Wil SG. 10 Jahre später

Vor 10 Jahren um diese Zeit sind Omi und ich oft bei Mami im Pflegeheim gewesen. Ich frage mich, wie sich Omi im Angesicht des Sterbens ihrer einzigen Tochter gefühlt haben mag. Omi war zwar traurig, aber auch gefasst. Sie war mir wie ein Fels, ein klein wenig wie der Christopherus, den sie immer so sehr gemocht hatte und dessen Holzstatue nun in der Altstadt steht.

Durch Wil zu spazieren, ist für mich heute noch immer seltsam. Ich bin, wie Omi und Mami in dieser Stadt geboren und irgendwie fühlt es sich erdig und behütet an. Als Kind und Jugendliche bin sehr oft mit Omi durch die Einkaufsstrasse flaniert. Noch immer muss ich lächeln, wenn ich in den Coop City trete, der früher einmal EPA und noch viel früher Oscar Weber hiess, und mir vorstelle, wie Omi in diesen Räumen gearbeitet hat. Da ist die Zärtlichkeit ihrer Hände, wenn sie Haushaltsartikel berührte. Ihr Lächeln beim Anblick schöner Pfannen und Geschirrtücher.

Wenn ich in der Altstadt in einem Café sitze, denke ich an Omi, die am Stadtweiher unten aufwuchs und bestimmt hier oben als kleines Mädchen durch die Gassen gerannt ist. Ich versuche mir vorzustellen, wie es hier in den 30er Jahren ausgesehen hat.
Ach Omi, du fehlst.

Einkaufen mit Omi
2010

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2017

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Über Verantwortung, fehlende Zeit und ein schlechtes Gewissen

Wer nun denkt, dass man sich als Angehöriger zurücklehnen kann, wenn der alte Mensch im Pflegeheim wohnt, hat sich geschnitten. Nun geht es erst richtig los.

Da ist zuerst einmal das Haus oder die Wohnung, für die man sorgt oder auflösen muss. In unserem Fall ist es so, dass Paula ein eigenes Haus besitzt. Dieses hüte ich. Das bedeutet, dass ich bei jedem Besuch bei Paula vorher kurz vorbei fahre und schaue, ob alles in Ordnung ist.

Ich gehe noch jedes Mal für Paula einkaufen, denn obwohl sie im Altersheim alles kriegt, was sie will, braucht sie doch ihre eigenen Sachen. Sie will ihre Früchteschale mit ihren Lieblingsäpfeln, Bananen und Orangen. Sie will ihre Lieblingsmeringues und die Schümli aus der Migros haben. Und Schoggi. Falls mal jemand zu Besuch kommt. Paula trinkt fürs Leben gern Incarom. Den gehe ich ebenfalls kaufen. Und dann mag sie nur Gonfi ohne Körner drin, weil die sonst unter ihrem Gebiss kleben bleiben könnten und das hasst Paula.

Paula braucht neue BH’s, da sie so stark abgenommen hat, während sie zuhause lebte. Ich soll mit ihr in die Nachbarstadt fahren und neue kaufen. Auch damit fühle ich mich überfordert. Sie kann nicht mehr als eine halbe Stunde herumlaufen. Ihre Arme tun ihr weh. Wie sollen wir da BH’s ausprobieren? Ich entscheide mich dafür, mich von meiner Stiefmutter beraten zu lassen. Als Fachfrau hat sie das richtige Auge.

Die Frau, die Paulas Finanzen verwaltet, kommt offensichtlich nicht regelmässig vorbei. Paula hat bisher keinen Beistand. Auch die Klärung dieser Situation scheint meine Aufgabe zu sein, zumindest aus Sicht der Pflegenden. Diese Sache liegt mir schon lange auf dem Magen. Ich gebe es zu, es überfordert mich. Ich, die Enkelin. Aber sonst ist ja niemand mehr da.

Dann ist plötzlich Paulas Telephon defekt. Auch das ist meine Aufgabe. Ich besorge entweder neues oder versuche es zu flicken. Sascha bringt das Kunststück fertig. Glück gehabt.

Paula wünscht sich, mal wieder in ihr Haus zu gehen. Aufgrund der Wetterverhältnisse war dies aber nicht möglich, da der Weg zum Haus recht steil ist und ich nicht so nahe mit dem Auto ranfahren kann. Die Pflegenden würden ja gerne mit ihr dorthin gehen, aber leider haben sie dazu keine Kapazität. Also ist es mein Job. Ein freier Tag, der dafür drauf geht. Geplant ist er für übernächste Woche. Dann ist hoffentlich auch der Schnee ganz weg und Paula kann gefahrlos ins Haus laufen.

Es bleibt spannend.

einkaufen

vor bald einem jahr nahm ich paula das letzte mal mit zum einkaufen. mit paula einkaufen braucht nämlich harte nerven:

so kann sie minutenlang vor einem regal stehen und sinnieren. sie erkennt neue verpackungen nicht mehr und wundert sich, warum ihr lieblingskaffee incarom nicht in der migros erhältlich ist. an nicht so guten tagen beginnt sie eine diskussion mit einem verkäufer. vor dem fleischregal spricht sie wildfremde menschen an und fragt: „sagen sie, kennen wir uns nicht?“. Dass ihr gegenüber offensichtlich peinlich berührt ist, bemerkt sie nicht. ihr smalltalk mit der kassiererin stösst meistens auf negatives echo. leute hinter ihr in der schlange beklagen sich lauthals drüber.

im oberen stock der migros ist die non-food-abteilung. dort geht sie mit vorliebe in die spielzeugabteilung. sie streichelt kuscheltiere. wenn ich ihr dann eines kaufe, strahlt sie und fängt gleichzeitig an zu weinen.

wir sind vor jahren durch paulas stadt gelaufen. paula war desorientiert, dass es keine epa mehr gab. dass coop city jetzt da drin ist, leuchtete ihr nicht ein. sie schüttelte den kopf und meinte: „was es nicht alles gibt.“

paula hat grosse läden immer geliebt. ich erinnere mich dran, dass wir mit vorliebe in die epa, den jelmoli, und in den keller-ullmann gingen. wir marschierten durch die haushaltsabteilung, die spielzeugabteilung und schauten uns alles ganz genau an. sie erzählte mir dann, wie sie damals als junges mädchen die kasse bedienen durfte, weil sie es einfach sehr gut konnte.

dieses gemeinsame einkaufen vermisse ich sehr. was das betrifft, wird mir immer wieder schmerzlich bewusst, dass ich meine oma, meine beste freundin, verliere.