Mutters bunte Bluse

Meine Mutter mochte meinen Kleiderstil nie.
Als ich noch ein Kind war, fand sie ihn zu jungenhaft. Androgyn war damals ein Ausdruck, den niemand im hintersten Thurgau gekannt hätte. Dann wurde ich zwanzig und ich trug schwarz. Rotes Haar. Raspelkurz. Sie mochte es nicht. Als ich einundzwanzig wurde, meinte sie lapidar, ich solle ihr ruhig meine Freundin vorstellen. Damit hätte sie kein Problem.

Die nächsten zehn Jahre schrammten wir modisch aneinander vorbei. Sie hat meinen Kleiderstil nicht gross mitbekommen. Die Tuniken nicht. Meinen Pagenschnitt. Die gefärbten Haare. Die T-Shirts in schwarz, grau und beige. Die schrecklichen Knickerbocker. Die Strümpfe.

Als meine Mutter 56 war und ich gerade mal dreissig, lebte ich meine erdfarbene Phase aus. Ich trug fürs Leben gerne braun und ocker und schwarz. Meine Mutter meinte nur: „ich bin noch nicht tot.“

Meine Mutter war ein bunter Mensch. Sie liebte Farben über alles. Rot. Blau. Türkis. Alles war ihres.

Mein Zugang zur Buntheit kam schleichend. Ich begann mit Ohrringen. Ich lieb sie noch heute. Klein. Unauffällig. Einfach.

Inzwischen bin auch ich bunter geworden. Ich trage Rot. Blau. Eidottergelb.

Heute räumte ich meinen Kleiderschrank. Mutters Bluse hing darin. Ich werd sie nie tragen können. Sie sieht bunt aus, etwa so, wie man sich ein Hemd von Magnum vorstellt, nur dass meine Mutter in ihrer weiblichen Figur darin Platz hatte.

Sieben Jahre habe ich die Bluse aufbewahrt.
Heute fragte ich mich: willst du die Bluse wirklich mit in dein Haus nehmen?
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr: Wo ist meine Mutter?

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