Altlasten

Lange habe ich in den letzten Jahren nach Mamis Schulheften gesucht. Als ich noch ein Kind war, durfte ich sie nämlich auf dem Estrich lesen. Ich liebte Mamis Aufsätze. Sie schrieb wirklich gut und vor allem sehr anschaulich. Ihre Schrift war gross, rund und offenbarte ihr grosses Talent zur Beobachtung. Heute sind diese Hefte allesamt verschwunden und ich bedauere es sehr. Ich wünschte, ich hätte sie vor der Entsorgung retten können.

Meine Mutter hat mir oft von den Misshandlungen erzählt, die sie, Jahrgang 51, in der Schule erdulden musste. Da war von Schlägen mit dem Massstab auf ihre Hände und zuhause Schläge mit Kleiderbügeln die Rede. Das hat mich immer sehr erschreckt.

Von der 1. bis zur 4. Klasse war ich nie von körperlicher Gewalt von Lehrern betroffen. Das lag aber vielleicht auch daran, dass wir damals schon weibliche Lehrpersonen hatten. Ab der 5. Klasse war alles anders. Ich habe es mehrere Male erlebt, dass geschlagen und herum geschrien wurde. Das hat mir immer sehr grosse Angst gemacht.

Mein heutiger Beruf macht mich sensibel für verbale und körperliche Gewalt. Ich wehre mich dagegen. Die Altlast von damals ist meine Kompetenz von heute.

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Narbenhaut

Letzthin fragte mich jemand, im Hinblick auf diesen Blog: „Du hast soviel erlebt. Wie überlebst du das nur?“

Ich habe mir diese Frage ehrlich gesagt nie so gestellt. Oftmals war ich verwundert, dass ich gesund bin. Arbeiten kann. Liebesfähig bin.

Als Kind war das für mich anders. Ich fragte mich oft, warum mich meine Mutter nicht liebt. Nicht so liebt, wie ich es bei anderen Kindern und ihren Müttern erlebte. Mütter sind für mich eine grosse Wundertüte.

Meine Mutter war keine Bilderbuchmutter. Sie war launisch, cholerisch und oft gewalttätig gegen mich. Sie fiel oftmals in wahre Verprügelungsorgien. Es war, als müsste sie all das, was sie plagt, verjagen und schlagen. Und das war dann ich.

Es gab einen Moment in meiner Kindheit, da wollte ich nicht mehr. Ich war vielleicht zehn Jahre alt. Sie rastete aus irgendeinem Grund aus. Sie schrie, fluchte, schlug zu. Sie trat zu. Mit Vorliebe trat sie in meinen Rücken und schlug gegen den Hinterkopf – nie in mein Gesicht, so als sollte es keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. So auch an diesem Tag.

Ich wusste, selbst als Kind, dass sie mich damit töten oder zumindest halbtot schlagen könnte. Es gab natürlich immer Gründe für sie, das zu tun. Aber ich verstand nur den Hass. Ich kauerte mich zusammen, auf dem Boden, weil ich hoffte, ihre Schläge würden mich nicht all zu sehr verletzen. Das Weinen hatte ich mir irgendwann abgewöhnt. Es schützte mich nicht vor ihren Schlägen.

Nach den Prügeln machte sie sich an mein Zimmer. Sie schlug es kurz und klein. Sie zerstörte meine Spielsachen, schmiss meine Bücher, meine Kleider und meine Plüschtiere herum. Es sah aus, als wenn eine Bombe in mein kleines Zimmer eingeschlagen hätte. Dann ging sie, mit einem Blick der Verachtung.

Ich versuchte mir an jenem Abend einen grossen Nagel ins Handgelenk zu schlagen, weil ich hoffte, ich würde vom Schmerz in meinem Herzen erlöst werden. Mir fiel in jenem Moment ein, dass ich in den Ferien zu Omi gehen wollte. Omi würde mich erwarten. Sie würde es nicht überstehen, wenn ich einfach nicht mehr da wäre. Ich entschied mich fürs Leben.

Ich zog den Nagel wieder raus und war froh, dass nichts schlimmeres passiert war. Ich wusste, ich wollte leben. Übrig blieb von diesem Gedanken bloss meine Narbenhaut.

Haut, die verletzt ist, vernarbt. Es gibt dicke und dünnere Narben. Die einen sind tief, die anderen fast unsichtbar.

Im Laufe der letzten Jahre erlebte ich immer wieder, dass sich (männliche) Freunde und Bekannte das Leben genommen haben. Meine Gefühle waren immer ambivalent. Einerseits war da die Trauer, Menschen verloren zu haben, die ich gerne hatte und deren Gesellschaft ich nun vermisste. Andererseits aber kann ich es nachvollziehen, wenn ein Mensch so verzweifelt ist und so starke innere Schmerzen erleidet, dass nur noch das Ende des Lebens Linderung verspricht. Jemand, der niemals an diesem einen, schwarzen Grat angekommen ist, hat keine Ahnung. Das Verurteilen eines Suizids ist grausam und lächerlich.

Mutter_Sein

Das Gute am Älterwerden ist, dass man sich nicht mehr an die Schläge seiner Kindheit erinnert.

Was soll ich sagen?
Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die bis zum Arsch hinab verwöhnt wurden. Meine Mutter war einer jener Menschen, denen die Hand „schnell mal ausrutschte“, wie sie es selber zu sagen pflegte. Wenn sie wütend wurde, und das geschah rasch und ohne Vorzeichen, schlug sie drein. Sie prügelte, trat, verteilte Ohrfeigen, Schläge auf den Kopf, auf den Rücken. Die Katze war ebenso Opfer wie ich.

Meine Mutter war ein warmherziger Mensch, jemand, der Fremden abends gerne eine Suppe kocht. Jemand, dessen Türe immer offen stand. Doch gegen mich führte sie ein hartes Regime.

In meiner Kindheit schien mir, als würde sie mich hassen. Ich meine: warum schlägt jemand sein (überlebendes) Kind? Eigentlich hätte sie mich vergöttern müssen, nachdem sie meinen Bruder geboren und verloren hatte. Doch dies geschah nicht. Ich spürte früh, dass sie nicht damit klar kam, dass ich, das Mädchen mit den krummen Beinen lebte während er, der perfekte Junge, in einem kleinen Sarg lag.

Ich habs lange nicht verstanden.
Sie war unsagbar wütend. Anders ist es nicht erklärbar. Ich mag nicht mehr über Herkunft und Umweltfaktoren, die zu Gewalt in der Familie führen, nachdenken.

Schläge tun weh. Der Körper mag es irgendwann vergessen. Die Seele vergisst nichts.

Ich habe keine Kinder. Ich weiss nicht, wie damit klar käme, 24 Stunden am Tag ein Wesen um mich zu haben, das mich aufzehrt, schreit oder einfach von einem Tag auf den anderen stirbt.
Ich bin keine Gebär-Mutter.

Sehnsucht

An Tagen wie diesen denke ich sehr oft an meine Mutter. Erdbeeren.
Sie hat sie jeweils für mich gepflückt und mir zu essen gegeben, weil sie wusste, dass ich sie so gerne habe.

Es ist bestimmt bald 25 Jahre her, es war ein Mittwoch, so wie heute, im Juni. Omi Paula besuchte uns. Wir redeten, tranken Kaffee. Ich war knapp zwölf Jahre alt.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir sassen auf dem Balkon. Die Katzen strichen um unsere Beine. Negi und Mauzi. Meine Mutter tadelte mich, wenn ich Mauzi aufhob und sie an den Tisch nahm.

„Sie stinkt“, sagte sie.
Ich wusste genau, dass Mami und Mauzi das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten. Mauzi war mir meine liebste Freundin in jener Zeit.

Mami tischt Dessert auf. Sie war eine wunderbare Köchin.
Wir sitzen da und ich geniesse jenen Moment der Ruhe, denn ich weiss genau, dass, sobald Omi weg ist, meine Mutter ihr wahres Gesicht zeigt.

Meine Mutter konnte sich nur schlecht beherrschen. Der Alkohol machte sie zu einem komplett unberechenbaren Menschen. Die Katze und ich bekamen das oft genug zu spüren. Manchmal, wenn mir alles von den Schlägen wehtat und ich weinend im Bett lag, kam Mauzi in mein Bett. Sie stupste mich mit ihrer rosafarbenen Nase an und leckte meine Tränen weg. Dann stellte ich mir vor, dass Mauzi eine verzauberte Fee und ich in Wirklichkeit ihre verzauberte Tochter war.

Es ist eine seltsame Sache, doch bis auf Omi Paula und ich sind alle tot: Mauzi, Negi, und meine Mutter. Und Paula erinnert sich nicht mehr. Nur ich weiss noch.

Freitagabend

Ich erinnere mich gut an jenen Sommer Ende der 80er Jahre. Meine Schwester und ich spielten oft an der Sonne, bauten uns Hütten und tollten mit dem Hund herum.

An jenem einen Freitagabend aber war alles anders. Opa Walter wollte in den Ausgang gehen. Das bedeutete, dass er lange im Badezimmer stand, sich rasierte, parfümierte und seinen Blaumann gegen einen seiner guten Anzüge austauschte. Er sackte etwas Geld ein, Zigaretten und ging seiner Wege.

Normalerweise warteten Oma Paula und ich, bis Opa wieder da war. Schliesslich musste die Haustür verriegelt werden. Aber als er nachts um elf noch immer nicht da war, beschloss Oma, dass wir alle schlafen gehen.

Ich glaube, es war nachts um zwei Uhr, als ich wach wurde von seinem Geschrei. Mein Opa war immer ein eher leiser Mann. Umso ungewohnter war sein Gefluche in der nächtlichen Stille.

Immer wieder schrie er „Päul! Päul!!! Mach auf!!!“ Paula, das war meine Oma, aber wagte sich nicht nach unten.
„Er spinnt“, sagte sie beschwichtigend zu mir.
„Ja, aber der friert doch“, sagte ich.
„Soll er. Merkt er eh nicht. Der hat eh höch.“
Ich wusste sehr wohl, was das bedeutete. Mein Opa war nicht wie sonst leicht angeheitert, sondern sturzbetrunken.

Sein Gefluche wurde nicht leiser. Er hatte zwar offenbar einen Schlüssel, begriff aber nicht, dass die Türe längst offen war.
Oma öffnete das Dachfenster und rief:
„Halt mal die Schnorre. Die Nachbarn schlafen.“
Meinen Opa hielt das von weiteren Schimpftiraden nicht ab. Er fluchte nicht über meine Oma und natürlich nicht über uns, sondern über den lieben Gott, jeden, der ihn jemals verarscht hatte, seine ehemaligen Arbeitgeber und so weiter und so fort.

Schliesslich wurde seine Stimme leiser und ich dachte schon, Opa wäre jetzt ruhig. Aber das war ein Irrtum. Offenbar war er ums Haus herum gelaufen und hatte sich aus dem Schuppen eine Axt geholt. Und mit der hieb er jetzt in eine der Holzwände am oberen Eingang ein. Das Geräusch war grauenvoll.

Oma fluchte. Meine Schwester weinte und ich war verwirrt. Warum sollte Opa sein geliebtes Haus abbrechen wollen?

Nach einigen Minuten wurde es wirklich ruhig. Meine Oma ging still nach unten und öffnete die Türe. Sie half meinem Opa stumm in sein Schlafzimmer und versteckte die Axt. Dann kam sie wieder nach oben und befand, ich sollte jetzt endlich schlafen.
Mein Opa hatte am nächsten Tag einen fürchterlichen Kater. Er redete wenig. Oma Paula meinte nur, wir sollten unseren Eltern nichts davon erzählen. Das taten wir auch nie. Schliesslich kannten wir ähnliche Szenarien bereits von unserer Mutter. Aber das wusste Oma Paula ja nicht.

Vom Lieben

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bekam ich sehr wohl mit, dass meine Mutter und meine Oma Paula sich regelmässig stritten, Wie viele Mütter ertrug es auch meine Mutter nicht, dass Oma ihr dreinquatschte. Dies führte zu regelmässig stattfindenden Streitgesprächen und danach folgenden Besuchsverboten.

Streitthema Nummer eins war das Essen. Als Kind war ich sehr mager. Ich hasste Fleisch und wollte es einfach nicht essen. Auch Bohnen und gewisse Gemüsesorten konnte ich auf den Tod nicht aufstehen. Meine Mutter hatte da aber ganz eigene Erziehungsmethoden. Wenn ich nicht aufass, dann musste ich so lange sitzen bleiben, wie sie es wollte oder aber, bis ich das Essen gegessen hatte. Mehr als einmal schob sie mir das Essen in den Mund und drückte ihn zu. Noch heute kann ich gewisse Nahrungsmittel nicht essen.

Meine Oma sah diesem Treiben zu und hinterfragte es. Das konnte meine Mutter nicht ausstehen. Da Oma auffiel, dass ich zeitweise gar nichts mehr ass, schenkte sie mir Süssigkeiten, die wir in meinem Zimmer versteckten. Das machte meine Mutter sehr wütend. Verwüstungen meines Zimmers waren die Folge.

Paula hat auch immer wieder kritisiert, wenn meine Mutter mich geschlagen hat. Einmal ging sie sogar zwischen uns und hielt mich fest, damit meine Mutter sie trifft und nicht mich.

Meine Mutter war enttäuscht von meiner Oma, denn eigentlich übte sie nur dieselbe Art von Erziehung aus, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Meine Oma versuchte mehr als einmal zu erklären, dass dies falsch gewesen sei. Sie bedauerte zutiefst, dass auch sie als junge Mutter ihr Kind geschlagen habe. Oma fand klare Worte für ihre eigene Gewalt: ich war müde von der Arbeit, überfordert und unglücklich und wollte nur meine Ruhe. Aber geliebt habe ich dich immer.

Für meine Mutter waren das denkbar schlechte Argumente. Sie sah sich betrogen. Wenn ich mit ihr Streit hatte und sie mich schlug, rief sie mehr als einmal: „Deine Oma, die du so liebst, hat es genau gleich gemacht.“ Das nützte mir nicht viel. Wie eine Gläubige klammerte ich mich an meine Oma, die mir Schutz versprach.

Die Ferien bei Paula verbot uns unsere Mutter nicht. Sie sah wohl ein, dass sie so zumindest für einige Wochen von mir und meiner Schwestern befreit würde. Dieses Angebot nahm sie gerne an.

Als ich schliesslich älter wurde und meine Mutter auszog, war es mit ihren ambivalenten Gefühlen gegenüber meiner Oma nicht zu Ende. Ich erinnere mich noch gut, dass sie ein Jahr vor ihrem Tod sagte: „Irgendwann wirst du noch bereuen, dass du sie mehr geliebt hast als mich. Dann kannst du für sie schauen.“

Ich bereue es nicht, dass meine Oma und ich uns so nahe stehen. Meine Oma ist meine Oma und meine Mutter ist meine Mutter. Die Liebe, die ich für beide Frauen empfinde, ist nicht vergleichbar. Dass ich jetzt für Oma sorge, ist keine Strafe, es scheint mir nur die logische Folge unserer Beziehung seit Kindheit an.

Der beste Freund meiner Familie

Es gibt nicht viele Dinge, die mich wirklich verletzen. Mittlerweile habe ich vieles gelernt einzustecken und zu deuten. Aber es gibt da einen Punkt, da verstehe ich keinen Spass.

Ich war noch keine zwei Jahre alt, als mein Bruder starb. Er war nur drei Tage alt und die Umstände seines Todes im Spital Frauenfeld sind rätselhaft. Meine Mutter, und auch mein Vater, waren danach andere Menschen.

Meine Mutter entstammt einer Toggenburger Textilarbeiterfamilie. Ich wage zu behaupten, dass „Alkoholismus“ eine der Überlebensstrategien war. Wie anders hätte man den harten Alltag in der Fabrik durchstehen können? Ich nehme an, dass dadurch während Generationen eine Art Stress wegzustecken, weiter vererbt wurde. So war es bei meinem Uropa Henri, meinem Opa Walter und wohl auch bei meiner Mutter.

Der Alk, und ich behaupte mal, dass viele gutmeinende, sozial denkende Menschen keine Ahnung von dem Thema haben, zerstört vieles. In erster Linie wurde der Körper meiner Mutter zerstört. Eine Leberzirrhose kommt nicht von ungefähr. Doch sehr viel heftiger ist die Zerstörung des sozialen Umfelds und notabene des Selbstwertgefühls der Angehörigen.

Ich kannte nichts anderes. Ich fand es nicht aussergewöhnlich, dass meine Mutter um sechs Uhr morgens kotzte, nein. Ich half ihr beim Aufwischen, damit mein Vater es nicht bemerkte. Später ging ich zur Schule. Es war nicht aussergewöhnlich oder gar befremdlich, dass meine Mutter die Nachmittage schlafend auf der Couch verbrachte. Ich wusste nicht, dass andere Mütter morgens nicht nach Merlot aus dem Mund riechen.

Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Kinder nicht einfach so verprügeln. Mir war nicht bekannt, dass Schläge auf den Rücken, den Kopf oder in die Beine nicht ok sind. Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Tochter nicht einfach so mit dem Kleiderbügel prügeln, bis der Bügel bricht. Den Kopf gegen den Heizkörper schlagen. Mir fiel nie auf, dass andere Kinder keine blauen Flecke am ganzen Körper hatten.

Natürlich hatten wir selten andere Kinder zu Besuch, denn ich nehme mal an, dass ausser mir so ziemlich jeder bemerkt hat, dass meine Mutter trinkt. Meine Kindheit und meine Jugend war einsam. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich vor allem und jedem schützen. Wenn der Körper verletzt ist, ist auch die Seele beteiligt. Die Narben wachsen zu, doch die Wunden an der Seele eitern lange.

Später, ich war im Welschlandjahr, sah ich etwas klarer. Meine Madame schlug niemanden, schrie nicht herum. Auch als mir einmal eine teure Schüssel zu Boden fiel, fand sie das nicht so schlimm. Schlimmer fand sie die Tatsache, dass ich mich zu Boden geschmissen und die Hände über den Kopf gelegt, mich zusammengerollt hatte, um mich zu schützen.

Sie meinte: „Ma fille, so geht das aber nicht.“

Sie hat mich dann, ich war gerade mal 16, in eine Therapie geschickt. Madame D., meine Therapeutin sprach nur französisch und so lernte ich, die Tiefen meiner Verletzungen in einer Fremdsprache auszudrücken.

Mir wurde in der Zeit bewusst, dass in meiner Kindheit und Jugend ziemlich was scheisse gelaufen war. Noch konnte ich es nicht einordnen. Als ich wieder zuhause war, das Jahr war herum, waren meine Eltern getrennt, meine Mutter ausgezogen und es kehrte Normalität in mein Leben ein.

Meine Schwester allerdings war wütend auf mich. Sie fand es furchtbar, dass ich mit jemandem ausserhalb der Familie über „das Problem“ geredet hatte.
„Du stellst uns alle schlecht hin“, sagte sie. Ich musste mich entscheiden, ob ich lieber schweigen oder darüber reden will. Ich wusste, wenn ich schweige, dann kommt das nicht gut. Dann werde ich krank oder wahnsinnig oder sterbe.

Darum rede ich darüber. Ich verschweige den Alk in meiner Familie nicht. Ich gebe der Flasche nicht die Macht über mein Seelenleben.

Aber manchmal bin ich empfindlich. Bei Witzen über Alkis kann ich nicht lachen. Zu schmerzlich wird mir das Drama dahinter bewusst. Zu offensichtlich ist die Bigotterie der Lachenden und Spottenden.