Donnerstag.

Omi liegt friedlich im Bett. Ihre Atmung geht ruhig, ab und zu ist ein Rasseln zu hören.
Anders als am Mittwochabend bin ich gestern morgen ruhiger.
Gleichwohl steigen mir die Tränen in die Augen, als ich sie sehe.

Fast 40 Jahre war sie an meiner Seite. Sie hat mich immer beschützt.
Sie war da, als mein Bruder starb. Sie hatte immer ein gutes Wort für mich.
Sie war immer stolz auf alles, was ich gemacht habe.

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omi und zora (2)

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Ich berühre ihre Hände. Sie sind kühler als noch am Mittwoch.
Omis Mund ist trapezförmig geöffnet.

Ich sitze da, streichle ihre Hand, ihre Wange.
Flüstere. Trockne meine Tränen.
Ich sage ihr wiederum, dass sie gehen darf. Dass ich zwar traurig bin, aber mich für sie freue, wenn sie es geschafft hat. Ich wünsche mir so, dass sie jetzt gehen darf.

Als wir das Pflegeheim verlassen, schneit es. Ich fühle mich müde, traurig und irgendwie ruhiger.

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Der nächste Tag

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter.

Ich sass fassungslos da. Ich schwitzte. Weinte. Ich kroch auf das Bett neben ihrem. Es war leer. Ich legte mich hin und hielt ihre Hand. Dann schlief ich wieder ein. Aber mein Schlaf war oberflächlich. Sobald ich die Augen schloss, hatte ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Um sieben Uhr morgens kam eine Pflegende. Da alle Sterbezimmer belegt waren, musste meine Mutter mit mir in diesem Vierbettzimmer liegen. Auf der anderen Seite lag eine hochbetagte demenzkranke Frau. Während sie die andere Frau aufnahm, ging ich unter die Dusche. Ich nahm etwas vom Duschmittel meiner Mutter und seifte mich ein. Mir schien, als könnte ich nur so den Geruch des Sterbens abwaschen und gleichzeitig mir etwas von ihr aufbewahren.

Ich ging frisch gewaschen wieder zu ihr.
Man bot mir etwas zu essen an. Aber ich hatte keinen Hunger.
Ich legte mich wieder neben sie und hielt ihre Hand.

Und dann kam endlich meine Oma Paula. Sie stand in der Türe und ich eilte zu ihr, umarmte sie. Sie wirkte wie ein Fels in der Brandung. Atmete schwer, als sie meine Mutter sah.

Was muss in Paula vorgegangen sein, als sie ihr Kind sterben sah? Omi Paula hat nie darüber geredet. Sie zog ihren dunkelgrünen Mantel aus, stellte ihre Tasche hin und setzte sich auf einen Stuhl.

Ich fühlte mich mit einem Mal nicht mehr alleine. Wir redeten miteinander, mit meiner Mutter. Mit Urseli. Es war wie immer. Nur dass meine Mutter keine Antwort mehr geben konnte.

Die Zeit verging. Paula und ich sassen da und warteten gemeinsam mit der Sterbenden.

Es macht mir zu schaffen, dass ich mit Omi Paula nicht mehr darüber reden kann. Meine Mutter ist für sie verschwunden. Vergessen sind unsere gemeinsamen Erlebnisse, jener 17. Oktober 2007. Ich bin für Omi glücklich, aber ich hasse es.

Wir hörten leise Musik. Immer wieder setzte Mutters Atem aus. Immer länger wurden die Pausen. Es klang für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen und das Auftauchen wäre eine Qual.

Ihre Hände wurden immer kälter. Ich wusste, bald ist soweit. Dann, um kurz nach vier, wurde meine Mutter nochmals umgelagert. Sie öffnete nochmals die Augen. Im Radio erklang „Schacher Seppli“ von Ruedi Rymann. Meine Mutter hat es immer sehr geliebt. Um Punkt viertel nach vier tat sie ihren letzten Atemzug. Das Lied war zu Ende. Aus ihren Augen traten gelbe Tränen.

Omi und ich sassen da, hatten uns an den Händen gefasst. Sie stellten Mutters Tod fest. Ich öffnete das Fenster. Draussen schien die Sonne. Der Nebel war verflogen. Ich hörte eine Krähe. Ich sagte: „Jetzt muss Uschi bestimmt eins rauchen, nach all der Anstrengung.“ Omi und ich sahen uns an, dann lachten wir, umarmten uns. Dann liefen uns die Tränen herunter. Wir verabschiedeten uns von Uschi, die Paulas Tochter und meine Mutter gewesen war.