Der Tod ist eine Sau.

Als ich damals um Uschi trauerte, war ich ganz und gar alleine. Nur wenige Menschen sprachen mich auf ihren Tod an. Dabei hätte ich gerne darüber gesprochen, welche ambivalenten Gefühle in mir brodelten. Gefühle, die unausgesprochen sind, fressen dich langsam auf.

Da ist einerseits die tiefe Trauer, dass sie nicht mehr lebt. Es ist eine unvorstellbare Sache, dass der Mensch, der dich geboren hat, der dich neun Monate in sich herumtrug, einfach nicht mehr da ist. Ihr Tod war und ist eine Bedrohung. Sie sterben zu sehen, war einfach zu viel.

Dann ist da die Wut. Zuwenig Zeit für die Sterbende, zu viel Bürokratie, Beamte, denen ein Datum wichtiger ist als die Not. Fehlendes Geld. Die Wut ist schlimm. Sie zerfrisst dich langsam aus deinem Innersten heraus.

Verzweiflung. Du liegst am Boden und weinst dir die Augen aus. Möchtest einfach nur noch schlafen. Geht aber nicht, weil du zu erschöpft bist.

All das ist in dir drin. Aber niemand spricht dich an, weil es zu „persönlich“ ist. Der Mut fehlt. Selbst mir. Wie das Unaussprechliche ansprechen? Wie sagen? es tut mir so leid. Ich kann dich in deiner Not nicht trösten. Nur für dich da sein.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.

Menschen mit Demenz als Kostenfaktor und Geldquelle

Natürlich hab auch ich die Fernsehbeiträge und Zeitungsartikel der letzten Tage verfolgt. Ich sass ein wenig geschockt da.

Das blödste, was man als Aussenstehender tun kann, ist es, den Entscheid einer Familie, den Angehörigen in Thailand pflegen zu lassen, zu kritisieren. Deshalb werde ich dies nicht tun.

Was mich allerdings stört, ist die Tendenz, dass Gemeinden und gewitzte Geldgeber überprüfen wollen, was sie alles an dementen Patienten outsourcen können.

 Hueresiech! Das sind Menschen! Keine Alleebäume aus der Baumschule!

Ich sage dies von mehreren Standpunkten aus:

Als Enkelin von Paula könnte ich es mir nie, nie vorstellen, sie nicht in meiner Nähe zu haben. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dass sie in einem ihr fremden Klima leben könnte. Die Frage, sie nach Thailand oder sonst wohin zu fliegen, stellt sich für mich daher erst gar nicht und darüber bin ich froh.

Als Betreuende vertrete ich den Standpunkt, dass Sprache, Kenntnisse über die Biographie des Betreuten sowie pflegerisches Grundwissen die Voraussetzung für eine gute Betreuung sind. Natürlich stellt sich in der Schweiz dieses Problem mit grosser Heftigkeit, da immer mehr Menschen immer älter werden. Der Pflegenachwuchs fehlt, weil viele Institutionen in den letzten Jahren geschlafen haben. Über die Finanzierung dieser Pflege möchte ich gar nicht erst sprechen und auch nicht darüber, wie viel Mannstunden in die Verwaltung und Aufzeichnung der geleisteten Tätigkeiten gehen. Da könnte man sehr viel Geld sparen. Aber die schwächsten Menschen ins Ausland zu verpflanzen und gleichzeitig hemmungslos Pflegekräfte aus dem Ausland zu importieren, finde ich äusserst fragwürdig.

Als Bürgerin empfinde ich eine solche Entwicklung als schlimm. Alte, demenzkranke Menschen einfach so mal ins Ausland zu verschiffen, weil es billiger ist, find ich persönlich skandalös. Da hilft auch die Schönfärberei namens „Resort“ nichts. Vielleicht ist meine Haltung hoffnungslos altmodisch, aber ich bin überzeugt davon, dass wir unsere Grossmütter und Grossväter, Väter und Mütter selber pflegen sollten. Das haben sie verdient. Sie haben die letzten Jahre gearbeitet und zum Wohlstand beigetragen.

Ein wenig von der asiatischen Kultur des respektvollen Umgangs mit alten Menschen könnten wir uns allerdings alle aneignen.

kommunikation ist glückssache

wie schon vor einem monat gibt es bei einem altersheimeintritt sehr viele probleme, aber auch helfer.

als ich vor bald zwei jahren mit der spitex eine unterstützung für paula zum erledigen ihrer finanziellen dinge suchte, war ich froh, dass ich schnell hilfe bekam. herr muheim, mitarbeiter des gemeinnützigen vereins x, kam vorbei und erklärte paula, sascha und mir, wie wir vorgehen sollten. für paula war es damals noch klar, dass ich ihre finanziellen belange übernehmen sollte. ich wusste, dass ich das nicht wollte. herr muheim versprach, dies für die ersten monate zu übernehmen.

vor über einem halben jahr übergab er sein ämtli dann an seine mitarbeiterin frau ganzgenau. man kann seit dem letzten erlebnis sagen, dass frau ganzgenau und ich das heu nicht auf der selben bühne haben. gestern schickte mir sascha ein sms, dass frau ganzgenau mich anrufen würde. sie hatte ihm nicht sagen wollen, warum es ging, obwohl er ihr gesagt hatte, ich sei in einem seminar.

frau ganzgenau rief mich dann auch mitten im mittagessen an und kam sehr schnell auf den punkt.
„im oktober wurden vom konto ihrer grossmutter 300.- abgehoben. ich finde keinen beleg.“
ich zucke kauend die schultern.
„keine ahnung.“
„da muss aber eine quittung vorhanden sein.“
„ich weiss es nicht.“
„ihre oma kann sich an nichts erinnern.“
ich antworte nicht: logo, sie hat ja auch eine demenz, sondern kaue weiter.
„haben sie geld abgehoben?“
„wie bitte?“
„waren sie auf der bank und haben das geld genommen?“
eine leise welle von wut steigt in mir hoch.
„nein. das habe ich nicht.“
„haben sie vielleicht geld für den umzug genommen?“
die leise welle verwandelt sich in einen sturm. ich kriege einen roten hals. ich bin stocksauer. ich habe es bisher in meinem leben nicht nötig gehabt, das geld meiner 84jährigen oma zu klauen.
mühsam schlucke ich die wut runter und antworte:
„nein.“
frau ganzgenau stutzt und meint:
„irgendjemand muss das geld geholt haben. und ihre oma war nicht alleine dort.“
ich gebe ihr recht, verweise auf die spitex, die ich mal drum gebeten habe.
frau ganzgenau grummelt und meint:
„dann frag ich die.“
wir hängen auf.

ich unterbreche dann das essen und gehe an die frische luft. ich bin sehr, sehr, sehr wütend. das hat mir doch noch keine gesagt. ich verspüre grosse lust, einen kleinen schneemann zu zertrümmern, tue es aber nicht. ich informiere sascha.

fortsetzung folgt.