3x 24 oder was ich mir nie zugetraut hätte

Schon als ich noch ein Kind war, liebte ich die 12er Reihe. Sie zog mich magisch an und ich konnte mir seltsamerweise alle Zahlen merken, auch wenn ich immer Buchstaben lieber mochte.

Heute wurde mein Vater 72 Jahre alt.
Damit ist er nun 16 Jahre älter als meine Mutter es je wurde und 30 Jahre älter als ich.
Mein Vater und ich haben, in meinen Augen, eine spezielle Beziehung. Ich bin seine älteste Tochter und genauso fühle ich mich auch.
In den letzten Monaten habe ich mich sehr mit Leben und Sterben auseinander gesetzt. Daran war mein Vater nicht ganz unschuldig. Er ist und war mein Schlüssel zur Natur. Von ihm habe ich soviel gelernt. Auch heute noch erkennt er Tiere nur aufgrund ihrer Silhouette, weiss vielerlei Geschichten zu erzählen.
Er ist ein Bauernsohn und was er in seiner Kindheit auf jenem Hügel im Thurgau mit Sicht auf den Säntis erlebt habt, mag wohl einige Bücher füllen. Mein Vater liess mich dabei sein, wenn er unsere Kaninchen schlachtete und erklärte mir, was es bedeutet, wenn ein Ei befruchtet und ausgebrütet wird.
Ich bin wohl ein richtiges Vaterkind und das hat mich immer glücklich gemacht. Ich hänge an ihm.
Als KInd wurde ich wütend, wenn ein Kind meinen Vater blöd fand und ich habe mich seinetwegen auch einige Male geprügelt. Mein Vater hat Landschaftsgärtner gelernt, war in Australien und hat auf dem Bau gearbeitet. Er war mein Tor zur Welt.

Als ich in den Kindergarten kam, und das ist nun bald 40 Jahre her, ging ich mit den Kindern seiner italienischen Arbeitskollegen dahin. Ich sprach früh Italienisch. Er pflegte zu sagen „Sprachen sind wichtig.“

Mein Vater war mir als Jugendliche alles. Mit ihm habe ich mich identifiziert, denn mit ihm habe ich um meinen Bruder getrauert, sehr viel offen gesprochen und mitgelitten. Von ihm habe ich meine Liebe zu Nadelbäumen, ich liebe Rottannen, und überhaupt zu Bäumen.
Doch wir hatten auch einige Diskussionen. Dass ich damals Omis Haus gekauft hatte, fand er gelinde gesagt ziemlich Scheisse. Doch es hat ihn nicht davon abgehalten, uns beim ersten Schnitt ums Haus unter die Arme zu greifen, mir zu helfen, eine gute Motorsense zu kaufen und mir vor allem zu zeigen, wie ich sie anwenden muss.

Gemeinsam haben wir alle eine Krähe aufgezogen und – ausgewildert. Dieses Erlebnis wird mich wohl bis ans Ende meines Lebens begleiten, denn es hat mich glücklich gemacht. In der Zuneigung zu Tieren gleichen wir uns. Wir können beide minutenlang dastehen und dem Tanz eines Eisvogels oder eines Huhns zuschauen.

Doch das ist alles tempi passati.
Er hat heute Mühe zu gehen, und er leidet unsagbar darunter und das macht mich traurig und verzweifelt und wütend.
Was mich aber besonders berührt, ist sein Wille. Er trauert um seine Mobilität, er leidet, doch er versteckt seine Gefühle nicht unter falsch verstandener Männlichkeit.
Er spornt mich an, mich zu bewegen, mein Leben zu geniessen.
Dank ihm habe ich mich an Dinge gewagt, die ich mir nie zuvor zugetraut hätte und ohne die ich heute nicht mehr leben möchte.


Es ist wie damals, als ich noch ein Kind war und er mich motiviert hat, schneller zu rennen, schneller mit dem Velo zu fahren, das zu tun, was ich immer wollte.
„Du kannst das.“


Lieber Papi, ich habe dich sehr gern. ❤

Willst du mit mir gehen?

Vor einigen Tagen stiess ich auf dieses Lied von Daliah Lavi. Ich mag es seit Kindertagen, denn ich wuchs mit ihrer rauchigen Stimme auf. Ganz gleich ob nachdenklicher Schlager oder „Stahlnetz des Dr. Mabuse“, Daliah Lavi war in unserem Thurgauer Haushalt eine feste Grösse.

„Willst du mit mir gehen?“ hat sich für mich in all den Jahren zu einer Hymne des Älterwerdens entwickelt. Daliah singt von Verbundenheit und dem Mut zur Liebe. Das sind allgemeingültige Themen, die auf jede Lebenssituation passen.

Für mich ist ihr Song ein Mutmachlied für Liebe und Demenz. Wie sonst sollen Paare durch diese schwierige Phase kommen? Daliahs Stimme ist intensiv und ich muss jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre, mit den Tränen kämpfen. Es berührt mich tief drinnen und ich denke: es ist so wahr.

Wie soll man das Vergessen des geliebten Menschen ertragen?

Wenn der geliebte Mensch langsam verschwindet, nicht aber die Liebe?

Wenn man spürt, wie die ganze Erinnerung in den Händen zerrinnt.

Wenn man nur schwer erträgt, wie es dem geliebten Mensch geht und man nichts tun kann, um ihm sein Leiden zu lindern?

Wenn der Mensch, den man liebt, nur noch schwer leben kann und so sehr leidet, dass er keine Perspektive mehr sieht, weiter zu leben?

Grosswerden

„Irgendwann wirst du gross werden“, pflegten meine Eltern zu sagen.
Da war ich noch ein Kind und konnte es mir nicht vorstellen, wie es ist, kein Kind mehr zu sein.

Das Schlimmste, was ich mir damals vorstellen konnte, war, meine Eltern oder meine Grosseltern zu verlieren. Ich dachte: Das ist das Ende der Welt. Du wirst nie mehr aufhören können zu weinen.

Ich dachte, wenn der Tod meines kleinen Bruders schon so schrecklich war, und der hat ja nur drei Tage lang gelebt, wird es noch viel schlimmer werden, wenn meine Eltern nicht mehr da sind.

Ich war 19, als Opi starb. Das war schlimm.
Mit 30 verlor ich meine Mutter. Das war sehr schlimm.
Ich war 39, als Omi starb. Das war schlimm, aber auch ok.

Die eigenen Eltern leiden und altern zu sehen, ist schrecklich. Man fühlt sich ohnmächtig. Es gibt wenig Trost und schon gar keine guten Ratschläge.
Zuhören ist eine Sache, die man tun kann.
Das Leiden aushalten eine andere.

Manchmal denke ich: Es ist schon sehr spannend, warum ich diesen meinen Beruf, den ich seit bald 20 Jahren ausübe, gewählt habe. Mein Vater sagte oft, dass eine körperliche Behinderung eines eigenen Kindes für ihn ganz schlimme Sache sei.

Ich bin diesbezüglich nicht abgestumpft, sondern pragmatisch geworden.
Ich tue, was ich kann für meine betreuten Menschen. Meine Kenntnisse, die beileibe nicht grossartig sind, helfen mir bei der Bewältigung des gemeinsamen Alltags. Ich schätze die Erfahrungen, die ich täglich mache und ich kann sagen, dass sie mich glücklich machen.

In der Begegnung in der eigenen Familie ist das anders.
Leiden macht mich unglücklich und ich spüre meine Ohnmacht sehr.
Ich will helfen und trösten und etwas tun, damit alles wieder gut wird.
In diesen Beziehungen bin ich noch immer kindlich und wünschte mir, ich könnte mit einem Kuss oder Trösten Tränen und Leiden wegwischen. Und der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ ist zwar doof, aber leider stimmt er.

Freitag

Die Rauhnächste sind vorbei.
Omi lebt noch.
Ich bin froh, dass sie noch da ist.

Es ist Freitagmorgen
Omi liegt in ihrem Pflegebett.
Alle zwei Stunden wird sie von den Pflegenden umgelagert, damit sie keine Druckstellen am Körper bekommt. Sie kriegt Schmerzmittel.
Ich sitze da und weine nicht.
Ich rede mit ihr. Erzähle ihr von unserer Reise nach Berlin, dem Ausflug nach Zürich in den Zoo.
Ich sage ihr, wie glücklich sie mich gemacht hat.

Sie öffnet langsam ein Auge. Sie schaut an die Decke.
Ihr Auge ist grünbraungrau. Genau wie meines.
Sie will etwas sagen, doch aus ihrem Mund kommt kein Laut.
Ich frage sie, ob es ihr gut geht. Sie drückt ein wenig meine Hand.
Hast du Schmerzen?
Keine Bewegung.

Für einen Moment lang befällt mich die Hoffnung, dass das Fieber einfach wieder verschwindet und wir in einigen Tagen wieder gemeinsam im Fernsehzimmer sitzen. Aber das ist in Anbetracht ihres aktuellen Zustands eine Illusion. Trotzdem hoffe ich. Innerlich. Irgendwie.

Ich bin im Zweifel. Ich möchte jede Minute mit ihr geniessen.
Ich würde so gerne nochmals mit ihr über früher reden.
Wir haben soviel gemeinsam erlebt.
Aber ich will nicht, dass sie leidet.

Das ist wohl die grösste Angst, die man als Angehöriger durchlebt, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Die Vorstellung, dass das Gegenüber leidet, ist furchtbar.

Andererseits weiss ich aber auch, dass mein Omi einen harten Grind hat. Sie hat immer alles im Leben so gemacht, wie sie es für richtig hielt. Auch wenn es anderen nicht gepasst hat. Vielleicht darf ich ihr auch einfach vertrauen, dass sie dann geht, wenn sie es will.

Sie fehlt.

Als meine Mutter vor bald neun Jahren verstarb, hätte ich nicht gedacht, dass es jemals ein anderes Gefühl als Trauer und Leere für mich geben würde. Ihre letzten Tage hatten mir alles abverlangt. Ich hatte das Gefühl, einen Marathon absolviert zu haben.

Die Erleichterung darüber, dass sie „es“ geschafft hatte, herrschte nur am Anfang vor. Schnell einmal war der Alltag wieder da. Es war, als hätte es meine Mutter nie gegeben. Als wäre sie nie gestorben. Als wäre ich nicht dabei gewesen, wie sie ihren letzten Atemzug tat. Trauer ist ein gottverdammter Hemmschuh in einer Gesellschaft von allzeit fröhlichen Menschen.

Nichts war mehr wie vorher. Mir schien, als hätte ich all meine Zwiebelhäute auf einmal verloren. Als wäre ich ein Haus, das zwar aussieht wie früher, aber als wären alle Steine, aus denen ich erbaut worden war, neu aufgeschichtet und mit frischem Putz überzogen. Ich hatte Schmerzen. Mein Herz. Es schien mir, als wäre es von tausend feinen, kleinen Schnitten durchzogen und würde langsam ausbluten.

Ich las Bücher über Trauer. Einige waren hilfreich. Lyrik war ebenfalls ein gutes Pflaster. Manchmal schaute ich unsere gemeinsamen Lieblingsfilme an, nur um einfach weinen zu können. Manchmal schmunzelte ich auch über mich. Nie hatte ich um einen Mann, einen Liebhaber, so sehr getrauert wie um meine Mutter. Sie hätte das bestimmt witzig gefunden.

Durch die Strassen zu fahren, durch die sie einst gelaufen ist, tat mir weh. Noch heute erinnere ich mich daran, wie und wo wir uns in Frauenfeld getroffen hatten. Alles scheint präsent. Nur sie fehlt.