Spielkindheit

Vor einigen Wochen hatte ich ein interessantes Gespräch mit meinem Vater. Ich erfuhr dabei, dass er es damals gar nicht so toll gefunden hatte, dass wir Kinder die ganzen Ferien bei Omi und Opa verbrachten.

Er beschrieb mir, wie sehr er es jeweils genossen hatte, mit uns Kindern etwas zu unternehmen, uns an Anlässe mitzunehmen, zu wandern oder Velo fahren zu gehen.
Meine Mutter hat ihn gar nie gross gefragt, ob er damit einverstanden war, dass wir zu Omi gingen. Es war einfach abgemachte Sache zwischen Omi und ihr, wobei er dazu meinte, dass meine Mutter wohl auch einfach froh war, uns mal nicht an der Backe zu haben.

Das hat mich irgendwie sehr gerührt, denn ich hatte als Kind nie das Gefühl, den Vater zuwenig zu haben. Er war beruflich zwar sehr eingespannt, aber auch immer präsent.
Vater und Mutter waren definitiv keine „Helikoptereltern“. Sie hatten den Anspruch an uns, an mich, dass wir uns selbständig beschäftigen. Sie fuhren uns nie an irgendwelche Kurse oder Anlässe, weil wir da gar nicht erst teilnahmen. Vermisst habe ich nichts. Im Gegenteil.

Als Kind verbrachte ich sehr viel draussen auf den Wiesen, unterwegs mit unseren beiden Katzen. Ich liebte es, an der Sonne zu liegen, Käfer, Schmetterlinge und Blumen zu erkunden und mir wunderbare Abenteuer auszudenken. Ich fühlte mich eins mit der Natur, als kleiner Teil, und das war wunderbar.

In den Ferien bei den Grosseltern habe ich jeweils an der Wöschhänki Zelte gebaut. Es war paradiesisch, denn es gab nur wenig Grenzen: Wir durften nichts kaputt machen. Wir sollten anständig sein. Wir durften uns nicht in Gefahr bringen. Aber sonst… Freiheit pur.

Als ich heute morgen aufwachte und zum Fenster hinaus schaute, musste ich an Omi denken, die uns Kindern soviel schöne Erlebnisse ermöglichte. Sie fehlt mir. In meinem Herzen ist noch immer jene kleine Stelle Erinnerung, wo ich auf der Schaukel sitze und sie mich anstösst.

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Der Herd, der Backofen, meine Familie und ich.

Am nächsten Dienstag wird unser neuer Herd geliefert. Ich bin ein bisschen wehmütig, denn wieder wird nun ein Teil meiner Urgrosseltern und Omi aus dem Haus verschwinden.

Omi hat auf diesem Herd täglich mehrere Liter heisses Wasser für ihren Incarom-Kaffee gekocht. In der Küche hat sie oft für uns Kinder und auch für Opi gekocht: Rösti mit Spinat und Spiegeleiern, gebratenen Fleischkäse für Opi, Gulasch und Teigwaren, Champignon-Plätzli und Buchstabensuppe. Im Ofen buk Omi ihre Frischbackzöpfe und Croissants für uns auf. Sie liebte Gerichte, die sie einfach in den Ofen stecken konnte.

Die Küche war immer das Zentrum des Lebens in diesem Haus. Hier wurden Gespräche geführt, gemeinsam getrauert, getrunken und gegessen. Der Herd war und ist eines der wichtigsten Küchengeräte. Hier kochen wir. In seinem Bauch, dem Backofen, backen wir seit Jahren Brot.

Doch in den letzten zwei Jahren wurde uns auch klar, dass das der Herd es wohl nicht mehr lange macht. Er hat drei Platten, eine geht gar nicht mehr, die eine nur so halb. Der Backofen ist nicht schlecht, hat aber seine besten Tage auch gesehen. Und so heisst es nun Abschied nehmen. Danke, lieber Herd, lieber Backofen für all das, was ihr all die vielen Jahre geleistet habt…

Sascha buk heute seinen letzten Zopf.

Die Teppiche

Unser Haus war und ist ausgelegt mit vielerlei Teppichen. In so ziemlich jedem Zimmer lagen sie: manchmal zwei-lagig, im chalten Zimmer sogar sieben-lagig. Es scheint mir heute, als hätten Omi, ihre Schwester Hadj und mein Opa damals den Kampf gegen die Toggenburger Kälte mithilfe billiger Teppichstücke angetreten. Sie sind nun leider alle tot. Omi starb 2017, Hadj ca 2012 und Opi 1997.

Als wir einzogen, befreiten wir mein Atelier von gebrochenem Laminat und angegrauten Teppichen. Darunter kam ein fast morscher Holzboden zum Vorschein. Später brach der Boden durch.

Auch in der Stube lag ein etwas unappetitlicher grosser Möchtegernperser herum. Beim hinteren Treppenaufgang haben Omi und Hadj damals kurzerhand den alten Stubenteppich zerschnitten und vernagelt. Da liegt er nun: ein Albtraum aus Plastik, Gummi und Filz. Ein wenig noch riecht er nach Barri, unserem Bless, der vor 25 Jahren das Zeitliche gesegnet hat.

unbekanntes Kind mit Hund auf der Treppe

Im chalten Zimmer haben wir neben zwei Stoffteppichen mehrere Laminate entfernt, um darunter einen wunderbaren alten Holzboden hervorzuholen. Eines der uralten Laminate stammte aus Lancaster. Ich war begeistert und irritiert.

Sogar in der Küche haben wir einen zerfledderten roten Teppich entfernt, um darunter einen uralten, roten Plättliboden (sechseckige Steinplättchen!!) zu entdecken. Ich hätte nie erwartet, auf so etwas zu stossen. Der Boden ist vielleicht so alt wie das ganze Haus.

Der Gang ist seit bald 20 Jahren ebenfalls von einem grauen Ungetüm überklebt. Doch beim Durchsehen von Kinderbildern von mir stiess ich auf einen uralten Fischgrät-Parkettboden. Ich erinnerte mich: Damals war das Laufen durch den kalten Gang Glückssache: es lagen rutschige, notdürftig hingemachte Läufer da und wer nicht aufpasste, landete auf dem Hintern.

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Ich möchte so gerne den Teppich im Gang entfernen, um den alten Schatz hochzuheben. Ich weiss noch genau, wie der Boden aussah. Es ist, als wären die 30 Jahre nur ein Traum.

Hochwasser

Langsam kehrt der Sommer im Toggenburg ein.
Die Blumen blühen, unsere alten Rosen auch. Seit einigen Tagen trägt auch unsere wunderschöne Linde ihr Blütenkleid.

Am letzten Mittwochnachmittag fing es an zu regnen. Fast 40 Minuten nonstop Starkregen. Starke Gewitter.
Der Bach neben unserem Haus stieg innerhalb kürzester Zeit an.
Als ich nach Hause kam, war ein Teil unseres Vorplatzes, der alte Waschplatz, unter Wasser.

An uns vorbei schwammen Äste, Geröll und mannsgrosse Baumstämme.
Ich bin an der Thur aufgewachsen und habe seit jeher Angst (und Respekt) vor Hochwasser.
Ich weiss genau, was es bedeutet, wenn das Wasser kommt.
Es scheint mir in den Genen zu liegen. Das Geräusch des fliessenden Gerölls. Das tumbe Aufschlagen der Baumstämme.

Das kleine Rinnsal hatte sich innerhalb weniger Minuten in einen tosenden Strom verwandelt.
Vielleicht vor zehn, zwanzig Jahren ist es das letzte Mal passiert.
Für einen Moment hatte ich Angst um Uropas alten Waschbärenstall, um unser Haus. Das Wasser hatte eine unglaubliche Energie. Man kann ihm nichts entgegen setzen.

Heute nachmittag stieg ich hinunter in den Bach. Das habe ich bestimmt 30 Jahre nicht mehr getan. Es war ganz einfach. Alles war still. Das Bachbett ist vom Hochwasser abgeschliffen, das Moos verschwunden. Weiter unten liegen grosse Baumstämme. Für einen Moment bin ich wieder Kind.

Frühlingswind

Nach einem langen Winter kehrt nun der Frühling ins Toggenburg ein. Er kommt sanft, wie ein schüchterner Liebhaber und taucht unsere Wiese in Pastelfarben. Überall blühen Primeln, Narzissen, orange und weiss-graue Krokusse regen ihre Gesichter, die Tulpen, die Forsythie.

Omi fehlt und doch habe ich das Gefühl, sie ist da. Es ist, als würde sie in diesem Garten weiter blühen. Die in den letzten Jahren frisch gepflanzten Bäume und Büsche wachsen. Der Bach sprudelt munter vor sich hin.

Vor einigen Tagen hat mir Omis Nachbarin ein Kompliment gemacht: Sie hat Omis Grabstein gesehen und findet ihn wunderschön und passend. Sie erzählt mir, wie Omi früher auf ihrer Gartenbank vor dem Haus gesessen ist und die Katzen des ganzen Quartiers angelockt hat.

Ich sah Omi grad vor mir. Um sie herum Röteli, Simeli und wie sie alle hiessen. Ob sie da wohl glücklich war? Die Katzen waren für sie wie Kinder. Sie störte es nicht, dass sie täglich anders und gleich hiessen, weil Omi sich nicht an sie erinnern konnte. Katzen sind diesbezüglich sehr tolerant, so lange es zu fressen für sie gibt.

Manchmal denke ich: Die Zeit vergeht so rasch. Eben noch war Weihnachten. Jetzt ist Ostern schon vorbei. Alles zerfliesst und schmilzt und wächst von neuem.

Osterfest

Ich mag Ostern aus vielerlei Gründen. Als Kind hatte ich Angst vor dem am Kreuz hängenden Jesus. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum jemand einem Menschen sowas antut. Heute sehe ich da schon etwas klarer.

Ostern im Haus bedeutete für mich immer das Einläuten des Frühlings. Diese Jahreszeit liebe ich über alles. Ich kann es kaum erwarten, dass der Schnee schmilzt und die ersten Osterglocken, Narzissen und Schneeglöckchen ihre Köpfchen aus der Erde strecken.

Früher kochte Omi für uns alle und ich frage mich, wie sie es geschafft hat, dass so viele Menschen in die Küche passten und immer noch mehr Platz vorhanden war als heute. Das Essen war einfach; es gab Voressen mit Rüebli, weichgekochte Müscheli-Teigwaren, die auch Opa beissen konnte und am Schluss einen Glacéblock aus Schokolade. Für uns Kinder war dieses Essen ein Höhepunkt, besonders darum, weil wir alle, Omi, Opa, unsere Eltern und wir zusammen waren.

An Ostern kochte ich für meinen Vater und seine Frau, für Sascha und mich. Alle anderen sind nicht mehr da und an Ostern vermisse ich sie sehr. Auch wenn meine Mutter zehn Jahre tot ist und mein Opa über zwanzig Jahre, ihre Anwesenheit spüre ich noch immer in meinem Herzen.

Ich genoss es, mit Vater und Helene über den Garten, Vögel, Naturerlebnisse, Kochen und Stricken zu sprechen. Wir sollten viel mehr solche Tage miteinander verbringen, weil sie glücklich machen. Wir verlebten einen guten Mittag, dann marschierten wir an den Bahnhof, weil mein Vater sich wünschte, die Kunstausstellung über Walter Steiner zu besuchen.

Das war richtig schön und es machte mich glücklich, den fröhlichen Gesichtsausdruck meines Vaters zu sehen. Vielleicht ist es das, was für mich Familienfeste ausmacht: Man geniesst gemeinsame kurze Momente im Wissen, dass man irgendwann daran zurück denkt und froh ist, sie erlebt zu haben.

Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

Omi und ich (2) (685x582)