Vom Glück des Älterwerdens

Vor einigen Tagen las ich einen Beitrag im inspirierenden Blog von Jrene Rolli. Das Glück vom Erwachsenwerden. Der Text hat mich die letzten Tage über eng begleitet.

Als ich 30 Jahre alt wurde, dachte ich: Deine Kindheit und deine Pubertät hast du überlebt. Die Narben sind sichtbar. Jetzt kanns nur noch besser kommen. Eine Woche nach meinem 30sten Geburtstag kam meine Mutter ins Spital. Ihr blieben drei Monate.

Ich bin nun fast 38 Jahre alt. Ihr Tod ist bald acht Jahre her. Ich fühle mich zwar jünger, doch die Zeichen der Zeit sind sichtbar. Der Tod meiner Mutter hat mich mehr mitgenommen, als ich zunächst zugeben wollte.

Dennoch bin ich dankbar für diese Zeit. Anteilnehmen am Leben und am Sterben eines Menschen, verzehrt Energie, gibt aber auch neue Kraft. Nie werde ich die Worte meiner Mutter im Pflegeheim vergessen: „Lebe!“ oder „Kleide dich in Farben. Trag nicht immer Schwarz!“ oder „Geniess dein Leben. Du hast nur dieses eine!“

Meine Mutter hat das Leben geliebt. Dank ihr hab ich meines bekommen. Die Begleitung ihrer letzten Wochen hat mein eigenes Leben intensiviert. Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf, sozusagen.

Nach ihrem Tod war ich am Boden zerstört. Ich musste lernen, meine Trauer zuzulassen. Zu weinen. Über meine eigenen Grenzen zu sprechen.

Ihr Sterben hat mich sensibilisiert für die Lebenssituationen anderer Menschen. Ich spüre heute sehr viel besser, wie es anderen geht, gerade in Trauersituationen, weil ich selber die Sprachlosigkeit und die Verzweiflung erlebt habe. Sätze wie „es ist nicht so schlimm“ oder „das geht schon vorbei“ hab ich selber oft gehört, über meine Lippen jedenfalls kommen sie nicht.

Seit ihrem Tod habe ich den Mut gefunden, mich bunt zu kleiden. Ich trage wieder Ohrringe, schminke mich. Ich bin langsam zu meinem Ich geworden.

Die Tatsache, dass ich keine Kinder geboren habe, ist für einige meiner Mitmenschen ein trauriger Fakt. Ich jedoch sehe das nicht so eng. Die Pflege und Begleitung von Omi Paula scheint mir genau so anspruchsvoll und wichtig zu sein wie die Erziehung eines eigenen Kindes. Das Schreiben von Büchern hat ebenfalls was von Schwangerschaft und Gebären. Mein Körper mag vielleicht kein Kind in sich getragen haben, mein Kopf jedoch war mehr als einmal schwanger mit Gedanken, Buchplots und Dialogen.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass Altern trotz der körperlichen Vergänglichkeit etwas Schönes inne hat. Man besinnt sich auf sich selbst, vertraut und liebt sich selber.