Zwei Erinnerungen auf Fotofilm

Es gibt zwei Erinnerungen an Omi, bei denen ich immer auch bei schlechtester Laune sofort lächeln muss, sobald ich die jeweiligen Fotografien ansehe.

In der ersten Erinnerung sitze ich auf Omis Knien. Sie trägt ein gutes Kleid und füttert mich mit Süssigkeiten. Sie tut es mit den Händen. Lächelt mich glücklich an. Ich fühle mich offenbar wohl. Ich spiele gerne an den Knöpfen ihres Kleids herum, versuchte wohl, alle in die gleiche Richtung zu drehen. Wenn ich Fotos von damals ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass wir wie Mutter und Kind sind. Ich besitze kein einziges Bild, das mich so mit meiner eigenen Mutter in dieser Innigkeit zeigt.

 

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In der zweiten Erinnerung bin ich schon grösser. Wann immer ich zu Omi kam, ganz egal, ob es in den 80ern, den 90ern oder bis vor wenigen Jahren war: Omi war immer dabei, Wäsche aufzuhängen. Ich glaube, dass diese Tätigkeit ihr Sicherheit gab. Ich weiss gar nicht, ob sie auch saubere Wäsche gewaschen hat. Sie mochte es einfach. Sie konnte die Stücke so perfekt befestigen, dass sie sie nachher nicht einmal mehr bügeln musste. Denn das hat sie nämlich gehasst.

Der Geruch von Comfort ist noch immer in meiner Nase. Der Wind weht zwischen den Leintüchern, der Unterwäsche und den Strümpfen hindurch.

Heute habe ich Wäsche auf unserer Terrasse aufgehängt. Wir haben sie „Acapulco“ getauft, weil es hier im Sommer sehr heiß ist. Ich hab den Eindruck, als Omi jeden Moment um die Ecke kommen könnte. Bemerkenswert ist hierbei, wie oft Omi beim Wäsche aufhängen fotografiert wurde.

 

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Die Wahrheit über Röteli

Der gestrige Nachmittag war ein besonderer.
Ich lernte in einem Café viele Leute meiner Stadt kennen, unter ihnen die Besitzerin und den Besitzer von Paulas langjähriger Gast-Katze Röteli. Ich hatte etwas Respekt vor dieser Begegnung, weil ich nicht wusste, ob Rötelis Besitzer sauer auf Omi Paula waren. Schliesslich hatte Omi, als sie alleine im Haus lebte und ihre Demenzerkrankung weiter fortschritt, verschiedenste Katzen gefüttert.

Meine Angst war jedoch unbegründet. Es hat mich gerührt, dass es für das Paar keine Sache war, dass Omi ihre Katze gefüttert hat. Das hat mich sehr erleichtert.

Bei der Gelegenheit und dem tollen Gespräch erfuhr ich unter
anderem, dass „Röteli“ kein Männchen, sondern ein zehnjähriges Weibchen ist und in Wirklichkeit „Janis“ heisst. Ich zeigte den beiden Photos von Paulas Katzenbettchen aus diesem Blog. Und: ich konnte endlich danke sagen, dass Janis meiner Oma so viel Freude bereitet hat.

 

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Düster stimmt mich, dass in Lichtensteig aktuell fast zwanzig Katzen spurlos verschwunden sind. Viele Menschen hier haben ihr liebes Haustier verloren, wissen nicht, was mit ihm passiert ist. Ich hoffe, das klärt sich rasch auf.

Etwas über soziale Kontrolle und Ignoranz

Gestern ging ich bei uns im Ort in einen der Läden und kaufte fürs Wochenende ein. Das Tolle an kleinen Geschäften ist ja, dass frau sofort erkannt wird. Das passierte auch mir.

So wussten die beiden Damen hinter der Theke sofort, dass ich „da unten“ wohne und das Haus von Paula gekauft hatte. Auch dass ich die Enkelin von Paula bin, war ihnen bekannt. Schliesslich hatte ich eine Woche zuvor mit der einen Dame sehr nett geplaudert. Die andere Verkäuferin fragte mich gradeaus und ohne Hemmungen, ob Omi denn noch lebe. Ich nickte. Dann fragte sie, ob sie im Pflegeheim X sei. Ich verneinte.

Schliesslich konfrontierte sie mich damit, dass Oma alle Katzen angefüttert habe. Ich schüttelte den Kopf. „Alle“ ist nämlich ein weiter Begriff. Soweit ich mich erinnerte, habe ich immer nur Röteli und Simeli gesehen. „Den roten Kater hat sie sogar in ihr Haus gelassen. Der geht jetzt nicht mehr zu seinen Besitzern. Jetzt muss ich mich um ihn kümmern. Es wäre gut, wenn Sie ihn nicht mehr füttern.“

Nun ja, ich bemerkte, wie ich langsam sauer wurde. Hier geschah gerade Omi (und auch mir) Unrecht. Ich sagte der Dame klar, dass Omi demenzkrank gewesen sei und nicht mehr gewusst habe, ob das wirklich ihre Katze sei. Die Dame schien nicht überrascht. Schliesslich wohne sie ja in der Nähe von Omis Haus und habe schon bemerkt, dass Omi älter wurde. Dann sagte ich, dass wir keine fremden Katzen füttern, da wir eine eigene haben.

Zum Glück betrat ein älterer Herr den Laden. Die Dame redete aber weiter über Omi. Der Herr lächelte mich freundlich an und meinte: „Ja, die Frau X. kannte ich gut.“ Er erzählte mir, dass er die Vorbesitzerin, die das Haus an meine Urgrosseltern verkauft habe, ebenfalls sehr gut gekannt habe. Sie sei die Grossmutter seines besten Freundes gewesen. Er und sein Freund hätten oft ums Haus herum gespielt. Ich war gerührt. Dieser über 80jährige Mann erinnerte sich gerade strahlend an seine Kindheit. Ich entspannte mich wieder etwas und verabschiedete mich von den Leuten.

Trotz allem bin ich etwas bitter. Da waren in ihrer Nachbarschaft offenbar mehrere Menschen, die bemerkt haben, dass Omi sich verändert hatte. Doch anstatt mal nachzufragen oder ihr Hilfe anzubieten, zerrissen sich diese Leute lieber ihr Mund über ihre Marotten.