Grosswerden

„Irgendwann wirst du gross werden“, pflegten meine Eltern zu sagen.
Da war ich noch ein Kind und konnte es mir nicht vorstellen, wie es ist, kein Kind mehr zu sein.

Das Schlimmste, was ich mir damals vorstellen konnte, war, meine Eltern oder meine Grosseltern zu verlieren. Ich dachte: Das ist das Ende der Welt. Du wirst nie mehr aufhören können zu weinen.

Ich dachte, wenn der Tod meines kleinen Bruders schon so schrecklich war, und der hat ja nur drei Tage lang gelebt, wird es noch viel schlimmer werden, wenn meine Eltern nicht mehr da sind.

Ich war 19, als Opi starb. Das war schlimm.
Mit 30 verlor ich meine Mutter. Das war sehr schlimm.
Ich war 39, als Omi starb. Das war schlimm, aber auch ok.

Die eigenen Eltern leiden und altern zu sehen, ist schrecklich. Man fühlt sich ohnmächtig. Es gibt wenig Trost und schon gar keine guten Ratschläge.
Zuhören ist eine Sache, die man tun kann.
Das Leiden aushalten eine andere.

Manchmal denke ich: Es ist schon sehr spannend, warum ich diesen meinen Beruf, den ich seit bald 20 Jahren ausübe, gewählt habe. Mein Vater sagte oft, dass eine körperliche Behinderung eines eigenen Kindes für ihn ganz schlimme Sache sei.

Ich bin diesbezüglich nicht abgestumpft, sondern pragmatisch geworden.
Ich tue, was ich kann für meine betreuten Menschen. Meine Kenntnisse, die beileibe nicht grossartig sind, helfen mir bei der Bewältigung des gemeinsamen Alltags. Ich schätze die Erfahrungen, die ich täglich mache und ich kann sagen, dass sie mich glücklich machen.

In der Begegnung in der eigenen Familie ist das anders.
Leiden macht mich unglücklich und ich spüre meine Ohnmacht sehr.
Ich will helfen und trösten und etwas tun, damit alles wieder gut wird.
In diesen Beziehungen bin ich noch immer kindlich und wünschte mir, ich könnte mit einem Kuss oder Trösten Tränen und Leiden wegwischen. Und der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ ist zwar doof, aber leider stimmt er.

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Feiertag

Morgen ist der 2. September. Meine Mutter würde ihren 67sten Geburtstag feiern. Sie ist vor fast elf Jahren verstorben.

Wir feierten ihren 56. Geburtstag, wenige Wochen vor ihrem Tod 2007 im Spital. Mami und ich wussten beide, dass es ihr letzter Geburtstag werden würde. Omi Paula kam ebenfalls vorbei und wir feierten, so gut wir konnten. Wir stiessen an mit Traubensaft und Kreuzwortheften. Ich war gerade erst 30 Jahre alt geworden und wusste nicht, was mich erwarten würde. Rückblickend war das vielleicht etwas naiv. Ich fühlte mich sehr alt. Heute weiss ich, dass ich damals gar nichts wusste und erst recht nicht heute.

Meine Beziehung zum Sterben hat sich seit meiner Geburt langsam vertieft. Der Tod meines Bruders, das Sterben meiner alten Urgrosseltern und meines Opas, Mamis qualvolle letzte Monate und schliesslich Omi Paulas friedlicher letzter Gang haben mich geprägt. Sterben ist die natürliche Antwort aufs Leben. Es ist die letzte Feier vor dem Ende. Doch vor dem Tod steht das Leben.

Das durfte ich in jenen drei Monaten mit meiner Mutter erfahren: Trotz des langsamen Sterbens feierte sie das Leben. Nie haben wir mehr gelacht. Nie schmeckte das Essen besser. Nie schien die Sonne heller als in jenen Tagen, als das Ende nahe war.

Dieses Gefühl wollte ich in mir behalten, erst recht nach ihrem Tod.
Darum mag ich morgen auch ihren Geburtstag feiern, denn ohne sie und meinen Vater gäbe es mich nicht.

Osterfest

Ich mag Ostern aus vielerlei Gründen. Als Kind hatte ich Angst vor dem am Kreuz hängenden Jesus. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum jemand einem Menschen sowas antut. Heute sehe ich da schon etwas klarer.

Ostern im Haus bedeutete für mich immer das Einläuten des Frühlings. Diese Jahreszeit liebe ich über alles. Ich kann es kaum erwarten, dass der Schnee schmilzt und die ersten Osterglocken, Narzissen und Schneeglöckchen ihre Köpfchen aus der Erde strecken.

Früher kochte Omi für uns alle und ich frage mich, wie sie es geschafft hat, dass so viele Menschen in die Küche passten und immer noch mehr Platz vorhanden war als heute. Das Essen war einfach; es gab Voressen mit Rüebli, weichgekochte Müscheli-Teigwaren, die auch Opa beissen konnte und am Schluss einen Glacéblock aus Schokolade. Für uns Kinder war dieses Essen ein Höhepunkt, besonders darum, weil wir alle, Omi, Opa, unsere Eltern und wir zusammen waren.

An Ostern kochte ich für meinen Vater und seine Frau, für Sascha und mich. Alle anderen sind nicht mehr da und an Ostern vermisse ich sie sehr. Auch wenn meine Mutter zehn Jahre tot ist und mein Opa über zwanzig Jahre, ihre Anwesenheit spüre ich noch immer in meinem Herzen.

Ich genoss es, mit Vater und Helene über den Garten, Vögel, Naturerlebnisse, Kochen und Stricken zu sprechen. Wir sollten viel mehr solche Tage miteinander verbringen, weil sie glücklich machen. Wir verlebten einen guten Mittag, dann marschierten wir an den Bahnhof, weil mein Vater sich wünschte, die Kunstausstellung über Walter Steiner zu besuchen.

Das war richtig schön und es machte mich glücklich, den fröhlichen Gesichtsausdruck meines Vaters zu sehen. Vielleicht ist es das, was für mich Familienfeste ausmacht: Man geniesst gemeinsame kurze Momente im Wissen, dass man irgendwann daran zurück denkt und froh ist, sie erlebt zu haben.

Als ich von zuhause wegging

Im Sommer 1993 begann ich mein Au-Pair-Jahr in Nyon. Ich weiss bis heute nicht genau, was mich dazu getrieben hat. Vielleicht war einer der Gründe, dass ich meine gewünschte Lehrstelle als Buchhändlerin nicht bekommen hatte. Stattdessen hatte ich für 1994 eine Zusage für die beste Lehrstelle der Welt in einer kleinen Frauenfelder Confiserie erhalten.

In der Sekundarschule war ich keine Leuchte in Französisch. Es fiel mir aufgrund verschiedenster Umstände schwer und ich fühlte mich ungenügend. Meine Liebe galt Deutsch. Von mir aus hätte es fünf Tage die Woche Deutsch- oder aber Geschichtsunterricht geben können. Ich wäre glücklich gewesen.

Der Entscheid, in die Romandie zu fahren, war ein Versuch, mich meinen Schwächen zu stellen. Unbewusst bin ich wohl auch vor meiner Mutter geflohen. Mitten in der Pubertät wollte ich nur noch weg von zuhause und mein Leben leben. Ich war 16 Jahre alt und fühlte mich bereit für die grosse weite Welt. In Nyon war ich nurmehr „la petite Thurgovienne“. Das gefiel mir nicht schlecht.

Ein Jahr lang lebte ich in einem kleinen Dorf bei Nyon, schaute für zwei Kinder, putzte ein wenig und ging zwei Mal pro Woche in den Französisch-Unterricht. Schon nach kurzer Zeit war mir klar, dass ich das Französisch-Diplom in Annemasse machen wollte. Monate des Übens lagen vor mir. Die Auseinandersetzung mit der Grammatik, der französischen Literatur und des französischen Films begeisterten mich. Meine Erfahrungen in der Sekundarschule waren mit einem Mal vergessen. Ich bemerkte, wie schnell ich lernen konnte und das machte mich stolz und glücklich.

Ich hielt intensiven Briefkontakt mit Omi Paula und meiner Mutter. Zur gleichen Zeit zerbrach die Ehe meiner Eltern. Als ich aus der Romandie zurückkehrte, war meine Mutter ausgezogen und mein Vater zog mit seiner Freundin zusammen. Zum ersten Mal erlebte ich ihn wirklich glücklich.

Ich aber tat mich anfangs schwer, mich wieder einzuleben. Ein Jahr lang hatte ich nur noch Französisch gesprochen, sogar auf Französisch geträumt. Zurück in der thurgauischen Pampa war alles anders. Ich konnte nicht mehr schreiben. Ich hatte mich meiner Familie entfremdet und fühlte mich als Aussenseiterin. Glücklicherweise konnte ich am 2. August 1994 meine Lehre beginnen, so dass sich schnell wieder alles zum Guten wandelte.

Alles ist vergänglich.

familienfoto (5)

Ich war knapp zwei Jahre alt, als dieses Bild vor unserem Haus im Toggenburg gemacht wurde. Es ist eines von vielen an jenem Tag.
Meine Urgrosseltern hatten einen Fotografen engagiert, der das Generationenfoto machen sollte.

Ganz vorne im Bild sitzt Heinrich, genannt Henri. Er ist zu diesem Zeitpunkt 90 Jahre alt. Hinter ihm, rechts, stehen Röös und der Hund. Henri war während des ersten Weltkriegs im Militär. Nach dem Krieg heiratet er Anna Aerne, bekommt mit ihr eine Tochter, Nelly, die jedoch 1922 stirbt. 1924 wird mein Opa Walter geboren.

Ich kenne Röös nur in diesem Pullover. Sie hat ihn sehr gerne getragen. Sie ist einige Jahre jünger als Henri und seine zweite Frau. Sie ist während des zweiten Weltkriegs quer durch Europa in den Osten mit ihrer Tochter geflohen. Der Mauerbau trennt sie schlussendlich von ihren Kindern, die in der DDR, in der Tschechoslowakei und Polen leben.

Links von ihr steht mein Opa Walter, Henris Sohn aus erster Ehe mit Anna Aerne. Er ist vor über 20 Jahren gestorben. Opa Walter hatte ein Herz für uns Kinder. Am liebsten sass er in seiner Werkstatt und sinnierte über Politik und Naturwissenschaften. In jüngeren Jahren war er ein leidenschaftlicher Musiker.

Meine Mutter Uschi steht neben Opa Walter. Sie ist schwanger mit meinem Bruder Sven. Noch im gleichen Jahr, 1979, wird sie ihn gebären und er wird kurz danach sterben. Es ist das einzige Foto von ihr, wo sie lächelt. Meine Mutter starb 2007.

Omi Paula steht neben ihrer Tochter Uschi. Sie blickt sehr ernst drein. Paula wird nach dem Tod meines Bruders meine Mutter in einem Brief bitten, ihr Leben nicht aufzugeben. Als sie spürt, dass meine Mutter das nicht kann, nimmt sie an ihrer statt die Rolle der Mutter für mich an. 2007 begleiten Omi und ich meine Mutter in den Tod. Einmal mehr erlebt eine Frau in dieser Familie den Verlust des eigenen Kindes. Omi Paula starb am 9. Januar 2017.

In der Mitte des Bildes kauert mein Vater. Er hält mich im Arm und beruhigt mich. Mir scheint, als beschützt er mich vor all jenen Dingen, die nun im Leben auf mich zukommen.

Ich mag dieses Bild mit meiner Familie drauf. Es gibt mir Kraft, weil ich spüre, woher ich komme. Aber es macht mich auch traurig, weil auf diesem Bild so viele meiner liebsten Menschen nicht mehr da sind.

Leitsätze

In jeder Familie gibt es mehr oder weniger offen deklarierte Leitsätze. In der Familie meiner Mutter war dies: „Wirf nichts weg!“

Ich bin mittlerweile das schwarze Schaf der noch verbleibenden Familie. Ich schmeisse viel weg. Ich hab den Haushalt meiner Mutter aufgelöst und den meiner Omi. Ich bin stolz auf mich.

Von meinen Kindheits-Spielsachen mag ich mich nur schwer trennen. Noch verstehe ich nicht, warum dies so ist. Ich werde ja nie Kinder haben und wohl auch schwerlich mit den Spielsachen spielen. Vielleicht kommt das mit der Zeit, dass ich die Kindheit loslassen kann.

Von Omis Sachen konnte ich mich gut trennen, obwohl gerade sie mir immer wieder und bis fast am Schluss eingebläut hat: Schmeiss nichts weg!

Ich habe mich von all den Zetteln getrennt, die mit ihrer Schrift vollgekritzelt waren. Auf vielen dieser Zettel stand: „Paula, erinnere dich! Du darfst nicht vergessen!“ Ihre legendäre Einkaufstütensammlung ist ebenso im Müll wie all die Bettelbriefe von katholischen Organisationen (ein grosses Fuck you an all jene, die demenzkranke Menschen mit sowas zumüllen!)

Ich trennte mich von Mamis Sachen. Dem Nippes. Von all den hässlichen Figürchen, die sie so geliebt hat und die ihr bis fast am Ende ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.

Marie Kondos Bücher haben mich auf diesem Weg die letzten paar Jahre begleitet. Vieles verstehe ich nun besser. Das Wegwerfen fiel immer leichter, aber der Weg geht noch weiter. Das Ziel ist doch wohl, wenn man selber stirbt, nicht mehr viel von einem übrig bleibt, nicht wahr?

Weihnachten in der Familie

Weihnachten ist für mich das Fest der Familie. Es gibt Geschenke. Gutes Essen. An Weihnachten sind alle Streite geschlichtet, alle haben sich gern.

In meiner Familie ist das nicht anders. Sascha, mein Vater und seine Frau und ich. Wir beschenken uns. Wir essen gemeinsam. Da wir nicht miteinander streiten, gibts auch keine Differenzen zu bereinigen. Es ist einfach friedlich. Für mich ist Weihnachten aber das Fest, wo ich an jene denke, die nicht mehr da sind und die fehlen.

Vor 20 Jahren feierte ich das letzte Mal Weihnachten mit meinem Opa. Am 7. Januar 1997 starb er mit 72 Jahren. Seine freundliche Art, seine Begeisterung für Musik und sein grosses Interesse an Politik und dem Weltgeschehen fehlt mir sehr. Zu gerne würde ich mit ihm darüber sprechen, wie sich die Welt in den 20 Jahren, wo er nicht mehr bei mir ist, verändert hat.

Meine Mutter fehlt mir auch sehr, denn ihre Art Weihnachten zu feiern, hat mich dann doch sehr geprägt. Ihre geschmückten Christbäume waren bunt und mit Schokolade behängt. Sie liebte Geschenke und Deko.

Mit Omi feiere ich im Pflegeheim.
Wobei jetzt alles anders ist als früher. Omi ist oft müde und erkennt mich nicht mehr. Ich kann sie nicht mehr einfach umarmen und küssen, so wie früher. Auch reden können wir nicht mehr miteinander. Ich streichle ihre Hand, so wie ich es früher immer getan habe.

Man hat mir gesagt, im Herzen erkennt sie mich noch. Aber das tröstet mich nicht in meiner Realität. Denn an Weihnachten, wenn sich alle umarmen und glücklich sind, ist mir mein Verlust noch bewusster. Es tut furchtbar weh.