Omis 90ster. Ohne Omi.

Am 6. Mai 1928, also vor 90 Jahren, wurde meine Omi Paula geboren. Sie war das dritte Kind, die dritte Tochter, von Berta und Johann. Sie hatte noch zwei jüngere Brüder. Sie wuchs in Wil SG in grosser Armut auf. In den 30er Jahren erkrankte Paula an einer Hirnhautentzündung. Sie wäre fast daran gestorben. Sie erlebte die Zeit des zweiten Weltkriegs und kannte danach nur noch einen Ausdruck dafür: „Nie wieder!“

Paula lebte stets sparsam. Recycling war für sie kein neumodisches Hipsterzeugs, sondern unabdingbare Lebensphilosophie. „Das kannst du nochmals brauchen“, war einer ihrer Glaubenssätze.

Omi konnte nie eine richtige Lehre machen. Ihre Eltern waren zu arm dafür. Sie hat jahrelang in einer Fabrik gearbeitet. Sie sagt Jahre später: „Ich habe mir in der Strumpffabrik die Augen ruiniert.“ Ich kenne Omi gar nicht anders, als mit starker Brille.

Meine Omi lernt Ende der 40er Jahre meinen Opi kennen. Aber weil sie die jüngste Tochter ist, soll sie nicht heiraten dürfen. Die älteren Schwestern und der Schwager bestimmen, dass sie die alten Eltern einmal pflegen soll. Omi aber will ihre Freiheit leben. Opa und sie leben ihre Liebe und Omi wird schwanger.

Im Mai 1951 heiraten Omi und Opa auf der Iddaburg. Omi ist im fünften Monat schwanger. Sie witzelt noch Jahre später: „Reiche Mädchen an meiner Stelle hatten Frühgeburten. Bei mir sagten sie nur: Aha, die musste heiraten.“

Mein Opi arbeitet in der Textilbranche. Er war im Aktivdienst und musste dabei seine Ausbildung unterbrechen. Was der Krieg mit ihm gemacht hat, blieb mir immer ein Rätsel. Doch auch er bläute mir immer wieder ein: „Nie wieder Krieg. Es ist schrecklich.“

Omi, Opi und meine Mutter Ursle leben zuerst in Wil, dann zügeln sie nach Ebnat-Kappel ins Toggenburg. Das Sterben der Textilbranche fängt nun an. Opi verliert immer wieder seine Stelle. Die Familie zieht um.

Ende der 60er Jahre stirbt Omis Mutter, was für sie zutiefst traumatisch ist. Sie darf nicht von ihrem Arbeitsplatz weg und sich verabschieden. Sie fühlt sich lange schuldig, weil sie nicht von ihrer Mutter Abschied nehmen konnte.

Meine Mutter wird langsam erwachsen. 1974 heiratet sie meinen Vater. 1977 komme ich auf die Welt. Ich habe heute den Eindruck, dass mit meiner Geburt für meine junge Omi ein Wunsch in Erfüllung ging. Sie hatte nun endlich ein Enkelkind zum Verwöhnen. Sie hat wohl auch an mir all das gut machen wollen, was sie an meiner Mutter versäumt hat.

1979 wird mein Bruder geboren, drei Tage nach seiner Geburt stirbt er. Für meine Eltern bricht eine Welt zusammen. Omi ist zur Stelle und versucht, meine Mutter zu stützen. Sie spürt aber auch, dass für meine Mutter nun alles anders ist. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass meine Omi nun für mich eine Mutterstelle eingenommen hat, weil meine Mutter dies in ihrer Trauer nicht mehr ausfüllen kann. Anfang der 80er Jahre ziehen Omi und Opi zu den Urgrosseltern ins Toggenburg. Opi pflegt seine Eltern, Omi geht auswärts arbeiten. Im Januar 1997 stirbt Opi.

Meine Mutter stirbt 2007. Omi und ich wachen an ihrer Seite, bis sie stirbt. Einige Monate später ist mir klar, dass Omi demenzkrank ist. Es scheint so, als hätte sie all die Jahre für meine Mutter „durchgehalten“.

Ich versuche meine Omi all die Jahre zu begleiten. 2012 entscheidet sie sich, nach langem Miteinanderreden, dass sie ins Pflegeheim gehen will. Noch einen Winter im alten Toggenburger Haus würde sie wohl nicht einfach so überstehen. Omi lebt fast fünf Jahre in einem Toggenburger Pflegeheim, wo sie liebevoll betreut wird. Am 9. Januar 2017 um 3.30, fast 20 Jahre auf den Tag genau nach Opi stirbt sie.

Omi fehlt. Ihr freundliches Wesen, ihre Liebe, ihre Stimme. Trotz ihrer Demenz war sie uns all die Jahre eine Stütze, der Mittelpunkt der Familie. Omi hat uns zusammengehalten, hatte für alle immer ein gutes Wort. Wir werden sie nie vergessen.

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Sei.

In einigen Tagen, am 6. Mai, ist Omis 90ster Geburtstag. Ich hätte ihn so gerne mit ihr gefeiert. Sie fehlt mir sehr, besonders jetzt im Frühling.

Omi war bei meiner Geburt 49 Jahre alt, ein klein wenig älter als ich jetzt. Meine Mutter bekam sie mit 23 Jahren. Als ich 23 war, dachte ich gerade darüber nach, einen zweiten Beruf zu erlernen. Omi hat nie eine Lehre gemacht.

Ich gehe durch unser Haus. Es sieht nach uns aus. Doch immer wieder denke ich an sie, rieche ihren Duft. Frage mich, was sie von alledem hält, was wir hier so schaffen. Mein Omi. Alles ist anders, doch noch immer steckt viel von ihr in diesen Wänden.

Mein Berufsleben hat sich irgendwie verändert. Immer wieder werde ich angefragt, über unsere Erfahrungen mit Demenz, meine Erlebnisse als Angehörige zu erzählen. Ich denke: ich bin doch erst 40 Jahre alt. Demenz ist doch so weit fort von allem, in meinem Alter.

Omi sagte so Dinge wie: „Es ergibt sich immer ein Weg. Du brauchst nur den Mut, ihn zu gehen. Du bist nie alleine.“

Die Erfahrung, zwei Menschen bis in den Tod zu begleiten, hat mich nachhaltig verändert. Ich bin nicht mehr die Gleiche. Vielleicht bin ich heute mehr den je die Person, die ich sein werde.

2017

Vor einem halben Jahr lag Omi im Sterben und ich erzählte ihr, während sie einschlief, dass ich es schade finde, dass sie nicht mehr an meinem 40sten Geburtstag dabei sein wird. Sie lächelte mich an. Ich wusste Bescheid.

Dieses Gefühl hat sich nicht verändert. Sie fehlt mir so. Oft muss ich an sie denken; wenn ich ihre Lieblingsfarben oder ihre Gastkatze sehe, den Bach, ihren Garten oder ihre Pflanzen.

Sie war bei all meinen besonderen Tagen dabei: nach meiner Geburt, meiner Taufe, bei der Beerdigung meines Bruders, meinem 10ten Geburtstag, meiner Konfirmation, als meine Mutter starb, bei Mamis Beerdigung.

Omi liebte es, mit mir Geburtstag zu feiern. Ich bekam eine Torte, viele Küsse, Geschenke und unzählige Male gesagt, dass sie mich gern hat.

torte 1982

In den Sommerferien verbrachte ich jeden Geburtstag, bis ich 16 war, bei ihr. Und jeder Geburtstag war der Schönste. Mein 19ter Geburtstag war der letzte mit Opa. Omi und ich haben noch Jahre später darüber gesprochen, wie schön das war. Zusammensein. Reden. Einander umarmen.

Seit ich 32 Jahre alt war, hab ich all meine Geburtstage kurz bei Omi vorbei geschaut, auch wenn sie längst nicht mehr wusste, wer ich war, oder dass ich Geburtstag habe. Aber irgendwie war es immer besonders:

Omi sass in ihrem Sessel, strahlte mich an, streichelte mich, wir umarmten uns und redeten einige verworrene Sätze.

Dieser Geburtstag ist der erste, wo ich sie nicht sehen werde. 2017.

Ihr 89ster

Geburtstage haben eine Bedeutung, wenn jemand lebt. Man denkt daran zurück, dass dieser Mensch das Licht des Lebens erblickt hat. Ich denke heute ganz fest an mein Omi Paula. Heute ist ihr 89. Geburtstag.

Es ist ganz seltsam für mich, ihren Geburts-Tag zu erleben. Zum ersten Mal, seit ich lebe, ist Omi an ihrem Geburtstag nicht mehr da. Das erste Jahr ohne einen geliebten Menschen ist immer schwer, hat man mir gesagt. Die gemeinsamen Erlebnisse wirken nach, seien es Geburtstage, Familienfeste oder Unglücksfälle.

Ich entschied mich heute dafür, Omis und Mamis Grab neu zu bepflanzen. Nie hätte ich gedacht, dass sie praktisch nebeneinander begraben sein würden. Der Aufstieg zur Kirche und zum Friedhof ist steil und dennoch leicht. Der Blick auf die Kirche ist wunderschön.

Ich stand oft mit Omi an Mamis Grab. Omi schaute mir zu, wie ich die Blumen in die Erde pflanzte. „Schön machsches. Do het sie sicher Freud, wenn sie obenabe lueged.“ Sie tätschelte sanft meine Schulter. Diesen Satz sagte sie mehr als einmal.

Jetzt bepflanze ich ihr Grab und ihre Stimme hallt nach.
Ich fühle mich matt, denn der Anblick des Kreuzes und der Erde macht mir klar, dass sie weg ist und nicht mehr wieder kommt. Ich weine und lasse mich verregnen. Toll, denke ich. Ich kann mich gar nicht dran erinnern, wann es das letzte Mal an Omis Geburtstag geregnet hat.

Ich pflanze Studentenblümchen, Kapkörbchen, jäte, ekle mich vor zwei grossen grauen Spinnen und schütte neue Erde auf Omis Grab. Dann bin ich fertig.

Als ich einige Minuten später den Friedhof verlasse, scheint plötzlich die Sonne. Es wird richtig warm. Ich weine.

Omis Geburtstag ohne Omi

Am 6. Mai würde Omi Paula 89 Jahre alt.
Ihr Geburtstag war für mich seit Kindheit immer eine Art Feiertag.
An Omis Geburtstag hab ich nie was anderes abgemacht. Da ging ich zu ihr.

Früher gingen wir chic in ein Café essen. Wir tranken Kaffee, assen einen Gratin oder eine Wähe und sprachen stundenlang über Gott, die Welt und unsere gemeinsamen Erlebnisse.

Heute denke ich manchmal, dass wir all das vorgeholt haben, weil Omi vielleicht gespürt hat, dass es Zeiten geben würde, in denen wir nicht mehr miteinander reden können. Ich liebte es, Omi zuzuhören, wenn sie über ihre oder meine Kindheit erzählte. Mir schien, als gebe es nur sie und mich. Omi konnte ich alles sagen. Omi hörte immer zu und wusste auf alles einen Rat.

Die letzten Jahre im Haus waren schwierig. Aber irgendwie waren Omis Geburtstage immer schön. Es wurde Frühling und es war immer schönes Wetter.

Omis Geburtstage im Pflegeheim habe ich nicht in so guter Erinnerung. Zwar gab es für sie feines Essen und auch für uns. Doch gerade beim Essen können, wurde mir schnell und schmerzlich bewusst, wie Omis Fähigkeiten selber essen zu können, zurückgehen.

Ich weiss noch, als ich Omi zum ersten Mal Essen eingegeben habe.
Es tat mir sehr weh, Omi so verletzlich, so auf Hilfe angewiesen zu sehen.
Ich habe gezittert und es fiel mir schwer, ihr die Gabel an den Mund zu halten.
Aber dann ging es mit einem Mal und war gar nicht schlimm.

Den ersten Geburtstag von Omi ohne ihre Anwesenheit zu begehen, wird für mich seltsam sein.

Ich will auch gar nicht, dass der 6. Mai ein Tag wird wie jeder andere. Ich werde an ihr Grab gehen, nach den Blumen schauen und ganz fest an sie denken.

Ihr 65ster Geburtstag

Gestern war Mamis 65ster Geburtstag.

Noch bis vor einigen Jahren haben Omi und ich immer Mamis Geburtstag gefeiert. 2011 wäre Mami 60 Jahre alt geworden und Omi konnte es kaum glauben, dass das schon so lange her ist. Zu dem Zeitpunkt verwechselte sie meinen und „Urselis“ Vornamen häufig. Ich akzeptierte es, auch wenn es mir weh tat, diesen Namen zu hören.

Omi hat Mami oft zum Geburtstag lange Briefe geschrieben. Omi war in ihrer Korrespondenz sehr geradlinig und wertschätzend. Immer wieder schrieb sie ihr, wie sehr sie ihr einziges Kind liebt. Ich freute mich immer für Mami, dass sie solche Briefe erhielt.

Heute fuhr ich nach dem Einkaufen bei Omi vorbei. Sie lebt zwei Dörfer weiter im Pflegeheim. Es ist immer etwas schwierig, sie wach zu erwischen. Nach dem Frühstück verbringt sie den Morgen immer im Aufenthaltsraum in einem Sessel, wo sie die Füsse hochlagern kann. Auch heute thront sie in diesem Sessel, in ihrem Arm einen riesigen Plüschhund, den sie festhält.

Ich setze mich zu ihr hin und berühre sanft ihre Hand. Sie öffnet die Augen und lächelt mich verschlafen an.
„Du bist da. Ich hab gerade geschlafen. Und jetzt bist du da.“
Ich streichle ihre Hand und sie hält sie fest.
Wir reden ein wenig.
Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich erzähle es. Ich würde gerne darüber reden, dass sie vor 65 Jahren meine Mutter zur Welt gebracht hat, aber ich lasse es, denn es würde Omi nur verstören und traurig machen.
Dann frage ich sie, wie es ihr geht.
Sie seufzt.
Omi Paula spricht von ihrer Schwester, die nicht mehr lebt und die mit ihren Söhnen vorbei gekommen ist. Sie redet, sucht Wörter, dann Buchstaben. Die Sätze machen keinen Sinn, aber sie redet wie früher.

Omis Hände

Dann verabschiede ich mich, denn ich bemerke, wie müde sie ist. Wir umarmen uns.
Zuhause gehe ich in den Garten, pflege die Rosen und denke an Omi und Mami. Die alten Rosen blühen noch immer.

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Die 30er im Rückspiegel.

Vor neun Jahren wurde ich 30 Jahre alt. Ich feierte meinen Geburtstag mit Wein und Zigarren und meinem damaligen Freund. Ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte: Liebe, meinen Traumjob, ich war gesund und zuversichtlich.

10 Tage später zerbrach alles um mich herum. Ich hatte gewusst, dass meine Mutter früh sterben würde und ich hatte mir, schon in der Ausbildung, vorgenommen, sie nie zu pflegen. Der Moment, als ich erkannte, dass sie im Sterben liegt und ich sie nicht alleine lassen würde, war heftig. Diese Klarheit im Handeln war für mich wegweisend. Ich schöpfte Kraft in Gesprächen mit Omi. Gemeinsam würden wir es schaffen.

Der Tod eines geliebten Menschen verändert einen.
Man ist nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Die Trauer um einen Menschen stellt alles auf den Kopf.

Heute nun bin ich 39 Jahre alt geworden und ich staune erneut, wie sich in den neun Jahren alles um mich herum verändert hat. Jedes Jahr beinhaltete so viele gute Momente und mutmachende Begegnungen, trotz der Trauer um meine Mutter. Meine grosse Angst, in ein Loch zu fallen, bewahrheitete sich nicht. Irgendwie schaffte ich es, mich um Omi zu kümmern, auch wenn es oft weh tat und ich mich hilflos fühlte.

Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, über all diese Erlebnisse und Gefühle zu schreiben. Denn es ist wahr: es gibt so viele Menschen, denen es ähnlich geht und mit denen man sich austauschen kann, ohne zu jammern und wehklagen. Man muss sich nicht verstellen. Man schöpft Kraft und kann diese auch weitergeben.

Für mich der bewegendste Moment im Juni war der Moment, als der Kontakt zu meiner Schwester wieder zustande kam. Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht zu bemerken, wie sehr ich sie vermisst hatte. Ich hoffe nun, wir können diesen Kontakt vertiefen. Es gibt noch so viel zu erleben und auszutauschen!