Nachklang

Der Rest des gestrigen Tages ist der Rede wert. Ich war glücklich. Mit einem Mal schien mir der November wie der März.

Ich arbeitete bis neun Uhr abends. Dann fuhr ich langsam nach Hause, vorbei an Füchsen, einer Katze und Rehen. Das Thurtal gehört in dieser Jahreszeit den Wildtieren. Nicht den Autofahrern.

Ich komme nach Hause und finde eine Schachtel mit Anfeuerholz vor unserer Türe. Ich stutze, denke: gehört das unserer Nachbarin. Denn sie hat, im Gegensatz zu uns, ein Cheminée.

Ich trete in unsere Wohnung und höre Stimmen. Ich staune nicht schlecht, als meine Eltern da sitzen. Für einen Moment bin ich den Tränen nahe.

Sie sind extra um diese Zeit zu uns gekommen, um mit uns den Kauf des Hauses zu feiern. Ich bin verschwitzt von der Arbeit. Wechsle zuerst meine Kleider, bevor ich Hände schüttle und Küsse verteile.

Dann stossen wir an, essen Käse und Rauchfleisch, den die beiden mitgebracht haben.
Wir reden. Ich bin glücklich. Ich möchte die ganze Zeit einfach weinen, weil schon am Morgen keine Zeit dafür war. Wir reden über die Blumen, die ich pflanzen werde, die Möbel, die noch zu entsorgen sind, die Mulde, die ich bestellen muss.

Als ich heute zur Arbeit fuhr, strahlte ich.
Ich habe ein Haus. Einen Traum. Einen Baum.
Die Katze wird im Haus herumtollen und ich werde ein Büro mit Blick auf den Garten und die Strasse haben. Der Kachelofen wird uns warm geben. Die Forellen leben in ihrem Bach und irgendwann werden Hühner herumhüpfen. Alles wird gut.

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Warten. Teil 724.

Nein. wir leben noch nicht im Haus.
Ja. Es ist eine seltsam langwierige Sache.
Ja. Es ist mir bewusst, dass der Winter im Toggenburg früher anfängt als im Thurgau.
Nein. Ich habe unsere Wohnung noch nicht gekündigt.

Fragen über Fragen. Freunde fragen uns, warum alles so schleppend vor sich geht.

Ich habe keine Antwort An meinen freien Tagen fahren wir ins Toggenburg. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Unsere ganze Freizeit geht drauf. Im Moment für nichts.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich momentan glücklich bin. Ich bin unglücklich. Unzufrieden. Müde. Traurig.

Es gibt so vieles, worauf ich, neben meinem Job, meine Energie konzentrieren sollte: Omi, meine Gesundheit, das Schreiben.

Dass ich seit Anfang Jahr schlecht schlafe und mein Leben nur noch aus Warten auf irgendeinen Entscheid des Amtes besteht, möchte ich verdrängen. Im Februar bin ich davon ausgegangen, dass ich jetzt im Haus wohnen würde. Freunde von mir haben innerst kürzester Zeit ein Haus gekauft und ziehen jetzt ein. Es ist einfach nur ungerecht und macht mich wütend.

Wir hingegen warten. Wir fühlen uns wie unwichtige Nummern. Unser Leben zählt nicht. Was passiert, wenn Paula plötzlich stirbt und ich den Kaufvertrag noch nicht unterschrieben habe, mag ich mir nicht vorstellen. Der blosse Gedanke bringt mich zum Erbrechen.

Der September ist ein voller Monat. Ich weiss nicht, woher ich die Zeit nehmen soll, ins Haus zu fahren. Vielleicht ist es nicht mal so wichtig. Schliesslich war unsere ganze Arbeit der letzten Monate „nichts wert“. So ist es nämlich.

Ich mag nicht verbittert klingen. Ich will nur endlich einmal eine Perspektive haben. Ernst genommen werden. Keine Nummer sein. Endlich in Paulas Nähe wohnen, solange sie noch da ist. Sie öfters sehen. Sich in Ruhe voneinander verabschieden.

Denn eines kann ich prophezeien: wenn Paula nicht mehr lebt, wird es auch keinen Amtsträger mehr interessieren, was mit dem Haus ist und für wieviel ich es kaufen soll. So einfach ist das.

Unruhe und Wut

Heute ging ich das Grab meiner Mutter bepflanzen. Es ist eigentlich eine sinnlose Sache, denn sie hat sich nie eines gewünscht. Ihre Asche hätte ich irgendwo auskippen sollen, Ich habs nicht gemacht.

Sie mochte Farben über alles. Je bunter, je wilder, desto besser. Ihr Grab soll auch so aussehen. Lebensfroh. Keine Traurigkeit, dass sie nicht mehr da ist. Dankbarkeit, dass sie mich geboren hat und da war.

Das fällt mir schwer.
Auf dem Friedhof steht ein Verkaufsregal. Rosen. Herzen. Muttertag. Ja, mein Gott. Was soll ich denn jetzt noch so was für sie kaufen? Sie sieht es ja nicht.

Ich räume das Grab ab. Dabei fallen mir drei rote Rosen aus Plastik auf. Die waren im Herbst noch nicht da. Ich dachte, ich wäre die Einzige, die noch ihr Grab aufsucht. Oma kann schon lange nicht mehr hingehen und sie wüsste nicht einmal mehr, wer unter dem Stein begraben liegt.

Da der Friedhof nur zwei Minuten vom Haus weg ist, beschliesse ich, noch vorbei zu fahren. Von der Hauptstrasse aus kann man das Haus kurz sehen. Das Gartentor steht offen. Also halte ich an und gehe den Weg herunter.

Der Weg ist verwachsen. Die Wiese blüht. Das Gras steht hoch. Ich laufe um das Haus herum. Mit einem Mal stehe ich kurz vor einem Tränenausbruch.

Ich sollte jetzt hier leben. Ich sollte jetzt die Wiese mähen, den Garten bepflanzen. Alles spriesst. Unter dem Dach haben sich Spatzen eingenistet. Ich kann ihre Brut hören. Mir scheint, als zieht schon wieder alles an mir vorüber. Die Warterei zehrt an meinen Nerven. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich bereits im Mai den Kaufvertrag unterschreiben kann. Doch wieder muss ich warten. Es wird nicht vor dem Herbst der Fall sein.

Im Herbst das Haus zu räumen, ist Irrsinn. Es wird zu kalt sein. Wir werden es nicht schaffen, die Küche zu renovieren vor dem Winter. Ohne anständige Küche werden wir erst im nächsten Frühling einziehen können. Ich bin wütend.

Das Haus lassen meine Tränen kalt. 175 Jahre lang steht es schon hier. Ein Jahr mehr oder weniger leer leben, macht ihm wohl nichts aus. Mir schon. Ich habe Träume. Wünsche. Ich will endlich dort leben.

In einem Anfall von Wut jäte ich den verwachsenen Weg. Dann geht es mir wieder besser.

Samstag im Haus

Wir trafen uns heute mit Paulas Beistand und gingen durchs Haus. Das alles ist eine emotionale Sache, denn Herr N. kannte wohl sogar schon meine Urgrosseltern. So erzählte er mir bei der Begehung, dass mein Uropa mit einem Töffli herumgefahren sei. Das wusste ich nicht! Des weiteren stellte sich heraus, dass Herr N. sich mit der Geschichte des Städtchens und seiner Häuser auskennt. Er wird für mich nachschauen, welches Gewerbe im Haus anfangs des 20. Jahrhunderts betrieben wurde. Besonders gefreut hat mich, dass er mir sogar noch eine weitere Kontaktperson nennen konnte, die mich bei der Erforschung meiner Familie weiterbringt. Ich fühle mich reich beschenkt.

Nun gilt es also ernst. Sascha und ich werden mit der Bank zusammensitzen und den Hauskauf besprechen. Wenn alles gut geht, werden wir schon in einigen Monaten unser eigenes Haus haben.

Als wir wegfuhren, liefen mir die Tränen aus den Augen. Wir sind so nahe dran.
Meine Kindheit kam mir in den Sinn. Wie die Urgrosseltern darin lebten. Wie Paula und Walter einzogen und die Urgrosseltern pflegten. Paula arbeitete auswärts, Walter war Hausmann. So glücklich war ich während den Schulferien in diesem Haus. Ich habe es geliebt, in dem Labyrinth der Räume zu spielen. Dann, als ich schon 19 war, stirbt Walter. Das Haus, baufällig, wird mit einem Mal von Paula und ihrer Schwester Hadi wieder renoviert. Alter Plunder wird entsorgt. Sie streichen den Flur, legen Teppiche aus, entfernen die Verdrahtung des Zwingers, lassen den Balkon renovieren. Mir kommt in den Sinn, wie Paula älter wurde, meine Mutter starb. Wie oft wir gemeinsam in der Küche weinten. Paulas Umzug ins Pflegeheim.

Ich hatte immer Angst, ich würde mich von dem Haus entfremden, wenn Paula nicht mehr darin wohnte. Es hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Der Traum vom Haus ist kein Schönwetter-Familien-Haus-Traum, sondern der Wunsch aufs Weiterführen meiner familiären Traditionen. Das Haus ist voller Stoffe, voller Werkzeug. Das Haus wird nicht mir gehören, sondern ich dem Haus.