Hochwasser

Langsam kehrt der Sommer im Toggenburg ein.
Die Blumen blühen, unsere alten Rosen auch. Seit einigen Tagen trägt auch unsere wunderschöne Linde ihr Blütenkleid.

Am letzten Mittwochnachmittag fing es an zu regnen. Fast 40 Minuten nonstop Starkregen. Starke Gewitter.
Der Bach neben unserem Haus stieg innerhalb kürzester Zeit an.
Als ich nach Hause kam, war ein Teil unseres Vorplatzes, der alte Waschplatz, unter Wasser.

An uns vorbei schwammen Äste, Geröll und mannsgrosse Baumstämme.
Ich bin an der Thur aufgewachsen und habe seit jeher Angst (und Respekt) vor Hochwasser.
Ich weiss genau, was es bedeutet, wenn das Wasser kommt.
Es scheint mir in den Genen zu liegen. Das Geräusch des fliessenden Gerölls. Das tumbe Aufschlagen der Baumstämme.

Das kleine Rinnsal hatte sich innerhalb weniger Minuten in einen tosenden Strom verwandelt.
Vielleicht vor zehn, zwanzig Jahren ist es das letzte Mal passiert.
Für einen Moment hatte ich Angst um Uropas alten Waschbärenstall, um unser Haus. Das Wasser hatte eine unglaubliche Energie. Man kann ihm nichts entgegen setzen.

Heute nachmittag stieg ich hinunter in den Bach. Das habe ich bestimmt 30 Jahre nicht mehr getan. Es war ganz einfach. Alles war still. Das Bachbett ist vom Hochwasser abgeschliffen, das Moos verschwunden. Weiter unten liegen grosse Baumstämme. Für einen Moment bin ich wieder Kind.

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Frühlingswind

Nach einem langen Winter kehrt nun der Frühling ins Toggenburg ein. Er kommt sanft, wie ein schüchterner Liebhaber und taucht unsere Wiese in Pastelfarben. Überall blühen Primeln, Narzissen, orange und weiss-graue Krokusse regen ihre Gesichter, die Tulpen, die Forsythie.

Omi fehlt und doch habe ich das Gefühl, sie ist da. Es ist, als würde sie in diesem Garten weiter blühen. Die in den letzten Jahren frisch gepflanzten Bäume und Büsche wachsen. Der Bach sprudelt munter vor sich hin.

Vor einigen Tagen hat mir Omis Nachbarin ein Kompliment gemacht: Sie hat Omis Grabstein gesehen und findet ihn wunderschön und passend. Sie erzählt mir, wie Omi früher auf ihrer Gartenbank vor dem Haus gesessen ist und die Katzen des ganzen Quartiers angelockt hat.

Ich sah Omi grad vor mir. Um sie herum Röteli, Simeli und wie sie alle hiessen. Ob sie da wohl glücklich war? Die Katzen waren für sie wie Kinder. Sie störte es nicht, dass sie täglich anders und gleich hiessen, weil Omi sich nicht an sie erinnern konnte. Katzen sind diesbezüglich sehr tolerant, so lange es zu fressen für sie gibt.

Manchmal denke ich: Die Zeit vergeht so rasch. Eben noch war Weihnachten. Jetzt ist Ostern schon vorbei. Alles zerfliesst und schmilzt und wächst von neuem.

Osterfest

Ich mag Ostern aus vielerlei Gründen. Als Kind hatte ich Angst vor dem am Kreuz hängenden Jesus. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum jemand einem Menschen sowas antut. Heute sehe ich da schon etwas klarer.

Ostern im Haus bedeutete für mich immer das Einläuten des Frühlings. Diese Jahreszeit liebe ich über alles. Ich kann es kaum erwarten, dass der Schnee schmilzt und die ersten Osterglocken, Narzissen und Schneeglöckchen ihre Köpfchen aus der Erde strecken.

Früher kochte Omi für uns alle und ich frage mich, wie sie es geschafft hat, dass so viele Menschen in die Küche passten und immer noch mehr Platz vorhanden war als heute. Das Essen war einfach; es gab Voressen mit Rüebli, weichgekochte Müscheli-Teigwaren, die auch Opa beissen konnte und am Schluss einen Glacéblock aus Schokolade. Für uns Kinder war dieses Essen ein Höhepunkt, besonders darum, weil wir alle, Omi, Opa, unsere Eltern und wir zusammen waren.

An Ostern kochte ich für meinen Vater und seine Frau, für Sascha und mich. Alle anderen sind nicht mehr da und an Ostern vermisse ich sie sehr. Auch wenn meine Mutter zehn Jahre tot ist und mein Opa über zwanzig Jahre, ihre Anwesenheit spüre ich noch immer in meinem Herzen.

Ich genoss es, mit Vater und Helene über den Garten, Vögel, Naturerlebnisse, Kochen und Stricken zu sprechen. Wir sollten viel mehr solche Tage miteinander verbringen, weil sie glücklich machen. Wir verlebten einen guten Mittag, dann marschierten wir an den Bahnhof, weil mein Vater sich wünschte, die Kunstausstellung über Walter Steiner zu besuchen.

Das war richtig schön und es machte mich glücklich, den fröhlichen Gesichtsausdruck meines Vaters zu sehen. Vielleicht ist es das, was für mich Familienfeste ausmacht: Man geniesst gemeinsame kurze Momente im Wissen, dass man irgendwann daran zurück denkt und froh ist, sie erlebt zu haben.

Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

Omi und ich (2) (685x582)

Die Sache mit dem chalten Zimmer

Unser „chaltes“ Zimmer war unser Sorgenkind.
Als Omi noch im Haus lebte, diente dieser Raum als Wöschhänki, Plunderraum, Müllablagestelle und Museum für rostiges altes Geschirr. Im chalten Zimmer haben wir Sascha und ich damals ebenfalls all jene Dinge gelagert, die wir wegschmeissen wollten. Wir haben uns seit dem Umzug wenig darum geschert, wie der Raum aussieht, weil wir einfach zu wenig Zeit hatten.

Über diesen Raum wussten wir nur wenig. Offenbar war der ganze Hausteil irgendwann im letzten Jahrhundert einfach aus Holz ans Haus angebaut worden. Der Verwendungszweck war uns unklar. Fest stand nur eines: als Wäschetrocknungsraum ist er perfekt.

Der Raum war mit türkisfarbener, verblichener Farbe gestrichen. Die Farbe machte den Raum dunkel und ich mochte sie nicht, obwohl ich grün sehr mag.

Am Wochenende fingen wir damit an, langsam alles auszuräumen. Ich wusste, ich würde mich von neuem entscheiden müssen, was ich entsorgen will. Die Schirmsammlung von Omi wollte ich eigentlich behalten. Dank meines Vaters, der einen davon für sich aussuchen wollte, war mir dann rasch klar, dass die Schirme wirklich alle reif für den Müll sind.

Wir zerlegten einen alten Kleiderschrank, der mich schon länger genervt hat. Auf dem alten Waschplatz unten türmt sich nun langsam ein Haufen, den wir dann in die Mulde tun.

Am Montagmorgen in der Früh fingen wir an mit schleifen. Wände schleifen ist eine tolle Sache. Man schwitzt wie ein Esel und danach vibrieren einem noch länger die Hände. Die Katze mag das. Wir saugten den Raum und rieben die Wände ab.

das schreckliche Grün

mit Maske

Heute sollte die endgültige Verwandlung stattfinden: wir strichen die Wände weiss.

Während es draussen immer heisser wurde, blieb unser chaltes Zimmer verhältnismässig kühl. Es machte Spass, langsam und Schritt für Schritt den Holzwänden ein neues Antlitz zu verleihen.

Ein paar Stunden später, die Farbe war nun getrocknet, machten wir uns an den schwersten und ekligsten Teil der Arbeit: wir verschoben erst einige schwere Möbel und wollten drei Teppiche rausreissen.

die verschiedenen Lagen Linoleum

Doch als die Teppiche weg waren, kamen drei Lagen uralten Linoleums zum Vorschein, darunter einer der Firma Williamson aus Lancaster. Wir rissen auch diese Teilstücke raus, saugten Staub weg und entdeckten schliesslich den alten Holzboden, der all den Jahren getrotzt hat.

Williamsons Lancaster Cork Linoleum

wie ein Mosaik

Wir wissen nicht genau, wer all die Linoleumstücke gelegt und festgenagelt hat. Vielleicht war es mein Urgrossvater oder die Menschen, die früher hier gelebt haben. Fest steht für uns: in diesem wurde Raum gearbeitet. Anhand der Elektrifizierung gehen wir davon aus, dass hier einst zwei Strickmaschinen standen.

Als wir mit unserem Tagewerk fertig waren, war ich richtig stolz und ein wenig wehmütig, dass Opa diesen Raum nicht sehen kann. Und Omi würde ihn wohl nicht mehr erkennen.

danach

Sommerprojekt 2016: S chalte Zimmer

Wie schon im letzten Jahr planen Sascha und ich auch in diesen Sommerferien, einen weiteren Teil unseres geliebten Hauses zu renovieren. Wir haben hier schon vor einigen Jahren hart entrümpelt. Aber wir haben damals leider nicht alles geschafft.

Der angebaute Vorratsraum heisst bei uns seit Jahren „s chalte Zimmer“. Dieser Raum ist ein Wunder der Toggenburger Architektur!

Im Winter ist er sehr kühl. Denn es gibt hier keine Heizung. Der Anbau ist aus Holz. Die Wäsche trocknet rasch. Gemüse können wir hier auch im Winter lagern, Wein kühlen. Im Sommer ist der Raum noch immer kühl. Er ist schattig. Der Boden besteht aus Holzbrettern.

Das kalte Zimmer wurde immer als Vorratsraum und als Hundehütte gebraucht. Ich kann mich noch dran erinnern, dass Uropa seinen Hund hier im eigenes erstellten Teil-Zimmer schlafen liess.

Mich stören an diesem Raum vor allem die hässlich türkisfarbenen Wände. Ich möchte diese gerne abschleifen und neu streichen. Wir werden den ganzen Kasumpel, der hier herumsteht auf die Terrasse stellen, sortieren, werden Unnötiges entrümpeln und dann gemeinsam mit dem Schreiner schauen, wie der Boden aussieht.

Der Boden bereitet mir am meisten Sorge. Ich verspüre wenig Lust, noch einmal durch ein morsches Brett zu krachen…

Omi schläft

Seit Omi im Pflegeheim lebt, und das ist schon vier Jahre her, ist es schwierig, den „richtigen“ Zeitpunkt für einen Besuch zu finden.

Früher konnte ich immer bei Omi vorbeigehen. Sie war immer zuhause, wach und freute sich über meinen Besuch. Omi stand früh am Morgen auf, ging in den Garten, einkaufen, schaute fern und räumte auf.

Ein Pflegeheim gibt andere Strukturen vor: Die Bewohner des Heims werden gewaschen, falls sie es nicht mehr selber können, zu einer bestimmten Zeit, sie essen zu einer bestimmten Zeit und sie schlafen zu einer bestimmten Zeit.

Omi ist schnell müde nach dem Essen. Sie geniesst zwar alles, aber irgendwann fallen ihr einfach die Augendeckel zu. Es berührt mich, denn ich kenne Omi als unermüdlichen Menschen. Wenn ich jetzt einfach so vorbeigehe, treffe ich sie oft schlafend an. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass sich ein Mensch gegen Ende seines Lebens entspannen kann.

Aber ich weiss natürlich auch, dass diese Schläfrigkeit ein Teil des Sterbeprozesses ist. Bei meiner Mutter habe ich ihn hautnah miterlebt.
Ich hab noch nicht mal Angst davor. Aber es macht mich traurig.

Ich bin dankbar, dass ich in Omis Haus leben darf. Es gibt keinen einzigen Tag, wo ich nicht an sie denke. Wenn ich die Rosen anschaue, die Johannisbeerbüsche oder die Eidechsen beobachte. Immer wieder denke ich an diese Kindheit zurück, die dank ihrer Liebe trotz allem schön war.

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten so wie früher miteinander beim Einkaufen herumlaufen. Mit eingehakten Armen. Lächelnd.
„No es Käfeli, Omi?“
„Aber immer, Schatz Gottes. E Schale. Und en Toascht Hawaii.“
„Gärn.“

„Noch einen kleinen Kaffee, Oma?“
„Aber immer, Schatz Gottes. Eine Schale. Und einen Toast Hawaii.“
„Gern.“