Wo du bist

36 Jahre bist du heute tot.
Und ich bin bald vierzig und bruderlos.
Heute aber bin ich glücklich.
Darf ich das überhaupt?

Wann ist genug getrauert?
Wann ist die Lücke, die du hinterlassen hast, gefüllt?
Ist sie es je?

Ich war heute nicht an deinem Grab.
Manchmal denke ich: ich brauch es nicht mehr.
Auf meinem Grundstück gibt es viele Orte, wo ich dich mehr spüre als dort auf dem Friedhof, wo dein Kindergrab liegt.

Es fällt mir schwer, dass ich praktisch mit keinem Menschen über dich sprechen kann. Denn, du bist ja schon so lange tot. Die einen verschweigen dich und ihren eigenen Kummer über deinen Tod, die anderen haben dich vergessen, weil sie ihr Leben vergessen haben.

Ich stelle mir vor, wie wir als Kinder unter der Linde gespielt haben könnten.
Wie wir den Bach hinab geklettert wären und die Forellen beobachtet hätten.
Sie sind noch immer da!
Ich versuche nicht mehr, dich in jedem Mann, der in deinem jetzigen Alter ist, wiederzufinden.

Ich würde mir wünschen, dass du lebst und stolz auf mich bist.
Dass wir regelmässig telephonieren und an Weihnachten und Ostern Omi gemeinsam besuchen. Weil Geschwister das tun würden.

Jedes Jahr aufs Neue stelle ich mir vor, wie die Trauer verschwindet.
Jedes Jahr ist sie weniger.
Aber wird wohl so sein, dass, solange ich lebe und solange ich mich an dich erinnern kann, du in meinen Gedanken bist.

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Schuld vs. Vergebung

Mein Vater hatte es mit den M’s, meiner Familie mütterlicherseits, nicht einfach. Meine Oma Paula, durch und durch Katholikin, war kritisch ihm gegenüber, der reformierter Thurgauer war. Schliesslich hatten mein Vater und meine Mutter protestantisch geheiratet.

Noch schlimmer drauf war mein Opa Walter, und das, obwohl er Protestant war. Er und meine Mutter Uschi standen sich nahe. Meine Mutter fühlte sich ihm sehr verbunden. Wenn ich seine Lebensgeschichte anschaue, scheint mir das nicht mehr als verständlich.

Meine Mutter und Opi Walter haben sich immer als Einzelkinder verstanden. Heute, fast neunzig Jahre nach Opas Geburtstag weiss ich mehr. Opa war kein Einzelkind. Er hatte eine Schwester, Nelly, die vor seiner Geburt starb.

Meine Mutter hat ebenfalls ein Kind, meinen Bruder Sven, geboren, der kurz nach der Geburt starb. Opi und Mami haben vor mir nie „darüber“ gesprochen. Doch meine Mutter war ihm so wichtig, dass er ihren Lebenspartner W. gebeten hat, immer für sie zu sorgen.

Mein Vater hat einen Widerwillen gegen das Haus. Ich verstehe ihn nur zu gut, denn ich habe damals miterlebt, wie Opa Walter meinen Vater verstossen hat. Die Trennung und Scheidung von meiner Mutter hat meinen Opa wütend gemacht. Er hat meinen Vater angeschrien und gemeint: „Verschwind von hier für immer.“

Nur zwei Jahre nach diesen Worten wurde Opa schwer krank. Er wusste genau, dass er sterben würde. Er hat sich diesem Sterben tapfer gestellt. Am 25. Dezember 1996 feierte ich mein letztes Weihnachten mit ihm. Er lag in der Stube neben dem Kachelofen auf einem Bett. Jeden hat er zu sich gerufen. Mir hat er gesagt, ich würde meinen Weg schon machen. Doch viel wichtiger schien ihm, dass mein Vater erfahren sollte, dass Opa sich beim ihm entschuldigte. Er flehte mich an, seine Botschaft zu überbringen und ihm kundzutun, ob mein Vater ihm vergeben hatte.

Natürlich hat mein Vater gesagt: „Schon gut.“
Noch am selben Abend habe ich Opi angerufen und ihm Papis Antwort mitgeteilt.
Das hat mich sehr beeindruckt. Ich war gerade mal 19 Jahre alt.

Mein Vater hat sich nicht dran gehalten, das Grundstück nicht mehr zu betreten. Zum Glück. Denn ohne ihn und seine Hilfe, besonders nach dem Tod meiner Mutter, hätte ich es nicht geschafft, zu Omi zu gehen. Wenn Papis Frau nicht dagewesen wäre, wäre auch Omis Umzug ins Pflegeheim nicht so gut von statten gegangen.

Ich habe mir überlegt, dass das Haus frei von diesen Gedanken der Schuldzuweisung sein soll. Alles ist so friedlich. Das soll so bleiben.

Elephantenhaut

Svens 35ster Geburtstag heute. Ich bin nicht zum Sinnieren gekommen. Ich rannte herum. Bewegung tut gut und not.

Ich musste heute morgen kurz an meine Schwester Doris denken. Sie lebt, fern von der Familie, in einem anderen Landesteil. Wir reden nicht mehr miteinander. Der Tod unserer Mutter hat uns auseinander gerissen. Wir gleichen uns nicht mal mehr wie Schwestern. Wir sind wie zwei Schiffbrüchige, doch wir klammern uns nicht an denselben Halm.

Ich konnte mich lange nicht in sie einfühlen. Bei der Auseinandersetzung mit Opa Walter und seiner toten Schwester Nelly fiel mir auf, wie schwierig es ist, für ein Kind, die Lücke des toten Geschwisters zu füllen.

Doris hatte keine Wahl. Für meine Mutter war sie die Rettung. Ein neues, lebendes Kind!
Meine Mutter hat sich über alle Massen über meine Schwester gefreut.

Doris hat Mutters Strenge nie gross erfahren. Auf ihren Rücken prasselten keine Schläge nieder. Kein Tritte. Kein Boxhiebe. Keine Schläge auf den Kopf.

„Du bist für mich zwei Kinder, Doris“, daran erinnere ich mich noch gut. Doris hatte alle Freiheiten, die ich als Ältere natürlich nicht hatte. Es gab selten Strafen, wenn meine Schwester geklaut hatte. Sie klaute wie ein Rabe!

Rückblickend denke ich, dass meine Schwester auffällig wurde, weil sie langsam verschwand. Doris ist nur ein Name, ebenso wie Sven.

Im Gegensatz zu mir wurde Doris nicht geliebt für Leistung, sondern für ihr Dasein. Sie brauchte nur zu lächeln, und alle freuten sich und liebten sie. Sie hat später zu mir gesagt: „Ich habe nie Grenzen gespürt.“

Und dabei hat meine Schwester Doris alles dafür gemacht, um Grenzen zu spüren. Was genau im Jahr 2006 passiert ist, vermag ich nicht zu eruieren. Fest steht, dass meine Schwester unter furchtbaren Ängsten litt.

Als kleines Mädchen habe ich oft darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn Sven überlebt und ich gestorben wäre. Ich war jahrelang überzeugt, dass ich kein Recht hatte zu leben, denn im Gegensatz zu meiner Schwester war ich mit verformten Hüftgelenken, Kurzsichtigkeit, einer Fehlstellung des Kiefers und anderem geschlagen. Ich war überzeugt, dass ich eine Laune der Natur war.

Heute sehe ich es anders.
Meine körperlichen Behinderungen haben mich gestärkt. Über das operierte Fleisch an meinem Körper sind dicke Narben gewachsen. Es scheint, als ich hätte in all den Jahren die Haut eines Elephanten erhalten.

Ich wünschte, ich könnte meiner Schwester davon abgeben.