Viel Schnee und rote Rosen

Vor über zwei Jahren, es lag sehr viel Schnee, war Omis Beerdigung. Wir stapften über den Friedhof, versenkten Omis Urne und waren umgeben von Kälte und roten Rosen.
Omis letzter Weg auf dem Friedhof von Lichtensteig kommt mir unglaublich weit entfernt von meinen jetzigen Gedanken vor. Ihr Sterben ist mir präsent, als wäre es heute morgen gewesen.

Ich denke sehr oft an Omi, sei es, wenn ich im Winter durch den kalten Flur gehe und mich frage, wie sie das all die Jahre geschafft hat, hier im Haus zu leben. Tagtäglich fahre ich in Wil an ihrem Geburtshaus vorbei und denke an sie, meinen Opa und meine Mutter. Es ist ein seltsamer Weg, weil ich mich oftmals frage, was sie heute von mir denken würden.

Wären sie d‘accord mit meinen Entscheidungen? Würden sie mich kritisieren oder noch schlimmer: Ratschläge geben? Nichts würde ich mir sehnlicher wünschen als noch einmal ein tiefes Gespräch bei Milchkaffee und dem scheusslichen Stampfkuchen aus der Migros namens „Monte Generoso“, den ich seit Omis Tod nie wieder gegessen habe und wohl auch nie wieder essen werde.

„generoso“ bedeutet Grosszügigkeit, und das ist eine jener Charaktereigenschaften, die ich immer sehr an Omi bewundert habe. Wer es geschafft hatte, in ihr starkes Herz vorzudringen, wurde von ihr verwöhnt, geliebt und beschenkt.

Dann ist da aber auch mein aktuelles Leben. Die Begegnungen mit Menschen, die meine Omi Paula kannten. Eine liebe Freundin erzählte mir, dass sie hochschwanger an Omis Türe geklopft habe, weil sie so dringend auf die Toilette habe gehen müssen. Omi öffnete (natürlich) ihre Türe und liess sie ein.

Was von einem übrig bleibt, sind die Geschichten. Gerade hier in diesem wunderbaren Städtchen, wo die Verstorbenen weiterleben, in dem man sich erzählt, wie sie gelebt und geliebt haben.

Dann denke ich: Was verschwende ich Gedanken ans Sterben? Das Leben und das Lieben ist der Kern unseres Daseins. Carpe diem!

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Märzenfreude

Bald lebe ich einen Monat hier im „mittleren“ Toggenburg. Es gefällt mir ausgesprochen gut, auch wenn es im Februar bitterkalt war. Das schöne Wetter und die Ruhe um unser Haus sind erholsam. Die grossen Eiszapfen haben mich genauso erfreut wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Noch immer stehen viele Kisten unausgepackt in den Abstellkammern herum. Es nervt mich. Aber ich habe jetzt keine Zeit dafür. Der Schnee taut langsam. Es hat noch immer grosse Mengen davon ums Haus.

Manchmal strahlt die Mittagssonne in die Stube. Dann legt sich die Katze aufs Sofa und geniesst die Strahlen. Ich habe so viele Pläne, was ich als nächstes tun will: da sind die grossen Steine vor dem Atelier, die ich im Garten verteilen will. Mein selbstgemalter Thurgauer Löwe aus Gips braucht einen Platz mit Übersicht.

Stattdessen lag ich diese Woche grippegeplagt auf dem Sofa. Mit einem Mal schmilzt der Schnee unsäglich langsam. Das tut nur bei Ungeduldigen und Menschen, die keine Zeit haben.

Am Freitag gab Sascha unsere Wohnung im Thurgau ab. Das sind achtzehn Jahre meines Lebens in einem Haus, die ich letzte Woche hinter mir liess. Doch die Zeit lässt sich nicht abstreifen und nicht abgeben. Sie begleitet einen auf Schritt und Tritt.

Zieh dich warm an, Kind!

Die Winter mit Omi waren jeweils kräftezehrend. Als Kind fror ich oft am Morgen, bis Opa den Ofen angeheizt hatte. Warme Kleidung war gefragt und so liefen wir alle gut verpackt im Haus herum. Nachts kuschelte ich mich in ein Schaffell ein und die Kälte verschwand.
„Leg di warm an, Chind“, haben Omi und Opa oft zu mir gesagt.

Wollsocken trage ich auch heute wieder. Denn es braucht seine Zeit, gerade nach einem Tag auswärts, bis es wieder warm ist im Haus.

Nach bald drei Wochen am neuen Lebensort komme ich nun endlich dazu, mein Atelier einzuräumen. In diesem Raum herrscht Kälte. Ich werde mit einem Elektroofen heizen müssen. Noch habe ich keinen Plan, wie ich die Kisten umschichte und die Regale herumschieben werde. Ich weiss nur, wo mein Schreibtisch stehen wird: am Fenster mit Blick in den (verschneiten) Garten.

Vor dem Fenster liegen grosse Steine. Sie sind schneebedeckt. Der Schreiner hat sie beim Renovieren des alten Bodens hervor geholt. Langsam schmilzt der Schnee und ich kann sie endlich bewegen. Schade, habe ich kein Bild machen können, wie sie da unter den Brettern lagen. Die Bauweise von 1839 erscheint mir fremd.

So ziehe ich mich heute also sehr warm an und freue mich darauf, wie sich mein Atelier in einigen Stunden zeigen wird.

Kältetest

Die ersten drei Tage im Haus sind vorüber.
Sie waren turbulent. Wir haben tatsächlich die kältesten Tage in unserem Haus mit Holzheizung hinter uns. Ich musste dran denken, dass Omi all die Jahre alleine geheizt hat. Wie hat sie das alles nur geschafft? Schmunzelnd habe ich die Schaffelle ins Bett gelegt. Omi hat sie fein säuberlich versorgt. In dieser Kälte tun sie gute Dienste. Wollsocken sind hier plötzlich sehr beliebte Kleidungsstücke.

Die Katze hat alles gut überstanden. Sie stören die Berge von Schachteln, die noch immer herrschende Unordnung nicht. Im Gegenteil. Sie scheint im Katzenparadies. Jeden Tag eine neue Entdeckung.

Wir putzen unsere alte Wohnung. Ich bin froh, alles, was ich nicht mitnehmen möchte, dort lassen zu können. Mich überkommt Melancholie. Hier habe ich fast achtzehn Jahre lang gelebt. Fast mein ganzes Leben habe ich im Thurgau verbracht. Und nun bin ich sozusagen St. Gallerin geworden. Thur-Toggenburgerin gefällt mir besser

Der Schnee steht uns bis zu den Knien. Die Eiszapfen hängen von den Dächern und schillern bunt, als die Sonne durch sie hindurch scheint. Unser Haus steht, umgeben von weiss, einfach da. Es lebt wieder.

Winters Kälte

Ich erinnere mich gut an den Januar 1997. Ich war 19 Jahre alt, Besitzerin einer riesigen Zahnspange und seit einem halben Jahr unterwegs im Berufsleben.

Opas Krebserkrankung war allgegenwärtig. Ich wartete auf seinen Tod. Sehnsüchtig. Er litt. Ich war nicht fähig, ihn zu besuchen. Erinnerte mich an den Spruch: Behalt ihn so in Erinnerung, wie er sein Leben lang war.

Ich bereue es heute. Vielleicht hätte er in jenen Tagen meiner Anwesenheit bedurft. Wir haben uns immer umarmt, wenn ich das Haus verliess. Er war knochig. Am Ende war er fast zerbrechlich.

Omi wuchs in jener Zeit über sich heraus. Sie war standhaft und ruhig. Der Fels in der Brandung. Omi konnte nichts und niemand erschüttern. Sie war an seiner Seite und im Gegensatz zu mir weinte sie nicht. Sie erledigte nach seinem Tod, der nicht eben schön war, alle Angelegenheiten, so als hätte sie nie etwas anderes getan.

Die Beerdigung fand an einem sonnigen, kalten Tag im Januar statt. Opis Sarg wirkte klein. An die goldenen Blüten auf der Seite der Holzkiste erinnere ich mich noch immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er da drin lag. Ich erwartete jeden Moment, dass er einfach um die Ecke kommen würde. Rauchend. Fluchend. Die klaren blauen Augen auf uns gerichtet.

Doch Opi blieb weg.

Erst einige Tage nach der Beerdigung weinten wir gemeinsam. Seine Stimme fehlte. Sein leiser Schritt auf der Holztreppe. Der Keller war plötzlich unbelebt.

18 Jahre und einen Monat später werden wir im Haus leben. Mein Opi hätte bestimmt Freude dran.

opa