Freitag, 20. Januar 2017

Ein klein wenig habe ich mich auf gestern gefreut.
Seit Omis Tod am 9. Januar habe ich ihre Beerdigung organisiert.
Ich habe Freunde informiert und eingeladen, Blumen bestellt, mit dem Pfarrer gesprochen, ihre Todesanzeige und den Lebenslauf geschrieben und das Leidmahl organisiert. An Omis Beerdigung sollte alles so sein, wie sie es sich immer gewünscht hat.

Mehr als einmal hatte ich den Eindruck, dass sie neben mir sitzt und mir wohlwollend beim Telefonieren zusieht. Anders als beim Tod meiner Mutter fühlte ich mich nicht so gottverlassen. Weil ich wusste, dass Omi bereit war zum Gehen, mischte sich in meine Trauer immer wieder ein Glücksgefühl. Omi wurde nicht einfach aus dem Leben gerissen. Sie ging gelassen.

Trotz allem war ihre Beisetzung schwierig. Der Schnee liegt hoch und es ist sehr kalt. Ihre kleine Urne zu sehen, die auf dem Trauertisch bereitsteht, war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Einmal mehr begreife ich, das ist das Ende. Ihr Grab war freigeschaufelt und wartete nun auf ihre Asche.

Der Pfarrer segnete ihre Urne und wir watschelten alle durch den Schnee zum Grab. Omis Grab liegt praktisch neben Mamis. Wie oft standen wir hier an diesem Platz und weinten gemeinsam?

Ich berühre ein letztes Mal ihre Urne und sage ihr „Auf Wiedersehen!“. Dann gehen wir zurück in die Kirche. Ich kann nicht mehr gerade gehen. Ich fühle mich mit einem Mal uralt. Alles ist schwer und es fühlt sich an, als ob mein Herz aus der Brust gerissen wurde. Ein Freund stützt mich und ich bin dankbar, denn sonst wäre ich einfach zu Boden gefallen.

Der Trauergottesdienst ist wunderschön. Der Pfarrer fand wunderbare Worte für Omi. Sascha las ihren Lebenslauf vor. Ich denke: „Omi, da hast du ja wirklich noch einen Enkel dazu gekriegt.“
Ein wenig bedauere ich es, dass ich mich in der katholischen Kirche wie ein Alien fühle. Meine protestantische Erziehung verhindert, dass ich irgendeinen Satz mitsprechen kann.

Ich muss daran denken, was mir mein Vater erzählt hat: Omi hat nach meiner Geburt versucht, mich katholisch Nottaufen zu lassen. Ich lächle. Jetzt sitzen wir alle da. Mein Vater, seine Frau, Sascha, ich und all die Freunde, die in den letzten Tagen von Omis Leben so sehr an sie dachten und uns bei ihrer Sterbebegleitung mit lieben Worten unterstützten. Einige Bewohner und Mitarbeiterinnen des Pflegeheims sind auch da. Ich werde sie heute wohl alle zum letzten Mal sehen.

Dann ist der Gottesdienst vorüber und wir verabschieden uns voneinander. Ich bin sehr gerührt, dass der Herr Pfarrer mir nochmals anbietet, mich bei ihm melden zu dürfen, wenn ich reden will. Das werde ich wohl gerne annehmen.

Später essen wir gemeinsam in Omis Lieblingsrestaurant. Das Essen schmeckt genau so, wie sie es gemocht hätte. Es gibt eine wunderbare Suppe, Rahmschnitzel mit Spätzli und Mousses. Wir unterhalten uns, lachen und trösten uns.

Für meinen Vater und mich entstehen einige sehr emotionale Momente. Ich sage: „Jetzt habe ich nur noch dich von der Familie.“ Er weiss, was ich meine. Wir weinen beide. Ich erzähle ihm von den Briefen, die Omi nach Svens Tod an ihre Tochter geschrieben hat und sie bittet, ihr Leben nicht wegzuwerfen und für mich und Papi da zu sein. Es ist kaum zu glauben, dass es bald vierzig Jahre her ist. Ich denke: das ist das erste Mal seit 1979, dass Papi und ich an einer Beerdigung sind. Damals trugen wir Sven zu Grabe und wussten nicht, dass dies alles verändern würde.

Wir stehen draussen in der kalten, klaren Luft. Um uns herum ist alles weiss. Die Sonne drückt langsam durch und strahlt uns an. Wir umarmen uns und er drückt mich ganz fest an sich und ich mich an ihn.

familienfoto (3)

(k)ein Mittwoch

Die Tränen sitzen nicht mehr so locker wie letzte Woche.
Fast dachte ich, Normalität kehrt ein, auch wenn ich das nicht will.
Das Essen und der Urnenkranz sind bestellt.
An alles ist gedacht. Alles ist erledigt.
Der Freitag kann kommen.

Sascha gibt mir das Foto, das wir an der Beisetzung aufstellen werden.
Paula sitzt da und schaut direkt in die Kamera. Sie strahlt.
Sie wirkt total gelassen. Sie ist 88 Jahre alt und hat so vieles gesehen und erlebt.
Aber das Leben hat sie nicht zerstört. Es hat ihrem Wesen nichts anhaben können.
„Würde des Alters“ spukt mir durch den Kopf.

Ich sehe ihr Gesicht und streichle über ihre Wange.
Nur die Scheibe dazwischen.
Für einen Moment spüre ich ihre Haut.
Sie ist warm und rosig.
Ihre leuchtenden Augen.

Nie mehr deine Stimme.
Nie mehr deine Augen.
Denke ich.
Nur Schmerz.
Die Tränen wischen alles weg.
Ich atme tief ein und aus.
Alles wird gut.