Lehrjahre

Ich war gerade 17 Jahre alt geworden, als ich in Frauenfeld, in einem kleinen Familienbetrieb, meine Lehre als Confiserie-Verkäuferin begann. Meine Eltern hatten sich kurz zuvor getrennt und ich steckte in der tiefsten und wirrsten Pubertät, die man sich vorstellen kann. Und Akne sowie eine fette Spange im Mund hatte ich auch.

Ich liebte meine Lehre, mein Lehrgeschäft und meine Lehrmeisterin war ein grosses Vorbild für mich. Sie war direkt, freundlich, kreativ und konnte wunderbar Geschichten erzählen. Ich ging immer gerne arbeiten und freute mich über all das, was ich dort lernen durfte. Doch all das bedeutete noch mehr für mich: ich fand in meiner Lehrmeisterin und ihrem Mann zwei Menschen, die ein offenes Ohr für mich hatten und denen es scheissegal war, woher ich kam. Nur meine Leistung, meine Noten und mein Wesen zählten.

Ich habe mich recht geschämt, wenn meine Mutter in mein Lehrgeschäft kam, um einzukaufen. Ich hatte Angst, man würde bemerken, wenn sie betrunken war. Für meine Lehrmeisterin war das kein Thema. Nachdem ich ihr das erzählt hatte, war das ok. Ich lernte dank ihr, dass Dinge ansprechen eine gute Sache ist. Ich musste mich nicht wegen meiner Mutter schämen. Das sagte sie mir sehr klar und genau das musste ich damals hören.

Die zwei Jahre Lehre gingen viel zu schnell vorbei. Ich schloss erfolgreich ab und verliess das Geschäft. Nicht immer hatte ich das Glück, so tolle Chefs zu haben. Manchmal war es wirklich schwierig für mich. Sehr oft dachte ich an die Menschen, die in der Confiserie arbeiteten. Für mich waren sie wie eine Familie geworden. Wann immer ich kann, besuche ich schöne alte Confiserien, denn der Geruch von dunkler Schokolade, das Geräusch knisternden Papiers und Regale voller Geschenkspackungen fehlen mir zu meinem Glück.

Meine Arbeitshaltung, meine Werte und mein Umgang mit Lernenden sind sehr von dieser ersten Erfahrung mit meiner Lehrmeisterin geprägt. Gerade an Weihnachten, wenn auch in der Pflege alles drunter und drüber geht, denke ich jeweils an meine Lehrmeisterin und daran, wie sehr sie den Betrieb an Weihnachten, den „Stress“ und die viele Arbeit geliebt hat. Dann muss ich lächeln.

Mein Lehrgeschäft existiert seit vielen Jahren nicht mehr. Die schöne Inneneinrichtung des Ladens ist verschwunden und hat einem Restaurant Platz gemacht. Und seit ein paar Tagen lebt nun auch meine Lehrmeisterin nicht mehr. Ich denke fest an sie und bin unglaublich dankbar, dass sie mir damals die Chance gab, bei ihr in die Lehre zu gehen.

Alles Liebe und gute Reise Ihnen. ❤

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Vanillefarbene Melancholie

Ich liebe Confiserien über alles.
Wenn ich mein Wunschdasein mit einem Ladengeschäft beschreiben müsste, so wäre es eine Confiserie.

Hier treffen sich Menschen jeglichen Alters. Sie können im Café miteinander reden, wunderbaren Kaffee trinken und dazu Tortenstücke essen. In einer Confiserie gibt es köstlichste Süssigkeiten, Salzgebäck und Pralinen. Mitte der 90er Jahre habe ich in einer längst verschwundenen Frauenfelder Confiserie eine Lehre als Verkäuferin gemacht.

Rückblickend waren das die zwei schönsten Jahre meiner Jugend, mitten in der Pubertät und den Wirren des Abschieds von zuhause. Meine Eltern waren längst getrennt und mein erstes Kapitel als junge Frau fand in diesem uralten Geschäft statt.

Ich hatte meine Lehrmeisterin sehr gerne. Sie war mir Lehrerin, Mutter und Verbündete. Sie war ein e resolute ältere Dame. Mein Leben, meine Schwärmereien interessierten sie. Sie hatte für jede Lebenslage Ratschläge und trostreiche Worte. Die Alkoholkrankheit meiner Mutter fand sie schlimm, aber sie hat mir nie deswegen Vorwürfe gemacht, so wie es vielleicht andere taten. Im Gegenteil. Sie sagte: du kannst nicht in einen anderen Menschen hineinsehen.

In einer Confiserie tragen alle Uniformen.
Die Frauen damals in der Backstube trugen Kochschürzen, die Frauen im Laden weisse Blusen, Schürzchen und Jupes. Alles hatte seine Ordnung. Farben. Geschmäcker. Schachteln. Säckchen.

Manchmal denke ich mir: in mein Leben darf auch jeder treten, der sich anständig benimmt, die Regeln meines Geschäfts beachtet, keine Sauornig anrichtet und sich beim Verlassen des Geschäfts verabschiedet. Menschen, die keine Süssigkeiten, keine kulinarischen Kostbarkeiten, mögen, sind bei mir wohl im falschen Geschäft.

Schon als kleines Mädchen besuchte ich mit meinem Omi Kaffeehäuser. Oft bekam ich eine heisse Ovi und ein Schöggeli. Omi bestellte sich immer eine Schale. Die Serviererinnen und Verkäuferinnen in ihren Uniformen fand ich grossartig.

Wenn ich heute in ein Kaffeehaus gehe, werde ich jeweils von einer gewissen Melancholie eingeholt. Ich vermisse meine Besuche und die Gespräche mit Omi über Gott, die Welt und Prinzessin Di. Ich bin traurig, wenn ich andere Frauen in meinem Alter mit ihren Müttern sehe. Zu gerne würde auch ich mit meiner eigenen Mutter an einem Tischchen sitzen und mich über die Konsistenz von St. Honoré-Torte und den Gehalt von Rum in Savarins unterhalten.

Karriere machen

Als ich noch ein kleines Mädchen war, wollte ich den gleichen Beruf wie meine Oma ergreifen. Sie war Kioskfrau!
Es gab damals nicht schöneres für mich, als sie bei der Arbeit zu begleiten, Zigarettenpäckli einzuordnen, Stangen, Heftli schön in die Regale zu legen. Alles musste gut aussehen. Ich liebte es über alles!

Paula erzählte mir, dass es nicht ganz einfach war, um 1948 als Frau überhaupt einen Beruf zu ergreifen. Sie durfte nämlich, im Gegensatz zu Bibi und Hadi nicht in eine Berufslehre einsteigen. Ihr Weg war sozusagen vorbestimmt: als jüngste Tochter sollte sie für die alten Eltern sorgen.
Aber Paula gab nicht auf. Sie begann ihre Karriere in einer Strumpffabrik. Sie hat nicht oft darüber gesprochen, was sie da alles tun musste. Nur für etwas hatte sie klare Worte: die Arbeit hat ihr die Augen verdorben. Sie trägt seither eine dicke Brille.

Paula heiratete meinen Grossvater, wurde schwanger und brachte meine Mutter auf die Welt. Sie suchte eine neue Arbeit.

Paula erhielt einen Job bei Oscar Weber. Sie durfte Botengänge erledigen. Oscar Weber war damals ein grosses, tolles Kaufhaus. Sie wurde von einer Kundin um Rat beim Kauf einer Strumpfhose gefragt. Paula, hilfsbereit wie sie war, beriet die Kundin. Als sie die Kundin an der Kasse einer ausgebildeten Verkäuferin übergeben wollte, bemerkte Paula, dass der Chef ihr die ganze Zeit zugesehen hatte. Er forderte Paula auf, an die Kasse zu gehen und die Kundin zu Ende zu bedienen. Daraufhin wurde sie sofort als Verkäuferin angestellt.

Paula arbeitete fürs Leben gerne als Verkäuferin. Sie mochte grosse Warenhäuser, Haushaltsabteilungen, Mercerien und Strumpfabteilungen. Als meine Mutter heiratete, übernahm Paula einen Kiosk, den sie mit Kolleginnen betrieb.

Meine Mutter hatte ebenfalls eine An-Lehre als Verkäuferin gemacht, hatte aber immer wieder als Serviertochter gearbeitet Die Arbeit im Kiosk gefiel ihr. Doch dann, als sie mit mir schwanger war, geschah eine schlimme Sache. Ein Stammkunde, den Paula und meine Mutter als freundlichen, aufgestellten Menschen kannten, warf sich im Bahnhof Sirnach vor den Schnellzug, der von Winterthur nach Wil fuhr. Meine Mutter erzählte mir später, dass auf dem ganzen Bahnsteig Blut und Körperteile lagen. Es muss sie so sehr schockiert haben, dass sie danach nie mehr in einem Bahnhofskiosk arbeitete.

Paula hingegen liebte die Arbeit am Kiosk, den Auflauf von Kunden zu jeder Tageszeit, die Geschäftsmänner, die den „Tagi“ oder die „NZZ“ „mit“ kauften.

Die Kioske, in denen Paula einst ihr Geld verdiente, sind mittlerweile alle verschwunden.

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