Blut ist dicker als Wasser

Ich fand diesen Spruch schon als Kind blöd. Ich verstand ihn lange nicht. Als ich es tat, war es noch nicht zu spät.

Als ich mitten in der Betreuerinnenausbildung steckte, behandelten wir auch das Thema Sterben und Tod. In einem Gespräch mit einem Freund äusserte ich, dass ich meine Mutter niemals pflegen oder bis zum Ende begleiten würde. Ich war so voll kindischen Zorns auf sie, dass nur schon die Vorstellung mich auf sie einzulassen, unvorstellbar war.

Im Juli 2007, ich war gerade 30 Jahre alt geworden, erfuhr ich, dass sie todkrank war. Seltsamerweise musste ich nun keine Sekunde überlegen, ob ich mich um sie kümmern würde. Ich wusste es einfach.

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich weiss nicht, ob meinem Vater bewusst war, dass ich 42 Jahre alt wurde. Er lächelte mich mit diesem liebevollen, weisen und auch kindlichen Blick an, der all die Trauer eines Lebens spiegelt. „Ich hoffe, du bekommst nie diese Krankheit“, flüsterte er.

Blut ist dicker als Wasser, im besten wie im schlimmsten Fall. Weinen und Traurigsein nützt nicht viel. Das braucht zu viel Energie und leider sind wir alle keine Alpensteinböcke. Ich rief mir das Bild vor Augen, wie sie in steilsten Wänden herumkraxeln und ihr Leben meistern: Man setzt einfach immer einen Schritt vor den nächsten, lässt sich vom Abgrund nicht gross beeindrucken. Und ab und zu knabbert man an Moos.

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Mutter vermissen

Seltsames Gefühl, so lange Zeit krank zu sein. Verdacht auf Mononukleose. Pfeiffer. Oder ganz simpel: Kusskrankheit. Mir ist es eigentlich egal, wie diese ärgerliche Zusammenrottung von Viren heisst. Ich möchte nicht krank sein.

Das Gefühl jedoch kenn ich. Vor acht Jahren lag ich bereits einmal wegen Pfeiffer flach. Ich kam sogar in Spitalpflege, weil ich nicht mal mehr meinen eigenen Speichel schlucken konnte.

Nachher trat ich eine neue Stelle an. Zur gleichen Zeit wurde meine Mutter krank.

Ich denke oft an sie, wenn ich krank bin. Ihre Pflege war immer sehr liebevoll. O-Saft und Essigsocken. Die Universalwaffen gegen alle schlimmen Krankheiten. Manchmal denke ich: vielleicht hat sie sich nur, wenn ich krank war, nützlich in meinem Leben gefühlt. Für sie war ich immer „die Grosse“, die Selbständige, so als hätte ich sie gar nicht gebraucht.

Dabei war es ganz anders. Als sie Ende der 80er eine Geschwulst im Kiefer entfernen lassen musste, starb ich tausend Tode. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie nicht mehr am Leben ist.

Fast zwanzig Jahre später fand ich es heraus.
Geändert hat sich äusserlich nicht viel. Sie ist einfach nicht mehr da. Ihre Wohnung ist längst weiter vermietet. Ihre Möbel sind verschwunden, ihre Kleider in der Altkleidersammlung.

Innerlich aber hat ihr Tod viel ausgelöst. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie mit 30. Meine etwaig vorhandene Unbeschwertheit hat sich im Nichts aufgelöst. Einen Menschen sterben zu sehen ist ein Geschenk und Verantwortung zugleich.

Was stelle ich mit meinem eigenen Leben an?
Versuche ich wirklich mit allen Kräften, sinnvoll und glücklich zu leben?

Meine Mutter und die grosse Demütigung

Meine Mutter ist bald sieben Jahre tot. Sie war und ist einer jener Menschen, vor denen ich trotz allem Erlebten grossen Respekt habe. Sie hat fürs Leben gerne gearbeitet. Schon mit 17 stand sie im Berufsleben. Sie hatte eine Anlehre als Verkäuferin in einer Haushaltsabteilung gemacht.

Weil sie in jungen Jahren eine wunderschöne Frau war, fand sie rasch einen Job als Serviertochter. So hat sie auch meinen Vater kennengelernt. Als sie verheiratet war, arbeitete sie als Kioskfrau. Auch diesen Job liebte sie. Sie war mit mir schwanger, als sich vor ihren Augen am Bahnhof Sirnach ein Mann vor den vorbeifahrenden Zug warf. Danach konnte sie nicht mehr dort arbeiten.

Sie wurde Hausfrau. Sie strickte und häkelte. Aber eigentlich war ihr langweilig. Nach dem Tod meines Bruders und der Geburt meiner Schwester zogen wir um und meine Eltern wurden Hauswarte einer grossen Schulanlage.

Sie arbeiteten viele Jahre gemeinsam. Diese Arbeit mag vielleicht gut bezahlt sein, aber sie fordert sehr viel Abgrenzung und eine dicke Haut, die meine Mutter bestimmt nicht besass. Meine Eltern trennten sich nach fast zwanzig Jahren Ehe. Ich habe noch heute das Gefühl, dass die beiden das früher hätten tun sollen. Meine Mutter, und auch mein Vater, blühten auf. Während mein Vater sich neu verliebte, fand meine Mutter einen Job in der Stadt.

Sie jobbte in drei Filialen von Denner. Sie sass an der Kasse, füllte Regale auf und war glücklich. Ich kriegte mit, dass man sie trotz hoher Arbeitspensen und ihrer absoluten Flexibilität, als Aushilfe entlöhnte. Das machte mich wütend. Sie hat nicht mal einen richtigen Arbeitsvertrag bekommen. Sie hat für den Rest ihres Lebens für einen verdammten Hungerlohn gearbeitet.

Irgendwann hat man sie entlassen. Sie war zu alt, zu alkoholkrank und passte nicht mehr zum neuen, Möchtegern-cleanen Denner-Image. Meine Mutter war selten krank, lief sauber herum und kam nie zu spät zur Arbeit. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen hat meine Mutter auch nie geklaut.

Dann geriet sie in die Schlaufe der staatlichen Arbeitslosenunterstützung. Sie musste, um ihren Wochenrhythmus zu wahren, im „Opdi-Werk“ antraben. Unter den Arbeitslosen, darunter viele entlassene Leute kurz vor der Rente, hiess die Institution „Bekloppti-Werk“.

Meine Mutter rief mich in jener Zeit oft an. Sie machte sich Luft. Es war für sie eine immerwährende Demütigung, Arbeiten zu verrichten, die man eigentlich an Menschen mit Behinderungen vergibt. Sie sagte: Ich verblöde hier noch. Warum kann ich nicht einfach arbeiten gehen?

Wir schrieben Bewerbungen. Aber manchmal kriegte sie bei der Absage nicht einmal mehr ihre teuer bezahlten Bewerbungsmappen zurück. Sie war verzweifelt.

Am Ende ihres Lebens geriet sie in die Sozialhilfe. Für meine Mutter, die immer sorgfältig auf ihr Geld geschaut hatte, war das schlimm. Ihre Kontoauszüge, ihre Zahlungsbelege lesen sich wie einziges Drama. Man behandelte sie auf dem Amt wie eine Aussätzige. Omi Paula steckte ihr manchmal Geld für Zigaretten zu, ermutigte sie, weiterzumachen. Paula war der unerschütterlichen Meinung, dass alles wieder gut kommt. Meine Mutter wurde schliesslich schwer krank, kam ins Spital, schliesslich ins Pflegeheim.

In jener Zeit hatte ich das Vergnügen, mit Mamis Dame vom Sozialamt zu sprechen.
Diese Sachbearbeiterin versuchte, mich wie ein Stück Dreck zu behandeln. Ich bemerkte das an ihrer Sprache. Ich habs mir nicht gefallen lassen und mich gewehrt. Das kam bei ihr nicht so gut an. Trotz allem versuchte ich für meine Mutter gut zu sorgen, musste auf Druck ihre Wohnung räumen. Die Sachbearbeiterin meinte, ob ich wirklich das Gefühl habe, dass das Amt soviel für meine Mutter bezahlen würde. Nach fast 40 Jahren Berufstätigkeit wurde meine Mutter behandelt, als wäre sie eine Betrügerin. Mir wurde übel und damals versiegte jeglicher Glaube an die staatliche Versorgung in mir.

Als meine Mutter starb, hatte die Sachbearbeiterin der Sozialhilfe Ferien. Sie rief mich dann einige Tage später gut gelaunt an und fragte mich, wie es denn so stehe in Sachen Wohnungsräumung.
Ich sagte, wie es aussieht, dass meine Mutter tot war und ich die Wohnung geräumt hatte. Alleine.
„Das hätten Sie doch nicht tun müssen“, meinte die Dame.

Für mich war diese Erfahrung eine Lehre. Sozialhilfe verdient den Namen nicht. Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind, haben meistens nicht mehr viel, was ihnen geblieben ist. Da kann man mir nichts anderes erzählen.

Nachtrag:
Auf wundersame Weise gelangten damals Gläubiger meiner Mutter an meine Telephonnummer und Adresse. Ich nehme heute an, dass das Sozialamt alle Anfragen freundlicherweise an mich weitergeleitet hat. Ein Mitarbeiter der Stadt Frauenfeld hat mir bei der Todesmeldung dann sofort geraten, Mutters Erbe auszuschlagen, um nicht noch mehr Probleme zu kriegen, als mir die Damen des Sozialamts eh schon angetragen hatten.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich die Beerdigung meiner Mutter sowie Grabstein und Bepflanzung ihres Grabes selber bezahlen durfte. Wenn es nach dem Sozialamt Frauenfeld gegangen wäre, hätte ich die Asche meiner Mutter höchstens in die Thur kippen dürfen. #fail

Mein Name und der September

Mir geht in diesen Tagen viel durch den Kopf. Ich bin müde. Es zehrt an meinen Kräften. Der September ist nicht mein Monat. Selbstmordmonat. Das Leiden meiner Mutter steckt mir in den Gliedern. Die bunten Farben der Jahreszeit trügen noch immer.

Heute war einer dieser wunderbaren Spätsommertage. Es ist warm. Ich sitze an einem See, der so blau ist wie die Augen meines Grossvaters. Noch sind die Wiesen grün, doch die Blätter der Bäume verfärben sich bereits.

Die Menschen wirken glücklich. Der See ist warm. Ich bade, spüre das Wasser auf meiner Haut. Weit hinten sehe ich die Berge und irgendwo dazwischen steht mein Haus und wartet auf mich.

Ich hatte vor einigen Tagen eine Art Abszess am Hals. Mit einem Mal kamen mir all jene Gefühle wieder hoch, die ich längst vergessen, oder zumindest gut verstaut, glaubte: Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Wenn mein Körper aus irgendeinem Grund aufgibt?

Das Laufen habe ich zwei Mal gelernt. Das zweite Mal tat mehr weh. Eine Frau zu werden war auch nicht leicht. Jetzt zu verstummen ist mein Albtraum.

Manchmal denke ich an meine Mutter und die Art, wie sie meinen Namen gesagt hat. Sie wird ihn nie wieder sagen. Auch Oma kennt ihn nicht mehr. Für sie bin ich meine Mutter, ihre Schwester, ihre Mutter. Aber nicht ich. Warum also noch über mich und meinen Namen nachdenken?

Der einzige Mensch, der noch von Anfang an weiss, wie ich wirklich heisse, ist mein Vater. Er hat sich daran gewöhnt, dass mich mein Umfeld zora nennt. Alpha und Omega. Anfang und Ende. So ist es nämlich.

Und nun fallt über mich her wie Tiere und zerreisst meinen Namen. Denn ihr habt keine Ahnung von Verlust, Wut und Sterben.

Ausser Gefecht gesetzt

Heute sollte ein voller Tag werden. Ich hatte Dienst und wollte danach zu meiner Oma fahren, quer durch die Ostschweiz ins Toggenburg. Schon früh morgens hatte ich mir Gedanken gemacht, was ich ihr mitbringen könnte. Ein Plüschtier vielleicht? Die liebt sie nämlich heiss und innig.

Doch dann werde ich am Vormittag gnadenlos ausgebremst.
Ich kriege einen heissen Kopf. Mein Hals wird eng. Ich muss mich übergeben. Glücklicherweise übernehmen meine Kolleginnen. Ich fahre nach Hause. Dort bemerke ich, dass ich Fieber habe. Ich hab mich wohl irgendwo angesteckt.

Ich lege mich hin. Mir ist übel.
Dann denke ich nach. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich das, was ich mir vorgenommen habe, nicht geschafft habe.

Ich kann mich nicht vierteilen.
Der Gedanke, dass ich meine Oma im Stich lasse, geht nicht weg. Ich sollte jetzt bei ihr sein.

Stattdessen liege ich herum. Trinke Tee. Streichle die Katze. Denke nach.

Wenn ein Vater oder eine Mutter ein krankes Kind zuhause hat, kriegt er oder sie bis zu drei bezahlte Arbeitstage, um die Pflege zu organisieren. Angehörige von Demenzkranken kriegen das nicht.

Ich muss daran denken, wie oft mich meine Omi Paula im Spital besucht hat. Ich war gerade mal acht Jahre alt und konnte nicht mehr laufen. Aber sie war immer da für mich. Sie hat sich nie beschwert, mir nie vorgehalten, was sie alles für mich getan hat.

Nun liegt sie in ihrem Bett im Spital, kann nicht mehr laufen, während ich den Kopf in die Toilette stecke und kotze.

Dann halt übermorgen. Das schaffe ich schon.

paula und ihre schwestern

paula ist das dritte von fünf kindern. sie hat noch zwei ältere schwestern bibi und hadj, ihre zwei jüngeren, geliebten brüder sind leider gestorben.

mir scheint, als sei paula ihr ganzes leben mit ihren beiden schwestern im konflikt gestanden. paula, als kind schwer an hirnhautentzündung erkrankt und näher am tod als im leben, wurde nach meinung der schwestern immer sehr verwöhnt. was das in den dreissiger jahren während des krieges bedeutete, vermag ich mir nicht vorzustellen.

jedenfalls gab es immer wieder zeiten, in denen die drei frauen nicht miteinander sprachen. in den letzten drei jahren hatte paula vor allem mit ihrer schwester hadj öfters krach. heidi hatte mühe mit paulas beginnender demenz und machte sie halb verrückt mit ihren ratschlägen. einer von hadjs klassiker ist nämlich der tipp, paula solle sudoku machen, damit ihr hirn länger fit bleibt.

es ist so, dass paula über sich selber sagt, sie ein sturer siech. und ratschläge findet sie oberdoof und man kann sich drauf verlassen, dass sie das gegenteil davon macht. nach schwierigen telephonaten mit hadj rief paula jeweils mich an und klagte mir ihr leid. die ganzen vorwürfe, auch in bezug auf meine mutter, regten mich auf. so nahm ich eines tages die gelegenheit wahr und rief meine grosstante an. diese, mitte 80, gleicht mir stark: sie ist diszipliniert, höflich, legt wort auf gute kleidung usw. sie ist sehr pedantisch und kann ziemlich herablassend sein.

die ersten zehn minuten des telephonats waren gelinde gesagt furchtbar. natürlich hat sie auch mir erklärt, was ich alles zu tun habe. dass ich meine oma gefälligst so schnell wie möglich in ein altersheim bringen solle und ich keine hilfe von ihr, hadj, zu erwarten habe.
ich hakte die geschichte für mich ab, weil ich merkte, dass ich hier nichts vermitteln kann. und meine energie brauche ich für wichtigere dinge.

seit paulas demenz sich verstärkt, hatte ich keinen kontakt mehr zu hadj und bibi. ich fürchte mich davor. ich werde ihnen wohl einen brief mit der neuen adresse von paula schreiben.

über die wut

manchmal werde ich wütend.

als angehörige einer demenzkranken frau leiste ich die organisation der pflege in meiner freizeit. immer. auch wenn oma krank ist. ich habe arbeitsrechtlich keine chance auf bezahlte freitage, um die pflege zu organisieren.

natürlich könnte ich jetzt mein pensum senken und 50km von meinem arbeitsort entfernt oma pflegen und pendeln. doch leisten kann ich mir das nicht. bezahlen würde mir diesen lohnausfall niemand. und mit meiner stelle kann ich nicht mit tieferen prozenten arbeiten.

die pflege und begleitung von menschen mit einer demenzerkrankung ist zeitintensiv. bisher schaffen wir es noch telefonisch. doch ich habe angst vor dem moment, wo sie zahlen nicht mehr lesen kann und meine stimme nicht mehr erkennt. ohne die pflege der spitex-frauen wäre dies das wohnen zu hause schon länger nicht mehr möglich gewesen.

ich hab seit monaten mit meinem vorgesetzten klartext gesprochen. ich denke, das ist nicht mehr als fair: die demenz ist an- und ausgesprochen. ich habe rückhalt. vielen anderen geht es jedoch nicht so gut. sie sprechen nicht darüber und arbeiten sich fast zu tode.

mein grossvater wurde in der 80er jahren des letzten jahrhunderts im zuge der textilindustriekrise arbeitslos und hat mehrere jahre seine stiefmutter und seinen vater gepflegt. ich weiss nicht, wie viele männer diesen dienst einfach so getan hätten. deshalb ist er für mich ein grosses vorbild. ich frage mich, wie er das geschafft hat.