Narbenhaut

Es ist schon verrückt.
Vor 30 Jahren um diese Zeit lernte ich laufen. Das zweite und dritte Mal. Ich wusste damals, ich würde es auch noch viertes Mal lernen. Ich war neun Jahre alt und lag bereits das dritte Mal auf dem Operationstisch. Meine Hüften. Zwei Metallteile. Schrauben.

Die Schmerzen nach den Operationen, das Aufwachen, all das war schrecklich. Zum Glück, dachte ich, liegt das so lange zurück. Heute kam die Erinnerung daran derart unerwartet zurück, dass ich jetzt da sitze und gegen die Tränen ankämpfe.

Ich war nie grossartig sportlich. Seit den Operationen und den nachfolgenden, grässlichen Jahren Turnunterricht habe ich eine starke Abneigung gegen Sport entwickelt. Ich mag zwar Langlaufen, aber alles andere war nie so mein Ding. Ich hatte immer Angst, mich zu verletzen.

Durch meinen Beruf war ich glücklicherweise immer in Bewegung und rückblickend hat mich das wohl auch gesund erhalten. Seit einem Jahr mache ich nun bewusst und mit unerwarteter Freude wieder Sport. Ich gehe schwimmen und ins Krafttraining. Eigentlich wollte ich in diesem Jahr nämlich eine Weiterbildung zum Thema Traumabearbeitung besuchen und aufgrund Planungskollisionen konnte ich daran nicht teilnehmen. Ich dachte mir: vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt da, dass du dich nur mit dir selber beschäftigst. Und so landete ich im Fitnesscenter.

Ich trainierte regelmässig, 2-3x / Woche, passte meine Planung an. Ich machte schnell erste kleine Erfolge. Heute war dann der Tag des neuen Trainings.

M. begleitete mich. Ich freute mich, denn ich bemerkte, wie grossen Spass es mir macht, kräftiger zu werden. Dann machte ich eine Übung, für die ich auf meiner rechten Hüfte liegen musste. Es ging nicht. Meine Narben waren hart und schmerzten. Ich erklärte M.meine Situation. Und dann zeigte ich ihr meine rechte Narbe. 30cm lang. Auf jedem Bein eine. M. riet mir, die Narbe zu entstören.

Nach dem anstrengenden Training zeigte sie mir einige Faszien-Übungen. Ich war nahe an den Tränen. Die Schmerzen waren unerträglich und es fühlte sich, als würde mir jemand mit der Rasierklinge den Knochen aus dem Fleisch schneiden.

Mit einem Mal war alles wieder da: die Schmerzen, die Angst und die Erinnerung an damals.
Ich sah mich plötzlich vor mir, wie ich als Kind gewesen war. Die Vorstellung, das alles mit neun, zehn Jahren überstanden zu haben, erschien mir plötzlich unerträglich schrecklich.

Doch da war auch noch ein anderes Gefühl.
Zuversicht. Und grosse Rührung.
Ich dankte M. nach dem Training. Damit, dass sie mich ernstgenommen hatte und auf meine Schmerzen einging, hatte sie mir einen grossen Gefallen getan.

Jetzt sitze ich da im Café und freue mich auf mein nächstes Training und meine nächsten Ziele: Den Schmerz wahrnehmen. Mit ihm umgehen. Einen neuen Weg finden.

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Erinnerungsschlaufen schwimmen

Ich gehe schwimmen. Seit einigen Monaten wieder. Das Hallenbad in Bütschwil gefällt mir wirklich sehr gut. Es ist ein Teil meiner Kindheit. Wie oft ging ich mit meiner Omi und meiner Schwester dort schwimmen! Ich liebe es!

Das Wasser war warm. Die Kacheln beige. Bänke rund ums Bassin. Sehr viel Glas. Eine bunte bemalte Wand. Ich erinnere mich daran, dass die neonfarbenen Billets früher auch immer als Bezahlmittel fürs Schloss der Garderobe genutzt werden konnten.

Ich kann mich aber nicht mehr an das erinnern, was wir geredet haben. Es ist zu fern.

Mit Omi war ich schwimmen, nachdem man meine Hüften operiert hat. Ich konnte mich anfangs nicht über Wasser halten, sondern nur tauchen. Ich weiss nicht mal, warum das so war. Das Gefühl aber war toll. Fühlte ich mich an Land schwer und unbeweglich, verwandelte ich mich im Wasser zu einem Fisch.

Als ich das Haus anfing zu räumen, fand ich Omis Badekleid. Wir haben offenbar dieselbe Figur. Vor einigen Tagen beschrieb eine Freundin, die meine Omi noch von früher kannte, als „stattlich“. Das Badekleid konnte ich einfach nicht wegschmeissen. Es erinnert mich so sehr an die Zeit vor 30 Jahren, als ich noch ein Kind und fast alles gut war.

Ich schwimme weiterhin in Bütschwil. Es gefällt mir. Die Sicht auf die Churfirsten, gerade bei Sonnenuntergang, ist grossartig. Das Wasser ist warm und das Personal ist sehr zuvorkommend. Die Gerüche sind noch immer die gleichen wie vor 30 Jahren. Es hat sich nichts verändert, nur dass Omi hier nicht mehr mit mir schwimmt.

Vom Schönheitswahn und Reissverschlüssen

Als ich so zwölf Jahre alt war und in die Pubertät kam, war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen, dass ich nicht begehrenswert war. Die hübschen Mädchen waren blond, hatten ebenmässige Zähne und eine grazile Gestalt. Ich entsprach dem nicht ganz.

Ich war ein grosses, damals noch dünnes Mädchen mit raspelkurzen Haaren, einer dicken Brille und krummen Zähnen. Nur gerade meine Brüste verrieten, dass ich kein Junge war.
Das alles hat mich aber nicht gestört.

Erst in der Badi wurde mir bewusst, dass ich anders war als die anderen. Nur gerade drei Jahre war es her, seit meine Hüften operiert worden waren. Hüftdysplasie von Geburt an. Aufgrund meiner schlechten Wundheilung blieben an beiden Beinen grosse, wulstige Narben zurück.

Es fing damit an, dass besonders ältere Menschen mich deswegen anpöbelten. Sätze wie: „Gopf, ist das hässlich. Wie kann man dieses Kind nur so herumlaufen lassen“, waren keine Seltenheit. Nie hat meiner gefragt, wies passiert ist. Nein. Ich sollte es nur zudecken. Blicke auf meine Beine fand ich irgendwann so schlimm, dass ich nicht mehr schwimmen ging.

Meiner Oma fiel natürlich auf, dass ich mich so schämte. Sie wollte das nicht akzeptieren. Paula sagte zu mir, ich müsste eben etwas Träfes entgegnen. Wir übten miteinander.

„Was hast du denn da für komische Schnitte an den Beinen?“, fragte mich Paula gespielt höhnisch. „Das ist ein Reissverschluss, um die Knochen zu wechseln, wenn ich alt werde, so wie du.“

Paula umarmte mich.
„Du machst das gut. Und jetzt gehst du wieder zum Schwimmen.“