Ich und sie.

Ich bin wirklich froh, dass Paula nicht mehr in ihrem Haus lebt.
Sie ist zunehmend orientierungsloser als noch vor einigen Jahren. Sie bewältigt ihren Alltag wirklich gut. Trotzdem läuft nicht immer alles rund.

Als wir heute bei Paula vorbei schauten, sitzt sie zufrieden im Fernsehsessel und schaut Skifliegen. Ich bin erstaunt, denn Sport fand sie früher immer sehr doof. Roger Federer hingegen mochte sie gut. Sie fand sein Lächeln so herzig. Und seine behaarten Beine. Hadi und Paula haben sich jeweils telefonisch nachts geweckt, um seine Spiele nicht zu verpassen.

Paula will mit uns nach oben gehen. Die Pflegende folgt uns nach ein paar Minuten. Paula kriegt Medis gegen Kreislaufstörungen. Ihr Blutdruck ist zu hoch. Wir reden über Verschiedenes. Paula hat einen wirklich guten Tag. Sie weiss zwar nicht, wer ich bin oder welcher Tag ist, freut sich aber sehr darüber, dass ich und der nette bärtige Mann an meiner Seite bei ihr vorbei schauen. Zwischendurch scheint mir, dass sie mich für Hadi hält. Wir reden über Onkel Sepp und Onkel Hans, die leider schon einige Zeit tot sind.

Als sie mich fragt: „Gell, Hadi, de Mamme gohts nödeso guet?“, verquatsche ich mich. Ich sage, dass ich nicht Hadi bin. Wo Hadi denn sei, will sie wissen. Tot. Antworte ich. Paula ist sehr getroffen. Wir haben das ja auch erst etwa fünf Mal besprochen. Ich könnte mich treten, weil ich nicht einfach über Omi Berti, Paulas und Hadis Mamme geredet habe.

Aber Paula gibt nicht auf.
„Was ist denn mit der Mamme?“ – „Die lebt auch nicht mehr.“ – „Seit wann das denn?“ – „Seit ca. 1961.“ – „Oh.“

Wir wechseln das Thema. Ich habe Paula ein Bild von Röteli mitgebracht. Röteli ist die Katze, die Paula während Jahren angefüttert hat. Gehören tut Röteli jemandem in der Stadt. Paula hatte sich so sehr ein Bild von ihrem lieben Röteli gewünscht. Heute kriegt sie es.

Sie zeigt auf ein Bild im Rahmen neben ihrem Bett.
„Da kannst du’s reintun. Nimm diesäbdett use.“
Ich nehme es raus und tu das neue Bild rein.
„Wer ist das eigentlich?“ will Paula wissen und schaut das Photo an.
„Das bin ich“, antworte ich.

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sofa anita omi

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Lieblingsenkelin

Tante Hadi hat mich vor einigen Jahren bekniet, Paula endlich ins Altersheim zu bringen.
„Sie ist dement“, sagte Hadi am Telephon. Ihre Stimme klang ärgerlich.
„Ja. Ich weiss“, antwortete ich. Was sollte ich sonst auch sagen? Paula und Hadi telephonierten damals einmal pro Woche. Meine Oma hat Hadi den letzten Nerv geraubt, weil sie immer wieder das gleiche sagte und vor allem nie das tat, was ihr ihre ältere Schwester an Ratschlägen bereithielt.

„Du bist ihre Lieblingsenkelin“, sagte Hadi und es klang wie ein Vorwurf. „Dich hat sie geliebt und verwöhnt. Du bist es ihr schuldig.“
Das wusste ich auch. Kann man Liebe schulden? Ich denke nein.

Es war unsinnig, Hadi meine Haltung zu erklären. Sie war eine Frau Mitte 80, eine wahre Dame. Wie sollte ich ihr denn klar machen, dass ich fand, dass Paula so lange wie möglich selbst über ihr Leben bestimmen sollte? Ich war anfangs 30, hatte gerade meine Mutter, Hadis Patenkind, verloren und sah mich nicht in der Lage, meiner Oma einfach zu sagen, was sie tun sollte.

Paula hat immer ihren eigenen Kopf gehabt. In meiner mittlerweile fast inexistenten Familie mütterlicherseits gab es den Ausdruck „Toggenburger-Grind“. Das bedeutet, dass einer unglaublich stur ist.

Ich hab mir damals lange überlegt, was wirklich meine Aufgabe war. Ich liebte Paula sehr, aber ich wusste, ihr einfach den Willen zur Selbstbestimmung abzusprechen, wäre ein Vertrauensmissbrauch sondergleichen gewesen.
Paula sagte sehr oft zu mir: „Du bist der grösste Schatz in meinem Leben und der Grund, warum ich überhaupt noch da bin.“
Das ist ein Ausdruck grösster Liebe und gleichzeitig eine grosse Last. Als ich als Kind oft im Spital war, dachte ich darüber nach, was es bedeuten würde für Oma, wenn ich stürbe. Diesen Gedanken verwarf ich jeweils schnell wieder, denn ein Kind von zehn Jahren darf doch nicht an den Tod denken. Dann kam mir mein Bruder in den Sinn und ich wusste: der Tod gehört einfach dazu, egal wie alt du bist.

Nun bin ich 36.
Ich denke oft an jene Zeiten zurück, als ich noch ein kleines Mädchen war und glücklich, wenn Oma da war. Ihre Umarmungen, ihre Geschichten und ihre bedingungslose Liebe haben mich wohl gerettet.

Meine Oma war zu einer Zeit für mich da, als meine Mutter es nicht mehr konnte. Wenn ich früher dachte: eigentlich ist meine Oma meine Mutter, so lag ich nicht so falsch. Meine Mutter hat mir mein Leben geschenkt, mich geboren. Meine Oma hat mich geliebt.

Der Geburtstag.

Wir fuhren heute zu Paula.
Die feiert nämlich Geburtstag.
Sie trägt ein knallbuntes Jerseyoberteil, einen grünen Cardigan und eine braune Hose.
Ihre Frisur ist etwas windschief, aber ihr Lächeln und ihre Freude, als sie uns erkennt, sind grossartig.

Ich frage sie, ob sie mit uns zum Haus fahren will. Natürlich will sie! Das hatte sie sich schon so lange gewünscht und heute können wir ihr endlich diesen Wunsch erfüllen. Die Baustelle vor dem Haus ist nämlich weg, der Schnee geschmolzen und die elektrischen Öfeli, deren Stromverbrauch sie immer gereut hat und die wir den Winter durch eingestellt haben, damit das Haus nicht grau wird, sind sorgsam verstaut.

Die Pflegende bespricht mit mir dann kurz, wie wir vorgehen. Sie findet es gut, dass ich Paula kurzfristig „entführe“. So kann sie sehr viel besser drauf einstellen. Das Essen mitsamt Geburtstagsdessert bewahrt sie auf, für den Fall, dass Paula im Heim essen will. Sehr nett!!

Es ist ein sehr berührendes Bild mit Paula zu ihrem Haus zurückzukehren.
Ich bemerke, dass sie alles wieder erkennt, sich wegen des Löwenzahns auf dem Fussweg nervt, und sich trotzdem nur langsam ans Haus heranwagt. Ich schliesse die Tür auf und wir betreten den Flur, den Paula über ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hat und aus dem sie und ich weinend gegangen sind.

Sie wirkt befremdet über die Unordnung. Ich habe mich bisher nicht gewagt, ihre Sachen zu entsorgen, weil es doch ihre sind und obwohl sie mich darum gebeten hat. Ich bemerke in jenem Moment, dass dies eine gute Entscheidung war. Nur so kann sie sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht mehr hier leben wird. Sie wirkt ruhig und neugierig, durchsucht ihre Schränke nach Dingen, die sie noch mitnehmen will. Einen Schuhlöffel will sie. Und Blusen. Und ihre Blazer.

Im Gegensatz zu vor einem halben Jahr kann ich ihr nun sagen: „Das brauchst du nicht.“ oder „Das sieht nicht mehr schön aus.“ Es scheint, als hätten ihre vielen Dinge ihren Wert verloren, als könnte sie sich nun mehr denn je auf das Wesentliche konzentrieren.

Nach einer halben Stunde verlassen wir ihr Haus. In einer Tasche sind einige Kleidungsstücke von ihr verstaut, ein Schuhlöffel, ein Tierchen, das ihr als Kind gestrickt habe, ein Foto von ihr als sehr junge, schöne Frau sowie eine grosse Kiste mit Briefen, die ihr seit meiner Kindheit geschrieben habe. Sie hat sie alle aufbewahrt. Sie sagt, das seien ihre Liebesbriefe. Mit geschlossenen Augen sagt sie:

„Ich habe dich geliebet. Ich liebe dich nicht mehr. Ich scheiss dir in die Augen, dann siehst du mich nicht mehr.“

Paula grinst. Wir fallen uns um den Hals.

Danach wünscht sich Paula, einen Milchkaffee in ihrem ehemaligen Lieblingscafé trinken zu gehen. Auch dies berührt mich, denn ich weiss ja, dass Hadi und Paula hier immer zusammen Käsekuchen gegessen haben. Paula allerdings erinnert sich nicht mehr. Sie geniesst den Moment. Sie hört den Vögeln zu, beobachtet die Kinder und lässt sich den Wind ums Gesicht ziehen.. Als nach zehn Minuten die Bedienung uns noch immer nicht bedient hat, wird Paula ungeduldig. Sie sagt: „Also, ich hab dann nicht ewig Zeit. Kommt, lasst uns gehen. Im Heim warten Teigwaren und ein Dessert auf mich.“

Ich lächle.
Ich erkenne, dass Paula angekommen ist.
Sie freut sich auf die Pflegenden, die so lieb sind, ihre Mitbewohner und das Essen.
Also fahren wir heim mit ihr. Was für ein schöner Geburtstag.

 

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Paula wird 85.

Am nächsten Montag ist Paulas 85ster Geburtstag. Wow.

Doch, wie feiere ich diesen Tag mit ihr?
Ich habe frei genommen.
Ich werde eine Schwarzwäldertorte kaufen.
Doch ich weiss nicht mal, ob sie den Schriftzug auf der Torte noch lesen kann.

Geschenke mag sie nicht so sehr, ausser es sind Plüschtierhunde oder Früchte.
Aber bitte solche ohne Kerne!

Paula war 49 Jahre alt, als ich geboren wurde.
Ihren 60sten Geburtstag haben wir wild gefeiert!
Meine Mutter kaufte Torte und wir assen Raclette.

Den 70sten haben wir eher besinnlich begangen. Schliesslich starb kurz zuvor mein Opa Walter.
Nie habe ich Paula so frei erlebt wie damals. Sie war voller Tatendrang und Ideen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Hadi hat sie das halbe Haus renoviert. Wir sind gemeinsam an meinen freien Tagen durch die Schweiz gereist. Nach Berlin. Gingen ins Kino.

Als Paula 80 wurde, sind wir mit ihr essen gegangen, mein Ex und ich. Sie mochte ihn nicht so besonders. Einige Monate später war ich dann mit Sascha zusammen. Ihn mochte und mag sie sehr.

85 Jahre alt. Ein so langes Leben. Ich kann nicht ermessen, wie viel sie erlebt hat.
Ich weiss, dass sie gute und schlechte Zeiten hatte.
Was davon weiss sie noch?

Gestern telephonierten wir.
„Gell Omi, du weisst ja. Am Montag hast du Geburtstag.“
Paula seufzt.
„Ja. Sie haben’s gesagt. Aber 85? Ist das nicht etwas… alt?“

Nachtrag:
Auf dem Täfelchen wird stehen: „Omi, ha di gärn.“ #ausgründen

Zwei Raumschiffe

Ich wusste ja schon lange, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Paula mich nicht mehr erkennt.
Heute war dieser Tag.
Ich glaube, sie ist selber ein wenig darüber erschrocken.

Wir gingen bei Paula vorbei, um ihr das neue Telephon zu bringen. Ihr altes hatte endgültig den Geist aufgegeben. Als letzte Woche meine Grosstante Hadi, Paulas Schwester, starb, konnte niemand der anderen Verwandten Paula erreichen. Erst am Samstagnachmittag schaffte dies Tante Bibi unter Einsatz eines Vokabulars, das ich gar nicht genauer wissen will. Offensichtlich konnten die Pflegenden den Anruf auf dem Hauptanschluss nicht sofort entgegen nehmen. Tante Bibi ist in solchen Situationen gnadenlos und kommt stimmlich daher wie eine Dampfwalze. Dies trotz oder gerade wegen ihrer 89 Jahre. Sie ist schliesslich die Älteste.

Als wir ankommen, ist es bereits Montagmittag. Sascha und ich haben ausgeschlafen, weil es mein einziger freier Tag diese Woche sein wird. Paula sitzt beim Mittagessen. Wir wollen sie nicht stören, informieren aber die Pflegende, dass wir das neue Telephon dabei haben und es oben anschliessen werden.

Um halb eins schliesslich kommt Paula ins Zimmer. Sie macht die Türe auf und erschrickt, sagt: „Was machen Sie denn bitte auf meinem Bett?“ Ich schaue sie verdutzt an. Sie kommt näher und blickt mich und Sascha mit grossen Augen an.
„Ich kenn euch beide doch. Mir fällt nur grad der Name nicht mehr ein.“

Noch vor einem halben Jahr hätte mich dies zum Weinen gebracht. Sofort.
Heute nicht.
Ich wusste es ja.
In der Ausbildung habe ich es gelernt. Ich weiss Bescheid. Nur mein Herz hat es noch nicht begriffen.
Paula und ich sitzen mehr denn je in zwei unterschiedlichen Raumschiffen in unterschiedlichen Umlaufbahnen. Die Begegnungsmomente werden nun wohl noch kürzer werden.

Ich lächele sie an und sage: „Zora.“
Paula lächelt zurück und umarmt mich.

Hadi und ich

Tante Hadi war die Gotte meiner Mutter. Dies schlug sich in deren zweiten Namen nieder. Ich hätte auch gerne Hadi geheissen. Tante Hadi war in meiner Kindheit sowas wie eine Mischung aus Audrey Hepburn, Rita Hayworth und Hildegard Knef. Ich mochte sie immer sehr und hatte grossen Respekt vor ihr.

Hadi war zwei Jahre älter als Paula. Sie war Sekretärin und sie hatte einen sehr ehrbaren Herrn geheiratet. Hadi hatte sich allerdings später von ihm scheiden lassen und das war wohl in der sehr katholischen Familie meiner Grossmutter eine absolute Revolution.

Jahre später hat Hadi mir gesagt, dass sie und ihr Ex-Mann sich trotz der Scheidung noch gerne gehabt hätten. Nach seinem Tod ist sie täglich auf sein Grab gegangen. Auch dies hat mir grossen Eindruck gemacht. Sie war eine sehr liebende Frau.

Ich war als Kind und als Erwachsene mit Paula bei Hadi zu Besuch. Ich erinnere mich an ihre vornehme Wohnung, die so ganz anders als das einfache Haus von Paula war. Hadi freute sich über unseren Besuch. Wir gaben uns Küsschen. Das ist mittlerweile sechseinhalb Jahre her und das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

2007 sass ich am Sterbebett meiner Mutter. Es war ein Dienstagmorgen im Oktober. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass noch über 30 Stunden vergehen würden, bis meine Mutter tot war. Ich hatte mich noch nicht daran gewagt, Paula anzurufen, da ich nicht von meiner Mutter weggehen wollte, um sie abzuholen. Da klingelte das Telephon. Zuerst wagte ich mich nicht, es abzunehmen, weil ich Angst hatte, einfach so meinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Hadi war dran.
„Es ist soweit, oder?“ Ich nickte nur, die Tränen im Hals. Ihre Stimme war gefasst, tief und sanft.
„Du musst jetzt ganz stark sein. Du musst für deine Mutter da sein. Sie hat dir das Leben geschenkt. Jetzt kannst du für sie am Ende da sein. Das ist ein Geschenk.“
Ich wusste das. Aber das Geschenk war ein schweres.
Hadi sagte: „Ich werde fest an euch beide denken und zum Herrgott beten.“
Ich musste gar nicht viel sagen. Ich spürte Hadis Kraft und Liebe. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

Hadi hat bei allen Erzählungen über Familien und die damit verbundenen Dramen Einhalt geboten und gesagt: „Über die Toten soll man nichts schlechtes sagen.“
Sie hat recht. Wie immer. Über Hadi kann niemand etwas schlechtes sagen. Sie fehlt ungemein.

Am Donnerstag ist ihre Beerdigung. Ich werde wohl nicht hingehen. Ich kenne niemanden und ich mag keine Beisetzungen. Ich werde wohl Paula abholen und mit ihr und Sascha Bibi besuchen. Das ist mein Zugeständnis ans Leben.

Paula, Hadi und Bibi

Als mich heute nachmittag Sascha darüber informierte , dass meine Grosstante Hadi tot ist, war ich total geschockt. Hadi war die mittlere der drei Schwestern und starb vor ein paar Tagen im Alter von 87 Jahren. Paula ist mit bald 85 die jüngste. Die älteste, Bibi, ist 89.

Ich bewunderte Hadi schon als Kind: Sie trug Dutt, hatte rotes Haar, liebte exzentrische Brillen und war einfach wunderschön und elegant. Ich wollte so sein wie sie. Ich erinnere mich an das letzte Telephon mit Tante Hadi vor über einem Jahr. Wir hatten Streit. Hadi war sauer auf mich, weil ich ihrer Meinung nach Paula einfach alleine in ihrem alten Haus liess. Sie fand es ebenfalls sehr nachlässig von mir, dass ich Paula nicht hatte entmündigen lassen. Das konnte ich so nicht stehen lassen.

Erst als wir darüber sprachen, dass es nicht einfach ist, dass ich als Enkelin Omi Paula Vorschriften mache, beruhigte sie sich. Am Schluss des Telephons sagte sie mir: „Du kennst ja Paula. Die hat einen Grind wie Beton. Die ist so stur. Da kommst du mit nichts durch.“

Natürlich ist Paula sehr betroffen von Hadis Tod. Sie ist traurig und wirkt melancholisch. Als ich sie anrufe, erfahre ich mehr: Paula ist verletzt, weil Bibi mit ihr geschimpft hat. Paula hat nämlich laut Bibi seit Donnerstag das Telephon nicht abgenommen. Seit diesem Zeitpunkt versuchten Hadis Söhne, Paula die traurige Nachricht mitzuteilen. Paula erzählt mir, dass Bibi echt sauer auf sie ist. Früher hatte Paula nämlich immer dann das Telephon nicht abgenommen, wenn sie wütend war. Paula meint schliesslich, dass sie mit dem Tod von Hadi nicht einverstanden ist:

„Sie ist nicht die Älteste. Bibi ist die Älteste. Sie wäre die nächste gewesen. Nicht Hadi.“

Ich seufzte. Aus Paulas Sicht auf die Welt stimmt das sogar.

Und so rief ich Bibi an.

Bibi hat eine tiefe, knorrige Stimme. Sie erkennt mich sofort am Telephon, obwohl wir uns seit Paulas 80stem nicht mehr gesprochen haben. Sie freut sich über meinen Anruf und erzählt mir, dass sie sich über Paula genervt hat. Ich erkläre ihr, dass Paulas Phone wohl endgültig kaputt ist. Doch Bibi lässt das nicht gelten.

„Blödsinn. Ich kenne deine Grossmutter seit bald 85 Jahren. Das hat sie mal wieder extra gemacht!“

Wir reden ein wenig und ich erfahre so nebenbei die Krankengeschichte von Tante Hadi und vieles über die besondere Beziehung der drei Schwestern. Ich bin froh, dass Paula selbständig ihre Schwestern über ihren Heimaufenthalt informiert hat.

Bibi spricht mir Mut zu und sagt: „Ich weiss ja, wie es dir geht. Mein Mann hatte auch Alzheimer. Das war schlimm. Du machst das gut.“

Ich bin erleichtert. Ihre Stimme tut mir wohl. Bibi bittet mich, mal vorbei zu schauen. Oder anzurufen. Das werd ich tun.