über die Gerechtigkeit

Manchmal frage ich mich, warum ich mir alles in meinem Leben so hart verdienen muss. Warum geht es immer schwer? Warum nicht beim ersten Mal einfach leicht?

Ich hielt mich immer für eine Optimistin. Aber im Moment bin ich das Gegenteil. Seit Monaten warte ich auf mein Haus. Seit mehreren Jahren geht meine Freizeit drauf. Ich räume, mähe, pflücke, wische. Aber nichts, was ich tue, hat einen Wert. Einen Sinn. Im Gegenteil. Es ist doch offensichtlich: als Frau darf ich für die Allgemeinheit, meine Verwandten arbeiten. Da wehrt sich niemand. Aber eine Gegenleistung einfordern kann ich nicht. Nicht mal auf den Kaufpreis des Hauses hat meine erbrachte Leistung einen Einfluss. Es ist viel eher so, dass sogar unbeteiligte Leute, wie zB. meine Schwester, plötzlich mitreden können.

Ich gebe Geld aus für Werkzeug, um die Wiesen und den Rasen mähen zu können. Zahlen dafür tut niemand, ausser ich. Meine Arbeit ist keinen Franken wert.

Ich verlange nicht einmal viel. Nur das Haus meiner Familie. Eine Perspektive.

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Mein Gerechtigkeitsproblem

Sascha sagt, ich hätte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er hat nicht unrecht.Nur nenne ich das längst Gerechtigkeitsproblem.

Als vor sieben Jahren meine Mutter im Sterben lag, fühlte ich mich ganz allein. Ich war es nicht. Meine Schwester lebte ja noch. Allerdings hatte sie ein halbes Jahr vor dem Tod meiner Mutter mit ihr Streit gehabt. Ich hatte damals versucht, zwischen den beiden zu vermitteln, doch ich hatte keine Chance. Das war umso bitterer, als meine Schwester das erklärte Lieblingskind meiner Mutter war.

Meine Schwester wurde knapp zwei Jahre nach dem Tod meines Bruders geboren. Für meine Mutter war die Schwangerschaft wohl ein Wechselbad der Gefühle. Ich kann nicht ermessen, wie schwierig es war, denn der Tod meines Bruders steckte ihr noch in den Gliedern.

Als meine Schwester schliesslich geboren war, war meine Mutter überglücklich. Mehr als einmal sagte sie: „Liebe Doris, für mich bist du zwei Kinder.“ Für meine Schwester muss das nicht wirklich toll gewesen sein.

Während unserer ganzen Kindheit war es Doris*, die Mutters Schlägen und Zerstörungsanfällen entging. Schliesslich war Doris für meine Mutter zwei Kinder. Ich war nicht wütend auf meine Schwester. Bereitwillig nahm ich es auf mich, dass meine Mutter ihren Lebensfrust an mir entlud.

Meine Schwester zog mit 17 Jahren aus. Sie zog in die Romandie, wo sie noch heute lebt. Ich hingegen kehrte, nach einem Aupair-Jahr in Nyon, zurück in den Thurgau.

Als meine Mutter starb, war meine Schwester nicht mehr erreichbar. Manchmal, wenn ein Verwandter stirbt, mit dem man Streit gehabt hatte, ziehen sich Menschen zurück. Die Betreuung meiner Mutter blieb an mir hängen. Ich hatte gerade einen neuen Job begonnen, während meine Schwester arbeitslos war.

Die letzten Wochen im Pflegeheim waren die Hölle für mich. Mehr als einmal hatte ich versucht, meine Schwester zu erreichen. Ich hatte Angst, vor dem, was passieren würde, wenn meine Mutter stirbt.

Noch schrecklicher waren ihre letzten zwei Tage. Immerzu war ich voller Hoffnung, dass Doris kommt. Ich hatte Angst, dass Mutter nicht sterben könnte, wenn sie Doris nicht noch einmal sieht. Mutters Leiden an den letzten zwei Tagen werde ich nicht mehr vergessen können. Tante Hadj, Mutters Gotte, versuchte ebenfalls, meine Schwester zu überreden, dass sie zu einem letzten Besuch in den Thurgau fährt. Doch nicht einmal Hadj schaffte dies. Ihren Frust daran liess sie an mir und Paula ab.

„Was ist nur mit diesem Mädchen los? Was habt ihr ihr nur angetan, dass sie nicht mehr kommt?“

Für Hadj war klar, dass Paula schuld war. Paula als Grossmutter hätte ihrer Meinung nach in die Romandie fahren und meine Schwester an den Haaren herbei zerren sollen.

Doch Paula tat dies nicht. Sie war ja gerade im Begriff, ihre Tochter zu verlieren. Sie konzentrierte ihre ganze Energie auf meine Mutter und – auf mich.

Als meine Mutter starb, waren Paula und ich bei ihr, nicht aber Doris. Diese meldete sich nicht. Auch zur Beerdigung erschien sie nicht. Ich hatte im Stillen gehofft, dass Doris und ich gemeinsam den Sarg unserer Mutter zur letzten Stätte begleiten würden. Schliesslich hatten wir es zehn Jahre zuvor bei der Beerdigung unseres Grossvaters so gehalten.

Der Tag verging. Meine Schwester tauchte nicht auf. Ich war noch immer unter Schock. Mutters langsames Sterben hatte meine Energiereserven aufgebraucht. Überall sah ich ihr Gesicht. Ich war unsagbar müde.

Ein knappes halbes Jahr später kriegte ich Post. Wider Erwarten hatte meine Mutter noch ein wenig Geld, das meine Schwester und ich erben würden. Zwei Tage, nachdem ich den Brief gekriegt hatte, meldete sich meine Schwester.

„Wir müssen beide unterschreiben, dass wir das Geld kriegen“, sagte sie am Telephon. Von Bedauern oder Trauer war keine Spur. Sie sah auch keinen Bedarf, sich an den Beerdigungskosten zu beteiligen. Nein. Sie wollte lediglich „ihr“ Geld. Das andere wäre meine Sache. Ich hatte keine Kraft mehr, mir einen Anwalt zu nehmen.

Vielleicht bin ich deswegen so wütend, was die Langsamkeit des Hauskaufs betrifft. Ich verspüre nämlich wenig Lust, plötzlich das Haus mit jemandem zu teilen, der seine familiären Pflichten nur dann erkennt, wenn er einen Vorteil hat.

Ich wünsche mir meine Schwester zurück; die Doris, die mich 1996, als ich entstellt nach einer Kiefer-OP einkaufen ging, beschützte und Leuten erklärte, sie bräuchten nicht so zu gaffen. Die Doris, deren Hand ich hielt, als Opa beerdigt wurde und die mich getröstet hat. Die Doris aus der Kindheit, als wir Verbündete waren. Aber mir scheint, als sei dieser Mensch längst verschwunden.

* natürlich ist der Name geändert.

Warten.

Seit vier Wochen warte ich auf den Bescheid, was den Hauskauf betrifft. Die Zeit verrinnt. Sand zwischen meinen Fingern. Nichts passiert.

Ich weiss es; Geduld ist nicht meine Stärke.
Doch vier Wochen ohne eine Nachricht ist zermürbend.
Mein Leben scheint still zu stehen.
Es scheint die Betreffenden nicht zu kümmern.
Nichts ist wichtig.

Inzwischen ist es Spätsommer geworden. Noch vor einem halben Jahr hing ich der Illusion nach, jetzt mit dem Umbau zu beginnen. Doch ich besitze nichts. Die Küche ist leer. Der Keller schimmelt.

Ich arbeite. Atme. Schreibe.
Meine Freizeit investiere ich in das Haus, das mir nicht gehört und von dem ich nicht mal weiss, ob ich je drin wohnen werde.
Gottes Mühlen mahlen langsam, so sagt man.
Ich zweifelte immer dran. Ich glaube nicht an Gott.

Stattdessen reisse ich die Kalenderblätter ab. Warte. Es wird Herbst. Es wird kalt und nichts geschieht. Wut verkneife ich mir. Ich berufe mich auf mein Gerechtigkeitsgefühl, welches aber hier nichts zählt.

Zuversicht, sagt mein Herz. Druck aufsetzen, sagt mein Kopf. So nicht. Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu warten. Von Freiheit ist hier keine Spur. Ich bin nicht mehr als eine Nummer.