Mein Brudergefühl

Am 17. September würde mein Bruder 36 Jahre alt werden. Doch seit bald 36 Jahren ist er tot. Sein Leben hat er nie gelebt. Mir bleibt nur die Erinnerung an sein Wachsen in Mutters Bauch. Seine Fusstritte. Die Vorstellung im Alter von zwei Jahren, bald ein Geschwisterchen zu haben.

Mein Bruder hat mein Leben geprägt.
Seinetwegen weiss ich, was Trauern und Verlust bedeutet.
Ich weiss, was nicht gelebtes Leben heisst.
Ich bin traurig, dass er nicht da ist, gerade in Zeiten, wo ich mir einen Bruder wünsche. Ich denke oft daran, dass ich ihn anrufen, mit ihm sprechen oder lästern würde. Ich wäre seine grosse Schwester und er mein kleiner Bruder. Das Leben wäre anders. Es wäre nicht einfacher. Aber mit ihm und meiner kleinen Schwester wäre es bereichernd.

Als Kind war es leicht. Da redete ich einfach mit dem Holzkreuz auf seinem Grab, später mit dem Grabstein. Als ich ein Kind war, war er trotz allem existent. Nur anders. Es gibt kein gemeinsames Foto von uns. Es ist, als hätte er nie existiert.

Heute denke ich daran, dass in meinem Alter meine Mutter bereits zehn Jahre lang ein Kind verloren hatte. Ich bin 38, habe keine Kinder und muss oft an meine Mutter denken, die so sehr gelitten hatte.
Ist es wirklich ein Segen, Kinder zu haben?
Meiner grössten Angst im Leben, ein Kind zu verlieren, habe ich mich nie gestellt.
In dieser Hinsicht bin ich feige.

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Die Vorratssache

Ich war in Sachen Haushaltsausstattung immer ein Glückskind. Ich habe praktisch nie was für Geschirr, Bettwäsche und Frottiertücher ausgegeben.
Von Anfang an, als ich meine erste Wohnung bezog, war nämlich klar, dass ich (das Kind) mit Geschenken überhäuft würde. Oma, meine Mutter und überhaupt alle hielten ein strenges Auge darauf, dass ich niemals etwas neues,teures kaufen müsste.

Jeder Besuch bei Oma lief darauf heraus, dass sie sich überlegte, was sie mir für meine Ausstattung mitgeben könnte.Ein Fondue-Caquelon? Ein Rechaud? Eine Saucière?

Nie lief ich mit leeren Händen aus dem Haus. Ganz egal, ob es Kaffeetassen, Badetücher oder grosse Wollknäuel waren: das Kind muss was mitnehmen. Es ist schliesslich genug da.

Und so befinden sich in meiner jetzigen Wohnung Überbleibsel aus mehreren anderen Wohnungen. Wenn ich meine Besteckschublade öffne, sehe ich die Gabeln meines Urgrossvaters. Ich trinke aus Gläsern meiner Mutter. Im Bad benütze ich die Frottiertücher meiner Oma.

Trotz allem gibt es mir ein Gefühl von Geborgenheit. Ich bin nicht alleine. Sie sind irgendwie bei mir. Vor allem, wenn ich meine Zähne putze.

Mein liebes Kind

Mein liebes Kind

ich schreibe dir diesen Brief, weil Du vielleicht hättest meines sein können.
Sei Dir sicher, ich hätte Dich neun Monate in mir getragen und
Dich geboren.
Du wärst als mein Kind aufgewachsen und ich hätte Dich über alles
geliebt. Ich hätte jeden Tag ein Bild von Dir gemacht und mich über jeden
Deiner Entwicklungsschritte gefreut. Ich hätte Dich kriechen und laufen gesehen.
Du wärst mit Tieren aufgewachsen und mit einem Vater, der Dich ebenfalls über alles
geliebt hätte. Und ich hätte deinen Vater über alles geliebt.
Gleich, was auch immer passiert wäre, wir hätten dich geliebt.

Du wärst in unseren Familien aufgewachsen und auch dort geliebt worden.
Mein Vater wäre Dir ein wunderbarer Grossvater gewesen. Ihr hättet zusammen Hühner
und Kaninchen gefüttert. Deine Urgrossmutter würde Dich wie einen Goldschatz behütet und verwöhnt haben.

Ich hätte mit Dir Lego gespielt und Dir Kleider geschneidert.
Tagsüber wäre ich für Dich da gewesen und in den frühen Morgenstunden hätte ich
Gedichte geschrieben, die Du einmal hättest lesen können.
Bei den Aufgaben hätte ich Dir geholfen und Dich in Deinen Träumen bestärkt.

Ich hätte Dich beschützt.
Ich hätte Dich zu einem anständigen Menschen erzogen.
Ich hätte auch Deine Wut in der Pubertät ertragen.

Was auch immer Du hättest werden wollen, ich hätte Dir dabei geholfen. Ich wäre immer stolz
auf Dich gewesen und hätte Dir das gezeigt.

Ich hätte mich darauf gefreut, dass Du Dich auch verliebst und auch Kinder hast.
Dann wäre ich Grossmutter geworden und hätte es geliebt.

Wenn ich dann sterben müsste, fiele mir der Abschied von Dir am schwersten.

Doch stattdessen schreibe ich Dir jetzt diesen Brief, mein ungelebtes, geliebtes Kind in der Hoffnung, dass Du das Kind einer anderen Frau wirst, die Dich genauso liebt, wie ich es getan hätte.