Vom Kämpfen und der Poesie der frühen Kindheit

Ich war ein sehr schlagkräftiges Kind, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich wollte rennen, kämpfen, mich prügeln wie ein Junge. Ich kann mich erinnern, dass mich damals in der Kinderkrippe, ca 1981 ein Mädchen so geplagt, immer wieder genervt hat, dass ich ihr einfach eins runtergehauen habe. Danach musste meine Mutter brav antraben und sich rechtfertigen, warum ihre Tochter derart aggressiv war. Ich bekam schlimme Schimpfe, derweil das Mädchen, dessen Namen ich nie vergessen habe, mit ihrer Intrige durchkam.

Ich bin überhaupt aufgewachsen wie ein Junge. Ich kletterte herum auf Bäumen, watete durch Bäche und machte mich mit meinem geliebten Kindergartenfreund Matthias auf Entdeckungstouren. Irgendwie war nichts gefährlich genug. Damals dachte ich, und ich war vielleicht sechs Jahre alt: den Matthias, den heiratest du einmal. Wenn ich ihn ansah, konnte ich mir vorstellen, wie es ist, mit einem Menschen zusammen zu sein, Kinder zu haben und glücklich zu sein.

Ich hatte keine Idee, was Heiraten bedeutet, damals als Kind. Auf Matthias‘ Grab bin ich 1995 gestossen, als ich das Grab meines Bruders besuchte. Doch die Idee, die ich damals als Kind schon hatte, nämlich dass Beziehung durch gemeinsames Bestehen von schwierigen Situationen besteht, dass man sich unterstützt, sich gerne hat, gleich was passiert, das stimmt noch immer für mich.

Jetzt bin ich 41 Jahre alt und irgendwie ist alles noch gleich: die Gefühle, der Instinkt, die Liebe zu anderen Menschen. Aber ich vermisse Matthias und all das, was er damals für mich bedeutet hat, als ich noch ein Kind war. Ich vermisse seine Schwester A., die ich anno 2000 aus den Augen verlor, und die mir eine so gute Freundin in turbulenten Zeiten war. Manchmal denke ich zurück an jenen Flecken meiner Kindheit, wo die grosse alte Weide und die Buche standen und die Treppe zum Hüslibach, wo der Tintenfischbach auf mich wartete.

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OmiOmiOmiOmi!

Morgen vormittag ist Omis Beerdigung.
Es scheint mir alles sehr irreal.
Die letzten Nächte habe ich immer wieder von Omi geträumt.
Sie ist darin immer so um die 60, fröhlich, in Grün gekleidet und lacht mich an.

Morgen versenken wir das Tongefäss mit ihrer Asche darin im kalten Boden.
Ich kann es nicht glauben.
Omi passt doch nicht in so ein Ding.

Dann denke ich: es ist so.
Wir übergeben ihren Leib der Erde.
Es ist so kalt hier oben.
Es liegt so viel Schnee.

In meinen Träumen bin ich sechs Jahre alt.
Ich renne den Hügel vom Kindergarten in Wängi hinab, Omi entgegen.
Sie steht unten an der Strasse und breitet ihre Arme aus.
Ich werfe meine Jacke, meinen Schal, mein grünes Kindergartentäschchen von mir.
„OmiOmiOmiOmi!!!!!“ schreie ich und falle in ihre Arme.
Sie hält mich fest.
Dann laufen wir gemeinsam den Hügel hinauf, sammeln meine Kleider wieder ein.
Sie lacht.
„Ich ha di so gärn!“
Ich lache auch.
„Omi, ich ha di au so gärn.“

Morgen früh marschieren wir den Hügel zum Friedhof hinauf.
Die Kirche St. Gallus ist wie eine kleine Burg und der Friedhof der Alpengarten.
Es ist Winter und der Schnee liegt hoch.
Omis Grab liegt nicht weit entfernt von Mamis Grab und doch liegen nur 10 Jahre dazwischen.

ein freier Tag

Heute ist mein einziger freier Tag in dieser Woche. Über die Feiertage arbeite ich. Ich habs nicht zu Paula geschafft.

Hab ich das Recht, einfach so einen freien Tag für mich zu beanspruchen? Darf ich einen Tag lang mich einfach erholen von der Arbeit und allem, was sonst noch so um mich herum schwirrt?

Darf ich einen Tag lang mal die sein, die ich tief drinnen bin? Die Frau, die gerne mal tagsüber eine Stunde schläft? Eine, die träumt. Eine, die nicht immer stark sein will.

Das schlechte Gewissen sitzt in meinem Nacken. Ich sollte so vieles. Vorbei gehen. Trost spenden. Hände halten. Fragen, ob sie etwas braucht.
Doch stattdessen sitze ich zuhause. Ich nähe. Warte, dass ich mein Auto von der Reparatur abholen kann. Gehe an die Sonne. Höre den Vögeln zu.
Ich erhole mich. Ich lese. Streichle die Katze. Denke übers Kochen nach, über die Menschen, die ich in meinem Leben so arg vermisse.

Auf dem Heimweg gehen wir im Café Nafzger in Wängi vorbei und essen einen Coupe. Ich schaue auf die Kreuzung und den kleinen Bahnhof. Dort ist Paula immer ausgestiegen, wenn sie mich mittwochs vom Kindergarten abholte.

Sie ist die Strasse entlang gelaufen und hat dann den „Stich“ hinauf zum Kindergarten in Angriff genommen. Wenn um elf Uhr Schluss war, trat ich auf die Strasse, denn ich wusste, dass Omi von unten her hinauf laufen würde.

Ich rannte jeweils jubelnd und schreiend auf sie zu.

„Omiomiomiomi!“ rief ich, während ich meine Jacke und mein grünes Heiditäschchen in weitem Bogen von mir schmiss. Ich rannte und sie breitete die Arme aus, um mich aufzufangen. Ich wusste, Omi würde mich immer halten.

Ich sitze im Café. Es sieht fast noch alles gleich aus wie vor dreissig Jahren. Nur ich bin älter geworden. Die grüne Heidi-Kindergartentasche habe ich gegen eine braune Damenhandtasche ausgetauscht. Ich reisse mir nicht mehr einfach so die Kleider vom Leib.

Das Bähnchen hält. Viele Leute steigen aus. Ich sehe eine Frau mittleren Alters und stelle mir vor, dass auch sie eine Oma ist, die zu ihrem Enkelkind geht. Ich lächle. Sie läuft an der Terrasse der Conditorei vorbei und lächelt mir zu. Ich nicke. Alles klar.

der besuch

als ich noch ein kleines mädchen war und in den kindergarten ging, wurde ich jeden mittwoch von oma abgeholt. sie kam vom bahnhof und marschierte jeweils auf den hügel, wo der kindergarten lag. ich konnte es fast nicht erwarten, dass es endlich elf uhr wurde. oma war das highlight meiner woche. ich wusste genau: wir würden hand in hand die zwei kilometer nach hause laufen, vorbei am friedhof, wo mein bruder lag. wir würden an seinem grab stehen und ich würde sie fragen, wo er jetzt ist. sie würde antworten, dass er jetzt im himmel ist. dann würden wir noch am grab des nachbarn vorbei gehen, die blumen giessen und schliesslich nach hause gehen. meine mutter würde was feines kochen, sich mit meiner oma über meine erziehung streiten und sich über die katze beschweren. am nachmittag würden wir draussen spielen, damit mami mal eine stunde für sich hätte. um 17h würde paula dann wieder auf den bahnhof laufen und ich würde denken: „bitte komm wieder.“

ich konnte es jeweils kaum erwarten, bis ich oma die strasse zum kindergarten heraufgehen sah. kreischend und jubelnd rannte ich zu ihr hin, die kindsgi-tasche, jacke und mütze weit wegschmeissend und immerzu schreiend: „omiomiomi!!!!!“ oma stand jeweils da, breitete die arme aus und fing mich auf, drückte mich fest an sich.

wenn ich heute zu paula gehe, rufe ich immer vorher an, um ihre einkaufsliste abzufragen. ich sage ihr, wann ich etwa da bin. manchmal wartet sie schon hinter der türe und ich frage mich, wie lange sie schon da steht. selten sagt sie meinen namen. aber freuen tut sie sich immer. wir umarmen uns und ich stelle fest, dass sie ein wenig säuerlich riecht. früher roch sie nach rexona. wir gehen in den oberen stock, wo ich ihre einkäufe verräume und schaue, ob es irgendein problem gibt, das ich grad lösen kann.

meistens schimpft sie über die neue waschmaschine, die nun auch schon ein jahr da steht. immer zeigt sie mir ihre katze, die jedes mal einen neuen namen hat. dann gehen wir zurück in die ungeheizte küche, wo ich versuche, den alten ofen anzufeuern.

auf mamis grab sind wir schon lange nicht mehr zusammen hin gegangen. sie hat seit monaten nicht mehr nach ihr gefragt. sehr gerne würde ich mit ihr darüber sprechen, dass ich über ihren tod noch immer traurig bin. und dass ich angst habe, dass auch sie mich bald verlässt. aber dann stellt sie den radio etwas lauter und meint, sie liebe tanzmusik. sie spricht darüber, dass sie ihre brüder und ihre eltern vermisst und sich oft fragt, wann die gestorben sind.

wenn ich mich dann verabschiede, drückt sie mich an sich und hält einen moment lang inne, bevor sie meinen namen ausspricht. jedes mal sagt sie: „gell, du kommst dann wieder. ich brauche dich noch.“ ich nicke und sage „ja.“