Diese Liebe

Berlin ist meine erste Liebe.
Die erste Reise, die ich alleine vom Thurgau aus machte, führte mich nach Berlin.
Da wollte ich ihn. Ich weiss nicht wieso.

1998. Ich arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft an der Kasse mit Blick auf
die Bahnlinie. Ich hatte grosses Fernweh, besonders wenn die Wägen des Orient-Express vorbei donnerten. Das geschah jeweils am Dienstag. Ich weiss noch genau, dass ich um jene Zeit am Nachmittag immer besonders aufmerksam nach draussen schaute.

Ich reiste wenige Wochen nach dem schrecklichen Bahnunglück von Eschedde nach Berlin. Meine Reservationen waren ungültig und ich verbrachte den grössten Teil der Fahrt auf den Boden. Aber das störte mich nicht.

Ich stieg am Bahnhof Zoo aus und wanderte durch die Stadt. Eine ganze Woche lang. Ich war glücklich. Es war, als würde ich nach Hause kommen. Dieses Gefühl kannte ich damals nicht, denn ich lebte nicht gern an jenen Orten im Thurgau, wo ich aufgewachsen war.

Ich frage mich oft, warum gerade Berlin es mir so angetan hat. Vielleicht hat es mit meiner Uroma Röös zu tun, denn sie lebte einige Zeit während des Krieges in dieser Stadt. Wenn ich durch die Stadt laufe, denke ich an sie und frage mich, ob sie hier wohl auch mal gestanden hat. Alles ist anders als damals. Sie kam nach dem Krieg zurück ins Toggenburg, heiratete meinen Urgrossvater Henri und redete nie mehr über Berlin. Nur dank Souvenirs weiss ich, dass sie hier gewesen war.

Ein wenig Angst hatte ich schon, als ich am Sonntag hier ankam. Ich weiss ja, dass Berlin sich sehr schnell verändert. Würde ich noch irgendetwas wiedererkennen?

Sascha und ich liefen durch die Stadt. Hier bin ich auch mit Paula durchgewandert. Das ist erst 17 Jahre her. Die Zeit vergeht so schnell. Ich gehe zum ersten Mal an die Republica. Das habe ich bisher nie getan, weil Paula immer um jene Zeit Geburtstag hat. Ich dachte immer: du weisst nicht, wie lange sie noch da ist. Dieses Jahr ist ihr Geburtstag am Freitag. Also bin ich jetzt in Berlin und nachher, am Freitag bei Paula.

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What, if?

In unserem Haus wurde nie über den Holocaust gesprochen, zumindest nicht, als ich noch ein Kind war. Erst später hat mich mein Grossvater Walter zur Seite genommen und versucht zu erklären, was damals passiert ist. Sein Hass auf Hitler-Deutschland war riesig. Nie wieder Krieg. Das hat er gesagt.

Ich verstand wenig, ich konnte mir gar nicht vorstellen, wovon er eigentlich sprach. Nur eines wusste ich: das ist eines dieser Dinge, die die Sicht aufs Leben verändern.

Mein Grossvater war im Krieg an der Grenze. Er tat das Gleiche, wie dreissig Jahre zuvor mein Urgrossvater Henri. Es muss beide nachhaltig verändert haben.

Omi Paula war geprägt von den Kriegszeiten. Ihr Ramschen und Aufbewahren von defekten und unbrauchbaren Dingen ist nur ein Symptom jener Generation. Ich bin Paula dankbar, dass sie nichts wegwerfen konnte.

So stiess ich vor einigen Monaten beim Räumen des Hauses auf einen Prospekt von Yad Vashem aus den 70er Jahren. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser in dieses Haus gelangte. Ich habe eine Vermutung. Röös.

Sie ist der Schlüssel. Sie ist es, die aus Berlin geflohen ist.
Ihr Mann blieb zurück. In der Schweiz hat sie schliesslich meinen Urgrossvater Henri geheiratet.

Röös reiste gerne. Unzählige Photos konnte ich erhalten, War sie auch in Israel? Warum hat sie sich so sehr für Yad Vashem interessiert? Fragen über Fragen. Und keine Antworten, weil niemand mehr lebt, der sie mir beantworten könnte.

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Röös.

alte Liebe

Morgen ist mein freier Tag und er ist, zumindest am Vormittag, reserviert fürs Haus. Vor einigen Monaten dachte ich, an meinem Geburtstag würde ich mein eigenes Haus besitzen. Doch dem ist nicht so. Noch nicht. Mehr denn je bemerke ich, dass Geduld keine Stärke von mir ist.

Die Johannisbeeren werden bald reif sein. Ich muss dran denken, wie gewissenhaft Paula immer ihre Beeren gelesen und verarbeitet hat. Wie alt die Sträucher wohl sind? Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die Äste gestutzt. Wie werden die Beeren sein?

Ich hab einige Photos meiner Urgrosseltern ausgedruckt. Erst jetzt bemerke ich, wie sehr sie bis ins hohe Alter einander verbunden und, für mich ungewohnt zu sehen: sehr verliebt waren.

Manchmal, wenn ich mir die Photos anschaue,, wünsche ich mir, ich hätte mehr mit ihnen reden können. Was hätte Henri mir wohl erzählen können? Er hat den Ersten Weltkrieg am eigenen Leib erlebt. Und Röös? Sie ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie lebte wohl in Berlin. Ihre Kinder lebten in Polen, der Tschechoslowakei und in Ost-Deutschland.

Die Sehnsucht nach dem Haus ist gross. Fast jede Nacht träum ich davon. Ich möchte so gerne das alte Zeugs ausmisten und mit meiner Omi Paula auf der Terrasse Milchkaffee trinken. Ich will nicht länger nur träumen.

Vom Reisen und Photographieren

Wenn ich meine gescannten Negative durchschaue, fällt mir auf, wie oft ich als Kind meine Omi Paula photographiert habe.

Schon als ich den ersten Photoapparat geschenkt bekommen habe, wie habe ich mich gefreut, war sie eines meiner ersten Sujets. Ihr liebes Gesicht, ihr schwarzes Haar, das später grau wurde, ihre schönen Hände. Immer nur Paula.

Ich erinnere mich an unsere Reisen. Besonders im Frühling setzten wir uns in den Zug und erkundeten die Schweiz. Wir reisten von Romanshorn bis Stein am Rhein. Dort stiegen wir aus und schauten uns die Stadt an. Das ist nun bestimmt zwanzig Jahre her.

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1999 reisten wir mit dem Zug von Zürich nach Berlin. Es war das erste Mal, dass wir gemeinsam ins Ausland fuhren. Paula war aufgeregt, ich weniger. Ich hatte gebucht. Wir reisten mit dem Nachtzug. Paula fands schlimm. Sie konnte nicht schlafen.

In Berlin marschierten wir herum. Die Stadt, so wie ich sie kennengelernt hatte, gefiel ihr nicht besonders. Wir assen zum ersten Mal Chinesisch. Paula hatte Angst, sich zu blamieren und war sehr froh, dass der Kellner ihr eine Gabel reichte. Stäbchen mochte sie nicht.

Es regnete. Das Brandenburger Tor wirkte dunkel. Wir waren nicht unglücklich, dass wir am Abend wieder zurückreisten.

 

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Paula nahm jeweils meine vollen Filme entgegen und liess sie für mich entwickeln. Die fertigen Photos feierten wir jeweils. Wir trafen uns zum Kaffeetrinken und redeten in bunten Farben über das Erlebte, das sich nun mehr oder weniger verwackelt auf Photopapier zeigte.

Ich vermisse es. Sie hat sich immer gewünscht, einmal mit mir nach Lourdes zu fahren; unsere grosse, gemeinsame Reise. Wir haben sie nie gemacht.

 

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opa und das haus

„das haus“ ist schon seit 60 jahren im besitz meiner familie mütterlicherseits. mein urgrossvater heinrich und seine zweite frau rosa, die während des zweiten weltkriegs aus berlin in die schweiz geflüchtet war, hatten es der vorbesitzerin abgekauft. doch schon beim kauf hatte das haus bestimmt 50 jahre auf dem buckel.

opa liebte das haus auf seine weise. nichts durfte verändert werden. keine neuen möbel, keine neuen vorhänge, rein gar nichts neues konnte oma besorgen. nicht einmal das gartentor, das langsam vermoderte, durften wir ersetzen und streichen.
es gibt einen raum, die getäferte stube, wo mein urgrossvater, meine urgrossmutter und schliesslich mein opa starben. alle hauchten sie ihr leben auf dem bett neben dem kachelofen aus. erst als mein grossvater gestorben war, räumte oma um.

sie kaufte neue vorhänge, liess teppiche legen, den kamin erneuern. räumte den estrich leer. das haus wurde immer mehr ihr haus, ihr werk. dennoch sind der keller und der werkraum unverändert seit dem 7. januar 1997. an jenem tage starb nämlich mein grossvater.

es scheint mir manchmal, als lebe das haus. es atmet ein und aus. es steht da und wenn ich genau hinschaue, kann ich meinen urgrossvater auf der treppe sitzen sehen, seine frau und der hund stehen daneben. und vor dem keller steht mein grossvater und raucht eine pfeife. er trägt einen blaumann.

als mein grossvater starb, hab ich meine oma gebeten, dass er in seinem blaumann begraben wird. doch das geschah nicht. er trug einen schicken anzug. und eine der krawatten aus seiner swing-zeit. der blaumann hängt bestimmt noch immer in einem der vielen schränke.