Viel Schnee und rote Rosen

Vor über zwei Jahren, es lag sehr viel Schnee, war Omis Beerdigung. Wir stapften über den Friedhof, versenkten Omis Urne und waren umgeben von Kälte und roten Rosen.
Omis letzter Weg auf dem Friedhof von Lichtensteig kommt mir unglaublich weit entfernt von meinen jetzigen Gedanken vor. Ihr Sterben ist mir präsent, als wäre es heute morgen gewesen.

Ich denke sehr oft an Omi, sei es, wenn ich im Winter durch den kalten Flur gehe und mich frage, wie sie das all die Jahre geschafft hat, hier im Haus zu leben. Tagtäglich fahre ich in Wil an ihrem Geburtshaus vorbei und denke an sie, meinen Opa und meine Mutter. Es ist ein seltsamer Weg, weil ich mich oftmals frage, was sie heute von mir denken würden.

Wären sie d‘accord mit meinen Entscheidungen? Würden sie mich kritisieren oder noch schlimmer: Ratschläge geben? Nichts würde ich mir sehnlicher wünschen als noch einmal ein tiefes Gespräch bei Milchkaffee und dem scheusslichen Stampfkuchen aus der Migros namens „Monte Generoso“, den ich seit Omis Tod nie wieder gegessen habe und wohl auch nie wieder essen werde.

„generoso“ bedeutet Grosszügigkeit, und das ist eine jener Charaktereigenschaften, die ich immer sehr an Omi bewundert habe. Wer es geschafft hatte, in ihr starkes Herz vorzudringen, wurde von ihr verwöhnt, geliebt und beschenkt.

Dann ist da aber auch mein aktuelles Leben. Die Begegnungen mit Menschen, die meine Omi Paula kannten. Eine liebe Freundin erzählte mir, dass sie hochschwanger an Omis Türe geklopft habe, weil sie so dringend auf die Toilette habe gehen müssen. Omi öffnete (natürlich) ihre Türe und liess sie ein.

Was von einem übrig bleibt, sind die Geschichten. Gerade hier in diesem wunderbaren Städtchen, wo die Verstorbenen weiterleben, in dem man sich erzählt, wie sie gelebt und geliebt haben.

Dann denke ich: Was verschwende ich Gedanken ans Sterben? Das Leben und das Lieben ist der Kern unseres Daseins. Carpe diem!

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Freitag, 20. Januar 2017

Ein klein wenig habe ich mich auf gestern gefreut.
Seit Omis Tod am 9. Januar habe ich ihre Beerdigung organisiert.
Ich habe Freunde informiert und eingeladen, Blumen bestellt, mit dem Pfarrer gesprochen, ihre Todesanzeige und den Lebenslauf geschrieben und das Leidmahl organisiert. An Omis Beerdigung sollte alles so sein, wie sie es sich immer gewünscht hat.

Mehr als einmal hatte ich den Eindruck, dass sie neben mir sitzt und mir wohlwollend beim Telefonieren zusieht. Anders als beim Tod meiner Mutter fühlte ich mich nicht so gottverlassen. Weil ich wusste, dass Omi bereit war zum Gehen, mischte sich in meine Trauer immer wieder ein Glücksgefühl. Omi wurde nicht einfach aus dem Leben gerissen. Sie ging gelassen.

Trotz allem war ihre Beisetzung schwierig. Der Schnee liegt hoch und es ist sehr kalt. Ihre kleine Urne zu sehen, die auf dem Trauertisch bereitsteht, war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Einmal mehr begreife ich, das ist das Ende. Ihr Grab war freigeschaufelt und wartete nun auf ihre Asche.

Der Pfarrer segnete ihre Urne und wir watschelten alle durch den Schnee zum Grab. Omis Grab liegt praktisch neben Mamis. Wie oft standen wir hier an diesem Platz und weinten gemeinsam?

Ich berühre ein letztes Mal ihre Urne und sage ihr „Auf Wiedersehen!“. Dann gehen wir zurück in die Kirche. Ich kann nicht mehr gerade gehen. Ich fühle mich mit einem Mal uralt. Alles ist schwer und es fühlt sich an, als ob mein Herz aus der Brust gerissen wurde. Ein Freund stützt mich und ich bin dankbar, denn sonst wäre ich einfach zu Boden gefallen.

Der Trauergottesdienst ist wunderschön. Der Pfarrer fand wunderbare Worte für Omi. Sascha las ihren Lebenslauf vor. Ich denke: „Omi, da hast du ja wirklich noch einen Enkel dazu gekriegt.“
Ein wenig bedauere ich es, dass ich mich in der katholischen Kirche wie ein Alien fühle. Meine protestantische Erziehung verhindert, dass ich irgendeinen Satz mitsprechen kann.

Ich muss daran denken, was mir mein Vater erzählt hat: Omi hat nach meiner Geburt versucht, mich katholisch Nottaufen zu lassen. Ich lächle. Jetzt sitzen wir alle da. Mein Vater, seine Frau, Sascha, ich und all die Freunde, die in den letzten Tagen von Omis Leben so sehr an sie dachten und uns bei ihrer Sterbebegleitung mit lieben Worten unterstützten. Einige Bewohner und Mitarbeiterinnen des Pflegeheims sind auch da. Ich werde sie heute wohl alle zum letzten Mal sehen.

Dann ist der Gottesdienst vorüber und wir verabschieden uns voneinander. Ich bin sehr gerührt, dass der Herr Pfarrer mir nochmals anbietet, mich bei ihm melden zu dürfen, wenn ich reden will. Das werde ich wohl gerne annehmen.

Später essen wir gemeinsam in Omis Lieblingsrestaurant. Das Essen schmeckt genau so, wie sie es gemocht hätte. Es gibt eine wunderbare Suppe, Rahmschnitzel mit Spätzli und Mousses. Wir unterhalten uns, lachen und trösten uns.

Für meinen Vater und mich entstehen einige sehr emotionale Momente. Ich sage: „Jetzt habe ich nur noch dich von der Familie.“ Er weiss, was ich meine. Wir weinen beide. Ich erzähle ihm von den Briefen, die Omi nach Svens Tod an ihre Tochter geschrieben hat und sie bittet, ihr Leben nicht wegzuwerfen und für mich und Papi da zu sein. Es ist kaum zu glauben, dass es bald vierzig Jahre her ist. Ich denke: das ist das erste Mal seit 1979, dass Papi und ich an einer Beerdigung sind. Damals trugen wir Sven zu Grabe und wussten nicht, dass dies alles verändern würde.

Wir stehen draussen in der kalten, klaren Luft. Um uns herum ist alles weiss. Die Sonne drückt langsam durch und strahlt uns an. Wir umarmen uns und er drückt mich ganz fest an sich und ich mich an ihn.

familienfoto (3)

OmiOmiOmiOmi!

Morgen vormittag ist Omis Beerdigung.
Es scheint mir alles sehr irreal.
Die letzten Nächte habe ich immer wieder von Omi geträumt.
Sie ist darin immer so um die 60, fröhlich, in Grün gekleidet und lacht mich an.

Morgen versenken wir das Tongefäss mit ihrer Asche darin im kalten Boden.
Ich kann es nicht glauben.
Omi passt doch nicht in so ein Ding.

Dann denke ich: es ist so.
Wir übergeben ihren Leib der Erde.
Es ist so kalt hier oben.
Es liegt so viel Schnee.

In meinen Träumen bin ich sechs Jahre alt.
Ich renne den Hügel vom Kindergarten in Wängi hinab, Omi entgegen.
Sie steht unten an der Strasse und breitet ihre Arme aus.
Ich werfe meine Jacke, meinen Schal, mein grünes Kindergartentäschchen von mir.
„OmiOmiOmiOmi!!!!!“ schreie ich und falle in ihre Arme.
Sie hält mich fest.
Dann laufen wir gemeinsam den Hügel hinauf, sammeln meine Kleider wieder ein.
Sie lacht.
„Ich ha di so gärn!“
Ich lache auch.
„Omi, ich ha di au so gärn.“

Morgen früh marschieren wir den Hügel zum Friedhof hinauf.
Die Kirche St. Gallus ist wie eine kleine Burg und der Friedhof der Alpengarten.
Es ist Winter und der Schnee liegt hoch.
Omis Grab liegt nicht weit entfernt von Mamis Grab und doch liegen nur 10 Jahre dazwischen.

Eine Woche später

Paula ist seit einer Woche tot.
Es scheint mir, als wäre es ewig her und doch erst gestern.
Am Freitag ist die Beerdigung.
Fast alles ist vorbereitet.
Jetzt fehlt nur noch der Urnenkranz.

Das Leidmahl ist organisiert.
Darauf hat Omi bei allen Beerdigungen Wert gelegt:
Wenn schon jemand stirbt, dann muss wenigstens das Essen gut sein.
(Liebe Omi, das wird es!)

Ich habe ihren Lebenslauf für die Abdankung geschrieben.
Das ist seltsam. Ich habe so vieles über Omi geschrieben und nun
fällt es mir schwer, mich auf das Wesentliche zu beschränken.
Heute morgen hat mir das Herz nicht so weh getan wie vor einigen Tagen.
Vielleicht, so denke ich bei mir, heilt die Stelle wieder.
Das Blut trocknet und es entsteht eine Narbe,
die daran erinnert, wie tief der Schmerz gewesen sein wird.

Als ich heute mit dem Zug nach Hause fuhr,
sah ich ihr liebes Gesicht vor mir.
Ihr Lachen. Ihren Gang.
Ihre liebe Stimme.

Sie fehlt einfach.
Sie war so ein lieber Mensch.

Tag zwei

Die Nacht war unruhig. Aber irgendwie bin ich erstaunlich wach.
Mein Körper fühlt sich noch immer wie durch den Wolf gedreht an.
Hunger verspüre ich keinen.
Ich gehe arbeiten und das Denken tut erstaunlich gut.

Am Vormittag meldet sich das Pfarramt.
Der Termin steht jetzt fest. Freitag in einer Woche.
Ich habe genügend Zeit für die Vorbereitungen.
Morgen früh um neun läuten für Omi die Glocken.
Am Samstagabend ist ein Gottesdienst.
Dann Beerdigung.
In einem Monat wieder ein Gottesdienst.

Vor zehn Jahren haben Omi und ich gemeinsam Mami beerdigt.
Gespräch mit dem Pfarrer.
Samstagabend-Gottesdienst.
Beerdigung.
In einem Monat wieder ein Gottesdienst.
Ich denke: damals warst du an meiner Seite.
Rituale geben Sicherheit.
Ich tus für dich.
Dir wars wichtig.

Anders als damals bei meiner Mutter
fühle ich, dass Omi nicht mehr da ist.
Sie ist einfach weg.

Ich rufe die Gemeindeverwaltung an, um die Beerdigung zu melden.
Ich muss entscheiden, was auf Omis Holzkreuz geschrieben steht.
Ihr Taufnahme war Paulina.
„Paula“, sage ich.
Wieder spreche ich aus, dass sie nicht mehr ist.
Ein Schritt weiter.

Vom Trost der Photographie

Beim Aufräumen meines Ateliers stiess ich auf einen grossen grauen Karton, der in Sütterlinschrift angeschrieben ist. Darin enthalten sind die Fotos meiner Uroma Röös und meines Urgrossvaters Henri.

Henri und Röös haben vor bald 60 Jahren dieses Haus hier, wo ich heute leben darf, gekauft. Die Fotos in der Kiste aber sind sehr viel älter. Sie zeugen von Röös bewegtem Leben. Da sind Bilder aus den 1920er, 1930er und 1940er Jahren, Fotos von Hochzeiten in Schwarz, sinnliche Portraits junger Frauen und Männer, Eindrücke aus dem Leben zwischen zwei Weltkriegen.

Röös und Henri

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Einerseits finde ich sehr viele Fotos aus dem Toggenburg, Röös‘ Familie stammte ebenfalls von hier. Ich erkenne die alten Häuser, die Landschaften und die Kleidung der Menschen von hier. Es sind Zeugnisse, wie einfach die Menschen damals lebten. Woran sie sich freuten, was sie liebten und in Erinnerung behalten wolten. So finde ich Bilder kleiner Kinder, junger Hunde, Liebespaaren, von Menschen auf dem Totenbett und von Beerdigungen.
Ich stosse auf Bilder aus Deutschland. Brandenburg. Spreewald. Und auf Margherita.

Margeritha

Margherita, Röös‘ Tochter aus erster Ehe lebte dort all die Jahre seit dem Krieg. Zwischen Mutter und Tochter bestanden tiefe Bande, getrennt durch die Mauer. Margerita sandte ihrer Mutter immer wieder Fotos, auf deren Rückseite sie bewegende kleine Gedichte schrieb. Sie drückt darin ihre Liebe und die Sehnsucht nach ihrer Mutter aus.

Zeilen der Liebe

Margherita ist gemeinsam mit Röös aus Italien in den Osten geflüchtet. Nach dem Krieg kehrte Röös ohne ihre Kinder zurück. Sie heiratete Henri, der verwitwet war. Dann kauften sie das Haus hier. Beim Durchschauen wurde mir bewusst, wie sehr sich die europäische Vergangenheit mit all den Kriegen, den Mauern, durch meine eigene Familie zieht. Ich bin dankbar, dass ich die Fotos aufbewahren darf.

Röös starb 1983. Ihre Tochter durfte wohl nicht mal zur Beerdigung ihrer eigenen Mutter kommen. Ein Brief von Margherita zeugt davon. Sie bittet darin meinen Opa Walter und Omi Paula um Bilder des Grabes. Diese haben sie ihr dann auch in die DDR geschickt.

Winters Kälte

Ich erinnere mich gut an den Januar 1997. Ich war 19 Jahre alt, Besitzerin einer riesigen Zahnspange und seit einem halben Jahr unterwegs im Berufsleben.

Opas Krebserkrankung war allgegenwärtig. Ich wartete auf seinen Tod. Sehnsüchtig. Er litt. Ich war nicht fähig, ihn zu besuchen. Erinnerte mich an den Spruch: Behalt ihn so in Erinnerung, wie er sein Leben lang war.

Ich bereue es heute. Vielleicht hätte er in jenen Tagen meiner Anwesenheit bedurft. Wir haben uns immer umarmt, wenn ich das Haus verliess. Er war knochig. Am Ende war er fast zerbrechlich.

Omi wuchs in jener Zeit über sich heraus. Sie war standhaft und ruhig. Der Fels in der Brandung. Omi konnte nichts und niemand erschüttern. Sie war an seiner Seite und im Gegensatz zu mir weinte sie nicht. Sie erledigte nach seinem Tod, der nicht eben schön war, alle Angelegenheiten, so als hätte sie nie etwas anderes getan.

Die Beerdigung fand an einem sonnigen, kalten Tag im Januar statt. Opis Sarg wirkte klein. An die goldenen Blüten auf der Seite der Holzkiste erinnere ich mich noch immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er da drin lag. Ich erwartete jeden Moment, dass er einfach um die Ecke kommen würde. Rauchend. Fluchend. Die klaren blauen Augen auf uns gerichtet.

Doch Opi blieb weg.

Erst einige Tage nach der Beerdigung weinten wir gemeinsam. Seine Stimme fehlte. Sein leiser Schritt auf der Holztreppe. Der Keller war plötzlich unbelebt.

18 Jahre und einen Monat später werden wir im Haus leben. Mein Opi hätte bestimmt Freude dran.

opa