen können. Ich hätte Spitex-Frauen herumgejagt und jedem Arzt Feuer unter dem Hintern gemacht, der sie schlecht behandelt. Aber damals wusste ich ja nicht, was mich erwartete. Ich war sozusagen blauäugig.

Heute ist das anders. Ich bin in sieben Jahren siebzig Jahre gealtert. Kein Stein ist seit ihrem Tod auf dem anderen geblieben. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden.

Würde sie mich noch erkennen?

P.S. am meisten bereue ich, dass ich praktisch keine Photos von uns zweien habe. Es gibt eins, da bin ich noch ein Baby, beim anderen war ich Konfirmandin. Es scheint mir, als wären Tochter und Mutter nicht-existent.