paula und der liebe gott

paula ist gläubige katholikin. im gegensatz zu mir.
ich bin reformiert aufgewachsen als tochter zweier atheisten.
als kind ging ich sehr gerne mit paula in die katholische kirche. besonders jene in wängi hatte es mir angetan. die mosaiken faszinieren mich noch heute. paula und ich fuhren auch oft nach einsiedeln. paula war eine glühende marienanbeterin.

ich glaube, paula war sehr enttäuscht, als meine eltern sich damals entschieden, mich protestantisch zu taufen. sie hatte sich darauf verlassen, dass ich, wie meine mutter, katholisch aufwachsen würde.
ganz im ernst: es hätte mir damals nicht missfallen. ich durfte mit 11 das weisse kleid meiner mutter tragen, als ich einen engel im weihnachtsspiel darstellte. ein tolles gefühl. überhaupt. der prunk, der geruch und die schönheit von katholischen kirchen faszinierten mich.

mein vater ist atheist. aber er würde nicht zur kirche austreten, weil er es unanständig findet. er hat es allerdings auch nicht zugelassen, dass wir mädchen katholisch aufwachsen. er ist ein asket.

paula wünschte sich damals in den 80ern mit mir nach lourdes zu fahren. sie hatte in einem wettbewerb gewonnen. natürlich haben wir beide mehr als einmal „the song of bernadette“ gesehen. ich wollte ja auch nonne werden. als mein vater das erfuhr, wurde er sehr wütend auf paula. die beiden haben bestimmt einige wochen nicht mehr miteinander gesprochen.

paula hat meinen austritt aus der kirche nicht so bewusst miterlebt.
aber instinktiv hat sie mir in jener zeit einige vorträge zum thema: „der liebe gott sieht im fall schon was du alles machst.“ gehalten. zu spät.

vorletzte woche waren wir bei paula im heim zu besuch. sie erzählt mit grosser freude, dass sie an einer messe war. ebnat-kappel ist offensichtlich sehr protestantisch. das ist für paula aber kein problem. sie meint lakonisch: „es gibt ja schliesslich nur einen herrgott.“

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die guten seelen

es gibt zeiten, da ist einfach alles nur noch dunkel.
für paula ist das jetzt bestimmt so. sie ist sehr traurig, weil sie in ein paar tagen ins heim zieht. sie trauert stark und ist zerstreuter denn je. sie lässt gerade los und das ist eine sehr schwierige sache.
auch für mich ist es herausfordernd, stark zu sein. denn eigentlich überkommt mich immer wieder eine welle der trauer und ich möchte nur noch weinen.

als paulas enkelin begleite ich jetzt wahrscheinlich einen ihrer letzten wege. mir wäre lieber gewesen, sie hätte die entscheidung ins pflegeheim zu gehen, früher getroffen. die ablösung von ihrem haus ist schwierig und ich leide mit, denn es ist das haus meiner kindheit, das einzige, was jemals diesem zweig der familie gehörte.

normalerweise begleitet mich immer mein freund, wenn ich zu paula fahre. heute jedoch waren mein vater rolf und seine frau helene mit dabei. dies hängt vor allem mit meinem zusammenbruch von vor ein paar tagen zusammen. eigentlich haben die beiden keine verantwortung, denn paula ist rolfs ex-schwiegermutter. trotzdem helfen sie mir und ich bin sehr, sehr froh darüber.

das muss umso schwerer sein, weil die zeit der scheidung nicht spurlos an allen beteiligten vorüber gegangen ist. ich habe grossen respekt und tiefe liebe für diese beiden menschen, die für mich wirkliche eltern sind. besonders helene ist mir eine grosse stütze, denn mit ihrer ruhigen, pragmatischen art, nimmt sie mir die schwere. sie hat immer ein beruhigendes, liebevolles wort für mich, wenn ich nicht mehr weiter weiss.

so möchte ich mich daran motivieren, dass wir alle diese situation gemeinsam meistern und paula in ihr neues heim begleiten. vielleicht ist das für mich die bedeutung von wirklicher familie.

paula findet ein heim

dank des tipps eines nachbarn besuchen wir ein heim, das zwei dörfer weiter liegt. es ist klein, untergebracht in einem alten haus, ehemaliges bürgerasyl. mitten in der pampa.

wir fahren mit meinem auto, paula sitzt hinten und schaut staunend zum fenster heraus. als wir in dem dorf ankommen, paula hat dort vor bald einem halben jahrhundert für ein paar jahre mit ihrem mann und ihrer tochter gelebt, fragt sie mich, wo wir sind.

im heim werden wir von der leiterin freundlich willkommen geheissen. mir gefällt sofort, wie aufmerksam und höflich der umgang ist. ich beobachte paula genau. sie gähnt nicht. sie wirkt neugierig, aufgeweckt. wir werden durch das haus geführt und schauen uns zimmer an. paula hat zwar mühe mit dem atmen, aber sie macht mit.

dann kriegen wir in einem kleinen raum einen kaffee serviert. paula freut sich. wir, das heisst: paula, mein freund, die leiterin und ich besprechen das weitere vorgehen. schliesslich fragt die leiterin danach, wie sich paula fühlt. paula antwortet mit: „es geht mir gut. ich bin zufrieden. aber ich möchte nicht mehr frieren im winter und nicht mehr alleine sein.“ die leiterin nickt. dann schaut mich paula an und meint: „meine enkelin sorgt immer für mich. ich hab nämlich nur noch sie.“

das ist zuviel. ich sitze da und fange hemmungslos an zu heulen. es scheint, als würde die ganze last der vergangenen wochen über mir zusammenbrechen und mich wegspülen. ich kann mich kaum noch beruhigen.

die leiterin lässt uns kurz allein. mein freund und paula schauen mich an. paula fragt meinen freund: „warum weint sie denn? hab ich was falsches gesagt?“ mein freund verneint. dann fragt paula: „hat sie sowas öfters?“

nachdem ich mich wieder beruhigt habe, sprechen wir weiter. paula will hier einziehen, sobald ein platz frei wird und mir fällt ein riesen stein vom herz. jetzt heisst es warten.

paula sucht ein heim

im frühling hat die frau von der spitex gemeint, ich soll anfangen, ein heim für paula zu suchen. einen ganzen winter ohne zentralheizung würde sie nicht mehr durchstehen. schön und gut. paula sah das nicht wirklich ein.

immer wieder mal habe ich das thema angeschnitten und bei paula auf granit gebissen: heim? ich doch nicht. nein. mir gefällt’s hier. das geht schon. du musst mir halt helfen.

im verlauf des frühsommers verschlechterte sich ihr zustand. das war für mich umso schlimmer, als dass sie sonst in der warmen jahreszeit immer aufblühte. dieses jahr war das anders.

für mich war war aber klar, dass ich nicht einfach ein heim suche, ohne dass ich sie einbeziehe.

diese tatsache stiess nicht bei allen familienmitgliedern auf ein gutes echo. im gegenteil. sätze wie „mach mal was. du musst sie halt entmündigen lassen.“ waren nicht selten. anpacken im sinne von überzeugungsarbeit wollte dann aber keiner. diese tatsache kommt wohl jedem angehörigen eines demenzkranken menschen bekannt vor.

im juli schliesslich wollte ich mit meinem freund für eine woche in die ferien. um acht uhr morgens, eine stunde vor unserer abreise klingelt das telephon. paula ist dran. ihre worte sind kurz und knapp:

„ich habs mir überlegt. ich geh jetzt in ein heim.“

na toll. jetzt heisst bei paula jetzt. mühsam versuchte ich ihr klar zu machen, dass ich jetzt gar nichts tun könnte. in ein heim tritt man nicht einfach ein. das sah auch paula ein. wir machten ab, dass ich das nach abschluss meiner ferien regle.

gesagt getan: zwei minuten, nachdem wir wieder zuhause waren, klingelte das telephon. paula.

„und? hilfst du mir jetzt? ich will mein haus verkaufen.  jetzt. ich geh nämlich in ein heim.“

 

wie könnte ich anders, als ihr zur seite stehen. in ihren aussagen, ihrer haltung ist sie nach wie vor klar, obwohl sie wortfindungsstörungen hat und sich nicht mehr an alle namen erinnert. ihren willen teilt sie mit. und danach richte ich mich.