Die Wiese

Seit drei Wochen habe ich es auf meiner to-do-liste: ich muss die Wiese mähen.
Paula hat jeweils jemanden engagiert. Aber ich wollte es selber machen. Es scheint mir auch zu kompliziert, wenn ich in ihrem Namen jemanden anstellte.

Zuerst musste ich meinen Vater davon überzeugen, dass er mir das Mähen mit der Sense beibringt. Dies gestaltete sich als etwas schwierig, weil er ja mitbekommen hat, wie ich als Teenager auf die grosse Heuete jeweils reagierte: mit grossem Getobe.

Nach viel gutem Zureden und dem Versprechen, weder meine Hände noch seine Sense kaputt zu machen, kriege ich Unterricht. Ich darf eine kleine Wiese unter dem gestrengen Auge meines Vaters abmähen und fühle mich mit einem Male nicht mehr wie 35 sondern wie 12.

Nachdem er sich vergewissert hat, dass ich mir beim Dengeln nicht meine Finger zerschneide, darf ich die Sense und den Schleifstein mitnehmen. Dies nicht ohne Hinweis, alles wieder ganz zurück zu bringen. Am Abend!! (War er immer schon so??)

Es ist ein sehr seltsames Gefühl, Paulas Wiesen abzumähen. Zum ersten Mal arbeite ich in ihrem Garten, ohne dass sie dabei steht, mir Hilfe anbietet oder meine Arbeiten kommentiert. Trotz alledem bin ich nicht traurig. Ich bin glücklich, weil ich dem Haus so nahe bin. Die Wiese und ich. Die Büsche. Ich schneide dem morschen Goldregen die brechenden Äste ab.

Mit einem Mal ist mir alles wieder präsent. Ich war ein Kind und bin in den Wiesen herumgehüpft. Barri rannte mit mir herum. Wir pflückten Blumen, spielten im Bach, haben Johannisbeeren geerntet und beim Tränken der Beete geholfen. Meine Schwester und ich sind den Hundehaufen ausgewichen. Wir sind glücklich. Alles ist gut.

2013-05-134723

Werde ich bald wieder Johannisbeeren ernten dürfen?