Die Suche nach einem Grabstein für Omi

Omi Paula ist fünf Monate tot.
Jetzt ist die Zeit da, wo wir uns Gedanken über ihren Grabstein machen.
Ich hatte ehrlich gesagt, keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen sollte.
Da Omi aber immer so stolz auf Opas wunderschönen Stein war, fand ich die Vorstellung schön, dass in ihrem ein Stück davon enthalten sein sollte.

Ich wandte mich an die Bildhauerin in unserem Städtli. Ihre Werke waren mir aufgefallen, weil sie schlicht und schön sind. Würde sie uns helfen können?

Als wir in ihrem Atelier sitzen, überkommt mich mit einem Mal eine grosse Traurigkeit.
Omis Tod ist Realität. Wir suchen den Grabstein aus. Sie kommt nie mehr wieder.

Wir besprechen, was möglich ist, darüber, wie Omi war.
Stark war sie, fällt mir ein. Sie hatte einen Willen wie ein Stier.
Und dann muss ich an ihr Herz denken. Ihre Liebe zu mir.

Die Bildhauerin macht uns schliesslich einen Vorschlag, der so wunderbar ist, dass es mich tief berührt. Wieder weine ich.

omi-grab-opa
Dieses Bild hat Omi sehr geliebt. Es zeigt sie, während sie, ganz die vorbildliche Hausfrau mit Lappen und Grabsteinreiniger, Opas Grabstein putzt. Während sie dies tut, platzt es aus ihr heraus: „Schau mal, der daneben putzt seinen Grabstein auch nie!!“ Noch Jahre später, solange sie sich erinnern konnte, lachte sie schallend über dieses Foto.

Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

20170531_070031

Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.

Zwei Monate ohne Omi

Ich habs noch immer nicht geschafft, Omis Kisten aus dem Pflegeheim auszuräumen. Sie stehen im kalten Zimmer und ich hab das Gefühl, als schauen sie mich jedes Mal traurig an.

In der Kiste sind Fotos und Alben von Omi und mir und es tut mir einfach nur weh, wenn ich sie jetzt in die Hände nehme. Ich verfluche den Winter, denn ich mir sicher, wenn ich endlich Blumen auf dem Grab pflanzen könnte, ginge es mir besser.

Ich vermisse Omis Geruch, ihre Haare, die sie immer schön von mir gekämmt haben wollte. Ich vermisse es, über ihre langen Hände zu streicheln. Dass ihr Ehering jetzt an meiner Krähenkette hängt, tröstet mich nur bedingt. Es scheint alles auseinander gerissen, was zusammen gehört.

Jetzt sollte ich mich auch damit auseinander setzen, welcher Grabstein irgendwann auf Omis Grab stehen sollte. Schliesslich gehts ums Bezahlen, ums Erben. Ich mag jetzt nicht Steine aussuchen. Mit einem Stein auf dem Grind ist alles endgültig. Am liebsten würde ich warten, bis Opas Grabstein in ein paar Monaten entfernt werden muss, denn Omi hat ihn gemocht.

Manchmal rinnen mir einfach die Tränen aus den Augen und ich weiss gar nicht weshalb. Manchmal verspüre ich einen so tiefen Schmerz in der Herzgegend, dass ich denke: jetzt gehst du auch. Dabei ist es noch nicht an der Zeit. Ich muss endlich wieder in den Garten. Meine Hände müssen die Erde spüren, damit auch sie wissen: Lebe.

An Mutters Grab

Im Frühling, Sommer und Spätherbst bepflanze ich das Grab meiner Mutter. Ich mag diese Aufgabe gerne, denn für eine kurze Zeit habe ich das Gefühl, ich bin ihr nochmals nahe. Die Urne mit ihrer Asche ist unter einem Stein aus dem Rhein vergraben. Wenn auch nach bald neun Jahren wohl nicht mehr viel von ihr da ist, spüre ich doch, dass ihr Körper in den Blumen und der Erde aufgegangen ist.

Meine Mutter wollte nie begraben werden. Sie wünschte sich, dass wir ihre Asche „einfach auskippen“. Für Omi war dieser Gedanke unerträglich. Sie brauchte damals einen Ort, wo sie ihre Tochter besuchen konnte. Ich erinnere mich noch gut an den Morgen nach ihrem Tod, wo ich im Städtli auf der Gemeinde anrief und darum bat, die Asche meiner Mutter hier begraben zu dürfen.

Ich bin noch immer dankbar, dass dies so geschah. Denn eigentlich hätte meine Mutter an ihrem Wohnort Frauenfeld begraben werden müssen. Doch hier oben sind, bis auf meinen Bruder Sven, alle Mitglieder der Familie mütterlicherseits bestattet. Henri, Röös, wahrscheinlich auch Anna und Nelly, sowie mein Opa Walter liegen auf dem Friedhof. Ich weiss nicht, ob der Gemeindeangestellte begriffen hat, welchen Liebesdienst er mir und meiner Oma damit erfüllt hat.

Omi machte 2007 den Vorschlag, dass wir einen Gärtner für die Arbeiten anstellen. Doch ich wollte das nicht. Für mich war es wichtig, dass ich das Grab gestalte.

Ich achte auf Farben. Meine Mutter war ein farbenfroher Mensch. Je mehr bunte Blumen auf dem Grab wachsen, umso besser. Das Jäten des Grabs, das Pflanzen der Blumen, macht mich froh, auch wenn ich meistens weinen muss. Ich rede dann ein wenig mit meiner Mutter, heute weniger als früher.

Omi begleitete mich am Anfang der Trauerzeit. Sie stand neben mir, schaute mir zu, redete mit Mami. Omi und ich haben bei der Grabpflege von Mami oft über den Tod gesprochen. Ich weiss genau, was sich Omi einmal wünscht. Am liebsten möchte sie zu Mami ins Grab. Sie will Blumen. Und es soll Kerzen drauf haben.
Der Weg auf den Friedhof wurde immer schwieriger für Omi Paula. Er liegt auf der Anhöhe, hoch über dem Tal und war für Omi körperlich nicht mehr zu schaffen. Irgendwann vergass Omi, dass Mami auf dem Friedhof lag. Als ich für Omi schaute, vernachlässigte ich das Grab manchmal. Trotz aller Trauer denke ich, man muss sich immer erst um die Lebenden kümmern.

 

20160326_115815.jpg

Mein Bruder Sven und ich.

Als ich noch ein Kind war, wurde der Friedhof meines Dorfes zu einem meiner liebsten Plätze. Schliesslich lag dort mein Bruder begraben.

Ich fand es ganz normal, nach dem Kindergarten, der gleich neben der Kirche lag, auf dem Friedhof vorbei zu gehen. Schliesslich spielten auch alle anderen Schulfreunde nach der Schule mit ihren Geschwistern. Bei meinem Bruder und mir allerdings lag der Fall, aus Gründen, etwas anders.

Ich habe mich meistens neben seinem Grab hingehockt und ihm erzählt, was ich in der Schule gemacht habe. Ich fand es schrecklich, dass er nicht in den Kindergarten oder die Schule gehen konnte. Zwar hatte ich begriffen, dass der Tod eine endgültige Sache war, doch irgendwie hatte ich doch die Hoffnung, dass er irgendwann doch zurückkehren würde.

Meine Gespräche mit meinem Bruder dauerten lange. Als wir 1985 fort zogen, konnte ich nicht verstehen, warum wir ihn (und sein Grab) nicht mitnahmen. Ich war wütend auf meine Eltern.

Am neuen Ort, wo mich niemand kannte und auch niemand um meinen Bruder wusste, stiess ich auf Widerstand. Ich erinnere mich an eine Lehrerin, die uns Zweitlklässler aufforderte, ein Stammblatt auszufüllen. Als ich darauf meinen Bruder als eines meiner Geschwister erwähnte und hinter seinem Namen ein Kreuz machte, wurde die Lehrerin ungehalten. Sie fand, ich dürfte ihn nicht aufzählen, weil er tot sei. Ich hielt dagegen, dass er immerhin drei Tage gelebt habe. Sie fand das nicht lustig.
Meine erste Strafarbeit erhielt ich dafür, meinen toten Bruder erwähnt zu haben.

Diese Haltung verstärkte sich in all den Jahren. Ich erwähne ihn immer.
Er ist mein Bruder. Ein Teil meiner Familie hat gelebt und ist nun tot.
Ihn zu verschweigen wäre wie eine Lüge über meine Familie.

Ich staune immer wieder über die Reaktionen des Umfelds.
Ein totes Kind darf man nicht erwähnen.
Bringt es Unglück?
Ist es wirklich so, dass ich zulange an Dingen festhalte, die es nicht zu festzuhalten gilt?

Wäre ich eine glücklichere Frau, wenn ich meinen Bruder verschwieg?
Ich behaupte nein.

Mir wäre lieber, er würde leben.
Mir wäre lieber, ich könnte ihn jetzt, gerade in dieser Minute anrufen.
Ich würde ihm erzählen, wie es mir geht, ob ich glücklich bin und ihn um Rat in allen Belangen fragen.

Doch stattdessen fahre ich in mein altes Dorf, jedes Mal hoffend, dass der Grabstein mit der in den Himmel fliegenden Taube noch da steht. 34 Jahre ist es bald her. Was wird sein?