Sommerprojekt 2016: S chalte Zimmer

Wie schon im letzten Jahr planen Sascha und ich auch in diesen Sommerferien, einen weiteren Teil unseres geliebten Hauses zu renovieren. Wir haben hier schon vor einigen Jahren hart entrümpelt. Aber wir haben damals leider nicht alles geschafft.

Der angebaute Vorratsraum heisst bei uns seit Jahren „s chalte Zimmer“. Dieser Raum ist ein Wunder der Toggenburger Architektur!

Im Winter ist er sehr kühl. Denn es gibt hier keine Heizung. Der Anbau ist aus Holz. Die Wäsche trocknet rasch. Gemüse können wir hier auch im Winter lagern, Wein kühlen. Im Sommer ist der Raum noch immer kühl. Er ist schattig. Der Boden besteht aus Holzbrettern.

Das kalte Zimmer wurde immer als Vorratsraum und als Hundehütte gebraucht. Ich kann mich noch dran erinnern, dass Uropa seinen Hund hier im eigenes erstellten Teil-Zimmer schlafen liess.

Mich stören an diesem Raum vor allem die hässlich türkisfarbenen Wände. Ich möchte diese gerne abschleifen und neu streichen. Wir werden den ganzen Kasumpel, der hier herumsteht auf die Terrasse stellen, sortieren, werden Unnötiges entrümpeln und dann gemeinsam mit dem Schreiner schauen, wie der Boden aussieht.

Der Boden bereitet mir am meisten Sorge. Ich verspüre wenig Lust, noch einmal durch ein morsches Brett zu krachen…

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Geburt.

Gestern ging das Zahlungsversprechen unserer Bank ans Grundbuchamt. Am Dienstagmorgen haben wir den Termin auf dem Grundbuchamt für die Grundstückverschreibung. Was trocken und nichtssagend klingt, bedeutet für Sascha und mich, dass wir nach bald neun Monaten (endlich!) unser Haus haben.

Es ist ein wirklich seltsames Gefühl für mich. Ich hänge nicht an Besitz. Aber ein Haus zu haben, bedeutet, dass in einem Buch mein Name eingetragen ist. Es berührt mich sehr, dass ich das Haus von Oma kaufen konnte, fast sechzig Jahre, nachdem meine Urgrosseltern es erworben haben.

Ich bin aber auch seltsam leer. Die neun Monate Warten haben mich zermürbt. Mehr als einmal war ich am Ende. Tausend dunkle Gedanken, warum ich das Haus nicht kaufen kann, schwirrten mir durch den Kopf. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Sorgen um den Schlaf bringen. Wenn ich im Haus war, habe ich jeweils zum Abschied gesagt: „bitte warte auf uns“. Ich strich über seine Wände, den Verputz. Fast jeden Zentimeter kenne ich mittlerweile. Ich sehe die verblassten Farben. Die Holzböden. Die Werkstatt, die einmal mein Büro werden soll.

Gestern abend, als ich nach Hause kam, schaute ich mir das Familienfoto an, das ca. 1979 entstand. Meine Mutter war wohl mit meinem Bruder schwanger. Ich entnehme das ihrem strahlenden Gesicht. Omi Paula muss gerademal fünfzig Jahre alt gewesen sein, Henri war achtzig, meine Eltern Ende zwanzig. Ich schaue das Bild an und stelle mir vor, was sie dazu sagen, dass ich jetzt bald da wohnen werde. Henri und Röös, mein Opa Walter. Sie alle haben in dem Haus gelebt und sind darin gestorben.

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Ich freue mich so darauf, dass ich das Haus wandeln darf. Dass meine Bücher dort in Regalen stehen werden, meine Katze durchs Haus läuft und nach dem Rechten sieht. Dass Sascha ein Büro mit Blick auf die Strasse bezieht und trotzdem das Rauschen des Baches hört. Der Garten. Die Bäume. Singvögel. Ich freu mich darauf, dass ich im Frühling die Tulpen wachsen sehe. Die Krokusse. Im Sommer die Rosen. Dass ich Johannisbeerlikör machen werde. Grillieren auf der Terrasse. Eine neue Gartenbank vors Haus. Ich werde unser Haus öffnen. Das Haus ist nicht gemacht zur Einsamkeit.

Elternglück

Da alle Welt immer wieder gerne vom Glück, Kinder zu haben, singt, mag ich über andere Dinge sprechen. Mein Glück, ist es Eltern zu haben.

Mit Eltern meine ich nicht nur meine leiblichen Eltern, natürlich die besonders, sondern alle Menschen, die mir in besonderer Freundschaft zugetan sind und die mit ihrem freundlichen Wesen die Welt ein wenig besser machen.

Ein Beispiel?
Gestern reisten wir, mein Vater und seine Frau, sowie Sascha und ich, von Kreuzlingen mit dem Schiff nach Schaffhausen. Das Schiff war recht schnell voll, doch Sascha konnte gerade noch einen Viererplatz neben einem betagten Schweizer Ehepaar ergattern. Ich bemerkte sofort, dass diese beiden keinerlei Wert auf andere Passagiere legten, Der Mann, etwa Mitte Ende siebzig fiel auf durch eine unglaubliche Gehässigkeit. Er grüsste nicht, obwohl wir ihn grüssten. Später bestellte er bei der spanischen Kellnerin einen Rosé, auch bei ihr bedankte er sich nicht fürs Servieren. Im Gegenteil. Er pfiff sie an, weil er selber einschenken wollte. Damit komme ich nicht klar. Unhöflichkeit gegenüber freundlichem Servicepersonal geht gar nicht.

Ganz anders mein Vater und seine Frau; sie sind freundliche, anständige Menschen und es macht Spass, sich mit ihnen zu unterhalten, weil sie offen sind.
Auf der Rückfahrt von Schaffhausen nach Kreuzlingen stieg ein deutsches Ehepaar ein. Sie waren etwa im gleichen Alter wie meine Eltern, so um die 60. Es dauerte keine zwei Minuten, schon diskutierten die beiden Herren engagiert übers Bierbrauen, Politik und Sport. Erst zweieinhalb Stunden später, das Ehepaar verliess das Schiff, fand die Diskussion ein Ende.

Für mich als Tochter war es wunderbar anzuhören, wie neugierig und leidenschaftlich mein Vater diskutiert. Ich erkenne mich wieder. Das ist mein Glück. Eltern sind ein Spiegel. Sie leben vor, was man selber ebenfalls ist, auch wenn es manchmal gar nicht wahrhaben will.
Ich mag Menschen, die trotz ihres Alters neugierig geblieben sind. Mir gefallen Menschen, denen man ansieht, dass sie noch lächeln können. Ich bin glücklich, dass ich meine Eltern zu dieser Gruppe zählen kann.

Erwartet werden.

Darf ich glücklich sein, ich meine: so richtig, richtig glücklich? Würde es mir nicht besser anzustehen, mit gesenktem Kopf und traurigem Gesicht herum zu laufen?

Heute ist so einer dieser Tage, wo ich sehr glücklich bin. Ich reise. Ich fliege. Ich begebe mich in eine mir gänzlich unbekannte Stadt. Alles ist neu.

Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Mit einem Mal bin ich mutig. Alles ist gut, sage ich mir. Du darfst dich freuen.

Zu gerne würde ich heute abend Paula und meine Mutter anrufen. Ganz aufgeregt. Ich würde sagen: ich bin gut angekommen. Die Reise war toll.

Ich habe Wolken gesehen. Den Bodensee von oben. Es war aufregend. Die Häuser sahen sp klein aus vom Flugzeug. Ich denke daran, wann ich zum ersten Mal geflogen bin. Wien. Es ist so lange her.

Als ich die Wohnung meiner Mutter räumte, fand ich eine Glückwunschkarte. An ihrem 50sten Geburtstag flog sie mit der Crossair. Der Pilot und die ganze Crew hatten auf der Karte mit silbernem Stift unterschrieben. Sie durfte sogar ins Cockpit gehen. Noch Jahre später hat sie davon erzählt. Das war am 2.9.2001. Kurze Zeit später war die Welt eine andere.

Ich erinnere mich daran, wie ich am Boden lag und die Karte beschnupperte. Sie roch nach meiner Mutter. Nach Rauch.

Ich denke daran, wie glücklich sie damals war und sie nicht ahnte, dass sie nur schon sechs Jahre später sterben würde. So eine Verdammte Scheisse.

Ich werfe einen Blick auf mein Telefon.

Die Nummern meiner Mutter und meiner Oma sind alle beide nicht mehr gültig und trotzdem kenne ich beide noch auswendig. Nur kann ich dort nie mehr anrufen.

Tochterglück

Ich war gespannt auf die heutige Mähsession um Paulas Haus im Toggenburg. Mein Vater wollte vorbei kommen und mir erklären, wie eine Schnürli-Sägiss funktioniert.

Das tat er dann auch. Während mein Vater anfing zu mähen, räumten wir anderen, Papis Frau, Sascha und ich, das Gras weg.
Natürlich war ich furchtbar ungeduldig, weil ich mich so sehr aufs Mähen gefreut hatte und jetzt die Maschine nicht bedienen durfte. Nach dem Mittagessen, als wir nur noch ein kleines Stück mähen mussten, war schliesslich der feierliche Moment:

Mein Vater übergab mir den Helm mit Sichtschutz und schulterte mir den Rucksackmotor auf. Dann endlich konnte es los gehen…

Mähen mit dieser Sägiss sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte viel Kraft. Meine Arme waren zwar stark genug, um den Stiel zu halten und mähen. Aber mein Rücken fing an zu schmerzen, weil ich in gebückter Haltung im abschüssigen Gelände stehen musste.

Aber das Gefühl, mit einem solchen Gerät eine Wiese gemäht zu haben, ist unvergleichlich. Ich fühlte mich richtig gut.

Ebenso schön war es, mit meinem Vater und seiner Frau durchs Haus zu laufen und alle Räume anzusehen. Ich bin froh, dass sie uns beistehen. Besonders glücklich war ich über das Angebot, dass mein Vater mir helfen will bei den Umgebungsarbeiten. Das ist das krasse Gegenteil von dem, was er die letzten Jahre über Paulas Haus gesagt hat.

Er hat jede Menge Ideen, was man alles machen muss, um das Haus instand zu halten. Ich bemerke, wie wenig ich weiss, aber dass ich unglaublich Lust habe, endlich loszulegen.

So endet dieser Tag mit einer glücklichen Tochter, die dankbar ist, den wunderbarsten, liebsten und tüchtigsten Vater der Welt zu haben.

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Zwei Mütter

Als die Ehe meiner Eltern auseinander ging, war ich 16 Jahre alt. Ich war geschockt und gleichzeitig erleichtert. Ich hatte jahrelang mitbekommen, wie meine Eltern sich alle erdenkliche Mühe gaben, zusammen zu bleiben und es doch nicht schafften. Ich wusste, sie hatten das für uns Kinder getan.

Mein Vater hatte sich (endlich!) neu verliebt und zwar in eine von Uschis nächsten Freundinnen. Sie hiess Heidi, war ebenfalls verheiratet und irgendwie eine heimliche Heldin meiner Kindheit. Heidi war nämlich der coolste Mensch, den ich kannte. Sie hatte immer ein beruhigendes Wort zur Hand und ich bin ganz sicher, wäre sie an Bord der Titanic gewesen, hätte sie das Schiff und die Menschen gerettet. Das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber im Gegensatz zu Uschi konnte Heidi nichts erschüttern.

Heidi war Mutter von vier Kindern. Wir verbrachten viel Zeit bei ihr und ihrem Mann zuhause. Bei ihr ass ich zum ersten Mal in meinem Leben Raclette. Ihr ältester Sohn war der erste Junge, den ich geküsst hatte. Wenn sie bei uns vorbeikam, gab ich ihr jeweils Liebesbriefe für ihren Sohn mit, weil ich mir die Briefmarken nicht leisten konnte und das sowieso doof gewesen wäre.

Nun war ich also 16 und bemerkte, dass mein Vater sich in diese tolle Frau verliebt hatte. Ich war glücklich für ihn – und für mich.

Die Wirren der Pubertät allerdings liessen mich zu einem Monster werden. All das, was ich an Abnabelung mit meiner Mutter nicht geschafft hatte, reagierte ich nun an Heidi, die mit meinem Vater zusammengezogen war, ab. Ich schäme mich noch heute dafür.

Eigentlich hätte ich ihr am ersten Tag am liebsten gesagt, dass ich froh bin, wenn sie jetzt meine Mutter ist. Aber das getraute ich mich nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie jetzt mit meinem Vater, meiner Schwester und mir zusammenlebte, für uns kochte, ihre Kinder jedoch bei deren Vater blieben.

Erst einige Jahre später, ich war längst ausgezogen und in einer unglücklichen Beziehung, kamen wir uns wieder näher.
Sie schenkte mir liebe Worte, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Sie tröstete mich, wenn mir alles über den Kopf wuchs.

Das liebste aber tat sie für mich, während meine Mutter im Sterben lag. Sie fragte mich regelmässig wie es mir ging. Das taten damals nur wenige Menschen. Das hätte sie nicht tun müssen, denn meine Mutter war seit der Scheidung sehr gemein zu ihr gewesen. Aber für Heidi spielte das alles keine Rolle.

Als wir letztes Jahr Paula ins Pflegeheim brachten, waren sie und mein Vater zur Stelle und halfen uns. Ich hab vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen. Heidi jedoch, bewaffnet mit Massband und Bleistift, mass Möbel ab und organisierte den Transport der Züglete.

Heidi ist für mich nach wie vor die Mutter, die ich gerne gehabt hätte und irgendwie auch habe. Wenn ich Kinder hätte, wäre ich gerne wie sie: lebensfroh, witzig, gelassen und lieb.

Als ich Heidi heute erzählte, dass mein erstes Buch erscheint, hat sie sich so sehr mit mir gefreut, dass ich danach weinen musste, weil ich weiss, dass sie für mich da ist.

Wie es ist.

Heute war zum ersten Mal seit vielen Jahren ein guter Tag für mich.
Den 20.9. verbrachte ich bisher jeweils gedämpft und traurig.
Ich trug meistens schwarz und redete wenig.
Ich trauerte um meinen Bruder.

Das war heute anders.
Ich entschloss mich, den Herbst einzulassen und zu meinen grauen Kleidern rostrote Strümpfe zu tragen. Ich will nicht länger traurig sein.

Ich verbrachte heute den ganzen Tag am Frauenseminar in Romanshorn und habe mich im Rahmen meiner Ausbildung zur Biographie-Schreibpädagogin mit der Heilkraft der Laute, umgeben von lieben Kolleginnen, beschäftigt. Nur wenig dachte ich an meinen Bruder. Es war mir, als würde das Herbstlicht mich ermuntern, Sonne in mein Herz lassen. Ich wünschte mir mit einem Mal, er könnte auch in meinem Leben langsam verblassen.

Ich habe es heute so stark gespürt, dass er weg ist und ich offenbar noch die einzige bin, die sich seiner erinnert. Er ist nicht mein Kind, sondern das meiner Mutter. Trotzdem bin ich traurig, dass er nicht mehr lebt.

Diese Trauer, dieses Erinnern ist mir geblieben. Wie oft habe ich mit Paula über ihn geredet?
Auch sie weiss nicht mehr, dass es ihn mal gegeben hat. Ihre Erinnerung an das Leben vor über 30 Jahren ist verschwunden.

Ich wollte nie Kinder haben. Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass ich Angst hatte, ein Kind zu gebären und so zu verlieren, wie es meiner Mutter passiert ist. Andererseits denke ich heute, dass es vielleicht, in jüngeren Jahren, das Risiko wert gewesen wäre.

Die Natur, Gott, was auch immer, hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich werde nie Kinder kriegen.

Allerdings ist da noch das Schreiben, was mich beflügelt und glücklich macht.
Etwas zu schreiben ist wie Gebären: Man ist inspiriert, verliebt, leidet, wartet und ist glücklich und erleichtert, wenn es endlich da ist. Das Wort. Der Satz. Die Geschichte.

So wie diese hier.