Ihr 89ster

Geburtstage haben eine Bedeutung, wenn jemand lebt. Man denkt daran zurück, dass dieser Mensch das Licht des Lebens erblickt hat. Ich denke heute ganz fest an mein Omi Paula. Heute ist ihr 89. Geburtstag.

Es ist ganz seltsam für mich, ihren Geburts-Tag zu erleben. Zum ersten Mal, seit ich lebe, ist Omi an ihrem Geburtstag nicht mehr da. Das erste Jahr ohne einen geliebten Menschen ist immer schwer, hat man mir gesagt. Die gemeinsamen Erlebnisse wirken nach, seien es Geburtstage, Familienfeste oder Unglücksfälle.

Ich entschied mich heute dafür, Omis und Mamis Grab neu zu bepflanzen. Nie hätte ich gedacht, dass sie praktisch nebeneinander begraben sein würden. Der Aufstieg zur Kirche und zum Friedhof ist steil und dennoch leicht. Der Blick auf die Kirche ist wunderschön.

Ich stand oft mit Omi an Mamis Grab. Omi schaute mir zu, wie ich die Blumen in die Erde pflanzte. „Schön machsches. Do het sie sicher Freud, wenn sie obenabe lueged.“ Sie tätschelte sanft meine Schulter. Diesen Satz sagte sie mehr als einmal.

Jetzt bepflanze ich ihr Grab und ihre Stimme hallt nach.
Ich fühle mich matt, denn der Anblick des Kreuzes und der Erde macht mir klar, dass sie weg ist und nicht mehr wieder kommt. Ich weine und lasse mich verregnen. Toll, denke ich. Ich kann mich gar nicht dran erinnern, wann es das letzte Mal an Omis Geburtstag geregnet hat.

Ich pflanze Studentenblümchen, Kapkörbchen, jäte, ekle mich vor zwei grossen grauen Spinnen und schütte neue Erde auf Omis Grab. Dann bin ich fertig.

Als ich einige Minuten später den Friedhof verlasse, scheint plötzlich die Sonne. Es wird richtig warm. Ich weine.

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Zurückgelassen

Gestern fuhr ich vom Toggenburg aus nach Frauenfeld. Es war ein sehr schöner Frühlingsabend. Nach Wil fiel mir ein, dass ich im Oktober 2007 diese Strecke gefahren bin, während meine Mutter im Sterben lag. Ich war verzweifelt an jenem Abend, als ich vom Sterbebett weg musste, um die Nachbarskatzen zu füttern. Es war Herbstferienzeit. Niemand war da. Zu gerne hätte ich meine eigene Katze mit ins Pflegeheim genommen, nur damit ich nicht ganz alleine bin.

Dann fiel mir auf, dass auch mein Vater dieselbe Strecke bei der Geburt und dem Tod meines Bruders fuhr. Auch er war verzweifelt. Die Kurven und Strassen wirken bei Verzweiflung und Todesangst endlos.

Ich bin so oft diese Strecke gefahren. Vorbei an Wängi, wo mein Bruder begraben liegt, nach Frauenfeld oder von Frauenfeld nach Wil. Mir scheint, als liesse sich an dieser Strecke meine Kindheit STück für Stück nachverfolgen.

Ich kehrte in meinem Lieblingskebab-Laden ein. Er liegt im Erdgeschoss des Hauses, wo meine Mutter bis fast zu ihrem Tod gelebt hat. Ich sass da und ass einen Dürüm. Mein Blick fiel auf Mutters Stammbeiz. Dort ist sie oft gesessen und hat ihr Tschumpeli getrunken.

Es scheint alles so fremd in Frauenfeld, so als wäre ich schon zehn Jahre fort. Vielleicht, so dachte ich in jenem Moment, lasse ich meine Mutter und meinen Bruder jetzt los. Sie bleiben in Frauenfeld, während ich davon, in die Berge ziehe. Mal sehen.

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Wie das so war.

Ich erinnere mich an den Bauch meiner Mutter, als sie meinen Bruder drinne hatte. Ich weiss noch genau, wie ich den Kopf hinhielt und seine Fusstritte spürte. Das war für mich ein wahres Wunder.
Ich freute mich so sehr, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeutete.

Den Tod meines Bruders bekam ich nur dunkel mit. Ich erinnere mich daran, dass von einem Moment auf den anderen Paula da stand und mich umarmte und weinte. Es war Nacht.
Das nächste, was ich wirklich klar vor meinen Augen sehe, ist meine Mutter, die in einem dunkelgrün gekachelten Badezimmer auf dem Klo sitzt und weint.

Meine Mutter erzählte mir danach, dass ich mit einem Bodenputzlumpen zu ihr hin marschiert sei und ihn ihr hingehalten habe mit den Worten: „Hör bitte auf zu regnen, Mami.“

Irgendwann wurde meine Mutter wieder schwanger.
Sie gebar meine kleine Schwester und ich begriff, dass sie ein Schatz war.
Für meine Eltern war sie ein Geschenk des Himmels, vom lieben Gott oder wem auch immer.
Für mich war sie ein seltsames, blondes blauäugiges Wesen.

Ich war vier Jahre älter als meine Schwester. Vier Jahre sind sehr viel.
Für mich war Sven immer präsent, aber sie hat ihn nie erlebt.
Trotzdem musste meine Schwester die Erinnerungen an ihn ertragen.

Meine Mutter hat mehr als einmal zu meiner Schwester gesagt:
„Für mich bist du zwei Kinder!“
Nur meine Schwester allein kann ermessen, was das für ihr Leben bedeutete.

Ich schreibe dies im Gedanken an meine Schwester, die ich sehr vermisse, weil ich sie viel zu selten sehe. Aber: sie lebt. Und das ist das wichtigste von allem.