Jahresrückblick 2015

Der Anfang des Jahres verlief sehr turbulent. Wir hatten mit sehr viel Schnee beim Umzug zu kämpfen. Gleichzeitig investierten wir alle freien Tage in die Renovation unserer wichtigsten Wohnräume. Das Schlafzimmer und unsere Bureaus haben wir frisch gestrichen.

Kurz vor dem Umzug renovierte unser Schreiner schliesslich mein Bureau. Da war nämlich der Boden durchgebrochen. Überglücklich konnte ich am Vorabend der grossen Zügelei mein Bureau anschauen. Wir zogen am kältesten Tag um. Es war furchtbar!

Nach fast 18 Jahren in Wellhausen am selben Ort mit meinen geliebten Nachbarn verliess ich den Thurgau. Es hat mich fast zerrissen. Ich war sehr traurig, weil nun alles werden sollte. Umziehen ist etwas, was ich nicht mehr tun will. Ich hoffe, ich sterbe als alte Frau in diesem meinem Haus.

Dann lebten wir uns langsam im Toggenburg ein. Zuerst haute es mich um. Ich wurde sehr krank, litt unter Fieber und Hustenanfällen. Die Last der vergangenen Monate zeigte sich nun. Ostern lag ich flach.

Dann wurde es langsam wärmer und meine Lebensgeister erwachten von neuem! Ich stürzte mich in die Gartenarbeiten, pflanzte und schnitt und jätete. Ich grub neue Beete. In dieser Zeit stellte ich auch das Manuskript für „Demenz für Anfänger“ fertig. Ich war sehr stolz, als ich Omi Cover und schliesslich das fertige Buch überreichen konnte.

Anfangs Juli haben wir schliesslich den Keller ausgemistet und eine ganze Mulde voll Müll entsorgen lassen. Ein erhebendes Gefühl. Einige Tage später hat „unser“ Schreiner damit angefangen, den Vorratsraum zu renovieren.

An meinem Geburtstag schliesslich konnte ich mit meinen Freunden feiern. Es war zwar sehr heiss, aber es war unvergesslich schön, all jene Menschen in meine Arme zu schliessen, die in den vergangenen Monaten Jahren zu mir gehalten hatten.

Die Sommerferien haben wir mit dem Renovieren der Fensterläden und Gartenarbeiten verbracht. Es war ein tolles Gefühl, frühmorgens aufzustehen und zu malen und um 11Uhr schweissüberströmt Pause zu machen, später ins Sommerbeizli zu gehen und einen Peperoni-Lillet trinken zu gehen.

Die Begegnungen im Städtli haben mich sehr aufgestellt. Ich fühle mich sehr wohl, besonders unter den WWL.
Glücklich hat mich auch gemacht, dass ich mit meinen Freunden #modernistcuisine in unserer alten Küche durchführen konnte.

Der lange Herbst und der milde Winter im Toggenburg haben mir gut getan. Ich geniesse die vielen Sonnenstunden und bin manchmal fast etwas traurig, wenn ich runter in den Nebel fahren muss. Trotzdem mag ich die Pendlerei, denn die Sonnenaufgänge, die Thurgauer Landschaft im Frühling und die Berge in voller Pracht machen mich bei jeder Fahrt glücklich.

Dass so viele Menschen an meinen Adventsfensterabend kamen, war für mich ebenfalls ein Highlight. Es ist ein schönes Gefühl, nicht alleine zu sein und zu wissen, dass das Haus jetzt wieder belebt ist.

Alles in allem war es ein wunderschönes Jahr 2015 und ich bin dankbar dafür, dass ich hier im Haus im Toggenburg leben darf.

Unser Jahr im Haus 2015

Vor ziemlich genau einem Jahr begannen Sascha und ich mit dem Bezug und Umbau des Hauses. Alle meine freien Tage im Dezember haben wir dazu verwendet, unsere Bureaus zu renovieren und zu streichen. Sascha verwandelte das rosa Schlafzimmer meiner Urgrosseltern in seinen Arbeitsplatz. Das war harte Arbeit. Er strich die rosa Decke und die Einbauschränke in beruhigendes Weiss um.

Ich hingegen machte mich an mein Atelier. Das war der lädierteste Raum im ganzen Haus. Er war grösstenteils schimmelig, zu feucht, dunkel, voller Müll. Wir haben ihn langsam geleert und den untersten Boden hervor geholt. Ich schliff mit der Schleifmaschine die ganzen türkisfarbenen Wände ab. Schliesslich strich auch ich die Wände weiss. Die Türe liess ich. Sie ist derart verbraucht, dass sie schon wieder wunderschön ist. Beim letzten Quadratmeter stürzte unter mir der Boden ein. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Haus 176 Jahre auf dem Buckel hat. Die Bretter waren morsch. Über die Festtage konnten wir schliesslich nicht mehr an diesem Zimmer arbeiten und warteten, bis unser Schreiner Zeit hatte. Er entfernte nicht nur die Bretter und setzte Feuchtigkeitssperren ein, nein. Er entnahm dem Boden auch noch riesige Steine, auf denen man damals die Bretter gelegt hatte. Sie liegen nun im Garten und sehen täglich die Sonne.

Wenige Tage vor unserem Umzug im Februar war das Atelier fertig umgebaut. Der ursprüngliche Charme von Uropas Werkstatt ist geblieben.

Nach dem Umzug haben wir hauptsächlich entrümpelt. Wir sind noch immer nicht ganz fertig, weil wir immer wieder Dinge finden, die weg müssen. Aber wenigstens haben wir aussortiert. Wir wissen jetzt, wieviele Gartengeräte wir besitzen, wieviel Werkzeug und wieviel Eimer. (12!)

Der Frühling war beherrscht von den Gartenarbeiten. Unser Rasenmäher stellte sich als ziemlich zickig heraus, aber nach einem Besuch beim Rasenmäherdoktor tut er jetzt brav seinen Dienst. Es macht mir grosse Freude, den Rasen zu mähen. Es ist eine harte, laute, aber auch genaue Arbeit.

Im Sommer durften wir erste Früchte aus dem selber gegrabenen Garten ernten. Omi hat ja damals den ganzen Garten einfrieden lassen. Ich hab im Sommer mit Schaufel und Harke wieder neue Beete ausgehoben. Dank der Feuchtigkeit aufgrund des Bergdrucks wuchs so ziemlich alles hervorragend. Die Johannisbeeren haben sich ebenfalls wunderbar entwickelt. Ihnen haben die Schnitte der vergangenen zwei Jahre gut getan. Das Haus hat uns in der heissesten Jahreszeit gekühlt. Der Keller war wunderbar kalt, so dass ich mich gerne zurückgezogen habe, wenn es draussen unerträglich war.

Unser Haus hat frisch gestrichene Läden, die wir in den Sommerferien bearbeitet und gemalt haben. Sie leuchten jetzt in einem wunderbaren Grün. Das Haus strahlt.

Die Linde hat im Herbst ihr wunderschönes Kleid abgeworfen. Viele Singvögel waren unsere Gäste. Ihnen zuliebe hängen Körnerkugeln und Vogelhäuschen, auf dass sie sich in unserem verzauberten Garten niederlassen und uns mit Gesang und Gestreite erfreuen.

Die Jahreszeiten sind wie im Fluge an uns vorübergezogen und ich kann kaum glauben, dass wir bald ein Jahr hier wohnen. Das Haus macht mich glücklich.

Gartenglück

Fast genau sieben Monate nach unserem Einzug ins Haus sehen die Gartenbeete so aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Rasen ist gemäht, denn der Rasenmäher ist (endlich) geflickt. Der Rasenmähermechaniker im Nachbardorf hat meinen roten Blitz repariert.

Ich habe bemerkt, wie gerne ich mähe. Die ebenen Flächen sind so schnell gemacht. Aber da der grösste Teil des Grundstücks uneben, beziehungsweise recht steil ist, musste ich mich entscheiden, was ich wirklich anfangen will.

Hinter dem Haus steht die Linde. Unter ihren Ästen leben Vögel, Käfer und Blindschleichen. Diesen Lebensraum will ich bewahren. Die Wiese vor dem Haus mähe ich ab. Unterhalb der Tanne wachsen viele mir noch unbekannte Pflanzen. Diese möchte ich bewahren. Das Gelände ist so steil, dass ich hier nur mit der Sense mähen kann.

Das Beet längs des Weges ist nun auch umgegraben. Es kostete mich viel Zeit und Energie. Aber es hat sich gelohnt. Hier wo einst Uroma Röös‘ Beet stand, ist nun ein neues entstanden. Ich habe Rosenstöcke, Bambus, Gräser und Steinwurz gepflanzt. Heute nun wurde ich fertig. Ich wollte gerade meine Handschuhe ausziehen, als ich vor meinen Füssen etwas Silbernes erblickte. Ein Kruzifix.

Es muss Omi Paula gehören. Ich besitze keines und ich bezweifle, dass eines, das Röös gehörte, so unbeschadet seit über dreissig Jahre hier herum liegen würde. Für einen Moment lang stehe ich wie versteinert da. Omi hat so lange ihr Kettchen gesucht. Verzweifelt. Könnte sein, dass ich es jetzt und heute gefunden habe?

 

InstagramKruzifix

Die Gärten meiner Familie

Er bestand viele Jahre, der Garten ums Haus herum. Meine Urgrossmutter hat darin Tulpen gehegt. Omi Paula liebte Bohnen, Tomaten und Erdbeeren. Sie hatte einen grünen Daumen. Unter ihren Händen wuchs alles.

Als Omi älter wurde, vermochte sie nicht mehr für den Garten zu schauen. Sie fragte mich oft, ob ich nicht helfen könnte. Doch wie sollte ich das tun? Ich lebte eine Stunde von ihr entfernt und arbeitete in einem Job mit unregelmässigen Arbeitszeiten.

Es war schwer für mich und ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr hier nicht helfen konnte. Damals wars gar kein Thema, dass ich einmal ihr Haus kaufen würde. Für Omi war immer klar, sie stirbt in diesem Haus und ich muss dann halt schauen.

Nun ist es anders gekommen. Der Garten ist platt.
Ich stehe vor der Aufgabe, die Fläche neu zu bepflanzen und mir überhaupt zu überlegen, was ich tun will.

Gestern fing ich an, die Fläche am Wegrand umzugraben. Es ist harte Arbeit. Doch jetzt, wo die Hitze wieder verschwunden ist, lässt sich auch Schaufeln und Jäten an der prallen Sonne aushalten.

Es ist ein seltsames Gefühl. Ich stehe im Garten meiner Vorfahren und grabe um, wie vor vielen Jahren andere Menschen vor mir. Es macht mich klein. Ich bin 38, das Haus 176 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater einst im Thurgau einen Garten mit seinen eigenen Händen umgegraben und geschaffen hat. Ich war noch ein Kind, aber ich begriff, dass ein Garten mehr als Erde und Samen ist. Ein Garten ist ein Werk desjenigen, der sich die Mühe nimmt, sich mit dem Boden auseinanderzusetzen.

Röös vor dem Haus

Röös in ihrem Garten

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Paula in ihrem Garten in Sirnach um 1970

mein erster Garten

mein erster Garten ca 1988

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Der Garten meines Vaters im Thurgau ca 1999

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Omi in ihrem Garten im Toggenburg ca 1999

 

 

Zaubergarten

Anfangs bereute ich es, dass Omi den Garten umgraben liess und jetzt überall Wiesen sind. Einen neuen Garten zu graben ist eine anstrengende Sache. Ich fing klein an. Der Kräutergarten ist eine wahre Freude und ich liebe es, wenn ich frischen Peterli oder Schnittlauch schneiden gehen kann.

Omis Entscheidung, den alten Garten dem Erdboden gleichzumachen, eröffnet mir aber neue Chancen. Unser Grundstück wird von vielen Tieren besucht: da ist ein Fuchs, Amseln, Blaumeisen, Bachstelzen, ein Specht, Elstern, Krähen und sogar ein Wacholderdrosselpärchen. Es gibt unzählige Schmetterlinge und wildwachsende Pflanzen, die ich so noch nirgends gesehen habe.

Ich habe die Möglichkeit, nun meinen eigenen Zaubergarten zu erschaffen. Ich möchte keinen perfekten Rasen, sondern einen Lebensraum für Tiere schaffen. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die den Garten betreten, sich an einem Ort wähnen, wo Natur und Kunst sich treffen. Es soll farbig und lebendig sein. Ich wünsche mir einen Garten, wie ihn Uroma Röös hatte.

Ein Anfang ist gemacht.

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Henri vor dem Haus

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Röös

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der verschwundene Garten mit der Tulpenwolke

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ein bescheidener Anfang im Frühling 2015

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Trost im Garten

Unser grosser Garten gedeiht und gibt viel Arbeit. Langsam schaffe ich es, ihn in ein buntes Blumenparadies zu verwandeln. Die alten Eternitkästen sind mit Geranien und Tagetes bepflanzt. Omis Rosenstöcke versprechen ebenfalls viele Blüten. Der selbstgebastelte Gemüsegarten aus Ziegeln kommt ebenfalls gut, jetzt, nachdem die Schnecken vertrieben sind.

Heute habe ich schliesslich die Johannisbeerstauden verpackt, um sie vor den Vögeln zu schützen. Als „Opfergabe“ habe ich allerdings eine Futterstelle und Meisenkugeln aufgehängt. Schliesslich soll auch die Katze von ihrem „Beobachtungsposten“ aus was zum Schauen haben.

Es ist seltsam: selbst wenn ich müde und traurig bin, die Arbeit im Garten stellt mich rasch wieder auf. Das Grün, die vielen Farben, die Weinbergschnecken und heute die Begegnung mit einer Blindschleiche bereiten mir Freude.

Die Linde sorgt für Schatten hinter dem Haus. Sie ist gross und wenn man unter ihr sitzt, hört man Rauschen, so als wäre man am Meer. In ihren Ästen sitzen Kohlmeisen. Ich liebe ihr munteres Gezwitscher. Amsel haben sich ebenfalls bei uns eingenistet. Sie werden immer frecher und lieben es, am Haus vorbei zu segeln. Oberhalb unseres Hauses lebt ein Krähenpaar. Ihr Rufen beantworte ich jeweils mit einem lauten „Kraah“.

Bei alledem, was schön ist, fehlen mir die Gespräche mit Omi. Gerade jetzt, wo ich so viel erlebe, so viel zu erzählen hätte, kann ich ihr das nicht erzählen. Es würde sie verwirren.

Erste Tulpen und Scherben aus Ton

Es ist Ende April und seit gestern Sonntag blüht die erste Tulpe. Ich weiss nicht, wie alt die Tulpen auf unserer Wiese sind. Ich habe sie nicht gesetzt.

Auf Bildern aus den 60ern leuchtet die ganze Wiese voller roter und gelber Tulpen. Später haben meine Urgrosseltern einen Garten auf der Wiese bestellt. Omi hat nach deren Tod jahrelang Bohnen und Erdbeeren gepflanzt. Ich wundere mich heute noch, dass im Toggenburg Erdbeeren gewachsen sind.

Heute wachsen auf der Wiese, die früher ein Garten und vorher eine Wiese war, wieder Tulpen. Wie sie dahin gekommen sind, weiss ich nicht.

Wir versuchen, ein erstes Gartenbeet anzulegen. Ich möchte einen kleinen Kräutergarten schaffen. Im Keller finde ich grosse Ziegel. Ich fange an, an der alten Mauer, eine tiefe Kerbe zu graben. Hämmere die Ziegel rein. Grabe die Erde um. Schaufle Steine raus. Nach einer Stunde kann ich die neue Erde in das Beet leeren und die Kräuter einpflanzen.

Mir fällt auf, dass unser ganzes Grundstück von Ziegelstücken übersät ist. Ich finde sie in allen Farben: rot, dunkelrot, braun, weiss, orange, beige. Ich bin neugierig. Zu gerne möchte ich wissen, wie die Gegend früher aussah.

Im Keller finde ich Gartenutensilien. Omi hat sie hier vor vielen Jahren fein säuberlich versorgt. Tontöpfe in allen Grössen. Gartenwerkzeug. Rechen. Schaufeln.

Soweit ich mich zurück erinnere, hatte Omi immer einen Garten. Jetzt hab ich endlich auch einen.

Gartenglück

Bei milden Temperaturen machten wir uns heute daran, einen Haufen alter Äste abzutragen, die hinter dem Waschbärenstall lagen. Im letzten Jahr haben wir so viele Äste geschnitten, dass man die bald einmal zum Anfeuern brauchen kann.

Der Komposthaufen war ebenfalls ein Sorgenkind.
Leider hat Omi einen Teil ihres Mülls darin entsorgt. Langsam haben Sascha und ich den Haufen abgetragen und die halb verrotteten Plastikteile entsorgt.

Der alte Hühnerstall war ebenfalls zugestellt mit allerlei Gerümpel. Jede Menge behandeltes Holz stand herum. Wir müssen dies, nicht ganz billig, entsorgen. Sascha räumte den Stall aus und wischte ihn. Als Spinnenphobikerin bin ich froh, dass er diesen Part übernommen hat. Dass er dann am niedrigen Balken noch den Kopf angeschlagen hat, trug nicht zu seiner guten Laune bei. Am eigenen Leib bekommt er zu spüren, dass die Menschen noch vor zwei Generationen wesentlich kleiner waren als heute. Zumindest in meiner Familie und im Toggenburg.

Das Gefühl, im langsam erwachenden Garten zu arbeiten, ist grossartig. Ich weiss, was ich anpflanzen will und wo. Ich weiss, was wir noch alles entsorgen müssen. Ich lese den Müll zusammen, den ich auf dem Grundstück finde. Es ist nicht wenig.

Über unserem Haus kräht einer unserer Nachbarn. Es ist eine Krähe. Er scheint uns neugierig zuzuschauen, was wir da unten treiben. Ich hoffe, er findet bald einmal den Weg in unseren Garten.

Als ich am Bach stehe, muss ich an Uromi Röös denken. Unter ihren Händen verwandelte sich der Garten in eine riesige Tulpenwiese. Ich hoffe, dass sich auch mir das Gartenglück erschliessen wird.

Frühlingsgefühle

Der Schnee ist abgetaut. Rund ums Haus spriessen die Knospen. Die Primeln im Garten strecken schüchtern ihre Köpfe aus dem Boden. Die Schneeglöckchen recken sich mutig aus dem Schnee. Frühling. Endlich!

Ein Amselmännchen sitzt auf dem Zaun und schaut neugierig auf unser Haus. Mittlerweile streifen drei paarungswillige Kater ums Haus und ersuchen unsere Katze Dreizehntel (13 Jahre alt!) um ihre Gunst. Auch in ihre Glieder scheint der Frühling gefahren zu sein. Sie springt und hüpft und maunzt wie eine junge Katze.

Als nächstes habe ich vor, unseren nicht-existenten Garten zu bepflanzen, beziehungsweise die Pflanzen in Töpfen zu ziehen. Dort, wo nämlich die Beete entstehen sollen, ist im Moment rein gar nichts ausser Wiese. Ich bemerke, wie sehr mir die Sonne gefehlt hat. Im Gegensatz zum Thurgau scheint im Toggenburg die Sonne öfters. Es ist hell, obwohl es kühl ist. Sogar die Luft schmeckt nach Holz und Bergen.

Ich werde mich überwinden müssen, im dunklen Keller nach Töpfen zu suchen. Meine Angst vor Spinnen ist nämlich (noch) nicht weg. Alles ist noch immer so, wie Opi Walter es verlassen hat. Es kostet mich Überwindung, Veränderung einzubringen.

Als ich Omi letzten Freitag besuchte, meinte sie, sie freue sich, mich in meinem Haus besuchen zu dürfen. Dann fragte sie, wo ich jetzt wohne. Ich nannte ihr die Adresse. Sie schaute mich lange und nachdenklich an. Dann entgegnete sie:
„Dort lebst du also. Ich kannte mal jemanden, der auch dort gelebt hat.“
Was sollte ich sagen?
„Ich bin neugierig, wie es jetzt aussieht“, sagte sie schliesslich, „die Zeit verändert alles. Nur die Liebe bleibt.“

Gartenarbeiten

Ein Blick in meine Agenda genügt. Ich werde wenig Zeit in den nächsten Wochen haben. Das Haus und der Garten rufen aber. Die Bäume und Büsche wollen geschnitten werden. Besonders der uralte Goldregen hats nötig.

So stehe ich im eisigen Nieselregen da und schneide. Ein seltsames Gefühl. Das Haus wirkt einsam, der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Doch zum ersten Mal seit Paulas Heimeintritt empfinde ich grosse Freude, wenn ich zu ihrem Haus gehe.

Ich möchte es kaufen und vor meinem geistigen Auge sehe ich den Gemüsegarten, die Johannisbeerplantage, die Terrasse im Sommer. Ich hole die Säge aus dem Kellerabteil, wo mein Büro entstehen soll. Dann schneide ich den Goldregen zu.

Meine Gedanken wandern zu meinem Urgrossvater, der hier Waschbären gezüchtet hat. Was würde er wohl sagen, wenn er mich sähe? Der Goldregen steht neben dem kleinen Stall. Inzwischen ist das Beet überwachsen. Hier lagen einst grosse Steine, auf denen im Hochsommer die Eidechsen ihr Sonnenbad genossen.

Ich schaue auf die Kellertür. Mein Grossvater verbrachte einen grossen Teil seiner letzten Jahre in diesem Keller. Hier hörte er Radio, trank seinen Rosé, rauchte und sägte Holz.

Mir wird mit einem Mal bewusst, wie sehr ich mit dem Haus und seinen ehemaligen Bewohnern verstrickt bin. Ich schaue auf den Bach, der am Haus vorbei fliesst. Wenn es jeweils stark regnet, schwillt er an. mehr als einmal trat er über die Kanalmauern. Aber den Keller meiner Grosseltern hat er offenbar nie überschwemmt.

Hier an diesem Ort verbrachte ich meine Schulferien. Es ist der Ort, wo ich immer glücklich war. Ich liebe dieses Haus, seine Bäume, die Wiese und den Bach so sehr. Vielleicht gehört es im Sommer schon mir. Dann wäre ich eine sehr glückliche Frau.

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Das Haus von hinten.

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Das alte Tor ist zerfallen. Die Katzen streichen gerne dort herum.

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Paula liebte es, Steine auf Schächten zu deponieren.

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Die Kellertüre.

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Mitten im Gelände steht dieser Baum.

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Der Waschbärenstall.

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Das Haus.

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Der alte Goldregen