Von der Trockenheit

Seit einigen Wochen ist es hier oben im Toggenburg ganz schön trocken. Die Flüsse werden immer dünner. Sogar unser Lederbach, der noch vor einigen Wochen ganz andere Seiten zeigte, führt immer weniger Wasser. Ich mache mir Sorgen um die Fische, die im Bachbett seit Jahrzehnten leben.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, liebte ich es, mit meinem Opa am Geländer des Bachbetts zu stehen und die Fische zu beobachten. Ich musste ganz still stehen und geduldig warten, bis sie sich wieder zeigten.

Das Hochwasser vor einigen Wochen hat den Bach verändert. Nun liegen zwei grosse Baumstämme herum. Es sind viel weniger Fische zu sehen.

Der Bach ist für mich eine Lebensader. Sein Rauschen beruhigt mich nachts und hält mich wach, wenn es laut ist und viel Wasser vorbeifliesst. Ich mag diesen kleinen Wasserstrom, denn ich weiss, wie viele Lebewesen sich an ihm laben: Da ist das Amselmännchen, das aus ihm trinkt, die frechen Kohlmeisen, die es lieben, über sein Bett zu hüpfen. Da ist die Wasseramsel, die sich anmutig an seiner Seite wäscht und bewegt, als wäre sie eine graue Ballerina. Da ist der Reiher, der hin und wieder vorbei stolziert und nach dem Rechten schaut. Wir Menschen sind zwar akzeptiert, aber wir spielen bei diesem Treiben keine Rolle. Und dann sind da die Fische, die sich sonnen und bei der geringsten Bewegung am Ufer unter die Felsenvorsprünge verschwinden, so als wären sie gar nie da gewesen.

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Hochwasser

Langsam kehrt der Sommer im Toggenburg ein.
Die Blumen blühen, unsere alten Rosen auch. Seit einigen Tagen trägt auch unsere wunderschöne Linde ihr Blütenkleid.

Am letzten Mittwochnachmittag fing es an zu regnen. Fast 40 Minuten nonstop Starkregen. Starke Gewitter.
Der Bach neben unserem Haus stieg innerhalb kürzester Zeit an.
Als ich nach Hause kam, war ein Teil unseres Vorplatzes, der alte Waschplatz, unter Wasser.

An uns vorbei schwammen Äste, Geröll und mannsgrosse Baumstämme.
Ich bin an der Thur aufgewachsen und habe seit jeher Angst (und Respekt) vor Hochwasser.
Ich weiss genau, was es bedeutet, wenn das Wasser kommt.
Es scheint mir in den Genen zu liegen. Das Geräusch des fliessenden Gerölls. Das tumbe Aufschlagen der Baumstämme.

Das kleine Rinnsal hatte sich innerhalb weniger Minuten in einen tosenden Strom verwandelt.
Vielleicht vor zehn, zwanzig Jahren ist es das letzte Mal passiert.
Für einen Moment hatte ich Angst um Uropas alten Waschbärenstall, um unser Haus. Das Wasser hatte eine unglaubliche Energie. Man kann ihm nichts entgegen setzen.

Heute nachmittag stieg ich hinunter in den Bach. Das habe ich bestimmt 30 Jahre nicht mehr getan. Es war ganz einfach. Alles war still. Das Bachbett ist vom Hochwasser abgeschliffen, das Moos verschwunden. Weiter unten liegen grosse Baumstämme. Für einen Moment bin ich wieder Kind.