Furchtbar schade

Vor einigen Tagen nahm ich an einer Tagung teil und überlegte, wo ich in 5, 10 oder 20 Jahren sein (wollen) würde. Die Antwort schien mir sehr einfach und hat mich wenig Überlegung gekostet:

Ich möchte hier in Lichtensteig leben, in unserem Haus, umgeben von vielen Rosenbüschen, Pflanzen und Tieren. Ich möchte so oft wie möglich meine Freundinnen treffen, mit ihnen etwas trinken gehen, reden und wieder ins Haus zurückkehren. Ich möchte viel lesen und schreiben. Kurse in Creative Writing geben. Frei sein.

Vor fünf Jahren schien mir alles, was ich jetzt lebe, fremd. Ich konnte mir nicht vorstellen, hier oben zu leben, hatte keine Idee meines zukünftigen Glücks. Im Toggenburg zu leben schien mir ohne Zukunft, denn was sollte ich hier oben schon tun?

Mein geliebtes Lichtensteig ist in Bewegung, wie es schon all die letzten Jahrzehnte vorher war. Der kleine Marktflecken ist kein Ort, der in sich selber ruht, sondern sich fortlaufend selbst weiter erfindet und lebt. Lichtensteig ist die Summe der Menschen, die hier lebt und glücklich ist. Lichtensteig ist eine Stadt, die nie ruht, sondern deren Puls das Tun ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ist.

Mein Städtchen ist kein toter Ort. Es lebt seine ureigene DNA von sich bewegenden, kreativen und kommunikativen Menschen.

Vor über 55 Jahren kauften meine Urgrosseltern hier ein Haus und ich bin ihnen sehr dankbar für ihre Weitsicht und ihren Mut. Ohne sie wäre ich heute nicht hier und das wäre furchtbar schade.

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Eine Woche später

Paula ist seit einer Woche tot.
Es scheint mir, als wäre es ewig her und doch erst gestern.
Am Freitag ist die Beerdigung.
Fast alles ist vorbereitet.
Jetzt fehlt nur noch der Urnenkranz.

Das Leidmahl ist organisiert.
Darauf hat Omi bei allen Beerdigungen Wert gelegt:
Wenn schon jemand stirbt, dann muss wenigstens das Essen gut sein.
(Liebe Omi, das wird es!)

Ich habe ihren Lebenslauf für die Abdankung geschrieben.
Das ist seltsam. Ich habe so vieles über Omi geschrieben und nun
fällt es mir schwer, mich auf das Wesentliche zu beschränken.
Heute morgen hat mir das Herz nicht so weh getan wie vor einigen Tagen.
Vielleicht, so denke ich bei mir, heilt die Stelle wieder.
Das Blut trocknet und es entsteht eine Narbe,
die daran erinnert, wie tief der Schmerz gewesen sein wird.

Als ich heute mit dem Zug nach Hause fuhr,
sah ich ihr liebes Gesicht vor mir.
Ihr Lachen. Ihren Gang.
Ihre liebe Stimme.

Sie fehlt einfach.
Sie war so ein lieber Mensch.

Wieder Samstag.

Die Tage vergehen einfach so.
Es schneit wieder. Ich arbeite.
Es ist fast alles wie vorher.

Ich sehe etwas verquollen aus.
Meine Nächte sind schlecht.
Ich bin todmüde und schlafe sogar.
Doch jede Nacht kommen Albträume.
Nie träume ich von Omi.
Es sind tausend andere Dinge.

Meine Brust fühlt sich an, als wäre sie
aufgeschlitzt worden.
Mein Herz tut weh.
Beim Arbeiten vergesse ich den Schmerz.

Gestern sprachen wir mit dem Pfarrer.
Ich habe ein gutes Gefühl und bin auch – irgendwie –
getröstet.
Ich freue mich auf die Abdankungsfeier für Paula.

Die Kisten mit ihren Sachen stehen unausgepackt im kalten Zimmer.
Noch fehlt mir die Energie, den Dingen einen neuen Ort in meinem
Leben zu geben.

Für die Feier schreibe ich Omis Lebenslauf.
Ich bin froh, dass ich so viel aus ihrem Leben weiss.
Das ist ein Trost, besonders jetzt.
Für Omi stimmt das Ende unserer Geschichte.
Für mich nicht.