Ab in die Mulde

Das Haus unserer Nachbarin wird seit Montag geräumt. Es ist nur schwer erträglich, Zeuge zu sein, wie ihr Besitz in der Mulde landet. Ein ganzes Leben hat Platz in einem Container. Es ist zudem belastend, dass die Mulde noch immer da steht, selbst wenn an ihrem Haus interessierte Leute vorbei kommen.

Es erinnert mich sehr an die Räumung der Wohnung meiner Mutter. Nur hatte ich da kein Geld für eine Mulde. Ich trug Migros-Tüte für Migros-Tüte die vielen Treppen hinunter in mein Auto.

Ich wusste genau, wenn das Sozialamt die Wohnung räumt, dann darf ich nichts behalten. Meine Mutter bat mich, ihre Sachen aufzubewahren. „Für später“, sagte sie. Welches Später meinte sie wohl? Wir wussten beide, dass sie nicht mehr lange lebt.

So schleppte ich ihren Besitz in meinen Keller. Sie starb wenige Tage, nachdem ich ihre Wohnung geräumt, geputzt und dem Vermieter übergeben hatte.

Mit Omis Sachen war es zum Glück anders. Omi vergass langsam, was sie besass. Ich brauchte ihre Kleider nicht zu entsorgen, denn sie hatte sie ja mitgenommen ins Pflegeheim.

Ich bin umgeben von ihren Dingen, ihren Fotos. Und manchmal hab ich das Gefühl, dass ich sie so nicht ganz verloren habe.

Nachtrag: So lange die Mulde da steht, kommen wir mit dem Auto nicht mehr bis zum Haus.

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was paula trug

in meiner erinnerung war paula stets perfekt gekleidet. sie liebte kleider mit psychedelischen mustern, besonders jenes weisse mit den grossflächig aufgedruckten pied de poule.
auf vielen photos, paula liebte pilgerreisen nach rom und lourdes, trägt sie deux-pièces in mint mit tollen, hochhackigen schuhen. sie war, wie ich jetzt, in jungen jahren sehr gross, mindestens 10 cm grösser als mein opa walter. sie liebte modeschmuck in massen, immer elegant, immer einfach.

als paula älter wurde, schwenkte sie zu hosen über. sie trug dunkelblaue hosen, die nicht hauteng waren, darüber stets einen feinen wollpullover sowie eine elegante jacke.

die letzten jahre zog paula am liebsten trainer und ihre rote hose an. ihren pinken trainer, den sie von meiner mutter bekommen hatte, musste ich irgendwann entsorgen, weil er so fadenscheinig war.

seit sie im altersheim wohnt, wechselt sie ihre kleider täglich und sie fragt nach blusen, jacken und ihrer armbanduhr. sie blickt in den spiegel und sieht ihr gesicht und kann sich nicht erinnern, warum sie plötzlich falten hat.

ich frage mich, wie ich altern werde.

altersheimalltag

heute, am 1. november, wäre eigentlich geplant gewesen, dass paula ins heim geht. da wir dies jedoch vorgezogen haben, hat paula nun schon drei tage dort verbracht.

paula freut sich riesig, als wir kommen. es ist ein ungewohntes gefühl, sie sauber gekleidet, fleckenlos, wie eine blumenwiese riechend zu erleben. sie sitzt auf dem bett und spricht ruhig vor sich hin. sie wirkt klar, bedankt sich für die sachen, die wir ihr mitgebracht haben, insbesondere ihre zimmerpflanzen, äpfel und birnen sowie ihre bh’s.

sie kommt sehr schnell darauf zu sprechen, dass sie streit mit einer anderen heimbewohnerin hat. diese hat sich nämlich indirekt beklagt, dass paula zu viel spreche. paula ist tief beleidigt. sie fragt mich, warum diese frau sie nicht möge. bevor ich etwas gescheites antworten kann, erklärt paula, dass diese andere frau nicht mehr richtig reden kann. ich sage paula, dass die frau wahrscheinlich traurig ist, weil sie selber nicht mehr sprechen kann. paula sieht das ein und meint, sie hätte trotzdem weinen müssen. ich tröste paula so gut es geht und sage ihr, dass es keinen gibt, der sie nicht mag. sie nickt und meint, sogar die hofkatze sei gekommen und hätte mit ihr geschmust.

wir zeigen ihr die mitgebrachten pullover, die sie freudig in empfang nimmt. allerdings haben wir keine nachthemden gefunden, da diese alle schon hier sind. doch weil paula die letzten wochen offensichtlich nicht mehr in der lage war, ihre kleider abends zu wechseln und immer mehr abmagerte, passen sie ihr nicht nun mehr.

in einem ruhigen moment, sascha raucht gerade eine, beklagt sich paula bitterlich darüber, dass ihre brüste nicht mehr so schön sind wie früher. zum beweis hebt sie den pullover.
ich weiss jetzt, was mich erwarten wird, wenn ich mal 84 bin.

veränderung

ich gebe es gerne zu: vor dem ersten telephonat mit paula habe ich mich gefürchtet.
dazu kommt, dass es bis und mit heute abend nicht gefunzt hat mit dem anrufen. ich hatte angst, das sie mit dem telephon nicht mehr umgehen kann.
ich erwartete weinen und klagen.

dann, am anderen ende die stimme von paula.
ich frage sie, ob sie mich erkennt.
– ja klar, zora.
– wie geht’s dir?
– nicht so gut. heimweh.
– das tut mir leid.
– du hast da einen fehler gemacht, zora.
– ja?? (ich erwarte einen vortrag über die tatsache, dass ich sie ins heim gebracht habe.)
– du hast die falschen nachthemden eingepackt.
– was?
– die sind mir zu lange.
– oh. ich näh sie um.
– ich will aber lieber die anderen. die aus der schachtel.
– ich bring sie dir morgen.
– gut. und unterwäsche.
– ok.
– und pullover. ich will noch mehr pullover.
– bring ich dir. kein thema!
– und bring mir bh’s. die tragen hier alle.