Jeder Berg erzählt eine Geschichte

Als ich so acht oder neun Jahre alt war, habe ich mich oft gefragt, ob ich für meinen Vater eine Enttäuschung war. Ich hatte eben drei Hüftoperationen überstanden und mit Mühe wieder laufen gelernt. Es war schmerzhaft und furchtbar und eine Strapaze. Allein das war rückblickend eine grosse Leistung. Aber mein kindliches Gefühl, ihm, dem Sportler, nicht zu genügen, blieb.

Doch dann kam jener Sommer, ich glaube es war 1989 oder 1990. Ich war zwölf Jahre alt. Meine äusseren Narben waren verheilt, ich konnte wieder gehen. Nichts wünschte ich mir mehr, als mit meinem Vater bergwandern zu gehen. Schon damals war mein absoluter Lieblingsberg der Säntis. Ich bat meinen Vater, dass wir gemeinsam da hochsteigen würden.

Und so stiegen mein Vater und ich an jenem Morgen gemeinsam hoch auf den Säntis, vorbei an der Tierwis und über die Himmelsleiter hinauf auf den Gipfel. Als wir oben waren, umarmten wir uns. Mein Vater weinte vor Freude und ich tat es auch. Ich war überglücklich.

Heute musste ich plötzlich wieder an jene Wanderung denken und daran, dass mein Vater und ich sie nie wieder gemeinsam machen würden, obwohl wir damals darüber gesprochen hatten. Was wir noch alles unternehmen würden.

Ich bin etwas melancholisch. Aber noch viel mehr bin ich glücklich, dass mein Vater mit mir damals diese Wanderung gewagt hat. Und dass er mir so sein Vertrauen und vor allem das Vertrauen in meinen Körper (wieder-) geschenkt hat. Vielleicht, so denke ich, ist das die wichtige Rolle der Väter in unseren Leben.

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Er und ich

Der Tag heute auf dem Säntis hat mir gut getan.
Der Säntis und ich – das ist eine Liebesgeschichte sondergleichen.

Von Wängi aus hatte ich als Kind einen guten Blick auf diesen schönen Berg. Auf ihn wollte ich steigen. Manchmal träumte ich vom Sand am Fusse des Berges, den ich berühren wollte.

Zum ersten Mal in meinem Leben stieg ich mit 12 Jahren mit meinem Vater hinauf. Es war gerade ein oder zwei Jahre her, seit meine Hüftgelenke operiert wurden. Der Aufstieg war anstrengend, aber danach hochemotional. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater und ich uns auf dem Gipfel oben weinend umarmt haben und er mir sagte, wie stolz er auf mich ist.

Als ich schliesslich Auto fahren konnte, führte meine erste Reise auf die Schwägalp. Den Säntis, den musste ich an diesem schönen Junitag im Jahr 2000 einfach sehen. Später wanderte ich auf den Säntis, wenn ich Liebeskummer hatte. Wenn ich Übersicht brauchte.

Denn die kriegt man hier oben. Ganz egal, ob der Berg umgeben ist von Wolken oder die Sicht bis zum Bodensee oder den Alpen reicht, der Kopf wird klarer. Mindestens einmal im Jahr muss ich rauf und auslüften.

Ich sass heute auf der Gipfelterrasse und dachte nach. Noch vor 10 Jahren stand ich mit Oma hier oben. Wir feierten meinen Geburtstag. Wenn ich ins Tal runterblicke, kann ich in der Ferne sehen, wo Oma jetzt lebt.

Das Toggenburg ist meine andere Heimat. Von hier stammen meine Grosseltern Paula und Walter, meine Urgrosseltern und wahrscheinlich auch meine Ururgrosseltern. Hier oben auf dem Berg scheint alles friedlich und unwichtig. Keine Sorgen, keine Ängste. Dieses Gefühl von Freiheit und Klarheit nehme ich mit in den Thurgau.

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ca 1989 auf dem Säntis

 

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2005 mit Paula auf dem Säntis

 

 

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2014