Die vier Schwestern

Gestern habe ich per Zufall erfahren, dass meine Gotte Mirte und meine Grosstante Bibi nicht mehr leben. Mit Mirte hatte ich seit meiner Konfirmation 1993 keinen Kontakt mehr. Zwar habe ich ihr aus dem Welschlandjahr noch geschrieben, doch ich spürte auch, dass diese Beziehung zwischen uns mit meiner Konfirmation beendet ist. Ihre freundliche Art hat mich durch meine Kindheit und meine frühe Jugend begleitet. Sie war einiges älter als meine Eltern und arbeitete mit meiner Mutter und meiner Omi am Bahnhofskiosk in Sirnach. Dass sie nicht mehr lebt, macht mich traurig. Ich hatte sie sehr gern.

Tante Bibis Tod trifft mich aber härter.
Sie starb heute vor genau zwei Jahren. Wir hatten seit Omis Eintritt ins Pflegeheim nur wenig Kontakt. Als Omi ihr Telefon nicht mehr bedienen konnte, brach auch dieser Kontakt ab. Ich wusste zwar, dass auch Bibi in einem Pflegeheim lebte, doch ich traute mich nicht, sie anzurufen.

Meine ganze Energie habe ich damals in Omi gesteckt. Einfach zu Bibi zu gehen, habe ich nicht mehr geschafft. Bibi hat mich ermutigt, gut auf Omi acht zu geben, aber auch ohne weiteres bei ihr vorbeizuschauen. Bibi hatte gefühlt 20 Enkel, Omi Paula nur noch mich.

Als Omi im Januar 2017 starb, habe ich mich nicht getraut, bei Bibi im Pflegeheim anzurufen. Ich habe mich davor gefürchtet, Bibi zu sagen, dass ihre jüngste Schwester nun auch tot ist. Doch noch mehr hatte ich Angst, mich nach Omis Tod damit auseinanderzusetzen, dass Bibi nicht mehr leben könnte.

Bibi ist also an Mamis Geburtstag im Jahr 2016 gestorben. Mit ihren Kindern hatte ich keinen Kontakt, denn sie sind in Mamis Alter. Als ich Bibis Todesanzeige gestern im Netz las, staunte ich nicht schlecht. Bibi ist am selben Tag wie Swen zur Welt gekommen. Mir wurde mit einem Male auch klar, warum sie all die Jahre so sehr an Omis und dem Schicksal unserer Familie teilnahm. Warum sie mich so gut trösten konnte.

Ich habe nur wenige Fotos von Bibi. Auf einem steht sie neben Omi, die schwerkrank in einem Kinderwagen sitzt. Bibi war immer die älteste Schwester, die Pflichtbewusste. Sie hat Omi und mich bei Opis und Mamis Beerdigung begleitet. Sie war auch an Omis 80stem mit von der Partie. Wir fuhren mit meinem Auto von Wil aus ins Toggenburg.

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Eine der beliebtesten Anekdoten von Omi und Opa handelte von Bibis späterem Mann Arturo. Dieser war Italiener, Gemüsehändler und durch und durch katholisch. Er hatte ein grosses Problem damit, dass Omi Paula und Opa Walter heiraten wollten. Seiner Meinung nach hatte die jüngste Tochter der Familie Hüppi zu warten, bis ihre älteren Schwestern, also Bibi und Hadj verheiratet waren. Als jüngste Schwester wäre es ihre Aufgabe gewesen, für ihre Eltern zu sorgen.

Doch Walter und Paula machten dem Rest der famiglia einen Strich durch die Rechnung. Paula wurde schwanger und musste heiraten, wenige Monate nach der Hochzeit gebar sie meine Mutter Uschi.

An Mamis Beerdigung hat Tante Bibi mit ihrer aufgestellten, knorrigen Art dafür gesorgt, dass wir wieder lachen konnten. Auf eine Anekdote von Omi reagierte sie mit: „Wohär wettsch etz da wüsse, Paula. Do defür bisch du vill z’jung.“

Ach, liebe Tante Bibi. Hinter unserem Haus steht eine alte Linde. Ich nenne sie „die Schwestern“, denn sie hat einen dicken Stamm und vier gleichmässig grosse Äste. Einer der Äste steht für meine Mutter Uschi, die erstgeborene Enkelin, der zweite für Hadj, der dritte für Paula und einer für dich.

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Zwei Raumschiffe

Ich wusste ja schon lange, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Paula mich nicht mehr erkennt.
Heute war dieser Tag.
Ich glaube, sie ist selber ein wenig darüber erschrocken.

Wir gingen bei Paula vorbei, um ihr das neue Telephon zu bringen. Ihr altes hatte endgültig den Geist aufgegeben. Als letzte Woche meine Grosstante Hadi, Paulas Schwester, starb, konnte niemand der anderen Verwandten Paula erreichen. Erst am Samstagnachmittag schaffte dies Tante Bibi unter Einsatz eines Vokabulars, das ich gar nicht genauer wissen will. Offensichtlich konnten die Pflegenden den Anruf auf dem Hauptanschluss nicht sofort entgegen nehmen. Tante Bibi ist in solchen Situationen gnadenlos und kommt stimmlich daher wie eine Dampfwalze. Dies trotz oder gerade wegen ihrer 89 Jahre. Sie ist schliesslich die Älteste.

Als wir ankommen, ist es bereits Montagmittag. Sascha und ich haben ausgeschlafen, weil es mein einziger freier Tag diese Woche sein wird. Paula sitzt beim Mittagessen. Wir wollen sie nicht stören, informieren aber die Pflegende, dass wir das neue Telephon dabei haben und es oben anschliessen werden.

Um halb eins schliesslich kommt Paula ins Zimmer. Sie macht die Türe auf und erschrickt, sagt: „Was machen Sie denn bitte auf meinem Bett?“ Ich schaue sie verdutzt an. Sie kommt näher und blickt mich und Sascha mit grossen Augen an.
„Ich kenn euch beide doch. Mir fällt nur grad der Name nicht mehr ein.“

Noch vor einem halben Jahr hätte mich dies zum Weinen gebracht. Sofort.
Heute nicht.
Ich wusste es ja.
In der Ausbildung habe ich es gelernt. Ich weiss Bescheid. Nur mein Herz hat es noch nicht begriffen.
Paula und ich sitzen mehr denn je in zwei unterschiedlichen Raumschiffen in unterschiedlichen Umlaufbahnen. Die Begegnungsmomente werden nun wohl noch kürzer werden.

Ich lächele sie an und sage: „Zora.“
Paula lächelt zurück und umarmt mich.

Paula, Hadi und Bibi

Als mich heute nachmittag Sascha darüber informierte , dass meine Grosstante Hadi tot ist, war ich total geschockt. Hadi war die mittlere der drei Schwestern und starb vor ein paar Tagen im Alter von 87 Jahren. Paula ist mit bald 85 die jüngste. Die älteste, Bibi, ist 89.

Ich bewunderte Hadi schon als Kind: Sie trug Dutt, hatte rotes Haar, liebte exzentrische Brillen und war einfach wunderschön und elegant. Ich wollte so sein wie sie. Ich erinnere mich an das letzte Telephon mit Tante Hadi vor über einem Jahr. Wir hatten Streit. Hadi war sauer auf mich, weil ich ihrer Meinung nach Paula einfach alleine in ihrem alten Haus liess. Sie fand es ebenfalls sehr nachlässig von mir, dass ich Paula nicht hatte entmündigen lassen. Das konnte ich so nicht stehen lassen.

Erst als wir darüber sprachen, dass es nicht einfach ist, dass ich als Enkelin Omi Paula Vorschriften mache, beruhigte sie sich. Am Schluss des Telephons sagte sie mir: „Du kennst ja Paula. Die hat einen Grind wie Beton. Die ist so stur. Da kommst du mit nichts durch.“

Natürlich ist Paula sehr betroffen von Hadis Tod. Sie ist traurig und wirkt melancholisch. Als ich sie anrufe, erfahre ich mehr: Paula ist verletzt, weil Bibi mit ihr geschimpft hat. Paula hat nämlich laut Bibi seit Donnerstag das Telephon nicht abgenommen. Seit diesem Zeitpunkt versuchten Hadis Söhne, Paula die traurige Nachricht mitzuteilen. Paula erzählt mir, dass Bibi echt sauer auf sie ist. Früher hatte Paula nämlich immer dann das Telephon nicht abgenommen, wenn sie wütend war. Paula meint schliesslich, dass sie mit dem Tod von Hadi nicht einverstanden ist:

„Sie ist nicht die Älteste. Bibi ist die Älteste. Sie wäre die nächste gewesen. Nicht Hadi.“

Ich seufzte. Aus Paulas Sicht auf die Welt stimmt das sogar.

Und so rief ich Bibi an.

Bibi hat eine tiefe, knorrige Stimme. Sie erkennt mich sofort am Telephon, obwohl wir uns seit Paulas 80stem nicht mehr gesprochen haben. Sie freut sich über meinen Anruf und erzählt mir, dass sie sich über Paula genervt hat. Ich erkläre ihr, dass Paulas Phone wohl endgültig kaputt ist. Doch Bibi lässt das nicht gelten.

„Blödsinn. Ich kenne deine Grossmutter seit bald 85 Jahren. Das hat sie mal wieder extra gemacht!“

Wir reden ein wenig und ich erfahre so nebenbei die Krankengeschichte von Tante Hadi und vieles über die besondere Beziehung der drei Schwestern. Ich bin froh, dass Paula selbständig ihre Schwestern über ihren Heimaufenthalt informiert hat.

Bibi spricht mir Mut zu und sagt: „Ich weiss ja, wie es dir geht. Mein Mann hatte auch Alzheimer. Das war schlimm. Du machst das gut.“

Ich bin erleichtert. Ihre Stimme tut mir wohl. Bibi bittet mich, mal vorbei zu schauen. Oder anzurufen. Das werd ich tun.