Der letzte Garten

In diesem Jahr habe ich den Eindruck, dass unser Garten noch bunter, noch belebter ist als in den vergangenen Jahren. Ich entdecke immer wieder neue Vogelarten, Schmetterlinge, die ich noch nie zuvor gesehen habe und viele wundershcöne Wiesenblumen. Ich bemerke, wie glücklich mich der Garten macht und wie unglücklich ich im Winter ohne all diese Begegnungen und das Werken war.

Im Frühling bepflanze und besuche ich auch die Gräber meiner Familienangehörigen neu. In diesem Jahr sind es nun weniger; das Grab von Sven ist aufgehoben. Ich habe mich bisher nicht auf jenen Friedhof gewagt, aus Angst, dass ich sehr weinen muss. Ich will mich nicht mit dem verschwundenen Stein oder der Tanne auseinandersetzen. Zu sehr habe ich mich in den letzten fast vierzig Jahren daran gewöhnt. Opas Grab ist seit letztem September verschwunden. Ein Teil seines Grabsteins besteht nun in Omis Grabstein in Form eines Herzens weiter. Die Bildhauerin hat wunderbare Arbeit geleistet und ich bin ihr sehr dankbar, hat sie meinen Gefühlen im Stein Ausdruck verliehen.

Auch Mamis Grab will bepflanzt werden. Vor 10 Jahren pflanzte ich dunkelrot-schwarze-Tulpen ein. Diese stehen jeweils nach dem grossen Schnee da und heissen einen auf dem Friedhof willkommen.

Während ich Omis Grab jätete und mit neuen Blumen versah, ein Rosenstock und die Nelken haben den Toggenburger Winter überstanden, musste ich daran denken, dass ich nun Omis letzten Garten pflege. Sie war immer mit grossem Interesse dabei, wenn ich nach Mamis Tod Blümchen in die Erde tat, lobte mich mit leicht gebrochener Stimme: “Das machsch aber schööö. Do het s’Mami aber Freud. Und ich au.“** Und dann tätschelte sie mir sanft auf die Schulter und nahm mich in die Arme, wenn mich die Trauer mal wieder überkam. Diese Umarmungen von ihr vermisse ich sehr.

Irgendwie ist es ein schönes Gefühl, weiter für diese Gräber sorgen zu dürfen und mir zu überlegen, was ich pflanzen will. Es ist immer wie ein stilles Gespräch zwischen mir und meinen Toten. Sie fehlen, aber sie leben auch weiter in all diesen bunten Blumen, die von ihrer Asche genährt werden.

**“Das machst du aber schön. Da hat deine Mutter aber Freude. Und ich auch.“

Advertisements

Frühlingswind

Nach einem langen Winter kehrt nun der Frühling ins Toggenburg ein. Er kommt sanft, wie ein schüchterner Liebhaber und taucht unsere Wiese in Pastelfarben. Überall blühen Primeln, Narzissen, orange und weiss-graue Krokusse regen ihre Gesichter, die Tulpen, die Forsythie.

Omi fehlt und doch habe ich das Gefühl, sie ist da. Es ist, als würde sie in diesem Garten weiter blühen. Die in den letzten Jahren frisch gepflanzten Bäume und Büsche wachsen. Der Bach sprudelt munter vor sich hin.

Vor einigen Tagen hat mir Omis Nachbarin ein Kompliment gemacht: Sie hat Omis Grabstein gesehen und findet ihn wunderschön und passend. Sie erzählt mir, wie Omi früher auf ihrer Gartenbank vor dem Haus gesessen ist und die Katzen des ganzen Quartiers angelockt hat.

Ich sah Omi grad vor mir. Um sie herum Röteli, Simeli und wie sie alle hiessen. Ob sie da wohl glücklich war? Die Katzen waren für sie wie Kinder. Sie störte es nicht, dass sie täglich anders und gleich hiessen, weil Omi sich nicht an sie erinnern konnte. Katzen sind diesbezüglich sehr tolerant, so lange es zu fressen für sie gibt.

Manchmal denke ich: Die Zeit vergeht so rasch. Eben noch war Weihnachten. Jetzt ist Ostern schon vorbei. Alles zerfliesst und schmilzt und wächst von neuem.

Ihr 89ster

Geburtstage haben eine Bedeutung, wenn jemand lebt. Man denkt daran zurück, dass dieser Mensch das Licht des Lebens erblickt hat. Ich denke heute ganz fest an mein Omi Paula. Heute ist ihr 89. Geburtstag.

Es ist ganz seltsam für mich, ihren Geburts-Tag zu erleben. Zum ersten Mal, seit ich lebe, ist Omi an ihrem Geburtstag nicht mehr da. Das erste Jahr ohne einen geliebten Menschen ist immer schwer, hat man mir gesagt. Die gemeinsamen Erlebnisse wirken nach, seien es Geburtstage, Familienfeste oder Unglücksfälle.

Ich entschied mich heute dafür, Omis und Mamis Grab neu zu bepflanzen. Nie hätte ich gedacht, dass sie praktisch nebeneinander begraben sein würden. Der Aufstieg zur Kirche und zum Friedhof ist steil und dennoch leicht. Der Blick auf die Kirche ist wunderschön.

Ich stand oft mit Omi an Mamis Grab. Omi schaute mir zu, wie ich die Blumen in die Erde pflanzte. „Schön machsches. Do het sie sicher Freud, wenn sie obenabe lueged.“ Sie tätschelte sanft meine Schulter. Diesen Satz sagte sie mehr als einmal.

Jetzt bepflanze ich ihr Grab und ihre Stimme hallt nach.
Ich fühle mich matt, denn der Anblick des Kreuzes und der Erde macht mir klar, dass sie weg ist und nicht mehr wieder kommt. Ich weine und lasse mich verregnen. Toll, denke ich. Ich kann mich gar nicht dran erinnern, wann es das letzte Mal an Omis Geburtstag geregnet hat.

Ich pflanze Studentenblümchen, Kapkörbchen, jäte, ekle mich vor zwei grossen grauen Spinnen und schütte neue Erde auf Omis Grab. Dann bin ich fertig.

Als ich einige Minuten später den Friedhof verlasse, scheint plötzlich die Sonne. Es wird richtig warm. Ich weine.

Ach Omi.

Ach Omi, jetzt ist es bald vier Monate her, dass du gegangen bist.

Am 9. Januar ist Omi gestorben und ich dachte: Sie geht mitten im tiefsten Winter, wenn es am kältesten ist und am meisten Schnee liegt.

Jetzt haben wir anfangs Mai und es hat letzte Woche nochmals richtig fest geschneit und es war richtig scheisskalt.
Beinahe wären Omis Rosenstöcke unter der Last des Schnees gebrochen, wenn nicht Sascha alle 20 Minuten die Äste frei geschaufelt hätte.

Die Hortensien und die Magnolien sind allesamt erfroren.
Ich habe mich so auf ihre Blüten gefreut.
Aber irgendwie passt es.
Ich werde 40.
Omi ist weg.
Meine Lieblingsblumen blühen nicht.

Es ist so gottverdammt ironisch, dass ich am liebsten lachen würde.

„Warum bist du denn traurig?“ hat Omi mich am 31.12.2016 gefragt.

Weil du weg bist.
Weil ich zum ersten Mal deinen Geburtstag ohne dich feiern werde.
Weil unsere Blumen in diesem seltsamen ersten Jahr ohne dich nicht blühen werden.
Passt.

die Hortensie

Magnolie

Ostern ohne Omi

Das erste Mal Ostern feiern ohne Omi. Wie soll das nur gehen?
Beim Nachlesen der Einträge der letzten Jahre weiss ich nicht recht, ob ich schmunzeln oder weinen soll. Feiertage ohne Omi sind einfach kacke.

Es ist seltsam, das erste Mal, seit ich lebe, Omi an diesem Feiertag nicht zu sehen.
Irgendwie krieg ich es nicht zusammen.
Auf den Friedhof mag ich nicht gehen. Was soll ich da? Ostereier verstecken?

Stattdessen werde ich mich wohl auf den Garten konzentrieren. Die Magnolien blühen. Die Primeli leuchten in allen Farben. Die Tulpen werden auch bald ihre Köpfchen gegen den Himmel wenden.

Ich bin sehr traurig. Omi fehlt mir einfach. Ihr Lächeln. Ihre träfen Sprüche. Ihre lieben Worte. Die Berührungen ihrer alten Hände. Mir bleibt nur die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit.

Gartenglück

Fast genau sieben Monate nach unserem Einzug ins Haus sehen die Gartenbeete so aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Rasen ist gemäht, denn der Rasenmäher ist (endlich) geflickt. Der Rasenmähermechaniker im Nachbardorf hat meinen roten Blitz repariert.

Ich habe bemerkt, wie gerne ich mähe. Die ebenen Flächen sind so schnell gemacht. Aber da der grösste Teil des Grundstücks uneben, beziehungsweise recht steil ist, musste ich mich entscheiden, was ich wirklich anfangen will.

Hinter dem Haus steht die Linde. Unter ihren Ästen leben Vögel, Käfer und Blindschleichen. Diesen Lebensraum will ich bewahren. Die Wiese vor dem Haus mähe ich ab. Unterhalb der Tanne wachsen viele mir noch unbekannte Pflanzen. Diese möchte ich bewahren. Das Gelände ist so steil, dass ich hier nur mit der Sense mähen kann.

Das Beet längs des Weges ist nun auch umgegraben. Es kostete mich viel Zeit und Energie. Aber es hat sich gelohnt. Hier wo einst Uroma Röös‘ Beet stand, ist nun ein neues entstanden. Ich habe Rosenstöcke, Bambus, Gräser und Steinwurz gepflanzt. Heute nun wurde ich fertig. Ich wollte gerade meine Handschuhe ausziehen, als ich vor meinen Füssen etwas Silbernes erblickte. Ein Kruzifix.

Es muss Omi Paula gehören. Ich besitze keines und ich bezweifle, dass eines, das Röös gehörte, so unbeschadet seit über dreissig Jahre hier herum liegen würde. Für einen Moment lang stehe ich wie versteinert da. Omi hat so lange ihr Kettchen gesucht. Verzweifelt. Könnte sein, dass ich es jetzt und heute gefunden habe?

 

InstagramKruzifix

Erste Tulpen und Scherben aus Ton

Es ist Ende April und seit gestern Sonntag blüht die erste Tulpe. Ich weiss nicht, wie alt die Tulpen auf unserer Wiese sind. Ich habe sie nicht gesetzt.

Auf Bildern aus den 60ern leuchtet die ganze Wiese voller roter und gelber Tulpen. Später haben meine Urgrosseltern einen Garten auf der Wiese bestellt. Omi hat nach deren Tod jahrelang Bohnen und Erdbeeren gepflanzt. Ich wundere mich heute noch, dass im Toggenburg Erdbeeren gewachsen sind.

Heute wachsen auf der Wiese, die früher ein Garten und vorher eine Wiese war, wieder Tulpen. Wie sie dahin gekommen sind, weiss ich nicht.

Wir versuchen, ein erstes Gartenbeet anzulegen. Ich möchte einen kleinen Kräutergarten schaffen. Im Keller finde ich grosse Ziegel. Ich fange an, an der alten Mauer, eine tiefe Kerbe zu graben. Hämmere die Ziegel rein. Grabe die Erde um. Schaufle Steine raus. Nach einer Stunde kann ich die neue Erde in das Beet leeren und die Kräuter einpflanzen.

Mir fällt auf, dass unser ganzes Grundstück von Ziegelstücken übersät ist. Ich finde sie in allen Farben: rot, dunkelrot, braun, weiss, orange, beige. Ich bin neugierig. Zu gerne möchte ich wissen, wie die Gegend früher aussah.

Im Keller finde ich Gartenutensilien. Omi hat sie hier vor vielen Jahren fein säuberlich versorgt. Tontöpfe in allen Grössen. Gartenwerkzeug. Rechen. Schaufeln.

Soweit ich mich zurück erinnere, hatte Omi immer einen Garten. Jetzt hab ich endlich auch einen.