5 Jahre Lichtensteig.

Es ist Liebe. Es muss Liebe sein.

Vor über fünf Jahren entschieden wir uns, das Haus von Omi Paula in Lichtensteig zu kaufen und hierher zu ziehen. Es war anfangs kein leichter Entscheid, denn ich wollte weiterhin in Weinfelden arbeiten und Sascha arbeitete eher tsüriorientiert. Meine Familie lebte hier seit mindestens 60 Jahren. Ich fühlte mich hier immer seltsam daheim.

Was würden wir aufgeben müssen?

Wir fassten unseren ganzen Mut zusammen und zogen um. Vor fünf Jahren lag um diese Zeit sehr viel Schnee. Lustig ist anders. Wir waren froh, hatten wir ein gutes Zügelunternehmen gebucht, das uns durch Schnee und Eis begleitete.
Wir zügelten aus einer kleinen, schicken Altbauwohnung mit mehr oder weniger funktionierender Elektroheizung in ein über 170jähriges, altes Haus ohne Zentralheizung, mit durchbrechendem Boden in meinem Büro und einem Holzofen in der Küche. Für mich war die Entscheidung leicht. Ich bin hier quasi aufgewachsen. Für Sascha war es schwieriger.

Wir kamen an und fanden – überraschend schnell – Anschluss.

Vreni, die den wunderbarsten Tabakladen in diesem Tal führt, hiess uns in unseren ersten Wochen willkommen. Wir lernten sehr viele, tolle Menschen kennen, Menschen, die für andere da sind, mit denen man reden kann, die ein offenes Herz besitzen. Ich kann sie fast nicht alle aufzählen. Aber ich bin mir sicher: jeder, der selber mit einem offenen Herzen hierher zieht, wird das gleiche erleben wir wir.

Einige Male, und das hat mich sehr gerührt, bin ich hier auf Menschen getroffen, die meine Urgrosseltern noch kannten. Henri und Röös sind beide bald 40 Jahre tot. Es berührt mich sehr, über sie zu sprechen, zu hören, wie andere Menschen sie erlebt haben und sich an sie erinnern. Ich mag diese Kultur des Zurückdenkens an jene, die ich nicht mehr sind. Sehr.

Es ist, als ob wir niemals an einem anderem Ort gelebt hätten – und vor allem – niemals irgendwo anders glücklich gewesen wären.

Manchmal, so denk ich mir das, spüre ich das Herz dieses Ortes schlagen. Lichtensteig. Der Marktflecken. Der Ort, der seit Jahrhunderten Menschen anzieht, die etwas bewegen wollen. Ich muss daran denken, wie lange meine Familie mütterlicherseits hier gelebt hat. Lichtensteig hat was. Es bewegt dich, wenn du das willst und zulässt. Was diesen Ort ausmacht? Die Menschen, die hier leben, die sich entwickeln wollen, die Dinge bewegen wollen. Das gefällt mir.

Lebensaufgaben

Omi pflegte zu sagen, dass jeder Mensch in seinem Leben eine Aufgabe hat. Die muss er erfüllen, egal, ob es ihm passt oder nicht.

Ich hab in den letzten Monaten sehr oft über meine Aufgaben nachgedacht.
Aufgaben wählt man sich nicht einfach aus. Sie werden einem zugetragen, warum auch immer.

Die erste meiner Aufgaben, seit frühester Kindheit, scheint die Trauer um die Toten in unserer Familie zu sein.
Oftmals denke ich, ich bin eine von wenigen in der Familie, die trauert. Manchmal scheint es mir, als trauere ich in Stellvertretung für jene, die gerade keine Zeit haben oder denen all der Tod im Leben zu nahe geht. Das ist okay, denn die Toten sind mir wichtig.

Die zweite meiner Aufgaben scheint, zumindest in den letzten zehn Jahren, Sterbende zu begleiten.
Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll.
Es ist immer eine Grenzerfahrung, egal ob beruflich oder im privaten Bereich.
Dass ich dabei die Angst vor dem Tod verliere, ist eine positive Nebenerscheinung. Doch der Schmerz bleibt.

Die dritte meiner Aufgaben ist die Pflege der Familiengräber. Omi war dies immer wichtig und sie hat mich in guten Zeiten gefragt, ob ich auch für ihres schaue oder ob wir lieber jemanden dafür engagieren wollen. Das war für mich keine Frage, denn ich mag es, Blumen zu pflanzen oder ein Grab instand zu halten. Diese Aufgabe ist zeitlich stark begrenzt, denn sie dauert in dieser Gegend höchstens zwanzig Jahre. Ich mag es, Omis Lieblingsblumen zusammen zu tragen. Ich mag Farben und natürliche Materialien.

Die vierte und letzte meiner Aufgaben ist die Sorge um das Haus.
Das war eine von Omis grossen Sorgen.
Das Haus ist nicht einfach ein Haus, sondern ein altes Lebewesen. Die Mauern und das Holz sind uralt. In diesen vier Wänden haben schon sehr viele Menschen gelebt.
Mit dem Kauf des Hauses habe ich auch einen Teil der Geschichte des Hauses geerbt. Es ist an mir, etwas Gutes daraus zu machen.

Wir renovieren die einzelnen Räume, streichen Wände. Wir ersetzen die elektrischen Leitungen, die nach all den vielen Jahren spröde waren. Wir graben den Garten um, um neues Leben zu ermöglichen.

Aufgaben im Leben kann man ablehnen. Man kann flüchten.
Aber letztlich sind sie da und man kann sich ihnen stellen.