Obergeschoss räumen

Heute war mein erklärtes Tagesziel, das Obergeschoss, also Omas früheres Schlafzimmer, den Flur und das „Zimmerli“ zu räumen.

Omas altes Schlafzimmer, der Ort, wo wir Kinder jeweils in den Ferien übernachteten, ist praktisch ausgeräumt. Paula hat das alles noch selber gemacht. Es muss sie sehr viel Kraft gekostet haben. Hier hatte ich ausser dem Aussortieren des Kleiderschrankes nicht mehr viel zu tun. Für einmal eine wirklich schnelle Sache.

Der Flur bereitete mir mehr Sorgen. Er war ziemlich zugestellt, so dass ich zuerst sortieren musste, was weg kommt. Omi Paula hatte massenhaft Stoffe und Vorhänge in alte Koffer gepackt. Was noch brauchbar ist, werde ich an meinem Flohmarkt anbieten. Ich nehme alles in die Hand, Abwaschtücher kommen in die Wäsche, Bettwäsche alles auf eine Beige. Das sortiere ich erst aus, wenn ich ALLES gefunden habe.

Dann kommt das Bücherregal an die Reihe. Man merkt an der Auswahl, dass wohl meine Urgrossmutter Röös die grosse Leserin in der Familie war. Die Buchtitel stammen samt und sonders alle aus den 30er bis 50er Jahren. Ich stelle zurück, was ich behalten will. „Dianetik“ wandert sofort in den Müll, nicht ohne eine kleine Verwünschung aus meinem Munde.

Fünf 60lt Säcke mit Kleidern fülle ich. Ein seltsames Gefühl, mich von den alten Fetzen zu trennen. Omas Überkleider, die auf vielen Fotos mit mir zu sehen sind, behalte ich. Die Pflegende meinte letzten Freitag nämlich, wenns dann mal soweit sei, könnte Oma im Grab ein solches Kleid tragen. Nun denn.

Ich stosse auf Schranktüren, alte Kinderwägen, haufenweise leere Schachteln. Alles kommt weg. Im Keller ist bald kein Platz mehr. Ich muss endlich mal einen Anhänger füllen!!

Die versteckten Seitenschränke lasse ich heute sein. Mein Vater hat kurz reingeschaut. Da müssen irgendwo Mäuse sein. Darauf hab ich grad wenig bis gar keine Lust.
Als nächstes kommt der Schuhschrank dran. Er ist voller Schuhe. aus den 50ern, die teilweise ungetragen und wohl noch von meinen Urgrosseltern stammen müssen. Ich entsorge, was nicht mehr gut ist. Der Rest, einige originelle Pumps und neue Herrenschuhe, kommen auf den Flohmarkthaufen. Es ist ein seltsames Gefühl, diesen Schrank zum ersten Mal, seit ichlebe, wirklich leer zu sehen.

Dann räume ich das „Zimmerli“ auf. Dieser Raum ist der neueste des Hauses. Er wurde wohl erst vor 60 Jahren angebaut. Er wirkt warm, Leider ist auch dieser Raum zugestellt. Mühsam räume ich Schachtel um Schachtel weg. Das elektrische Heizkissen (innen spröde wie blöd!) kommt sofort zum Elektro-Schrott. Zum Glück hat Paula dieses Ding nie angestellt.

Zuhinterst in der Ecke stosse ich auf eine Kiste mit Steuerunterlagen und – Dokumenten über meine Urgrossmutter, ihre Kinder und den Erbstreit meines Grossvaters. Ich finde Unterlagen übers Haus, sehe mit einem Mal, wie es früher ausgesehen hat und bin gerührt.

Ich denke ganz stark an meinen Grossvater. Ich wünschte, er würde mich jetzt sehen, wie ich sein Haus entrümple. Langsam komme ich den Geheimnissen, welches es verbirgt auf die Spur. Würde es ihm gefallen?

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Ein Leben aufräumen

Ich versuchte während Wochen, Uschis Wohnung zu räumen.
Es war ein Ding der Unmöglichkeit.

Zwar war die Wohnung sauber, aber Uschis Geruch war überall. Es roch nach Zigaretten (Mary Long!) und kaltem Rotwein. Auf dem Herd stand ein Topf mit Suppe drin, der angeschimmelt war. Ihr Kühlschrank gammelte ebenfalls vor sich hin.

Ihre Bettwäsche war verblutet. Durch ihre Lebererkrankung litt sie immer wieder unter starkem Nasenbluten. Die Couch und das Couchdeckchen waren übersät von Brandflecken von Zigaretten.

Ich fing an, Regale zu räumen. Ihre Bücher, ihren Nippes, ihre persönlichen Dinge.
Ich packte Fotos ein. Sie hatte tatsächlich Fotos von mir, meiner Schwester und den Katzen behalten. Es gab Fotos von ihren Liebhabern, meinem Vater und meinen Grosseltern.

Mir fielen Briefe in die Hand, die 40 Jahre alt waren. Ich erfuhr daraus, dass sie mit 16 von einem Schulschatz vergewaltigt worden war. Sie hat nie darüber geredet. Ich fand ihren Schmuck. Ihre Kruzifixe. Den silbernen Apfel, den sie während meiner Kindheit getragen hatte. Den Ring der Nofretete.

Ich weiss nicht, wie oft ich heulend ausgestreckt auf dem schmutzigen Teppich lag.
Ihr Leben aufräumen zu müssen, während sie im Spital und später im Pflegeheim lag, brachte mich halb um den Verstand.

Am nächsten Tag besuchte ich sie im Pflegeheim. Ich sagte ihr, dass ich die Briefe mit dem lila Band gelesen hatte. Ich fragte sie nach G. Sie drückte meine Hand, sah mich aber nicht an. Dann sagte sie:

„So weisst du es.“

Das hatte ich nie wissen wollen. Doch nun war das Geheimnis meiner Mutter in meinen Händen. Ich habe dann einige Monate später Paula gefragt, was passiert war. Doch sie konnte sich nicht mehr erinnern. Meine Mutter war für meine Grossmutter zu einem geliebten Phantom geworden.